Film: Der Liebespakt zwischen Beauvoir und Sartre

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Der Film Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre will zeigen, wie die Beziehungen zwischen den beiden Philosophen wirklich war – kommt dabei aber über Oberflächlichkeiten nicht hinaus.

Es ist erstaunlich: Da führen zwei Menschen eine ganz und gar außergewöhnliche Beziehung, die auf absoluter Freiheit und Gleichberechtigung basiert. Affären mit anderen sind erlaubt, ja geradezu erwünscht, Ehrlichkeit dem Partner gegenüber ist dabei aber obligatorisch. Sie ist revolutionär, diese Beziehung zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die in den 1920er Jahren begann – selbst heute noch, wo fast jeder zumindest mal davon gehört hat, dass es sowas wie „offene Beziehungen“ oder „Polyamorie“ gibt. Umso erstaunlicher also, dass die Liebesirrungen und –wirrungen à la Sartre und Beauvoir es bis heute nicht auf die große Leinwand geschafft haben. Tatsächlich hat sich bisher nur ein Film dem Thema gewidmet: der Fernsehfilm Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre von 2006 (er kann hier vollständig angeschaut werden). Herausgekommen ist dabei eine schön anzusehende, aber oberflächliche Geschichte.

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Los geht es direkt mit dem Kennenlernen Simone de Beauvoirs und Jean-Paul Sartres, Anfang der 1920er an der Pariser Sorbonne. Beide bereiten sich auf die Agrégation vor, die wettbewerbsorientierte Prüfung für das Gymnasiallehramt. Beauvoir (Anna Mouglalis) ist 21, Sartre (Lorànt Deutsch) 24. Sie will in Ruhe in der Bibliothek lernen, er verkündet seinen Kumpeln am Nebentisch, dass er dieses entzückende Fräulein zu erobern gedenke. Damit sind die Rollen klar: Sie strebsam und zugeknöpft, er ein selbstbewusster, lebensfroher Casanova. Zu Hause schlägt die junge Simone sich mit dem konservativen Vater herum. „Du hast ein Männergehirn“, befindet der und fragt sich, wer seine Tochter überhaupt haben wolle: „Sie ist hässlich. Außerdem noch arm.“ Da die Eltern Simone keine Mitgift zahlen können und eine standesgemäße Heirat somit ausgeschlossen ist, muss die Tochter eben selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Das passt Simone ganz gut, heiraten will sie sowieso nicht. Wie praktisch, dass Sartre das genauso sieht. Er und der „Biber“, wie er Beauvoir nennt, kommen sich beim gemeinsamen Lernen für die Prüfungen näher (dass es nicht Sartre war, der Beauvoir ihren Spitznamen gab – egal).

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In den ersten 25 Minuten galoppiert der Film nur so durch die erste Phase der erblühenden Beziehung – Küsse im Feld, Streit mit den Eltern, das erste Mal –, um dann direkt zum (vermeintlich) wichtigsten Teil zu kommen: dem Pakt. Sartre schlägt Beauvoir eine Verbindung vor, in der beide ihre absolute Freiheit behalten. Er, so Sartre, sei nicht zur Monogamie bestimmt – neben der „notwendigen Liebe“ in Form des Biebers brauche er auch „kontingente Lieben“, also Affären. Simone solle genauso verfahren und sie würden sich gegenseitig immer alles erzählen: „Auf diese Weise würden ihre Erfahrungen zu meinen und umgekehrt.“ Beauvoir ist alles andere als begeistert, aber Sartre überzeugt sie: „Das geht nur mit einer kühnen Frau, die Mut hat.“ Diesem Muster bleibt der Film bis zum Ende treu: Sartre drängt, Beauvoir zweifelt – und gibt dann nach. Er will immer weiter, sie ist zufrieden damit, wie es ist. Er will ein Stipendium in Berlin annehmen, sie will, dass beide als Lehrer in Paris bleiben. Sartre setzt sich immer durch. Er geht nach Berlin, schafft sich dort sofort eine Geliebte an und Beauvoir bleibt traurig in Paris zurück.

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Bei ihren Schülerinnen schlägt die Lehrerin Simone de Beauvoir ein wie eine Bombe. Sie lässt im Unterricht skandalöse Werke von Gide lesen, aber vor allem: Sie ist jung, hübsch und schlau. Mit ihrer Schülerin Lumi (Clémence Poésy) landet Beauvoir schließlich im Bett – natürlich nur, um Sartre was zu erzählen zu haben: „Mit einem Mann hätte ich es niemals gekonnt“, schreibt sie ihm in einem Brief. In den nächsten Jahren geht es zwischen Beauvoir und Sartre hin und her. Sartre ist eifersüchtig auf Lumi, will ebenfalls mit ihr schlafen. Eine ungesunde Dreiecksgeschichte beginnt. Beauvoir zweifelt am Pakt: „Ich verachte die Eifersucht, aber ich bin eifersüchtig, Sartre.“ Sartre hingegen hat kein Verständnis für die Sorgen seiner Partnerin: „Für mich gibt es nicht nur Sie auf der Welt.“ Kein Wunder, er ist mit Das Sein und das Nichts quasi über Nacht berühmt geworden, gilt als Verkörperung einer neuer Art von Denken: dem Existentialismus. Beauvoir hingegen arbeitet immer noch an ihrem Debütroman, kämpft und zweifelt. Sie fühlt sich von Sartre benutzt – wie viel Arbeit hat sie in sein Werk, in ihn gesteckt. Und was hat sie nun davon?

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Der Liebespakt endet Anfang der 1950er Jahre: Beauvoir hat gerade Das Andere Geschlecht veröffentlich und ist nun eine berühmte Frau. Beide, sie und Sartre, haben intensive Beziehungen erlebt, die viel mehr waren als nur Affären. Sartre dachte sogar daran, seine Geliebte zu heiraten, ließ Beauvoir am Pakt zweifeln; Beauvoir hingegen machte ihrem Geliebten, dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren, gegenüber deutlich, dass sie zu Sartre gehört – und immer gehören wird. Der Macho Algren kommt damit nicht klar, er will seinen „Frosch“, wie er Beauvoir liebevoll nennt, mit keinem anderen teilen. „Bei unserem Pakt haben wir ein wichtiges Detail vergessen: Die anderen haben Gefühle. Dafür lassen sie uns zahlen“, seufzt Sartre. Gezahlt, so stellt es der Film dar, hat aber vor allem Beauvoir. Der Liebespakt präsentiert sie als ewig Eifersüchtige, die bedingungslos zu Sartre hält, nur um dann immer wieder von ihm enttäuscht zu werden. Sie weint, bricht zusammen, während Sartre nahezu kalt wirkt. Glaubt man dem Film, so ist Beauvoir vor allem durch ihre nervenaufreibende Beziehung zu Sartre auf das große Thema „Benachteiligung der Frauen“ gekommen. Denn so wie sie, so leiden überall Frauen unter der Unterdrückung durch die Männer. In Wahrheit war es Sartre, der Beauvoir das Thema vorschlug – sie selbst, so schreibt Beauvoir in ihren Memoiren, habe sich darüber vorher keine großen Gedanken gemacht.

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Mit den Fakten nimmt es Der Liebespakt einerseits also nicht so genau, gibt sich andererseits aber auch keine wirkliche Mühe, der Geschichte und den Charakteren neue Nuancen und Interpretationen hinzuzufügen: Sartre ist der Apostel, die treue Anhängerin Simone stets an seiner Seite. Dass es komplizierter war als das, zeigen die zahlreichen Briefe von Beauvoir und Sartre sowie Beauvoirs Memoiren (die natürlich subjektiv und stellenweise geschönt sind). Auch den philosophischen Ideen der beiden wird im Film wenig Platz eingeräumt: Mal darf Beauvoir eine „pluralistischen Moral“ erwähnen, mal spricht Sartre von „Freiheit“. Ein bisschen mehr Tiefe hätte es dann doch sein dürfen. Anna Mouglalis und Lorànt Deutsch geben sich alle Mühe, ihre Charaktere mit Leben zu füllen – das Drehbuch macht es ihnen jedoch nicht unbedingt einfach. Für Beauvoir sind dort jede Menge ernste Sätze vorgesehen, sie scheint eine freudlose Spaßbremse zu sein. Sartre hingegen darf charmant und lausbubenhaft sein, the life of the party. Trotz seiner Oberflächlichkeit langweilt Der Liebespakt aber nicht – es geht so schnell voran, immer passiert etwas, stets lauert das nächste Drama. Und in einigen Szenen ist es einfach schön, Beauvoir und Sartre anzuschauen: Die Kostüme sind präzise gewählt und schaffen gerade bei Beauvoir, was das Drehbuch nicht hinbekommt – zu zeigen, warum Beauvoir so einen Eindruck auf ihr Umfeld machte, warum so viele um ihre Aufmerksamkeit kämpften.

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Der Liebespakt ist weder tiefgründig noch daran interessiert, die Motivationen seiner Charaktere wirklich zu verstehen. Aber er macht neugierig auf Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, auf ihre ungewöhnliche Beziehung. Und das muss dann auch mal reichen.

Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre (Originaltitel: Les Amants du Flore), Frankreich, 2006. Regie: Ilan Duran Cohen

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