Archiv-Fund: Die große Sartreuse

Madame Sartre

Hätte Simone de Beauvoir Das andere Geschlecht doch nie geschrieben – findet zumindest der Autor eines Spiegel-Artikels von 1949. Er erwartete Intimbeichten und wurde bitter enttäuscht.

Journalisten sollen, so lautet zumindest der Anspruch, objektiv berichten. Es sei denn, sie verfassen einen Kommentar – der darf, muss sogar, subjektiv sein. Schon klar: Allein durch die Themenwahl, die Schwerpunktsetzung und andere Entscheidungen, die der Journalist trifft, ist er nicht hundertprozentig objektiv. Er sollte aber zumindest den Anspruch haben, es zu sein.

Beim Stöbern in den Archiven fand ich einen Spiegel-Artikel über Simone de Beauvoir von 1949, in dem der Autor (er wird zwar nicht namentlich genannt, aber ich bin mir sicher, es ist ein er) sich nicht so richtig zwischen Bericht und Kommentar entscheiden kann. Das Ergebnis ist ein kleines Highlight, denn außer in einem Boulevardblatt würde heute so wohl nicht mehr berichtet werden.

Jüngerin Sartres

Anlass ist die Theaterpremiere von Beauvoirs erstem und einzigem Theaterstück Die unnützen Mäuler in München. Das Stück interessiert den Autoren aber nur am Rande, viel spannender findet er dessen Verfasserin. Schon im ersten Absatz wird Beauvoirs Rolle deutlich gemacht: Sie ist „Madame Sartre“ oder auch die „Sartre-Gattin“. Später ist von Sartres „Muse“ die Rede. Wer braucht schon eine eigene Identität, wenn der Lebensgefährte berühmt ist? Nach einer kurzen Beschreibung des Theaterstücks erklärt der Autor:

Das Stück ist ein gewichtiger Beitrag zur Sartreschen Philosophie. Die kennt Simone de Beauvoir wie keine zweite. Die Verfasserin, geboren am 9. Januar 1908 in Paris, bekannt als „Mme Sartre“ und „La grande Sartreuse“, ist die unzertrennliche Begleiterin und Jüngerin von Jean-Paul Sartre. Auch sie unterrichtete, wie ihr Meister, am Gymnasium.

Kurz gesagt: Die „Jüngerin“ Simone machte einfach alles genauso wie ihr großes Vorbild Jean-Paul, sie hat keine eigenen Ambitionen außer der, eine weibliche Version Sartres zu sein. Immerhin macht sie dabei eine gute Figur:

Man sagt, sie sei so schlicht, dass sie auf das Auge beruhigend wirke.

Klingt beleidigend? Ist wohl auch so gemeint, denn gleich geht es weiter:

Für Mode und Luxus fehlt ihr jeglicher Sinn. Kleider kauft sie in einem Basar zwischen zwei Konferenzen. Ihre schlichte Haarflechte gehört mit Jean-Pauls Brille zu den Attributen der Pariser Mythologie.

Analyse statt pikanter Enthüllungen

Das Aussehen de Beauvoir scheint den Autor unendlich zu faszinieren. Aufgeregt beschreibt er, wie schön die „schwarzen sprühenden Augen“ in ihrem Gesicht sind (erstaunlich, da Beauvoir blaue Augen hatte). Ach, aber dieses recht angenehme Äußere macht für den Autoren eine Tatsache doch nicht wett: dass „Notre Dame de Sartre“ dieses unsägliche Buch namens Das andere Geschlecht geschrieben hat. Der Autor hat kurz in die französische Ausgabe des Buches reingeschaut – die deutsche Übersetzung lag noch nicht vor – und kommt zu folgendem Urteil:

Von Simone de Beauvoirs neuestem Werk Le deuxième sexe (Das zweite Geschlecht) sind die jungen Mädchen und Frauen von Saint-Germain-des-Prés ein wenig enttäuscht. Sie erwarteten mehr oder minder pikante Enthüllungen, aber im Grunde handelt es sich um eine ausführliche Behandlung des Themas ‚Die Bedeutung der Liebe im Leben der Frau‘, Dinge, die es seit den Professoren Freud und Van der Velde schon zu lesen gegeben hat.

Wer mögen diese ominösen „jungen Mädchen und Frauen von Saint-Germain-des-Prés“ sein? Hat der Autor sie auf den Straßen des Pariser Viertels befragt? Oder steckt hinter diesen doch nur der Autor selbst? Ich tippe stark auf letzteres… Auf jeden Fall ist das Ganze skandalös: Wie kann Beauvoir es wagen, ein Buch zu schreiben, welches sich mit anderen Themen beschäftigt als ihrem Privatleben? Und dann auch noch Themen, welche männliche „Professoren“ doch schon in aller Gründlichkeit erörtert haben! Dass das Thema „Liebe“ in Das andere Geschlecht zwar eine Rolle spielt, mitnichten aber die Hauptrolle – egal. Auch wenn der Autor steif und fest behauptet, die Quintessenz des Buches laute „Heiraten ist dummes Zeug“. Doch damit der Enttäuschungen noch nicht genug:

[…] Simones Stil ist so trocken-wissenschaftlich gehalten, dass von irgendwelcher Würze kaum die Rede sein kann. Auf diese Weise lässt sich alles sagen. Nur kommt Saint-Germain-des-Prés nicht auf seine Rechnung.

Ich würde an dieser Stelle „Saint-Germain-de-Prés“ einfach durch „ich, der Autor“ ersetzen und schon ergibt der Abschnitt irgendwie Sinn. Da hatte sich jemand spannende Intimbeichten erhofft und muss dann feststellen, dass das Buch eher eine wissenschaftliche Abhandlung ist. Langweilig!

Deutliches Gesamtbild

Im Prinzip ist der Artikel ein Meisterstück. Ohne ein einziges Mal explizit zu schreiben, was er denkt, wird doch sehr deutlich, was der Autor von Simone de Beauvoir hält. Man kann schließlich andere Menschen zitieren (wenn auch keiner von denen namentlich genannt wird) und fremde Meinungen so geschickt miteinander verweben, dass das Gesamtbild am Ende deutlich ist. Hätte die „schlichte“ Simone sich doch nur mit ihrer Rolle als „Mme Sartre“ begnügt und nicht auch noch selber Werke verfasst!

Bild: CC BY-NC-ND Flickr/bronx.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s