Monday Musings #7

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Aus: de Beauvoir, Simone (2007): Soll man de Sade verbrennen? Drei Essays zur Moral des Existentialismus, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg

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Film: Der Liebespakt zwischen Beauvoir und Sartre

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Der Film Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre will zeigen, wie die Beziehungen zwischen den beiden Philosophen wirklich war – kommt dabei aber über Oberflächlichkeiten nicht hinaus.

Es ist erstaunlich: Da führen zwei Menschen eine ganz und gar außergewöhnliche Beziehung, die auf absoluter Freiheit und Gleichberechtigung basiert. Affären mit anderen sind erlaubt, ja geradezu erwünscht, Ehrlichkeit dem Partner gegenüber ist dabei aber obligatorisch. Sie ist revolutionär, diese Beziehung zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die in den 1920er Jahren begann – selbst heute noch, wo fast jeder zumindest mal davon gehört hat, dass es sowas wie „offene Beziehungen“ oder „Polyamorie“ gibt. Umso erstaunlicher also, dass die Liebesirrungen und –wirrungen à la Sartre und Beauvoir es bis heute nicht auf die große Leinwand geschafft haben. Tatsächlich hat sich bisher nur ein Film dem Thema gewidmet: der Fernsehfilm Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre von 2006 (er kann hier vollständig angeschaut werden). Herausgekommen ist dabei eine schön anzusehende, aber oberflächliche Geschichte.

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Los geht es direkt mit dem Kennenlernen Simone de Beauvoirs und Jean-Paul Sartres, Anfang der 1920er an der Pariser Sorbonne. Beide bereiten sich auf die Agrégation vor, die wettbewerbsorientierte Prüfung für das Gymnasiallehramt. Beauvoir (Anna Mouglalis) ist 21, Sartre (Lorànt Deutsch) 24. Sie will in Ruhe in der Bibliothek lernen, er verkündet seinen Kumpeln am Nebentisch, dass er dieses entzückende Fräulein zu erobern gedenke. Damit sind die Rollen klar: Sie strebsam und zugeknöpft, er ein selbstbewusster, lebensfroher Casanova. Zu Hause schlägt die junge Simone sich mit dem konservativen Vater herum. „Du hast ein Männergehirn“, befindet der und fragt sich, wer seine Tochter überhaupt haben wolle: „Sie ist hässlich. Außerdem noch arm.“ Da die Eltern Simone keine Mitgift zahlen können und eine standesgemäße Heirat somit ausgeschlossen ist, muss die Tochter eben selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Das passt Simone ganz gut, heiraten will sie sowieso nicht. Wie praktisch, dass Sartre das genauso sieht. Er und der „Biber“, wie er Beauvoir nennt, kommen sich beim gemeinsamen Lernen für die Prüfungen näher (dass es nicht Sartre war, der Beauvoir ihren Spitznamen gab – egal).

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In den ersten 25 Minuten galoppiert der Film nur so durch die erste Phase der erblühenden Beziehung – Küsse im Feld, Streit mit den Eltern, das erste Mal –, um dann direkt zum (vermeintlich) wichtigsten Teil zu kommen: dem Pakt. Sartre schlägt Beauvoir eine Verbindung vor, in der beide ihre absolute Freiheit behalten. Er, so Sartre, sei nicht zur Monogamie bestimmt – neben der „notwendigen Liebe“ in Form des Biebers brauche er auch „kontingente Lieben“, also Affären. Simone solle genauso verfahren und sie würden sich gegenseitig immer alles erzählen: „Auf diese Weise würden ihre Erfahrungen zu meinen und umgekehrt.“ Beauvoir ist alles andere als begeistert, aber Sartre überzeugt sie: „Das geht nur mit einer kühnen Frau, die Mut hat.“ Diesem Muster bleibt der Film bis zum Ende treu: Sartre drängt, Beauvoir zweifelt – und gibt dann nach. Er will immer weiter, sie ist zufrieden damit, wie es ist. Er will ein Stipendium in Berlin annehmen, sie will, dass beide als Lehrer in Paris bleiben. Sartre setzt sich immer durch. Er geht nach Berlin, schafft sich dort sofort eine Geliebte an und Beauvoir bleibt traurig in Paris zurück.

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Bei ihren Schülerinnen schlägt die Lehrerin Simone de Beauvoir ein wie eine Bombe. Sie lässt im Unterricht skandalöse Werke von Gide lesen, aber vor allem: Sie ist jung, hübsch und schlau. Mit ihrer Schülerin Lumi (Clémence Poésy) landet Beauvoir schließlich im Bett – natürlich nur, um Sartre was zu erzählen zu haben: „Mit einem Mann hätte ich es niemals gekonnt“, schreibt sie ihm in einem Brief. In den nächsten Jahren geht es zwischen Beauvoir und Sartre hin und her. Sartre ist eifersüchtig auf Lumi, will ebenfalls mit ihr schlafen. Eine ungesunde Dreiecksgeschichte beginnt. Beauvoir zweifelt am Pakt: „Ich verachte die Eifersucht, aber ich bin eifersüchtig, Sartre.“ Sartre hingegen hat kein Verständnis für die Sorgen seiner Partnerin: „Für mich gibt es nicht nur Sie auf der Welt.“ Kein Wunder, er ist mit Das Sein und das Nichts quasi über Nacht berühmt geworden, gilt als Verkörperung einer neuer Art von Denken: dem Existentialismus. Beauvoir hingegen arbeitet immer noch an ihrem Debütroman, kämpft und zweifelt. Sie fühlt sich von Sartre benutzt – wie viel Arbeit hat sie in sein Werk, in ihn gesteckt. Und was hat sie nun davon?

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Der Liebespakt endet Anfang der 1950er Jahre: Beauvoir hat gerade Das Andere Geschlecht veröffentlich und ist nun eine berühmte Frau. Beide, sie und Sartre, haben intensive Beziehungen erlebt, die viel mehr waren als nur Affären. Sartre dachte sogar daran, seine Geliebte zu heiraten, ließ Beauvoir am Pakt zweifeln; Beauvoir hingegen machte ihrem Geliebten, dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren, gegenüber deutlich, dass sie zu Sartre gehört – und immer gehören wird. Der Macho Algren kommt damit nicht klar, er will seinen „Frosch“, wie er Beauvoir liebevoll nennt, mit keinem anderen teilen. „Bei unserem Pakt haben wir ein wichtiges Detail vergessen: Die anderen haben Gefühle. Dafür lassen sie uns zahlen“, seufzt Sartre. Gezahlt, so stellt es der Film dar, hat aber vor allem Beauvoir. Der Liebespakt präsentiert sie als ewig Eifersüchtige, die bedingungslos zu Sartre hält, nur um dann immer wieder von ihm enttäuscht zu werden. Sie weint, bricht zusammen, während Sartre nahezu kalt wirkt. Glaubt man dem Film, so ist Beauvoir vor allem durch ihre nervenaufreibende Beziehung zu Sartre auf das große Thema „Benachteiligung der Frauen“ gekommen. Denn so wie sie, so leiden überall Frauen unter der Unterdrückung durch die Männer. In Wahrheit war es Sartre, der Beauvoir das Thema vorschlug – sie selbst, so schreibt Beauvoir in ihren Memoiren, habe sich darüber vorher keine großen Gedanken gemacht.

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Mit den Fakten nimmt es Der Liebespakt einerseits also nicht so genau, gibt sich andererseits aber auch keine wirkliche Mühe, der Geschichte und den Charakteren neue Nuancen und Interpretationen hinzuzufügen: Sartre ist der Apostel, die treue Anhängerin Simone stets an seiner Seite. Dass es komplizierter war als das, zeigen die zahlreichen Briefe von Beauvoir und Sartre sowie Beauvoirs Memoiren (die natürlich subjektiv und stellenweise geschönt sind). Auch den philosophischen Ideen der beiden wird im Film wenig Platz eingeräumt: Mal darf Beauvoir eine „pluralistischen Moral“ erwähnen, mal spricht Sartre von „Freiheit“. Ein bisschen mehr Tiefe hätte es dann doch sein dürfen. Anna Mouglalis und Lorànt Deutsch geben sich alle Mühe, ihre Charaktere mit Leben zu füllen – das Drehbuch macht es ihnen jedoch nicht unbedingt einfach. Für Beauvoir sind dort jede Menge ernste Sätze vorgesehen, sie scheint eine freudlose Spaßbremse zu sein. Sartre hingegen darf charmant und lausbubenhaft sein, the life of the party. Trotz seiner Oberflächlichkeit langweilt Der Liebespakt aber nicht – es geht so schnell voran, immer passiert etwas, stets lauert das nächste Drama. Und in einigen Szenen ist es einfach schön, Beauvoir und Sartre anzuschauen: Die Kostüme sind präzise gewählt und schaffen gerade bei Beauvoir, was das Drehbuch nicht hinbekommt – zu zeigen, warum Beauvoir so einen Eindruck auf ihr Umfeld machte, warum so viele um ihre Aufmerksamkeit kämpften.

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Der Liebespakt ist weder tiefgründig noch daran interessiert, die Motivationen seiner Charaktere wirklich zu verstehen. Aber er macht neugierig auf Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, auf ihre ungewöhnliche Beziehung. Und das muss dann auch mal reichen.

Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre (Originaltitel: Les Amants du Flore), Frankreich, 2006. Regie: Ilan Duran Cohen

Fleiß und Disziplin: So sah Simone de Beauvoirs Tagesablauf aus

Tagesablauf

Wie quetscht man möglichst viel Arbeit in einen Tag? Beauvoir macht’s vor.

Es gibt Tage, an denen man nicht so richtig in Schwung kommt. Es wartet eine Menge Arbeit, aber es fehlt die Motivation, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Und außerdem sind da ja noch ein paar Artikel, die man online lesen möchte, die Wohnung könnte mal wieder geputzt werden und ach ja, einkaufen muss man auch noch. Und schwups – der Tag ist rum, ohne dass arbeitsmäßig viel passiert ist.

Simone de Beauvoir würde hierüber nur die Nase rümpfen. Ihr Motto lautete: „Ich langweile mich, wenn ich nicht arbeite.“ Prokrastination war ihr fremd, die Frau besaß eine unglaubliche Selbstdisziplin (ihr Spitzname „Biber“ kam eben nicht von ungefähr). Kein Tag verging, ohne dass Beauvoir arbeitete – außer im jährlichen Sommerurlaub mit Jean-Paul Sartre. Aber auch da wurde sie nach wenigen Tagen Ruhe nervös, vor allem, wenn in Paris Arbeit auf sie wartete. Nur beim Wandern konnte Beauvoir mal so richtig abschalten.

Arbeiten im Café

Les Deux Magots

In Paris folgte Beauvoir einem strikten Tagesablauf. Sie war kein Morgenmensch, konnte es aber kaum erwarten, mit der Arbeit zu beginnen und stand deshalb zwischen acht und neun Uhr auf. Zum Arbeiten zog Beauvoir die trubelige Atmosphäre von Cafés ihrem stillen Hotelzimmer vor. Im Deux Magots oder Café de Flore trank sie Kaffee, las Zeitungen und machte sich gegen zehn Uhr an die Arbeit. Sie las, was sie am Vortag geschrieben hatte, machte Korrekturen und dann von da aus weiter. Der Morgen waren wohl tatsächlich die einzige Zeit des Tages, die nicht von Sartres Terminkalender bestimmt wurde. Beauvoir hatte ein paar Stunden ganz für sich.

Zum Mittagessen um eins traf sie oft Sartre und/oder Freunde. Nachmittags kehrte sie zurück zu ihrer Arbeit und schrieb bis neun Uhr abends, Seite an Seite mit Sartre. Als sie noch im Hotel wohnte, arbeitete Beauvoir auch nachmittags am liebsten in Cafés oder zusammen mit Sartre bei einer gemeinsamen Freundin. Wenn Sartre keine politischen und gesellschaftlichen Verpflichtungen hatte, gingen die zwei abends gerne ins Kino oder tranken Whisky und hörten Musik. Um Mitternacht war Schlafenszeit.

Faulenzen? Keine Chance

Als Beauvoir und Sartre genug vom Hotelleben hatten, Beauvoir sich 1948 eine kleine Studiowohnung in der Rue de Bûcherie mietete und Sartre nach dem Tod seines Stiefvaters zu seiner Mutter zog, änderte sich der Tagesablauf etwas – wenn auch nur geringfügig. Der Regisseur und Journalist Claude Lanzmann – der einzige Mann, mit dem Beauvoir jemals eine Wohnung teilte – erinnerte sich:

Sie arbeitete unentwegt und sehr diszipliniert – so wie übrigens auch Sartre. Am ersten Morgen wollte ich im Bett liegenbleiben, doch sie stand auf, kleidete sich an und setzte sich an ihren Arbeitstisch. ‚Sie können dort arbeiten‘, sagte sie und zeigte aufs Bett. Also stand ich auf, setzte mich auf die Bettkante, rauchte und tat so, als arbeitete ich. Ich glaube, sie hat bis zur Mittagsstunde kein einziges Wort mit mir gewechselt. Sie ging gemeinsam mit Sartre zum Essen; gelegentlich gesellte ich mich dazu. Die Nachmittage verbrachte sie mit ihm in seiner Wohnung, sie arbeiteten drei oder vier Stunden. Abends gab es allerlei Versammlungen und Verabredungen. Wir gingen spät zum Essen, und in der Regel setzte sie sich dann mit Sartre abseits und besprach mit ihm das, was er an diesem Tag geschrieben hatte. Sie und ich kehrten anschließend in die Rue de la Bûcherie heim und gingen ins Bett. Es gab keine Partys, keine Empfänge, keine bürgerlichen Werte. Das alles betraf uns nicht. Es gab nur das Wesentliche – ein Leben ohne Ballast, von einer Schlichtheit, die bewusst gewählt war und dem Zweck diente, ungehindert arbeiten zu können.

Und gearbeitet hat sie, diese Simone de Beauvoir.

Quellen: Bair, Deirdre (1990): Simone de Beauvoir. Eine Biografie, Knaus Verlag, München / Gobeil, Madeleine (1965): Simone de Beauvoir, The Art of Fiction No. 35, The Paris Review

Bilder: CC BY Flickr/Drew Coffman; CC BY Flickr/Dana Voss

Archiv-Fund: Die große Sartreuse

Madame Sartre

Hätte Simone de Beauvoir Das andere Geschlecht doch nie geschrieben – findet zumindest der Autor eines Spiegel-Artikels von 1949. Er erwartete Intimbeichten und wurde bitter enttäuscht.

Journalisten sollen, so lautet zumindest der Anspruch, objektiv berichten. Es sei denn, sie verfassen einen Kommentar – der darf, muss sogar, subjektiv sein. Schon klar: Allein durch die Themenwahl, die Schwerpunktsetzung und andere Entscheidungen, die der Journalist trifft, ist er nicht hundertprozentig objektiv. Er sollte aber zumindest den Anspruch haben, es zu sein.

Beim Stöbern in den Archiven fand ich einen Spiegel-Artikel über Simone de Beauvoir von 1949, in dem der Autor (er wird zwar nicht namentlich genannt, aber ich bin mir sicher, es ist ein er) sich nicht so richtig zwischen Bericht und Kommentar entscheiden kann. Das Ergebnis ist ein kleines Highlight, denn außer in einem Boulevardblatt würde heute so wohl nicht mehr berichtet werden.

Jüngerin Sartres

Anlass ist die Theaterpremiere von Beauvoirs erstem und einzigem Theaterstück Die unnützen Mäuler in München. Das Stück interessiert den Autoren aber nur am Rande, viel spannender findet er dessen Verfasserin. Schon im ersten Absatz wird Beauvoirs Rolle deutlich gemacht: Sie ist „Madame Sartre“ oder auch die „Sartre-Gattin“. Später ist von Sartres „Muse“ die Rede. Wer braucht schon eine eigene Identität, wenn der Lebensgefährte berühmt ist? Nach einer kurzen Beschreibung des Theaterstücks erklärt der Autor:

Das Stück ist ein gewichtiger Beitrag zur Sartreschen Philosophie. Die kennt Simone de Beauvoir wie keine zweite. Die Verfasserin, geboren am 9. Januar 1908 in Paris, bekannt als „Mme Sartre“ und „La grande Sartreuse“, ist die unzertrennliche Begleiterin und Jüngerin von Jean-Paul Sartre. Auch sie unterrichtete, wie ihr Meister, am Gymnasium.

Kurz gesagt: Die „Jüngerin“ Simone machte einfach alles genauso wie ihr großes Vorbild Jean-Paul, sie hat keine eigenen Ambitionen außer der, eine weibliche Version Sartres zu sein. Immerhin macht sie dabei eine gute Figur:

Man sagt, sie sei so schlicht, dass sie auf das Auge beruhigend wirke.

Klingt beleidigend? Ist wohl auch so gemeint, denn gleich geht es weiter:

Für Mode und Luxus fehlt ihr jeglicher Sinn. Kleider kauft sie in einem Basar zwischen zwei Konferenzen. Ihre schlichte Haarflechte gehört mit Jean-Pauls Brille zu den Attributen der Pariser Mythologie.

Analyse statt pikanter Enthüllungen

Das Aussehen de Beauvoir scheint den Autor unendlich zu faszinieren. Aufgeregt beschreibt er, wie schön die „schwarzen sprühenden Augen“ in ihrem Gesicht sind (erstaunlich, da Beauvoir blaue Augen hatte). Ach, aber dieses recht angenehme Äußere macht für den Autoren eine Tatsache doch nicht wett: dass „Notre Dame de Sartre“ dieses unsägliche Buch namens Das andere Geschlecht geschrieben hat. Der Autor hat kurz in die französische Ausgabe des Buches reingeschaut – die deutsche Übersetzung lag noch nicht vor – und kommt zu folgendem Urteil:

Von Simone de Beauvoirs neuestem Werk Le deuxième sexe (Das zweite Geschlecht) sind die jungen Mädchen und Frauen von Saint-Germain-des-Prés ein wenig enttäuscht. Sie erwarteten mehr oder minder pikante Enthüllungen, aber im Grunde handelt es sich um eine ausführliche Behandlung des Themas ‚Die Bedeutung der Liebe im Leben der Frau‘, Dinge, die es seit den Professoren Freud und Van der Velde schon zu lesen gegeben hat.

Wer mögen diese ominösen „jungen Mädchen und Frauen von Saint-Germain-des-Prés“ sein? Hat der Autor sie auf den Straßen des Pariser Viertels befragt? Oder steckt hinter diesen doch nur der Autor selbst? Ich tippe stark auf letzteres… Auf jeden Fall ist das Ganze skandalös: Wie kann Beauvoir es wagen, ein Buch zu schreiben, welches sich mit anderen Themen beschäftigt als ihrem Privatleben? Und dann auch noch Themen, welche männliche „Professoren“ doch schon in aller Gründlichkeit erörtert haben! Dass das Thema „Liebe“ in Das andere Geschlecht zwar eine Rolle spielt, mitnichten aber die Hauptrolle – egal. Auch wenn der Autor steif und fest behauptet, die Quintessenz des Buches laute „Heiraten ist dummes Zeug“. Doch damit der Enttäuschungen noch nicht genug:

[…] Simones Stil ist so trocken-wissenschaftlich gehalten, dass von irgendwelcher Würze kaum die Rede sein kann. Auf diese Weise lässt sich alles sagen. Nur kommt Saint-Germain-des-Prés nicht auf seine Rechnung.

Ich würde an dieser Stelle „Saint-Germain-de-Prés“ einfach durch „ich, der Autor“ ersetzen und schon ergibt der Abschnitt irgendwie Sinn. Da hatte sich jemand spannende Intimbeichten erhofft und muss dann feststellen, dass das Buch eher eine wissenschaftliche Abhandlung ist. Langweilig!

Deutliches Gesamtbild

Im Prinzip ist der Artikel ein Meisterstück. Ohne ein einziges Mal explizit zu schreiben, was er denkt, wird doch sehr deutlich, was der Autor von Simone de Beauvoir hält. Man kann schließlich andere Menschen zitieren (wenn auch keiner von denen namentlich genannt wird) und fremde Meinungen so geschickt miteinander verweben, dass das Gesamtbild am Ende deutlich ist. Hätte die „schlichte“ Simone sich doch nur mit ihrer Rolle als „Mme Sartre“ begnügt und nicht auch noch selber Werke verfasst!

Bild: CC BY-NC-ND Flickr/bronx.