Literatur-Schnellcheck: Sie kam und blieb (1943)

Literatur-Schnellcheck

Simone de Beauvoirs Debutroman erzählt von einer Ménage à trois im Paris der 1930er Jahre. Und bietet gleichzeitig eine Einführung in die Grundideen des Existentialismus.

Das Buch

Sie kam und blieb (französischer Originaltitel: L’invitée), erschienen 1943. Simone de Beauvoirs Debutroman, der sogar als aussichtsreicher Kandidat für den prestigeträchtigen Prix Goncourt galt.

Worum es geht

Die Schriftstellerin Françoise und ihr Partner, Regisseur und Schauspieler Pierre, sind ein schillerndes Paar. Als Teil der Pariser Bohème der 1930er ziehen die beiden von einer Bar zur anderen, von der Theaterpremiere zur Arbeit am nächsten Werk. Françoise und Pierre leben eine offene Beziehung, die auf absoluter Ehrlichkeit basiert. Sie arbeiten zusammen, stehen ständig im geistigen Austausch miteinander. Sie sind glücklich – eigentlich. Denn da ist noch die kapriziöse Xavière: eine junge Frau aus der Provinz, derer das intellektuelle Paar sich angenommen hat. Xavière lässt sich ziellos durchs Leben treiben, ist launisch und unberechenbar, neigt zur Melancholie. Françoise und Pierre sind fasziniert von diesem widersprüchlichen Geschöpf – durch Xavières Augen werfen sie einen neuen Blick auf ihre Beziehung und treffen eine Entscheidung: Zusammen wollen sie ein Trio bilden, eine Ménage à trois. Doch die Liebe zu dritt ist nicht einfach und schon bald empfindet Françoise die Anwesenheit Xavières nicht mehr als stimulierend, sondern als Bedrohung.

Worum es wirklich geht

Darum, wie wir andere sehen – und wie wir selber gesehen werden. Im Prinzip ist Sie kam und blieb die romaneske Umsetzung des sartreschen Existentialismus. Françoise muss feststellen, dass Xavière ein Individuum ist, ein anderes Bewusstsein, welches ihr eigenes Bewusstsein bedroht. Sie kam und blieb zeigt auch, wie unterschiedlich eine Situation von verschiedenen Menschen wahrgenommen wird: Unsere Wahrnehmung ist die unsere, nicht aber die anderer.

Was das Buch lesenswert macht

Die Dialoge, in denen die Charaktere eindringlich existentielle Probleme diskutieren. Françoises innere Monologe, in denen sie sich und ihre Umgebung schonungslos betrachtet. Die Beschreibung der Pariser Bohème mit all ihren exotischen Persönlichkeiten, Konkurrenzkämpfen und Lästereien. Kleine, leuchtende Sätze wie dieser: „Und doch ist das Leben aus Augenblicken gemacht (…). Wenn jeder einzelne leer ist kannst du mich nicht überzeugen, dass das ein volles Ganzes ergibt.“

Insiderwissen

In Sie kam und blieb verarbeitet Simone de Beauvoir ihre eigene, unglückliche Erfahrung mit einer Dreierbeziehung: In den 1930er Jahren bildeten sie und Sartre ein Trio mit einer ehemaligen Schülerin Beauvoirs, Olga Kosakiewicz. Die Beziehung war für alle Beteiligten nervenaufreibend und aussichtslos. Trotzdem: Mit Kosakiewicz verband Sartre und Beauvoir bis an ihr Lebensende eine enge Freundschaft.

Zum Zitieren

Ihr Leben war ein und dasselbe; sie sahen es nicht immer unter dem gleichen Blickpunkt; durch seine Wünsche, Launen und Stimmungen gewann jedes von ihnen einen Aspekt davon, aber nichtsdestoweniger war es das gleiche Leben. Weder Zeit noch Entfernung konnten es auseinander trennen; sicherlich gab es Straßen, Ideen und Gesichter, die zuerst für Pierre, und andere, die zuerst für Françoise ins Dasein traten, doch diese Augenblicke der Trennung knüpften sich jeweils treulich an ein gemeinsames Ganzes an, in dem das Mein und das Dein nicht mehr zu unterscheiden war. Keiner von beiden brachte davon jemals das kleinste Teil für sich auf die Seite; das wäre der schlimmste Verrat gewesen, der einzige, der zwischen ihnen überhaupt auszudenken war.

Bild: CC 0 Flickr/Christopher Dombres

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