Simone de Beauvoir und #MeToo

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CC BY Flickr/Jeanne Menjoulet

Würde Simone de Beauvoir heute zu #MeToo twittern, wenn sie einen Twitter-Account hätte? Keine Ahnung. Fest steht aber: Zur aktuellen Debatte hätte sie einiges zu sagen.

Die wohl häufigste Frage, die mir in verschiedenen Interviews in den letzten Wochen zu meinem Buch Oh, Simone! gestellt wurde, war diese: Was würde Simone de Beauvoir zu #MeToo sagen? Wie fände sie diese Diskussion, die gerade geführt wird – eine Diskussion über sexualisierte Gewalt, sexuelle Belästigung und Sexismus? Nun besitze ich natürlich weder eine Wahrsagekugel noch eine Maschine, mit der ich in der Zeit zurückreisen und Simone dort nach ihrer Meinung befragen kann. Aber: Es gibt durchaus verschiedene Dinge, die Simone gesagt, getan oder geschrieben hat, aus denen sich zumindest ableiten lässt, wie sie zu #MeToo stehen und was sie darüber denken würde.

Das Ende der Sexualität

In Das andere Geschlecht analysiert Simone schon 1949 gesellschaftliche Machtstrukturen. Sie fragt danach, wie Männer Macht über Frauen ausüben – und bei dieser Machtausübung spielt natürlich auch die Sexualität eine Rolle. Die größte Bedrohung für diese Art der Machtausübung ist natürlich eine sich verändernde, gleichberechtigtere Gesellschaft. Hellsichtig erkennt Simone, wie sehr Männer sich und ihre Sexualität durch emanzipierte Frauen und Gleichberechtigung bedroht fühlen. Sie schreibt einen Satz, der sich ohne Probleme direkt an Harvey Weinstein (und viele andere Männer) richten könnte: „Niemand ist den Frauen gegenüber arroganter, aggressiver oder verächtlicher als ein in seiner Männlichkeit verunsicherter Mann.“

Männer beharren laut Simone auch deshalb darauf, sich selbst (existentialistisch gesprochen) als das Eine, das Subjekt zu setzen und die Frau als das Andere, das Objekt, weil ein Verschwinden der Differenz angeblich das Ende von Sexualität und Sinnlichkeit bedeuten würde. Die Angst vor diesem Ende, ausgelöst durch Emanzipation und Gleichberechtigung, ist also kein Phänomen der heutigen Zeit. In Das andere Geschlecht geht Simone auf die auch in der #MeToo-Debatte angeführten typischen Argumente à la „Ist Flirten denn jetzt noch erlaubt?“ und „Wenn alle gleich sind, wo soll das hinführen?“ ein. Sie sagt ganz klar: Natürlich werden sich die Machtverhältnisse und damit verbunden die Sexualität zwischen Mann und Frau verändern, wenn sich die Gesellschaft verändert, gleichberechtigter wird – aber nicht unbedingt zum Schlechteren, nur weil gewisse „Praktiken“ nicht mehr als normal gelten:

Sicher wird die Autonomie des weiblichen Geschlechts, wenn sie den Männern manchen Verdruss erspart, ihnen auch viel Unbequemlichkeit bereiten. Sicher gibt es gewisse Arten, das sexuelle Abenteuer zu leben, die der Welt von morgen verlorengehen. Aber das bedeutet nicht, dass die Liebe, das Glück, die Poesie und der Traum aus ihr verbannt wären.

Wohlgemerkt, das schreibt eine Frau Ende der 1940er, als für viele Frauen an erfreuliche Sexualität noch nicht zu denken ist, als Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar ist, in der sexualisierte Gewalt normal und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Die Möglichkeit zum eigenen Narrativ

Im zweiten Teil von Das andere Geschlecht (Titel: Gelebte Erfahrung) lässt Simone zahlreiche Frauen zu Wort kommen, die aus ihrem eigenen Leben berichten, über Sexualität, Mutterschaft und Älterwerden. 1973 geht sie noch weiter und ruft in der von ihr und Jean-Paul Sartre gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes die Rubrik Le Sexisme Ordinaire (zu Deutsch: Der alltägliche Sexismus) ins Leben. Simone fordert ihre Leserinnen auf, ihre eigenen, ganz persönlichen Erlebnisse mit Alltagssexismus aufzuschreiben und einzusenden. Das Ganze kann durchaus als eine Art Vorläufer der #aufschrei- und #MeToo-Debatten 2013 und 2017 gesehen werden. Simone hat schon damals verstanden, wie wichtig es ist, Frauen eine Stimme zu geben. Sie gibt ihnen die Möglichkeit zum eigenen Narrativ, dazu, ihre Geschichten selbst zu erzählen.

Was würde Simone also zu #MeToo sagen? Ich bin mir sicher, dass sie diese Diskussion begrüßen würde – weil sie selbst schon Ende der 1940er begriffen hat, dass das Private politisch ist, dass vermeintlich individuelle Erlebnisse und Probleme oft auf ein gesellschaftliches Muster schließen lassen. In Das Andere Geschlecht stellt sie klar, dass die Sexualität zwischen Mann und Frau nicht einfach verschwinden wird, nur weil diese (irgendwann in der Zukunft) nicht mehr auf männlicher Domination und Gewaltausübung basiert. Für die Männer bedeutet das, dass sie sich von gewissen Mythen und Vorstellungen verabschieden werden müssen:

Dem Mann, der zwischen dem Schweigen der Natur und der anspruchsvollen Anwesenheit anderer Freiheiten steht, erscheint ein Wesen, das sowohl seinesgleichen als auch passives Ding ist, als ein großer Schatz. Die Gestalt, unter der er seine Gefährtin wahrnimmt, mag durchaus mythisch sein, die Erfahrungen, deren Quelle und Vorwand sie ist, sind darum nicht weniger real: es gibt kaum welche, die kostbarer, inniger, glühender wären. Dass die Abhängigkeit, die Unterlegenheit, das Unglück der Frauen diesen Erfahrungen ihren besonderen Charakter verleihen, wird wohl niemand bestreiten.

Frauen als Subjekte anerkennen

Letztendlich, so stellt Simone fest, ist das ganze Gejammere der Männer darüber, was sich durch (zu viel) Gleichberechtigung verändert, nichts mehr als eine Ausrede: Eine Ausrede, um Frauen nicht als gleichwertig, als Subjekte, als Menschen anzuerkennen. Weil die gesellschaftlichen Machtstrukturen nämlich eben darauf basieren, dass Männer Frauen den Objektstatus zuschreiben und sie gerne in diesem halten würden. Wenn Frauen heute #MeToo sagen und ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, mit Belästigung, mit Sexismus schildern, dann machen sie sich selbst zum Subjekt: Sie sorgen dafür, dass sie gehört werden, sie machen ihren eigenen Narrativ öffentlich, sie fordern Veränderungen ein. Und stehen damit, ob bewusst oder unbewusst, auch in der Tradition einer Simone de Beauvoir.

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