Monday Musings #25

zitat_sdb_25

Aus: de Beauvoir, Simone (1969): In den besten Jahren, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg

Advertisements

Literatur-Schnellcheck: Alle Menschen sind sterblich (1946)

Literatur-Schnellcheck

Was würde passieren, wenn wir unsterblich wären? Dieser Frage geht Simone de Beauvoir in ihrem dritten Roman nach.

Worum es geht

Fosca, ein italienischer Adeliger, ist dank eines Zaubertranks unsterblich. Im Paris der 1930er Jahre lernt der lebensmüde Fosca die Schauspielerin Régine kennen, die sein Herz erobern will, um so selbst einzigartig und auf eine gewisse Art unsterblich zu werden. Fosca erzählt ihr von den Abenteuern, die er in den letzten 600 Jahren erlebt hat: Er hat Kriege geführt und wurde bekriegt, hat Macht gewonnen und sie wieder verloren, hat sich verliebt und ist doch nie glücklich geworden.

Worum es wirklich geht

Darum, dass das Leben durch Unsterblichkeit sinnlos wird. Der Philosoph Martin Heidegger glaubte, alles Seiende, die menschliche Existenz, sei immer Sein zum Tode. Erst der Tod verleiht dem Leben einen Sinn. Allerdings verursacht die Aussicht, eines Tage zu sterben, natürlich auch Angst – diese Angst prägt die menschliche Existenz. Beauvoirs Existentialismus hingegen ist lebensbejahender: Das Sein erhält durch die Aussicht, sterben zu können, einen Sinn – aber es ist trotzdem nicht Sein zum Tode. Beauvoir geht stattdessen davon aus, dass die menschliche Existenz von Entwürfen bestimmt wird: Jeder Entwurf ist ein neuer Ausgangspunkt, mit dem der Mensch sich immer wieder aufs Neue in die Zukunft, und nicht auf den Tod hin, entwirft.

Was das Buch lesenswert macht

Die bunten und schillernden Beschreibungen europäischer Geschichte: Vom norditalienischen Carmona im 13. Jahrhundert geht es an den Hof von Kaiser Karl V. und ins Frankreich der Julirevolution von 1830. Trotzdem: Alle Menschen sind sterblich ist nicht unbedingt Simone de Beauvoirs bestes Buch. Teilweise sehr langatmig und detailversessen liest es sich eher wie ein Geschichtsbuch als ein Roman.

Insiderwissen

Bei der Kritik kam Alle Menschen sind sterblich nicht besonders gut an – es wurde verrissen. Beauvoir schreibt in ihren Memoiren: „In den Jahren 1943 und 1944 war ich mit dem Begriff der Geschichtlichkeit vertraut gemacht worden, und nun wollte ich von diesem Begriff ausgehen. Mein Held, den Reichtum und Ruhm nicht zufriedenstellen können, fordert Einfluss auf den Lauf der Welt. Ich verfiel auf den Gedanken, ihm die Unsterblichkeit zu verleihen. Dann würde sein Scheitern umso schrecklicher sein.“

Zum Zitieren

‘Es ist ein furchtbarer Fluch’, sagte er. Er blickte auf sie hin: ‚Ich lebe und habe kein Leben. Ich werde niemals sterben und habe doch keine Zukunft. Ich bin niemand. Ich habe keine Geschichte und habe kein Gesicht.‘