Monday Musings #37

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Aus: de Beauvoir, Simone (1983): Pyrrhus und Cineas, in: de Beauvoir, Simone (1983): Soll man de Sade verbrennen? Drei Essays zur Moral des Existentialismus, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg

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Malerin Brigitte Zander: „Simone de Beauvoir war eine Mutmacherfrau“

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CC BY NC Flickr/Kristine

Schon als Au-pair und Studentin im Paris der 1960er war Brigitte Zander fasziniert von Simone de Beauvoir – sie auf der Straße anzusprechen traute sie sich aber nicht. Als sie 1986 vom Tod ihres einstigen Idols erfuhr, zögerte sie nicht lange und machte sich auf zur Beerdigung. Erinnerungen.

Im Prinzip begann alles mit einem Mann. Brigitte Zander, 1942 im niedersächsischen Salzgitter geboren, erinnert sich noch, als sei es gestern. Sie war jung, damals, in den 1960ern, und unsterblich verliebt in einen Mainzer Französisch-Studenten. Das Problem: Der hatte sich in den Kopf gesetzt, niemals eine Deutsche, sondern nur eine Französin zu heiraten. Nicht nur war Brigitte Zander keine Französin, sie konnte noch nicht einmal gut Französisch sprechen. Am Telefon erzählt sie lachend: „Meine Lehrerin hat zu mir gesagt, sie habe noch nie eine dermaßen sprachunbegabte Schülerin wie mich gehabt.“ Um den Studenten durch hervorragende Französisch-Kenntnisse doch noch für sich zu gewinnen, beschloss die junge Brigitte, ein Jahr als Au-Pair-Mädchen nach Paris zu gehen: „Wenn ich erstmal richtig Französisch spreche, dachte ich, nimmt er mich vielleicht doch.“

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Brigitte Zander (c) privat

Also packte sie 1967 ihre Koffer und zog bei der Familie eines Atomphysikers ein. Die wohnte im Pariser Quartier Latin, schräg gegenüber der Sorbonne, nahe des Jardin du Luxembourg. Nach drei Monaten träumte Brigitte Zander auf Französisch und sprach die Sprache bald fließend – Lehrerinnen liegen mit ihren Einschätzungen eben nicht immer richtig. Den Mai 1968 erlebte sie unmittelbar mit, eine aufregende Zeit. Die junge Deutsche fühlte sich wohl in Paris, studierte in der Alliance Française fleißig Französisch, saugte die Stadt und die Kultur dort auf, entdeckte Autoren wie Jean-Paul Sartre und dann auch Simone de Beauvoir. Letztere beeindruckte Brigitte Zander nachhaltig: „Ich habe mich schon immer in meiner bürgerlichen Existenz nicht wohl gefühlt. Was Simone de Beauvoir in Memoiren einer Tochter aus gutem Hause schrieb, das war quasi mein Leben.“ Ihre Mutter, so Brigitte Zander, habe ihr immer gesagt, um ein Studium brauche sie sich keine Gedanken machen, sie solle doch einfach einen Akademiker heiraten.

Einen Akademiker geheiratet hat Brigitte Zander tatsächlich – und zwar den Französisch-Studenten aus Mainz. Der besuchte sie mehrmals in Paris und war von den Sprachkenntnissen und dem französischen Flair seiner Verehrerin beeindruckt. Gehalten hat die Ehe nicht, wie Brigitte Zander am Telefon unumwunden zugibt, aber das sei ja nicht schlimm. Wie Simone de Beauvoir ging sie letztendlich einen ganz anderen Weg, als die Familie für sie vorgesehen hatte: Erst arbeitete Brigitte Zander einige Jahre als Buchhändlerin („Ich war ein richtiger Bücherwurm!“), später erwarb sie auf dem zweiten Bildungsweg die Zulassung zum Studium der Sozialpädagogik. Sie studierte in Frankfurt am Main und wurde Diplom-Sozialpädagogin. Weil sie schon immer eine kreative Ader hatte sowie künstlerisches Talent („In der Schule hatte ich nur in Kunst und Deutsch eine eins“) folgte 1978 ein Kunststudium in Wiesbaden. Seitdem malt sie, unterrichtet selbst und ist Mitglied mehrerer Kunstvereine und -gemeinschaften.

Seit sie in Rente ist, hat Brigitte Zander theoretisch mehr Zeit zum Malen – praktisch kommt sie aber nicht immer dazu. Es gibt schließlich so viel zu tun, zum Beispiel Geflüchteten in ihrem Wohnort Mainz Deutsch beizubringen: „Ich bin fast 76 und es ist einfach ein schönes Gefühl, irgendwo noch gebraucht zu werden.“ Etwas, für das Brigitte Zander sich jeden Tag Zeit nimmt, ist das Tagebuchschreiben. Aus ihren Aufzeichnungen der letzten Jahrzehnte hat sie eine ganz persönliche Chronik gemacht und dem Stadtarchiv Mainz zur Verfügung gestellt. Eine, die in diesen Erinnerungen natürlich nicht fehlen darf, ist Simone de Beauvoir. „Was mich an ihr fasziniert hat“, sagt Brigitte Zander, „ist ihr freiheitliches Denken. Sie hat mir klargemacht: Du bist in der Lage, aus deinem Leben etwas Vernünftiges zu machen.“ Beauvoir, findet sie, war eine „Mutmacherfrau“. Deshalb hat sie ihr in ihren Erinnerungen auch ein ganzes Kapitel gewidmet – und den Text netterweise für eine Veröffentlichung auf Oh, Simone! zur Verfügung gestellt.

Erinnerungen an Simone de Beauvoir

von Brigitte Zander

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Simone de Beauvoir als alte Frau (c) Brigitte Zander

„Heute starb Simone de Beauvoir. Ich habe sie seit vielen Jahren bewundert und verehrt. Sie war 78 Jahre alt. Als ich 1968 in Paris studierte, sah ich sie im Quartier Montparnasse. Sie ging vor mir mit ihren Einkaufstüten. Ich erkannte sie gleich an ihrem Tuch, das sie wie einen Turban um ihren Kopf gebunden trug. Ich folgte ihr schüchtern. Wie gerne hätte ich sie angesprochen, aber natürlich wagte ich es damals nicht.“

Diese Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahr 1986 las ich nach, als ich am 9. Januar 2008 in meiner Tageszeitung die Titelüberschrift fand: „Feministische Galionsfigur. Französische Autorin Simone de Beauvoir wurde vor 100 Jahren geboren.“

Was hatte mich an dieser Frau so fasziniert? War es ihre Bedeutung als Schriftstellerin, war es diese ungewöhnliche Verbindung mit Jean Paul Sartre, dessen Bücher ich als Buchhändlerin verschlungen hatte? Sprach sie mir in meinem recht bürgerlichen Dasein aus der Seele mit ihrem Roman Memoiren einer Tochter aus gutem Hause? Dieses ganz andere Leben reizte mich. Auch ich wollte frei und ungebunden sein, studieren, ein unkonventionelles Leben führen. Ich war jung, sechsundzwanzig, als ich ihr in Paris begegnete. Sie war für mich eine Frau, die mutig alle Möglichkeiten des Frau-Seins ausschöpfte, die ein Leben in Fülle lebte, die mit bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit aus Kultur, Politik und Philosophie Umgang pflegte. Eine Frau, die die Frauenbewegung stark prägte.

Nach den Büchern von Jean-Paul Sartre schlugen mich schon bald auch ihre Romane in Bann. Die ganz besondere Verbindung dieses Paares erschien mir als eine ideale Möglichkeit, Liebe, Anerkennung und Freiheit in einer gelungenen Beziehung zu leben. Es war, glaube ich, die Autonomie ihres Lebensentwurfs, die mich damals so reizte, anspornte und mir zeigte, dass es auch andere Lebensformen als die der Familie gab.

Leicht war es nicht für sie und Sartre, in all den Jahren ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Sie lebten in Hotels, jeder in seinem Zimmer. Und doch gab es auch den Raum, in dem sie beide an ihren Schreibmaschinen saßen, schrieben, sich über alles austauschten.

Was für eine ungewöhnliche Frau, diese Tochter aus gutem Hause, die zur Frauenrechtlerin, Schriftstellerin und Philosophin werden sollte. Die so mutig im Algerienkrieg eine klare politische Position bezog.

Eine Frau, die nicht nur Männer liebte, sondern auch zu Frauen, die ihr persönlich oder politisch nahe standen, eine ganz besondere Beziehung hatte. Aber ob sie auch einverstanden gewesen wäre, wenn sie gewusst hätte, dass Jahre später ihre ganz persönlichen Briefe an ihre Freundinnen veröffentlicht werden sollten?

Es war 1986, als mir mein Kollege Leo sagte: „Simone de Beauvoir ist gestorben, du schätzt sie doch so“. Ich besorgte mir eine französische Zeitung und fand darin den Hinweis: „Les Obsèques pour Simone de Beauvoir auront lieu samedi après-midi au cimetière du Montparnasse. Un cortège se formera vers 14 heures à l’hôpital Cochin, où l’écrivain est morte, pour se rendre au cimetière“.

Spontan nahm ich mir Urlaub und fuhr nach Paris. Im Quartier Latin, meiner alten Studienadresse in der Rue des Écoles, fand ich in einem kleinen Hotel im 6. Stock ein winziges Zimmer. Gleich schräg gegenüber klingelte ich bei Familie Bonpas, bei denen ich damals während meines Studiums gelebt hatte. Colette, alt geworden, öffnete, schaute misstrauisch zwischen Türspalt und Abriegelung in den Hausflur, zögernd, bis sie mich endlich erkannte. Im Salon saßen ihr Mann Michel und Benoît, mit dem ich damals 1967/68, als er ein kleiner Junge war, Hand in Hand durch den Jardin du Luxembourg zu seiner Schule ging. Großes Umarmen, Lachen, Erzählen. Benoît war nun ein hochgewachsener junger Mann von 29 Jahren.

Am Samstag, dem Tag der Beerdigung, setzte ich mich in der Rue Mouffetard in ein winziges Café, aß mein geliebtes pain beurré, trank einen café crème, las die Tageszeitung, beobachtete die Händler und alten Frauen, die kurz hereinkamen, ihren kleinen rouge tranken oder ihren Kaffee. Die Straße füllte sich immer mehr mit Hausfrauen, die an den kunstvoll mit Früchten, Gemüse, Fischen und Fleisch dekorierten Marktständen ihre Einkäufe machten. Hier hatten auch wir damals eingekauft, wenn wir bei meiner Freundin Joëlle kochten. Wie liebte ich diese umtriebige, lebendige Marktstraße in Paris.

Viel zu früh, zwei Stunden vor Beginn der Beerdigung, traf ich schon bei der Klinik ein, in der Simone de Beauvoir gestorben war. In einer kleinen Gasse entdeckte ich die Pforte zum Innenhof, in dem sich Grabgestecke und Kränze türmten. Auf den Schleifen der Blumengebinde las ich Namen von Freunden, Frauengruppen, Feministinnen aus Australien, Kanada, USA, europäischen Ländern, von Zeitungen der Weltpresse und von Verlagen. Diese Blumenpracht zeugte mehr als alles andere von ihrer internationalen Bedeutung.

Auf einer Bank saß ganz allein eine junge Frau in ein Buch der Schriftstellerin vertieft, Kopfhörer auf den Ohren. Ich sprach sie an und sie erzählte, dass sie, allein wie ich, aus Holland angereist sei. Eine Freundin, den Arm voller Blumen, gesellte sich zu ihr, dann erschien die vierte Frau im Hof. Sie kam geradewegs auf mich zu und fragte, ob wir die erwarteten Frauen aus Madrid wären.

Wir zwei kamen ins Gespräch. Um es in gemütlicherer Atmosphäre weiterführen zu können, gingen wir in ein nahe gelegenes Café. Sie hieß Emmanuelle und war Mitglied der Ligue du droit des femmes (Liga für die Rechte der Frauen), deren Gründerin und Präsidentin Simone de Beauvoir war. Während sie in ihrer Tasse rührte, liefen ihr Tränen über die Wangen. Als sie sich entschuldigte, erfuhr ich, wie eng sie mit Simone befreundet war. Sie kramte in ihrer Umhängetasche, suchte einen Briefumschlag heraus und legte auf den kleinen runden Tisch die Fotos ihres letzten gemeinsamen Urlaubs mit Simone am Meer. Lachend, gelöst, drei Frauen Arm in Arm, an ihrer Seite noch ihre Freundin Anne, eine Schriftstellerin, mit der sie in Paris lebte. Sie erzählte mir von ihrer Arbeit, ihrer Galerie und gab mir ihre Adresse, als sie von mir erfuhr, dass ich Malerin sei. Mit dieser Linksradikalen, Feministin und Galeristin sprach ich nun über Simone und was sie uns in unserem Leben bedeutet hatte.

Als wir zurückkamen, hatte sich der Innenhof neben der Kapelle gefüllt: Reporter, Fernsehen, Presse und Rundfunk, die nächsten Angehörigen und Freunde. Emmanuelle ging noch einmal in die Kapelle. Ganz erschrocken starrte ich eine Frau an, die Simone so ähnlich sah, dass ich glaubte, sie zu sehen. Es war ihre Schwester.

Inzwischen war auch Alice Schwarzer eingetroffen. Emmanuelle begrüßte sie und erzählte mir, wie sehr ihnen Alice mit ihrer Berichterstattung in der Presse zur Seite gestanden habe und welchen engen freundschaftlichen Kontakt sie zu Simone hatte. Emmanuelle machte mich noch mit den anderen Frauen der Liga für die Rechte der Frauen bekannt.

Der Sarg wurde durch ein schmales Spalier von Kameraleuten getragen. Eine schwarze Limousine setzte sich langsam in Bewegung, die Verwandten stiegen in bereitstehende Autos, der Wagen mit den Blumengebinden und Kränzen, ein riesiger Blumen- und Blütenberg, setzte sich in Bewegung und alle folgten dem Blumenauto, nicht wissend, dass der Sarg in einem anderen Wagen war. Auch ich merkte es erst, als ich, um neben Emmanuelle zu gehen, neben ihr an der Spitze des Trauerzuges angekommen war und dabei festgestellt hatte, dass nur noch der Blumenwagen vor uns fuhr. Als ich das der Gruppe erzählte, entschloss sie sich sofort, den Zug zu verlassen, um im Laufschritt zu versuchen noch vor den Massen am Friedhof einzutreffen. Ich war überzeugt davon, dass die Verwandten und der Sarg längst dort wären.

Als wir, ganz außer Atem, vor dem riesigen, großen grünen Friedhofstor ankamen, war alles abgeriegelt. Hinter Absperrungen drängte sich die wartende Menge. Die Polizei wollte uns nicht hineinlassen. Alice, Anne und Emmanuelle, die zum Freundeskreis von Simone gehörten und auf der Liste standen, sprachen mit dem Verantwortlichen für die Trauerfeier. Ohne dass wir einzeln überprüft wurden, gelangte auch ich auf wundersame Weise inmitten der acht Frauen durch das große Tor, das sich nun für uns öffnete. Es war, als seien wir mitten in einer Aufführung auf die Bühne getreten. Alle starrten uns an, als wir an der Riesenmenge vorbei zum offenen Grab von Jean-Paul Sartre gingen. Er war hier im April 1980 beigesetzt worden sechs Jahre zuvor im gleichen Monat wie Simone de Beauvoir.

Auch hier um das Grab, das wenige Meter von mir entfernt lag, lauerte wieder eine Unmenge an Fotografen, Fernsehleuten und Reportern. Sie standen auf der Friedhofsmauer und auf Grabsteinen, jede Würde vergessend für ein gutes Foto. Die Schwester warf eine Blume ins Grab. Die Reden verschwammen im Geräusch der vorbeirauschenden Autos hinter der Friedhofsmauer. Ich konnte kaum etwas verstehen, zu viele drängten und schubsten, um eine bessere Sicht zu finden. Ich suchte Schutz hinter einem Baumstamm, während sich meine Augen mit Tränen füllten. So konnte ich den Ausruf von Elisabeth Badinter, der Frauenrechtlerin, nicht hören: „Frauen, ihr verdankt ihr alles!“ Das las ich erst später in der Zeitung.

Als die Zeremonie vorüber war, eine Beerdigung ganz ohne Pfarrer, denn gläubig war Simone de Beauvoir nicht, verabschiedete ich mich von den Frauen. Alice Schwarzer wünschte nicht, dass ich beim anschließenden Besuch in einem Café dabei war, weil ich nicht zur Gruppe gehörte. Ich ging, bewegt von all dem Erlebten, allein zurück. Es war mir recht. Ich brauchte Zeit, um die außergewöhnlichen Begegnungen, die aufkeimenden Erinnerungen an meine Studienzeit, das Wiedersehen mit den Straßen von Paris und der Pariser Sorbonne zu verarbeiten.

Im Jardin du Luxembourg suchte ich mir einen Stuhl am großen Wasserbecken. Er war noch nass vom kurzen Regenschauer. Ich legte meine Zeitung unter, setzte mich und vertiefte mich in die Lektüre über das Leben von Simone de Beauvoir. Noch einmal spüre ich meinen Erinnerungen nach: Wie war es nach der Nachricht vom Tode Simone de Beauvoirs zu dieser spontanen Reise gekommen? War da noch mehr als bloße Verehrung für eine Schriftstellerin? Vielleicht waren auch ein wenig Nostalgie und der Wunsch dabei, in mein geliebtes Paris zurückzukehren, wo ich die aufregende Zeit der Révolution du mai 68 erlebt hatte.

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Aus Brigitte Zanders Tagebüchern 1967/68 (c) Brigitte Zander

Als ich damals in meinem alten Tagebuch blätterte und die Ereignisse Revue passieren ließ, war es mir, als sei es erst gestern gewesen. Ich sah die Fotos an, staunte über mein lockiges Haar, das ich später nie mehr so trug. Ich ging neben Alice Schwarzer. Das ist nun viele Jahre her.

Aus: Zander, Brigitte (2014): Erinnerungen, Mainz.

Simone de Beauvoir und #MeToo

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CC BY Flickr/Jeanne Menjoulet

Würde Simone de Beauvoir heute zu #MeToo twittern, wenn sie einen Twitter-Account hätte? Keine Ahnung. Fest steht aber: Zur aktuellen Debatte hätte sie einiges zu sagen.

Die wohl häufigste Frage, die mir in verschiedenen Interviews in den letzten Wochen zu meinem Buch Oh, Simone! gestellt wurde, war diese: Was würde Simone de Beauvoir zu #MeToo sagen? Wie fände sie diese Diskussion, die gerade geführt wird – eine Diskussion über sexualisierte Gewalt, sexuelle Belästigung und Sexismus? Nun besitze ich natürlich weder eine Wahrsagekugel noch eine Maschine, mit der ich in der Zeit zurückreisen und Simone dort nach ihrer Meinung befragen kann. Aber: Es gibt durchaus verschiedene Dinge, die Simone gesagt, getan oder geschrieben hat, aus denen sich zumindest ableiten lässt, wie sie zu #MeToo stehen und was sie darüber denken würde.

Das Ende der Sexualität

In Das andere Geschlecht analysiert Simone schon 1949 gesellschaftliche Machtstrukturen. Sie fragt danach, wie Männer Macht über Frauen ausüben – und bei dieser Machtausübung spielt natürlich auch die Sexualität eine Rolle. Die größte Bedrohung für diese Art der Machtausübung ist natürlich eine sich verändernde, gleichberechtigtere Gesellschaft. Hellsichtig erkennt Simone, wie sehr Männer sich und ihre Sexualität durch emanzipierte Frauen und Gleichberechtigung bedroht fühlen. Sie schreibt einen Satz, der sich ohne Probleme direkt an Harvey Weinstein (und viele andere Männer) richten könnte: „Niemand ist den Frauen gegenüber arroganter, aggressiver oder verächtlicher als ein in seiner Männlichkeit verunsicherter Mann.“

Männer beharren laut Simone auch deshalb darauf, sich selbst (existentialistisch gesprochen) als das Eine, das Subjekt zu setzen und die Frau als das Andere, das Objekt, weil ein Verschwinden der Differenz angeblich das Ende von Sexualität und Sinnlichkeit bedeuten würde. Die Angst vor diesem Ende, ausgelöst durch Emanzipation und Gleichberechtigung, ist also kein Phänomen der heutigen Zeit. In Das andere Geschlecht geht Simone auf die auch in der #MeToo-Debatte angeführten typischen Argumente à la „Ist Flirten denn jetzt noch erlaubt?“ und „Wenn alle gleich sind, wo soll das hinführen?“ ein. Sie sagt ganz klar: Natürlich werden sich die Machtverhältnisse und damit verbunden die Sexualität zwischen Mann und Frau verändern, wenn sich die Gesellschaft verändert, gleichberechtigter wird – aber nicht unbedingt zum Schlechteren, nur weil gewisse „Praktiken“ nicht mehr als normal gelten:

Sicher wird die Autonomie des weiblichen Geschlechts, wenn sie den Männern manchen Verdruss erspart, ihnen auch viel Unbequemlichkeit bereiten. Sicher gibt es gewisse Arten, das sexuelle Abenteuer zu leben, die der Welt von morgen verlorengehen. Aber das bedeutet nicht, dass die Liebe, das Glück, die Poesie und der Traum aus ihr verbannt wären.

Wohlgemerkt, das schreibt eine Frau Ende der 1940er, als für viele Frauen an erfreuliche Sexualität noch nicht zu denken ist, als Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar ist, in der sexualisierte Gewalt normal und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Die Möglichkeit zum eigenen Narrativ

Im zweiten Teil von Das andere Geschlecht (Titel: Gelebte Erfahrung) lässt Simone zahlreiche Frauen zu Wort kommen, die aus ihrem eigenen Leben berichten, über Sexualität, Mutterschaft und Älterwerden. 1973 geht sie noch weiter und ruft in der von ihr und Jean-Paul Sartre gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes die Rubrik Le Sexisme Ordinaire (zu Deutsch: Der alltägliche Sexismus) ins Leben. Simone fordert ihre Leserinnen auf, ihre eigenen, ganz persönlichen Erlebnisse mit Alltagssexismus aufzuschreiben und einzusenden. Das Ganze kann durchaus als eine Art Vorläufer der #aufschrei- und #MeToo-Debatten 2013 und 2017 gesehen werden. Simone hat schon damals verstanden, wie wichtig es ist, Frauen eine Stimme zu geben. Sie gibt ihnen die Möglichkeit zum eigenen Narrativ, dazu, ihre Geschichten selbst zu erzählen.

Was würde Simone also zu #MeToo sagen? Ich bin mir sicher, dass sie diese Diskussion begrüßen würde – weil sie selbst schon Ende der 1940er begriffen hat, dass das Private politisch ist, dass vermeintlich individuelle Erlebnisse und Probleme oft auf ein gesellschaftliches Muster schließen lassen. In Das Andere Geschlecht stellt sie klar, dass die Sexualität zwischen Mann und Frau nicht einfach verschwinden wird, nur weil diese (irgendwann in der Zukunft) nicht mehr auf männlicher Domination und Gewaltausübung basiert. Für die Männer bedeutet das, dass sie sich von gewissen Mythen und Vorstellungen verabschieden werden müssen:

Dem Mann, der zwischen dem Schweigen der Natur und der anspruchsvollen Anwesenheit anderer Freiheiten steht, erscheint ein Wesen, das sowohl seinesgleichen als auch passives Ding ist, als ein großer Schatz. Die Gestalt, unter der er seine Gefährtin wahrnimmt, mag durchaus mythisch sein, die Erfahrungen, deren Quelle und Vorwand sie ist, sind darum nicht weniger real: es gibt kaum welche, die kostbarer, inniger, glühender wären. Dass die Abhängigkeit, die Unterlegenheit, das Unglück der Frauen diesen Erfahrungen ihren besonderen Charakter verleihen, wird wohl niemand bestreiten.

Frauen als Subjekte anerkennen

Letztendlich, so stellt Simone fest, ist das ganze Gejammere der Männer darüber, was sich durch (zu viel) Gleichberechtigung verändert, nichts mehr als eine Ausrede: Eine Ausrede, um Frauen nicht als gleichwertig, als Subjekte, als Menschen anzuerkennen. Weil die gesellschaftlichen Machtstrukturen nämlich eben darauf basieren, dass Männer Frauen den Objektstatus zuschreiben und sie gerne in diesem halten würden. Wenn Frauen heute #MeToo sagen und ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, mit Belästigung, mit Sexismus schildern, dann machen sie sich selbst zum Subjekt: Sie sorgen dafür, dass sie gehört werden, sie machen ihren eigenen Narrativ öffentlich, sie fordern Veränderungen ein. Und stehen damit, ob bewusst oder unbewusst, auch in der Tradition einer Simone de Beauvoir.

Oh, Simone! im Radio und Fernsehen

Was soll ich sagen: Die letzten Wochen waren etwas stressig, was vor allem am Internationalen Frauentag am 8. März lag, der jedes Jahr etwas trubelig ist.

Zwischen all den Terminen habe ich aber noch ein wenig Zeit gefunden, mich mit Shanli Anwar von Deutschlandfunk Nova in Eine Stunde Liebe über Simone de Beauvoir zu unterhalten. Die ganze Sendung kann hier nachgehört werden.

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Außerdem war ich am 8. März in der Kulturzeit auf 3sat zu Gast und habe mit Vivivan Percovic über den Weltfrauentag, Simone de Beauvoir und aktuelle Herausforderungen für den Feminismus gesprochen (es gibt sogar einen hübschen kleinen Einspieler zu Beauvoir!). Die Sendung kann hier angeschaut werden.

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CC BY-NC Flickr/Kristine

Lebensweisheiten à la Beauvoir. Heute: Finanzielle Unabhängigkeit.

Ich habe kolossales Glück, Geld zu haben und von niemandem abhängig zu sein; das schließt zwar Tragik und Grauen nicht aus, aber niemals befällt mich dieser Trübsinn […], weil ich mich frei fühle und über mein Leben und notfalls über meinen Tod verfüge und niemandem außer mir selbst Rechenschaft schuldig bin; ich habe es nur mir selbst zuzuschreiben, wenn ich mich von der Situation überwältigen lasse, ich habe ein Maximum an Chancen und Möglichkeiten, wenn es gilt, sich im Dunkeln zurechtzufinden – dadurch behält alles einen interessanten Beigeschmack von ‚Erfahrung‘.

Was Simone meint: Eigenes Geld = Freiheit = Unabhängigkeit

Aus: Simone de Beauvoir: Briefe an Sartre. Band I: 1930-1939

 

Briefe an Nelson Algren: Die 10 schönsten Liebesbekundungen von Simone de Beauvoir

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Sie war sein Frosch, er ihr Chicago Boy: In hunderten von Briefen lebten Simone de Beauvoir und Nelson Algren ihre transatlantische Liebe.

Die französische Existentialistin und der amerikanische Autor lernen sich 1947 in Chicago kennen. Simone de Beauvoir redet so schnell und mit so starkem französischem Akzent, dass Nelson Algren sie meistens nicht richtig versteht. Doch trotz sprachlicher Schwierigkeiten verlieben die Beiden sich ineinander, schreiben und besuchen sich in den folgenden Jahren regelmäßig. Algren möchte seine Simone gerne heiraten – doch die hält an ihrem Pariser Leben und an ihrem Partner Jean-Paul Sartre fest. Die große Liebesgeschichte zwischen Frankreich und Amerika endet in Enttäuschung und Verbitterung. Was bleibt, sind die poetisch-romantischen, intimen und oftmals verschmitzten Liebesschwüre Simones in ihren Briefen an Algren. Hier sind die Top 10.

  1. „Ich würde gern von Ihnen träumen, aber meine Träume gehorchen mir nicht.“
  2. „Liebster, die ganze Nacht und den ganzen Tag fühle ich mich in Ihre Liebe gehüllt, sie beschützt mich gegen alles Unangenehme; wenn es draußen heiß ist, erfrischt sie mich, wenn ein kalter Wind weht, wärmt sie mich; es scheint mir, ich werde niemals alt werden, niemals sterben, solange Sie mich lieben. Wenn ich an Ihre Umarmung denke, fühle ich diese Erschütterung, von der Sie sprechen, sodass mein ganzer Körper schmerzt.“
  3. „Bitte erwarten Sie mich bei uns und halten Sie einen guten Whisky und Schinken und Marmelade bereit, denn ich werde sehr durstig und hungrig und müde sein. Sie sollten auch viel Liebe vorrätig haben, ganze Büchsen und Flaschen der besten örtlichen Chicagoer Liebe, die Sie bei Ihrem Händler kaufen können.“
  4. „Fühlen Sie, wie sehr ich Sie liebe, bitten fühlen Sie es genau in diesem Augenblick, denn genau jetzt liebe ich Sie so sehr.“
  5. „Nelson, meine Liebe. Nichts passiert, immer noch dieselbe Liebe für Sie, sehr öde.“
  6. „Ich hatte vor, bis 80 zu leben, aber da Sie mit 77 sterben werden, bin ich bereit, mit 78 in Ihren Armen zu sterben. Ich opfere für Sie zwei ganze Jahre meines Lebens, sind Sie dankbar?“
  7. „Wissen Sie, Liebling, Sie müssen mich wirklich lieben, wenn Sie diese Briefe entziffern können, oder Sie lieben mich kaum und es liegt Ihnen gar nichts daran, sie zu entziffern.“
  8. „Wenn Sie genau wissen wollen, wie sehr ich Sie liebe, könne Sie die Buchstaben zählen, die ich geschrieben habe: wie viele ‚a‘, wie viele ‚b‘ usw. Sie nehmen die Zahl, die herauskommt, multiplizieren mit 10345 und Sie erhalten die Anzahl der Küsse, die ich Ihnen während meines Lebens geben möchte.“
  9. „Ich habe für Sie und mich ein Kleid nähen lassen, das mir gefällt, nicht, weil ich es anziehen, sondern weil ich es ausziehen werde. Ich hoffe, Sie werden es als Kleid zum Ausziehen zu schätzen wissen.“
  10. „Nelson, mein Herz ist voll von Ihnen, jeden Atemzug jeder Minute atme ich Ihnen entgegen.“

Foto: CC BY-NC Flickr/Felix & Tibo

Bon anniversaire, Simone de Beauvoir!

Anniversaire

Heute, am 9. Januar 2018, wäre Simone de Beauvoir 110 Jahre alt geworden. Vor genau zwei Jahren ist außerdem der erste Artikel auf Oh, Simone! erschienen, im Dezember 2017 folgte dann das gleichnamige Buch. Es gibt also dreifach Grund zum Feiern! Simone selbst hätte sich wahrscheinlich einen guten Scotch genehmigt. Wer mag, kann also virtuell (oder real) auf sie anstoßen – und dazu noch einmal ein paar Texte über Simone de Beauvoir lesen. Voilà, eine kleine Leseliste, inklusive der beliebtesten Blog-Texte.

Man wird nicht als Beauvoir-Anhängerin geboren, man wird es

35 Dinge, die ihr über Simone de Beauvoir noch nicht wusstet

Simone de Beauvoir für Anfängerinnen und Anfänger

Ein Pakt für die Freiheit: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre (Teil 1 und 2)

Briefe an Sartre: Die 15 schönsten Liebesbekundungen von Simone de Beauvoir

Briefe an Simone de Beauvoir: Die 15 schönsten Liebesbekundungen von Jean-Paul Sartre

Fleiß und Disziplin: So sah Simone de Beauvoirs Tagesablauf aus

Claudine Monteil: „Ich möchte ein leidenschaftliches Leben haben wie Simone de Beauvoir“

Simone de Beauvoir: Die Philosophin, die keine sein wollte

Und auch noch was zum Hören: Ein Interview über Oh, Simone! im Deutschlandfunk.

Bild: CC BY-NC Flickr/Kristine