Simone de Beauvoir: Raus aus der Mottenkiste

Simone de Beauvoir

Warum Simone de Beauvoir in der Versenkung verschwunden ist – und sich eine Neuentdeckung dieser großen Schriftstellerin und Philosophin lohnt.

Als ich das erste Mal von Simone de Beauvoir hörte, fand ich vor allem ihren Namen faszinierend: so aristokratisch, so elegant. Auf die Inhaberin dieses faszinierenden Namens war ich nur durch Zufall gestoßen. Für den Religionsunterricht musste ich damals ein Referat über Jean-Paul Sartre und Existentialismus halten, googelte ein wenig nach Bildern des berühmten Philosophen – und plötzlich war da Bilder dieser Frau. Oder eher: Karikaturen. Strenger Blick, Turban, meistens von einem Haufen eng beschriebener Blätter umgeben. Weiteres googeln ergab, dass Madame de Beauvoir Sartres Lebensgefährtin war. Ich notierte es, hielt mein Referat und dachte danach erstmal längere Zeit nicht mehr an das existentialistische Pärchen Sartre und Beauvoir.

Verschwunden hinter Vorurteilen und Klischees

Bis ich eines Tages, kurz vor meinem 18. Geburtstag, im Buchladen auf ein Buch aufmerksam wurde. Es zeigte eine Gruppe von ins Gespräch vertieften Menschen in einem Café. Der Titel: Die Mandarins von Paris. Die Autorin: Simone de Beauvoir. Ich las den Klappentext, ich wollte dieses Buch unbedingt haben. Es versprach ein Eintauchen in das Paris der 1950er Jahre, eine Berührung mit den Intellektuellen der damaligen Zeit. Wenige Zeit später bekam ich das Buch zum Geburtstag geschenkt – und habe ab diesem Zeitpunkt Simone de Beauvoir Stück für Stück entdeckt. Ihre Romane und Erzählungen, ihre philosophischen Essays, ihre autobiografischen Schriften und Briefe. Und fragte mich immer wieder: Warum ist diese große Schriftstellerin und Philosophin in Deutschland nicht bekannter?

Simone de Beauvoir hat mit Das andere Geschlecht die Frauenbewegung der 1970er Jahre in Europa und den USA stark beeinflusst. Deshalb wird sie auch heute meistens nur mit diesem feministischen Aspekt ihres Schaffens in Verbindung gebracht, ebenso wie mit ihrer Beziehung zu Jean-Paul Sartre (kein Wunder: Die Beziehungen anderer Leute sind spannend!). Dabei gerät in Vergessenheit, welche vielfältigen Beiträge Beauvoir zu Literatur und Philosophie leistete. Ihre Person verschwindet heute hinter Vorurteilen und Klischees.

Simone wer?

Alle paar Jahre erinnert sich die Welt daran, dass es Simone de Beauvoir gegeben hat. Am 14. April 2016 jährt sich ihr Todestag zum 30. Mal. Wie schon anlässlich ihres 100. Geburtstags 2008 werden viele Nachrufe erscheinen, vielleicht einige von Beauvoirs Büchern neu aufgelegt – danach ebbt das Interesse ab und die Französin verschwindet erneut in der Versenkung. Viele jüngere Frauen und Männer haben von ihr sowieso noch nie gehört.

Das ist schade – denn Beauvoirs Werk ist so unglaublich vielfältig und lesenswert! Beauvoirs Romane leben von einer genauen Beobachtungsgabe, lebendigen Dialogen und unbequemen Protagonisten. In ihren Briefen und autobiografischen Schriften ordnet sie historische Ereignisse ein, schreibt über ihre persönlichen Empfindungen und Entwicklungen sowie über Philosophie und Kultur. In ihren Werken Das andere Geschlecht und Das Alter liefert Beauvoir präzise Analysen gesellschaftlicher Entwicklungen. Man kann ihr dabei zusehen, wie sie denkt, Entscheidungen trifft, zu der wird, die sie sein wollte. Beauvoirs Werk war ihr Leben, und ihr Leben ihr Werk.

Die lebendige Simone zum Vorschein bringen

Dass Beauvoir heute nur ab und zu mal aus der Mottenkiste hervorgeholt wird, ist also ein Skandal – und der Grund, weshalb es nun diesen kleinen Blog gibt. Als ich einer Freundin von meinem Plan berichtete, über Simone de Beauvoir zu bloggen, sagte sie: „Gibt es über die Dame denn so viel zu schreiben?“ Auf diese Frage kann ich nur antworten: Oh ja! Oh Simone will Beauvoir, ihr Werk und ihr Leben, zugänglich machen, erfahrbar. Er will Beauvoir neu entdecken – und sie durch eine neue Generation entdecken lassen. Ingeborg Gleichauf drückt es in ihrer Beauvoir-Biografie Sein wie keine andere (2007) wunderbar aus:

Eine echte Entdeckung Simone de Beauvoirs steht noch aus. Ihre Essays, die Reiseberichte, die autobiografischen Schriften und die Briefe harren der vorurteilslosen Lektüre. Sie warten vor allem auf junge Leserinnen und Leser, die den Staub der Jahre von den Buchdeckeln wegpusten und eine neue, frische, lebendige Simone de Beauvoir hervorzaubern.

Oh Simone will genau das ermöglichen.

Bild: CC BY Flickr/thierry ehrmann

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2 Gedanken zu “Simone de Beauvoir: Raus aus der Mottenkiste

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