Fleiß und Disziplin: So sah Simone de Beauvoirs Tagesablauf aus

Tagesablauf

Wie quetscht man möglichst viel Arbeit in einen Tag? Beauvoir macht’s vor.

Es gibt Tage, an denen man nicht so richtig in Schwung kommt. Es wartet eine Menge Arbeit, aber es fehlt die Motivation, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Und außerdem sind da ja noch ein paar Artikel, die man online lesen möchte, die Wohnung könnte mal wieder geputzt werden und ach ja, einkaufen muss man auch noch. Und schwups – der Tag ist rum, ohne dass arbeitsmäßig viel passiert ist.

Simone de Beauvoir würde hierüber nur die Nase rümpfen. Ihr Motto lautete: „Ich langweile mich, wenn ich nicht arbeite.“ Prokrastination war ihr fremd, die Frau besaß eine unglaubliche Selbstdisziplin (ihr Spitzname „Biber“ kam eben nicht von ungefähr). Kein Tag verging, ohne dass Beauvoir arbeitete – außer im jährlichen Sommerurlaub mit Jean-Paul Sartre. Aber auch da wurde sie nach wenigen Tagen Ruhe nervös, vor allem, wenn in Paris Arbeit auf sie wartete. Nur beim Wandern konnte Beauvoir mal so richtig abschalten.

Arbeiten im Café

Les Deux Magots

In Paris folgte Beauvoir einem strikten Tagesablauf. Sie war kein Morgenmensch, konnte es aber kaum erwarten, mit der Arbeit zu beginnen und stand deshalb zwischen acht und neun Uhr auf. Zum Arbeiten zog Beauvoir die trubelige Atmosphäre von Cafés ihrem stillen Hotelzimmer vor. Im Deux Magots oder Café de Flore trank sie Kaffee, las Zeitungen und machte sich gegen zehn Uhr an die Arbeit. Sie las, was sie am Vortag geschrieben hatte, machte Korrekturen und dann von da aus weiter. Der Morgen waren wohl tatsächlich die einzige Zeit des Tages, die nicht von Sartres Terminkalender bestimmt wurde. Beauvoir hatte ein paar Stunden ganz für sich.

Zum Mittagessen um eins traf sie oft Sartre und/oder Freunde. Nachmittags kehrte sie zurück zu ihrer Arbeit und schrieb bis neun Uhr abends, Seite an Seite mit Sartre. Als sie noch im Hotel wohnte, arbeitete Beauvoir auch nachmittags am liebsten in Cafés oder zusammen mit Sartre bei einer gemeinsamen Freundin. Wenn Sartre keine politischen und gesellschaftlichen Verpflichtungen hatte, gingen die zwei abends gerne ins Kino oder tranken Whisky und hörten Musik. Um Mitternacht war Schlafenszeit.

Faulenzen? Keine Chance

Als Beauvoir und Sartre genug vom Hotelleben hatten, Beauvoir sich 1948 eine kleine Studiowohnung in der Rue de Bûcherie mietete und Sartre nach dem Tod seines Stiefvaters zu seiner Mutter zog, änderte sich der Tagesablauf etwas – wenn auch nur geringfügig. Der Regisseur und Journalist Claude Lanzmann – der einzige Mann, mit dem Beauvoir jemals eine Wohnung teilte – erinnerte sich:

Sie arbeitete unentwegt und sehr diszipliniert – so wie übrigens auch Sartre. Am ersten Morgen wollte ich im Bett liegenbleiben, doch sie stand auf, kleidete sich an und setzte sich an ihren Arbeitstisch. ‚Sie können dort arbeiten‘, sagte sie und zeigte aufs Bett. Also stand ich auf, setzte mich auf die Bettkante, rauchte und tat so, als arbeitete ich. Ich glaube, sie hat bis zur Mittagsstunde kein einziges Wort mit mir gewechselt. Sie ging gemeinsam mit Sartre zum Essen; gelegentlich gesellte ich mich dazu. Die Nachmittage verbrachte sie mit ihm in seiner Wohnung, sie arbeiteten drei oder vier Stunden. Abends gab es allerlei Versammlungen und Verabredungen. Wir gingen spät zum Essen, und in der Regel setzte sie sich dann mit Sartre abseits und besprach mit ihm das, was er an diesem Tag geschrieben hatte. Sie und ich kehrten anschließend in die Rue de la Bûcherie heim und gingen ins Bett. Es gab keine Partys, keine Empfänge, keine bürgerlichen Werte. Das alles betraf uns nicht. Es gab nur das Wesentliche – ein Leben ohne Ballast, von einer Schlichtheit, die bewusst gewählt war und dem Zweck diente, ungehindert arbeiten zu können.

Und gearbeitet hat sie, diese Simone de Beauvoir.

Quellen: Bair, Deirdre (1990): Simone de Beauvoir. Eine Biografie, Knaus Verlag, München / Gobeil, Madeleine (1965): Simone de Beauvoir, The Art of Fiction No. 35, The Paris Review

Bilder: CC BY Flickr/Drew Coffman; CC BY Flickr/Dana Voss

Advertisements

Ein Gedanke zu “Fleiß und Disziplin: So sah Simone de Beauvoirs Tagesablauf aus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s