Beauvoirs Umgangsformen: Lieber „Sie” als „Du”

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Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre siezten sich ihr ganzes Leben lang. Warum?

Wenn es ums Duzen und Siezen geht, hat jeder seine Präferenzen. Wenn man als Schüler in der 11. Klasse plötzlich von Lehrern, die einen sonst immer geduzt haben, plötzlich mit „Sie“ angesprochen wird, fühlt sich das ziemlich gut an – man fühlt sich erwachsen, ernstgenommen (auch wenn sich dieses Gefühl schnell als Illusion herausstellt). Bei manchen Leuten findet man es toll, von ihnen direkt mit dem vertraulichen „Du“ angesprochen werden – bei anderen nicht. Simone de Beauvoir war in dieser Hinsicht – Überraschung! – ziemlich eigen. Sie siezte jeden und stand mit dem „Du“ auf Kriegsfuß.

Beauvoir sagte einmal in einem Interview mit Alice Schwarzer 1973:

Es ist mir immer sehr schwer gefallen, ich weiß nicht warum, Leute zu duzen. Dabei duzte ich meine Eltern, und das hätte mir eigentlich die Möglichkeit zum Du geben müssen. Meine beste Freundin Zaza duzte alle Freundinnen, aber mich siezte sie, weil ich sie siezte. Heute sieze ich meine best Freundin Sylvie, ich sage fast zu allen Leuten Sie, außer zu ein, zwei Personen, die mir das Du aufgezwungen haben.Und ich sage Sie zu Sartre. Es ist klar, dass wir nicht nach ’68, nach so vielen Jahren der Gewohnheit, plötzlich Revolutionäre spielen werden, indem wir uns duzen…

Sartre fand diese Angewohnheit Beauvoirs ziemlich unterhaltsam. Schwarzer sagte er:

Also, ich habe nicht damit angefangen: Es ist Simone de Beauvoir, die mich siezt. Ich habe es mir gefallen lassen und mich heute ganz gut daran gewöhnt. Ich könnte gar nicht mehr du zu ihr sagen – sie hat das geschafft.

Er selbst duzte sonst alle Frauen, mit denen er zusammen war. Dass er Beauvoir siezte, sei sei aber kein Zeichen von Distanz gewesen, betonte Sartre in einem anderen Interview:

Wohlgemerkt, glaube nicht, dass dadurch auch nur der kleinste Abstand entstanden wäre. Ich war einer Frau nie näher als dem Biber.

Claude Lanzmann, der einzige Mann, mit dem Simone de Beauvoir jemals eine Wohnung teilte (sie waren in den 1960ern mehrere Jahre lang ein Paar), bestand darauf, Beauvoir zu duzen. Er könne, so Lanzmann, nicht ihr Liebhaber sein und sie trotzdem formell mit „Sie“ anreden. Innerhalb der „kleinen Familie“ von Beauvoir und Sartre, der Gruppe ihrer engsten Freunde, ging es mit dem „Sie“ und „Du“ teilweise chaotisch durcheinander: Manche siezten sich, andere duzten sich. Naja, für Unterhaltung war so zumindest gesorgt.

Quellen: Hazel Rowley (2007): Tête-à-tête. Leben und Lieben von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, Parthas / Schwarzer, Alice (2008): Simone de Beauvoir. Weggefährtinnen im Gespräch, Kiepenheuer & Witsch

Bild: CC BY-NC Flickr/Jean-Pierre Declemy

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