Literatur-Schnellcheck: Das Blut der anderen (1945)

Literatur-Schnellcheck

In ihrem zweiten Roman setzt Simone de Beauvoir sich mit dem Zweiten Weltkrieg und der Besetzung Paris‘ durch die Deutschen auseinander. Sie fragt nach der Freiheit des Einzelnen – und nach der Verantwortung, die diese mit sich bringt.

Worum es geht

Jean Blomart wacht bei seiner sterbenden Geliebten Hélène, die bei einer Aktion der Résistance tödlich verletzt wurde. Dabei lässt er Revue passieren, wie aus ihm – einem Sohn aus reichem, bürgerlichem Hause – ein Kommunist und Résistance-Kämpfer wurde, wie er Hélène kennenlernte und was ihre Beziehung so kompliziert machte. Das Blut der anderen ist abwechselnd aus Jeans und Hélènes Sicht geschrieben: Während Jean sich als Teil des Kollektivs fühlt und Verantwortung für andere übernimmt, sieht Hélène sich als davon radikal losgelöst und macht vor allem das, was sie will. Durch Jean erkennt Hélène, dass sie als Einzelne sehr wohl Verantwortung für andere hat – und schließt sich der Résistance an.

Worum es wirklich geht

Um Beauvoirs Lieblingsthema: der Andere, bzw. die Anderen. Wie stehen die als individuell erlebten Erfahrungen und die universelle Realität zueinander? Die Freiheit ist für jeden Menschen grundlegend für seine Existenz – aber was passiert, wenn diese „individuelle“ Freiheit auf die „individuelle“ Freiheit eines anderen trifft? Beauvoir möchte zeigen, dass Handlungen einzelner Auswirkungen auf andere haben. Es sich einfach zu machen und nicht zu handeln, ist keine Option, denn auch Nicht-Handeln bedeutet Handeln.

Was das Buch lesenswert macht

Wie in Sie kam und blieb gelingt es Beauvoir auch in Das Blut der anderen, existentielle Probleme in literarischer Form auszudrücken. Sie macht aus etwas Abstraktem etwas sehr Konkretes. Das gilt vor allem für den Freiheitsbegriff: Freiheit bedeutet eben auch Verantwortung und daraus abgeleitet Engagement. Das ist an einigen Stellen etwas plakativ und moralisierend – angesichts der historischen Umstände, unter denen das Buch entstand (Zweiter Weltkrieg und Besetzung Paris‘), aber verständlich.

Insiderwissen

Simone de Beauvoir selbst stimmte den Kritiken der damaligen Zeit zu: Das Blut der anderen war schlechter als ihr Debutroman Sie kam und blieb. Und das, obwohl sie fand: „Mein zweiter Roman war also kunstvoller konzipiert als der erste. Die Sicht der menschlichen Beziehungen war umfassender und wahrer.“ Aber Das Blut der anderen sei zu sehr „Tendenzroman“, gäbe zu sehr eine bestimmte Maxime vor. Außerdem attestiert Beauvoir den Protagonisten in ihrem Buch „zu wenig Dichte“. Das Blut der anderen markiert den Beginn von Beauvoirs „moralischer Periode“ ihrer literarischen Laufbahn, während der sie versuchte, ein philosophisches Prinzip der Moral zu entwickeln. Anders als die Protagonisten in Das Blut der anderen tat Beauvoir sich während der deutschen Besatzung übrigens nicht durch besonders mutige Widerstandsaktionen hervor – eine Tatsache, die sowohl Beauvoir als auch Jean-Paul Sartre nach Ende des Krieges Kritik einbrachte.

Zum Zitieren

Wieder betrachtete sie ihre Finger und sah plötzlich traurig aus: ‚Als ich klein war, glaubte ich an Gott und das war herrlich; jeden Augenblick verlangte man etwas von mir. Damals schien es mir, als müsste ich existieren; es war eine Notwendigkeit.‘ Ich sah ihr lächelnd in die Augen: ‚Ich glaube, Ihr Irrtum besteht darin, dass Sie sich vorstellen, der Sinn Ihres Lebens würde Ihnen fertig in den Schoß fallen: das ist falsch, wir müssen ihn uns selbst erringen.‘

Bild: CC BY Flickr/Christopher Dombres

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