Alle anderen: Simone de Beauvoir über Alberto Giacometti, Marilyn Monroe und Charlie Chaplin

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CC BY-ND Flickr/Tekke

Simone kannte sie alle, vom „weißen Champignon“ Truman Capote bis hin zu Colettes „Katzengesicht“.

Ach, Paris. Dort tummelt sich in den 1940er und 1950er Jahren alles, was in Kunst und Kultur einen Namen hat. Besonders in Saint-Germain-des-Prés ist die Promi-Dichte hoch. Simone kennt viele der alteingesessenen und aufstrebenden Stars persönlich, trifft sie auf ein Glas im Deux Magots oder Café de Flore. Selbstverständlich hat sie zu allen eine Meinung und teilt diese ihrem amerikanischen Liebhaber Nelson Algren in zahlreichen Briefen mit. Der kriegt so einen guten Eindruck vom Leben der Pariser Bohème – und von Simones Gedanken zu Berühmtheiten wie Marilyn Monroe oder Franz Kafka (in den, so scheint es, Simone zumindest ein kleines bisschen verknallt war).

Violette Leduc (Schriftstellerin, 1907-1972): „Ich hege eine Art Bewunderung für sie und viel Sympathie; wenn ich in Paris bin, treffe ich sie etwa einmal im Monat, mir liegt nicht viel an ihr, und sie weiß es. Seltsam ist, dass sie sehr frei über ihre Liebe zu mir sprechen und diskutieren kann, als ob es sich um eine Krankheit handle. […] Und nach dem Abendessen gehen wir in eine Bar, und sie wird sehr pathetisch und ich fühle mich scheußlich, und dann verabschiede ich mich und sie geht weg, weinend, ich weiß es, und schlägt ihren Kopf gegen die Wände und denkt an Selbstmord. Sie weigert sich, mit irgend jemandem befreundet zu sein außer mir.“[1]

Boris Vian (Schriftsteller, Jazztrompeter, Schauspieler und Chansonnier, 1920-1959): „Ich mag vor allem den jungen Trompeter, ein interessanter Typ, von Beruf Ingenieur (für den Lebensunterhalt), aber auch ein sehr guter Schriftsteller und ein leidenschaftlicher Trompeter, obwohl er eine Herzkrankheit hat und sterben kann, wenn er zuviel spielt.“[2]

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Édith Piaf (cc Wikipedia)

Édith Piaf (Sängerin, 1915-1963): „Edith Piaf ist manchmal kitschig, aber sie kann wunderbar sein, ihre rauhe Stimme gefällt mir mehr als manche ‚schöne‘ Stimme.“[3]

André Gide (Schriftsteller, 1869-1951): „[…] er war die führende Gestalt vergangener Zeiten, ein sehr kluger Mann, mit witzigen Seiten, der für Freiheit und Päderastie kämpfte. Jetzt ist er ein alter Mann, mit Brille und einem runden weichen Hut, er brachte mich zum Lachen, weil er so freundliche war und zugleich so besorgt, sich nicht länger als drei Minuten mit jemandem einzulassen: es ermüdet ihn, er ist alt.“[4]

Truman Capote (Schriftsteller, 1924-1984): „Ich war bei Ellen Wright und habe dort diese lächerliche Figur getroffen, die Truman Capote heißt. Mit seinem weiten weißen Pullover und seinen blauen Samthosen sieht er aus wie ein weißer Champignon.“[5]

Charlie Chaplin (Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Komponist, 1889-1977): „Alle waren von Chaplin entzückt. Er erklärte, er werde in Anbetracht der Tatsache, dass Eisenhower gewählt worden sei, nicht in die Vereinigten Staaten zurückkehren; er erzählte eine Unmenge Geschichten, war so gut aufgelegt, freundlich und angenehm, dass sogar Sartre von ihm eingenommen war – und das will was heißen. Picasso war die ganze Zeit über wütend, denn er ist es gewohnt, überall die erste Geige zu spielen, diesmal jedoch zählte er nicht, da sich alle nur für Chaplin interessierten. Alle haben viel getrunken. Oona, Chaplins Frau, sagte kein Wort, anscheinend ist das immer so.“[6]

William Faulkner (Schriftsteller, 1897-1962): „[…] er war in Paris, vielleicht ist er immer noch da, ich sah ihn mit Leuten, die ich sehr gut kenne, in einem Restaurant, aber mir lag nichts daran, mit ihm zu sprechen; vor ein paar Jahren wäre das anders gewesen, doch jetzt mag ich ihn nicht mehr besonders. Er sah sehr alt aus, ganz ergraut, er trinkt furchtbar, sagen seine Freunde.“[7]

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Marilyn Monroe (cc BY-NC-SA Flickr/Ultra Swank)

Marilyn Monroe (Schauspielerin, 1926-1962): „Weniger bedeutend, doch ein schöner Film: River without return, mit Mitchum und Marilyn Monroe, ein klassischer Hollywood-Film, doch sie ist wirklich reizend; ich hatte sie nie gesehen, und da ich wusste, dass sie so sexy ist, stellte ich sie mir als eine Art Zsa Zsa Gabor vor, doch sie ist eine gute Schauspielerin und eine angenehme Frau.“[8]

Franz Kafka (Schriftsteller, 1883-1924): „Ich lese gerade das Tagebuch von Kafka, einem wirklich anziehenden, fesselnden Mann. Niemand ist mir so sympathisch, ich meine, scheint mir so vollkommen liebenswert, außer van Gogh.“[9]

Albert Camus (Schriftsteller, Journalist und Dramaturg, 1913-1960): „Jedesmal, wenn wir ihn sehen, ist er mit einer neuen Frau zusammen (obwohl er Frau und Kinder hat).“[10]

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Colette (cc Wikipedia)

Colette (Schriftstellerin und Variétékünstlerin, 1873-1954): „[…] sie ist die einzig wirklich große Schriftstellerin in Frankreich, wirklich eine große Schriftstellerin. Sie war einst eine wunderschöne Frau, tanzte in Music-Halls, schlief mit einer Menge Männern, schrieb pornographische Romane und dann gute Romane. Sie liebte die Natur, die Blumen, die Tiere und die Liebe und auch das allerkultivierteste Leben; sie schlief auch mit Frauen. Sie mochte gutes Essen und guten Wein, kurz alle guten Dinge des Lebens, und erzählte wunderbar davon. Jetzt ist sie 75 Jahre alt und hat immer noch die faszinierendsten Augen und ein reizendes dreieckiges Katzengesicht; sie ist sehr fett, behindert, ein bisschen taub, aber sie erzählt und lächelt und lacht so, dass niemand auf den Gedanken käme, eine jüngere, schönere Frau anzuschauen.“[11]

Alberto Giacometti (Bildhauer und Maler, 1901-1966): „Er lebt ziemlich ärmlich und trägt schmutzige Kleider; er scheint Schmutz zu mögen: ein Bad zu nehmen ist ein Problem für ihn. […] Er arbeitet 15 Stunden am Tag, vor allem nachts, und immer, wenn man ihn sieht, hat er Gips an den Kleidern, den Händen und in seiner üppigen schmutzigen Mähne […].“[12]

Rita Hayworth (Schauspielerin, 1918-1987): „Danach gab es einen Empfang; man hätte etwas Glanzvolles erwartet, wo doch Sartre so brillant und Rita Hayworth so schön ist. Aber es war wirklich komisch (gewissermaßen): ich habe noch nie ein so langweiliges Abendessen erlebt. […] ich saß Rita Hayworth gegenüber, versuchte, mit ihr zu sprechen und betrachtete ihre schönen Schultern und Brüste, die mehr als einen Mann verrückt gemacht hätten, für mich aber so nutzlos waren. Sie war sehr angeödet, Sartre war sehr angeödet, alle waren angeödet.“[13]

Jean Genet (Schriftsteller und Dramatiker, 1910-1986): „Als ich zu den Deux Magots zurückkam, traf ich Jean Genet, den Einbrecher-Päderasten, er war sehr nett und witzig […].“[14]

Maurice Merleau-Ponty (Philosoph, 1908-1961): „Er ist ein sehr alter Freund, der älteste, den ich habe, ich kenne ihn seit zwanzig Jahren, er arbeitet hart mit uns an den T.M. (die von Sartre gegründete Zeitschrift Les Temps Modernes, Anm.), im Rundfunk usw. Persönlich mag ich ihn nicht so sehr […].“[15]

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Marcel Mouloudji (cc Wikipedia)

Marcel Mouloudji (Sänger und Schauspieler, 1922-1994): „Er hasst es aber, wenn sich Leute über ihn lustig machen, hauptsächlich in eleganten, snobistischen Lokalen. Einmal hat sich eine schöne, schön gekleidete Frau, die von einer Menge Bewunderern umgeben war, über ihn lustig gemacht und, während er sang, Papierbällchen nach ihm geworfen. Er konnte nichts tun, stand wie verloren im Bühnenlicht, halb blind, schwitzend und sehr unglücklich. Aber im großen und ganzen ist er zufrieden, er lernt eine Menge durch diese Erfahrungen.“[16]

Orson Welles (Schauspieler, Regisseur und Autor, 1915-1985): „Es war die Rede davon, dass Orson Welles den Senator spielen würde (in der Verfilmung von Sartres Stück Die respektvolle Dirne, Anm.), aber er war nur unter der Bedingung einverstanden, dass eine weitere Szene eingefügt wurde […]. Er verlangte auch eine kleine Vorrede […]. Orson Welles kam also für den Film nicht in Frage. Was für eine dumme, eingebildete, widerliche Person er ist!“[17]

Richard Wright (Schriftsteller, 1908-1960): „Er war wirklich nett; wenn er will, hat er Humor.“[18]

[1] Simone de Beauvoir (1999): Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren 1947-1964, Rowohlt, S. 36.

[2] Ebd., S. 39.

[3] Ebd., S. 173.

[4] Ebd., S. 333.

[5] Ebd., S. 433.

[6] Ebd., S. 717.

[7] Ebd., S. 749.

[8] Ebd., S. 766.

[9] Ebd., S. 776.

[10] Ebd., S. 207.

[11] Ebd., S. 261.

[12] Ebd., S. 137.

[13] Ebd., S. 72.

[14] Ebd., S. 101.

[15] Ebd., S. 170.

[16] Ebd., S. 635.

[17] Ebd., S. 702f.

[18] Ebd., S. 116.

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Paris, je t’aime: Städtetrip mit Simone de Beauvoir #3

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CC BY Flickr/Cristian Bortes

Paris: die Stadt der Liebe… und die Stadt der Simone de Beauvoir. Heute: der Jardin du Luxembourg.

Was: Jardin du Luxembourg

Wo: 6. Arrondissement (Quartier Latin)

Paris bietet eine Vielzahl an Parks und Grünflächen – der Jardin du Luxembourg aber war Simone de Beauvoirs Lieblingspark. Hier war sie schon als kleines Mädchen mit ihrer Schwester Hélène und dem Kindermädchen unterwegs. Den Park sah sie als einzigen großen Spielplatz, trotz der zahlreichen Verbotsschilder. Als junge Frau nutzte Beauvoir den Park besonders gerne zum Lesen: Während ihrer Abiturvorbereitungen schleppte sie die Schulbücher in den englischen Teil des Parks, in die Nähe des Medicibrunnen. Natürlich nur, wenn das Wetter es erlaubte. In ihren Memoiren erinnert Beauvoir sich:

Mit meinem Matrosenhut auf dem Kopf glaubte ich auszusehen wie ein erwachsenes junges Mädchen. Ich las Faguet, Brunetière, Jules Lemaître, ich atmete den Duft des Rasens ein und fühlte mich so frei wie die Studenten, die lässig durch den Garten bummelten. Ich verließ die Umzäunung und strich unter den Arkaden des Odéons umher.

Als Studentin verabredete Beauvoir sich mit ihrem Kommilitonen und Freund Maurice Merleau-Ponty im Park; die beiden schlenderten über die Wege, redeten und diskutierten. Später löste Jean-Paul Sartre Merleau-Ponty ab – auf einer Bank im Jardin du Luxembourg besiegelten Beauvoir und Sartre 1929 ihren „Pakt“.

Briefe an Simone de Beauvoir: Die schönsten Liebesbekundungen von Jean-Paul Sartre

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Simone de Beauvoir hatte sie drauf, die Kunst der schriftlichen Liebesschwüre. Aber ihr Partner Jean-Paul Sartre war darin auch nicht schlecht.

Ja, Jean-Paul Sartre war ein richtiger Frauenheld. Seine Beziehung zu Simone de Beauvoir bestand zwar ein halbes Jahrhundert – ansonsten umgab der Philosoph sich allerdings gerne mit allerlei „Zufallslieben“. Die schönsten Liebesbekundungen waren aber für Beauvoir reserviert, wie seine Briefe zeigen.

  1. „Ich liebe Sie zärtlich, mon amour. Sie hatten gestern ein bezauberndes kleines Gesicht, als sie sagten: ‚Ach, Sie hatten mich angeschaut, Sie hatten mich angeschaut‘, und wenn ich daran denke, zerspringt mein Herz vor Zärtlichkeit.“
  1. „Meine kleine morganatische Ehefrau.“ („morganatisch“ bedeutet für Sartre und Beauvoir so viel wie „ungesetzlich“ – sie tauften ihre Beziehung 1929 „morganatische Ehe, Anm.)
  1. „Hier ein paar zärtliche Worte, einfach so und nur, um Ihnen zu sagen, dass ich Sie von ganzem Herzen liebe.“
  1. Mon cher amour, Sie können nicht wissen, wie ich jede Stunde des Tages an Sie denke, die ganze Welt hier ist erfüllt von Ihnen. Manchmal fehlen Sie mir, und ich habe ein wenig Kummer (ein ganz, ganz klein wenig), andere Male bin ich glücklich zu denken, dass der Castor existiert und sich Maronen kauft und spazierengeht; nie verlässt mich der Gedanke an Sie, und ich führe im Geist kleine Gespräche mit Ihnen.“ (Castor, also Biber, war Beauvoirs Spitzname, Anm.)
  1. „Ich küsse Sie auf Ihre beiden mageren Wangen, mon amour.“
  1. „Mein süßer Castor, ich liebe Sie sehr ängstlich und sehr heftig.“
  1. „Ich liebe Sie, mein süßer kleiner Castor, ich habe sehr große Lust, Sie wiederzusehen, Ihren kleinen Arm zu nehmen und mit Ihnen zusammen spazierenzugehen. Ich küsse Sie ganz leidenschaftlich.“
  1. „Ich möchte bei Ihnen sein, mon amour, Sie allein können mir das Gefühl geben, in einer neuen Gegenwart zu leben, o Zauber meines Herzens und meiner Augen, Stütze meines Lebens, mein Gewissen und meine Vernunft. Ich liebe Sie ganz leidenschaftlich, und ich brauche Sie.“
  1. „Sie sind meine Zuflucht und ich brauche Sie sehr.“
  1. „Ich habe so große Lust, Nachrichten von Ihnen zu bekommen, dass ich sogar Beschreibungen von Fußwanderungen in der schönen Natur gierig lesen werde.“
  1. „Und dann müssen Sie wissen, dass ich ungeheuer froh bin, dass Sie existieren. Sie sind für mich beständiger als Paris, das zerstört werden kann, beständiger als alles: Sie sind mein ganzes Leben, das ich bei meiner Rückkehr wiederfinden werde.“
  1. „Ich kann nicht getrennt von Ihnen sein, denn Sie sind so etwas wie die Konsistenz meiner Person.“
  1. „Sie sind mein ganzes Leben.“
  1. „Man kann nicht – nicht einmal Sie – mehr an jemandem hängen, als ich an Ihnen hänge.“
  1. „Sie sind eine ganz warme kleine Präsenz, ganz nahe bei mir.“

Foto: CC BY Flickr/Blandine le Cain

Paris, je t’aime: Städtetrip mit Simone de Beauvoir #2

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Dort, wo Beauvoir zur Schule ging, ist heute nur noch ein Buchgeschäft. (c) Julia Korbik

Paris: die Stadt der Liebe… und die Stadt der Simone de Beauvoir. Heute: Die Schule Cours Désir.

Was: Privatschule Cours Désir

Wo: Rue Jacob 6

Mit fünfeinhalb Jahren wurde Simone de Beauvoir 1913 in die Privatschule Cours Désir geschickt. Hier wurden Töchter aus gutem Hause auf ihr Leben als Ehe- und Hausfrauen vorbereitet, die Erziehung war streng katholisch.

Das désir im Namen pflegte das Lehrpersonal desir („dösir“) auszusprechen – schließlich bedeutet désir soviel wie Begehren, und das ist so gar nicht christlich-keusch. Also versuchte man, den anrüchigen Begriff durch eine andere (falsche) Aussprache zu entschärfen. Benannt war die Schule nach Adeline Désir, die sie 1853 gründete.

Simone de Beauvoir freute sich auf den Schulbesuch und das damit verbundene Lernen – aber je älter sie wurde, desto weniger begeistert war sie vom Unterricht am Cours Désir. Beauvoir hatte mitbekommen, wie ihr Cousin Jacques über seine Ausbildung am Collège Stanislas sprach und spürte, dass den Jungen sehr viel mehr und vor allem sehr viel Wichtigeres beigebracht wurde. Ihre Lehrerinnen sah sie nur noch als „lächerliche Betschwestern“. Also nahm Beauvoir es zusammen mit ihrer besten Freundin Zaza selbst in die Hand, ihren Horizont zu erweitern: Sie lasen, diskutierten und entwickelten eigene Standpunkte.

Paris, je t’aime: Städtetrip mit Simone de Beauvoir #1

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(c) Julia Korbik

Paris: die Stadt der Liebe… und die Stadt der Simone de Beauvoir. Heute: Das Geburtshaus auf dem Boulevard du Montparnasse.

Was: Geburtshaus

Wo: Boulevard du Montparnasse 103

Hier wurde Simone Ernestine Lucie Marie Bertrand de Beauvoir am 9. Januar 1908 um vier Uhr morgens geboren. In ihren Memoiren schreibt Beauvoir:

Aus meinen ersten Jahren finde ich in mir nur noch einen unbestimmten Eindruck von etwas, das rot, schwarz und warm ist. Die Wohnung war rot, und rot auch der Moquetteteppich, das Renaissance-Speisezimmer, die gepresste Seide, die die Glastüren verkleidete, sowie die Plüschvorhänge in Papas Arbeitszimmer.

Die Wohnung der Familie Beauvoir befand sich über dem Café La Rotonde, gegenüber vom Le Dôme.

Briefe an Sartre: Die 15 schönsten Liebesbekundungen von Simone de Beauvoir

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„Schatz, ich liebe dich“ – total langweilig. Simone de Beauvoir zeigt, wie abwechslungsreich sich Liebe ausdrücken lässt.

Viel ist über die Beziehung von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre geschrieben, diskutiert und gelästert worden. Aber eines muss man den beiden lassen: Um Worte waren sie – fast – nie verlegen. Waren sie getrennt, schickten sie sich Briefe. In den Briefen an Sartre und Briefe an Simone de Beauvoir und andere sind hunderte davon erhalten. Meistens geht es darin um Alltagserlebnisse, kleine Lästereien und Bücher, die das intellektuelle Paar gerade las. Dazwischen finden sich in Beauvoirs Briefen aber auch zahlreiche Liebesbekundungen – mal kitschig, mal zärtlich, mal unterhaltsam. Hier sind die Top 15 der schönsten Liebesschwüre aus den Briefen an Sartre.

  1. „Ich küsse Sie, mein süßer Kleiner; ich möchte Ihre kleine Person ganz fest drücken und sie für immer behalten.“
  1. „Bis morgen, mein lieber Kleiner, mon amour, meine liebe Vergangenheit und meine schöne so sehr erwartete Zukunft.“
  1. „Ich liebe Sie, mein liebes Glück und mein schönes kleines Absolutes.“
  1. „Fühlen Sie mich genauso nah, wie ich Sie fühle, Sie anderes ich?“
  1. „Wie ich Sie liebe. Wie Sie mir fehlen.“
  1. „Ich wusste wohl, dass ich Sie liebte, aber ich liebe Sie noch mehr, als ich es wusste.“
  1. „Als ich heute früh nach einem Schlaf, in dem ich nicht an Sie gedacht hatte, aufwachte, habe ich mich plötzlich daran erinnert, dass Sie existieren, und mein Herz floss über vor Freude.“
  1. „Ich bin, ob nah oder fern, ganz die Ihre.“
  1. „Ich bin aus Zärtlichkeit für Sie ganz zusammengebrochen.“
  1. „Schreiben Sie schön, Kleiner. Mein Herz verlässt Sie nicht.“
  1. „Ich liebe Sie mit etwas Tragik und ganz heftig.“
  1. „Wenn ich vergäße, mich bei Ihrem Tod aus Leidenschaft umzubringen, würde ich schließlich vor Sehnsucht langsam verdorren, und ich würde so oder so beerdigt – kommen Sie mir zurück.“
  1. „Ohne Sie bin ich verstümmelt, mon amour. Es ist nicht direkt schmerzhaft, aber es ist traurig. Sie allein zählen für mich auf der Welt.“
  1. „Es scheint mir, wenn ich Sie wiedersehen werde, wird mir der Atem ausgehen.“
  1. „Ich gebe Ihnen eine Menge guter kleiner französischer Küsse auf Ihr ganzes Kleines Gesicht.“

Da seufzen selbst die Buchstaben vor lauter amour.

Foto: CC BY-ND Flickr/Boris SV

Claudine Monteil: „Ich möchte ein leidenschaftliches Leben haben wie Simone de Beauvoir“

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Hausbesuch bei Claudine Monteil, die Simone de Beauvoir in den 1960ern kennenlernte und zu ihrer Weggefährtin wurde – und sich auch heute noch durch ihr großes Vorbild inspirieren lässt.

Der Januartag in Paris ist mild und sonnig, eher Frühling als Winter. Nur ein paar Minuten zu Fuß und man ist in der belebten Gegend rund um den Tour Montparnasse, auch der Boulevard Saint-Germain mit seinen berühmten Literaten-Cafés ist in der Nähe. Doch die Straßen rund um den Montparnasse-Friedhof sind ruhig. Jede Ecke hier atmet Simone de Beauvoir: In der Rue Schoelcher, die direkt an den Friedhof grenzt, lebte Beauvoir von 1955 bis zu ihrem Tod 1986. Ihre letzte Ruhestätte fand sie neben ihrem Partner Jean-Paul Sartre, nur wenige Schritte vom Eingang des Friedhofs entfernt.

Ich bin auf dem Weg zu Claudine Monteil, Autorin, Historikerin, ehemalige Diplomatin und Weggefährtin Simone de Beauvoirs. Ihre Wohnung liegt in einer Seitenstraße und Monteil selbst öffnet mir die Tür: eine kleine, zierliche Frau in ihren 60ern, mit auffälliger Brille, pinkem Lippenstift und sorgfältig frisierten, kurzen Haaren. An den Wänden der kleinen, hellen Wohnung, hängen Zeichnungen und Gemälde von Hélène de Beauvoir, Simone de Beauvoirs jüngerer Schwester, mit der Monteil eng befreundet war. Im bunt dekorierten Wohnzimmer springt mit sofort ein großes Gemälde ins Auge: Simone de Beauvoir in einer gelben Bluse, lächelnd. Claudine Monteil bietet mir einen Stuhl an – er stammt aus dem Besitz Hélène de Beauvoirs. Sie selbst nimmt neben einer mürrisch aussehenden Katze auf dem Sofa Platz.

Madame, wann und wie haben Sie Simone de Beauvoir kennengelernt?

Ich werde mit meiner Mutter anfangen. 1949 heiraten meine Mutter und mein Vater – beide sind junge Studenten – und beschließen, sich der wissenschaftlichen Forschung zu widmen. Mein Vater ist Mathematiker, meine Mutter wollte Chemikerin werden. An Stelle eines Hochzeitsgeschenks lädt ein berühmter Mathematiker meine Mutter ein, einen Kaffee mit ihm zu trinken und sagt ihr: „Jetzt werden Sie die wissenschaftliche Forschung aufgeben, um sich ganz ihrem Mann zu widmen, der ein großer Mathematiker werden wird.“

Claudine Monteil ist eine lebendige Erzählerin, die das Gesagte mit dramatischen Gesten und wirkungsvoll eingesetzten Pausen unterstreicht. Oft wechselt sie beim Sprechen in die Gegenwart, wie, um ihre Zuhörerin in die damalige Zeit zu versetzen. Sie kann sich an jedes Detail erinnern.

Wie hat Ihre Mutter darauf reagiert?

Sie hat ihren Kaffee getrunken und gesagt: „Danke für Ihren Rat, den ich nicht befolgen werde.“ Sie war schon mit mir schwanger, es war der Beginn ihrer Schwangerschaft. Am selben Tag geht sie an einem Büchergeschäft vorbei und sieht dort im Schaufenster den ersten Band von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht, der gerade erschienen ist (In Frankreich wurde das Buch, anders als in Deutschland, in zwei Bänden veröffentlicht, Anm.). Also kauft sie das Buch und sie beschließt, zu kämpfen: Sie würde eine große Wissenschaftlerin werden! Ich bin also im November 1949 geboren, als der zweite Band von Das andere Geschlecht erschien. Als ich Simone de Beauvoir endlich traf, sagte ich deshalb: „So, ich bin ein wenig das Kind des Anderen Geschlechts.“ Simone sagte mir: „Claudine, Sie sind das enfant terrible des Anderen Geschlechts!“ (lacht) Meine schwangere Mutter las Das andere Geschlecht, dann wurde ich geboren und genau 20 Jahre später klingelte ich an Simone de Beauvoirs Tür.

Wie sind Sie mit ihr in Kontakt gekommen?

Ich war sehr aktiv in der 68er Bewegung und dadurch habe ich Jean-Paul Sartre getroffen. Er war aktiv in der linken Bewegung nach 68, die sehr misogyn war, sehr macho. Deshalb haben viele Frauen die Studentenbewegung verlassen und die Bewegung für die Befreiung der Frauen (Mouvement pour la Libération des Femmes, MLF) wurde gegründet.

Die mürrisch aussehende Katze findet offenbar, dass ich als Besucherin zu viel Aufmerksamkeit bekomme. Sie gibt unwillige Laute von sich und Claudine Monteil fängt an, sie zu kraulen. Unser Interview wird nun begleitet von wohligem Schnurren.

Wie sah Ihre Rolle im MLF aus?

Ich arbeitete mit Fabrikarbeiterinnen zusammen, es gab eine Gruppe zum consciousness raising. Ich stand jeden Morgen um sechs Uhr früh auf, um in den Fabriken Flugblätter zu verteilen. Simone de Beauvoir hörte über Jean-Paul Sartre von mir. Und sie lud mich ein: Es gab eine kleine Gruppe von Frauen, die sich jeden Sonntagnachmittag bei Simone de Beauvoir traf. Zu diesem Zeitpunkt war ich 20 Jahre alt – ich war die Jüngste in der Gruppe. Außer mir waren da unter anderem noch Alice Schwarzer, die Schauspielerin Delphine Seyrig und die Anwältin Gisèle Halimi.

Sie hatten also eine Einladung zum Treffen von Beauvoirs kleiner Gruppe. Wie war Ihr erstes Zusammentreffen mit dieser berühmten Feministin und Autorin?

Simone de Beauvoirs Wohnung war ein Maleratelier, sehr groß und hell. Und es gab Regale mit hunderten von Puppen aus der ganzen Welt. Das waren schöne Puppen, aber… Wenn man ankam, fixierten einen die Augen dieser Puppen! Man war sowieso schon eingeschüchtert vom Gedanken, Simone de Beauvoir zu treffen, und dann auch noch diese Puppen. Zur damaligen Zeit war Beauvoir eine celebrity! Vor dem Treffen hatte man mir eingeschärft, ich solle pünktlich um fünf Uhr kommen, denn Simone de Beauvoir hasste Unpünktlichkeit. Also bin ich um fünf vor fünf vor ihrem Haus. Ich warte, und um exakt fünf Uhr klingele ich. Simone de Beauvoir öffnet die Tür. Sie ist das Idol meines Lebens, das Idol meiner Mutter, mein Herz schlägt. Sie ist 62, also 42 Jahre älter als ich. Das Erste, was sie sagt, ist: „Sie sind zu spät!“

Claudine Monteil beugt sich vor und breitet dramatisch die Arme aus. Sie lacht.

Welch eine Begrüßung!

Ich gucke auf meine Uhr (tut so, als würde sie auf ihre Armbanduhr gucken) und sage: „Entschuldigen Sie, Madame, aber ich bin pünktlich!“ Sie antwortet: „Aber schauen Sie auf meine Uhr, es ist sieben Minuten nach fünf.“ Tja, die anderen Frauen aus der Gruppe hatten vergessen mir zu sagen, dass ihre Uhr sieben Minuten vorging…

Wie ging es nach diesem Vorfall weiter?

Zu dem Zeitpunkt ist das Ganze bereits riesiges ein Desaster für mich. Also beschließe ich, mich hinzusetzen – es ist noch ein Platz auf dem Sofa frei. Ich setze mich und fühle hinter mir etwas Hartes. Ich bin also dabei, mich auf etwas draufzusetzen: eine wunderschöne Holztafel, die eine ägyptische Maske darstellt. Simone de Beauvoir sagt: „Ah ja, das ist ein Geschenk von Nasser (Gamal Abdel Nasser, ägyptischer Offizier und Ministerpräsident, Anm.), es ist 3 Millionen Jahre alt.“ war Das ist also die Geschichte, wie ich fast ein Millionen Jahre altes Geschenk von Nasser zerstört hätte.

Beim Gedanken an diesen Vorfall lacht Claudine Monteil laut auf. Die gerade noch verhinderte Zerstörung eines teuren Kunstwerks, und das auch noch beobachtet von hunderten bedrohlicher Puppenaugen.

Sie hatten wirklich kein Glück…

Danach sage ich mir: Jetzt setze ich mich hin, werde ruhig sein und Simone de Beauvoir zuhören. Und in dem Moment dreht sie sich zu mir und sagt: „Nun, was schlagen Sie für die Abtreibungskampagne vor?“ Simone de Beauvoir hatte eine außergewöhnliche Stärke, und zwar, dass sie mit allen auf Augenhöhe sprach. Sie liebte es, mit anderen zu diskutieren und ihnen zuzuhören. Aber: Da sie einen sehr schnellen Geist hatte – und auch sehr schnell sprach – musste man genauso schnell sprechen wie sie. Wenn man nicht so schnell antwortete wie sie, war’s das. Man interessierte sie nicht mehr. Eine richtige challenge, eine Herausforderung!

Und, haben Sie schnell genug reagiert?

Natürlich! Ich war Teil der 68er Generation, wir liebten es, zu reden! Es war toll, dass Simone de Beauvoir uns zuhörte, wir mit ihr diskutieren konnten. Das ging auf ihren Vater zurück. Beauvoirs Eltern hatten zwei Töchter, Simone und Hélène. Und so sprach der Vater Georges de Beauvoir, Spross einer alten aristokratischen Familie, mit Simone, als sei sie sein Sohn. Er sprach mit ihr von gleich zu gleich und sie hat während ihres ganzen Lebens das Gleiche gemacht.

Meine Frage scheint Claudine Monteil zu amüsieren – wer 25 Jahre lang mit Simone de Beauvoir befreundet war, musste in der Tat schnell reagieren können. Wie konnte ich etwas anderes erwarten!

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Das Gemälde in Claudine Monteils Wohnzimmer stammt von Hélène de Beauvoir

Sie haben auch Hélène de Beauvoir getroffen, die jüngere Schwester Simone de Beauvoirs. Wie kam es dazu?

Ich habe sie nicht sofort getroffen, weil Simone de Beauvoir sehr geheimnistuerisch war, wenn es um ihre Schwester ging. Unter uns, in der Frauengruppe, nannten wir Hélène „Totem und Tabu“. Simone de Beauvoir war nämlich trotz allem sehr einschüchternd, man konnte sie nicht einfach fragen: „Kannst du uns nicht mal Hélène vorstellen?“ Das war nicht möglich!

Trotzdem kam es zu einer ersten Begegnung.

Eines Tages sage ich zu Simone de Beauvoir: „Ich werde in Straßburg das Haus für misshandelte Frauen (Foyer des femmes battues) eröffnen.“ Simone guckt komisch und antwortet: „Nun, wenn Sie nach Straßburg fahren, würde meine Schwester Sie dort gerne treffen.“ Ein Wunder! (Hélène de Beauvoirs Mann Lionel de Roulet arbeitete damals für den Europarat in Straßburg, Anm.) Simone sagt mir auch: „Hélène möchte sich dem MLF anschließen.“ Ich finde das toll, aber Simone scheint nicht besonders erfreut. Also fahre ich nach Straßburg und treffe Hélène de Beauvoir.

Wie war es?

Wissen Sie, den coup de foudre, die Liebe auf den ersten Blick, gibt es eben nicht nur in der Liebe, sondern auch in der Freundschaft. Und bei mir und Hélène war es der coup de foudre der Freundschaft. Als ich nach Paris zurückkomme, will Simone wissen, wie alles gelaufen ist, die Einweihung und das Wochenende mit ihrer Schwester. Ich erzähle ihr, dass Hélène Präsidentin des Hauses für misshandelte Frauen ist, und sie sagt: „Das erstaunt mich nicht, aber ich bin nicht erfreut. Jetzt wird sie behaupten, dass sie vor mir Feministin war.“ Sie wirft ihrer jüngeren Schwester vor, sie zu kopieren, dasselbe zu machen wie sie. Das war ein bisschen ungerecht. Aber Simone war eben die Ältere und Hélène die Kleine. Wie dem auch sei, Hélène wurde meine Freundin und wohnte immer bei mir, wenn sie nach Paris kam.

Tatsächlich wird Hélène de Beauvoir in ihren Memoiren später schreiben: „Ohne mir dessen bewusst zu sein, war meine Lebenseinstellung die einer Feministin. Und Feministin war ich schon lange vor meiner Schwester.“

Sie haben Die Schwestern Beauvoir geschrieben, eine Art Doppelbiografie von Simone und Hélène de Beauvoir. Wie kam es dazu?

Das war ganz simpel. Ich stand Simone de Beauvoir sehr nahe, aber noch mehr Hélène – und das ganze 25 Jahre lang. Ich habe viele Wochenenden im Elsass bei Hélène und ihrem Mann Lionel de Roulet verbracht. Wir hatten eine wirklich familiäre Beziehung. Ich liebte sie sehr, sie waren für mich ein bisschen wie Großeltern. Als Simone de Beauvoir 1986 starb, hatte ich bereits den Plan, etwas zu schreiben. Aber erst als 2001 Hélène starb, sagte ich zu meinem Verleger: „Ich möchte schreiben, ich möchte die Geschichten dieser beiden Schwestern erzählen. Was sie für mich dargestellt haben. Das wird mein Abschiedsbrief sein.“ So war das. Ich bin natürlich nicht in der Position, das zu sagen, aber ich finde, es ist ein Buch, in dem man die Emotionen spürt, man spürt die Liebe, die Zärtlichkeit, man fühlt, dass ich sie geliebt habe.

Ich könnte mir vorstellen, dass es schwierig ist, ein Buch über Menschen zu schreiben, denen man so nahe stand wie sie den Schwestern Beauvoir.

An dem Tag, als ich mit dem Schreiben des Buches fertig war, war ich sehr traurig. Denn da waren sie wirklich tot. Ich habe über ein Jahr an dem Buch geschrieben und während dieses Jahres waren sie da. Mit diesem Buch wollte ich auch Hélène de Beauvoir einen Platz geben. Hélène war nämlich nicht sehr bekannt. Sie war eine begabte Malerin, aber sie hatte nicht viele Ausstellungen in Frankreich, eher in den USA und Japan…

Was bedeutet Simone de Beauvoir heute für Sie persönlich?

Simone de Beauvoir war toll für meine Mutter, aber sie war auch toll für mich, für meine Generation. Ich habe immer besonders ihre Memoiren gemocht. Denn in ihren Memoiren erzählt sie von ihren Reisen, ihren politischen Analysen, ihren Diskussionen, ihren Streits, ihrer Unterstützung Intellektueller, ihrem Kampf gegen die Diktatur, usw. Ich war ein Teenager, als ich die Memoiren las und ich sagte mir: „Ich möchte ein leidenschaftliches Leben haben wie Simone de Beauvoir.“

Claudine Monteils Augen strahlen. Das mit dem leidenschaftlichen Leben hat sie gut hinbekommen: Sie ist viel gereist, hat mehrere Posten als Diplomatin innegehabt, zahlreiche Bücher – darunter einige Biografien – geschrieben und scheint mit Ende 60 immer noch die Energie einer jungen Frau zu haben.

Haben Sie den Eindruck, dass Simone de Beauvoir für die jungen Frauen, die jungen Feministinnen, heute noch eine Rolle spielt?

Sie ist jetzt eher eine mythische Gestalt. Auch, weil die jungen Leute heute viel weniger dicke Bücher lesen – und Das andere Geschlecht ist ein dickes Buch! Was von den Jungen mehr gelesen wird, zumindest in Frankreich, sind die Memoiren einer Tochter aus gutem Haus. In der Schule liest man manchmal einen Ausschnitt aus Das andere Geschlecht. Also kennen die jungen Leute den Namen „Simone de Beauvoir“, aber nicht mehr. Momentan denkt man darüber nach, Beauvoirs Memoiren in den Éditions de la Pléiade (in der Klassiker vor allem der französischen Literatur veröffentlicht werden, Anm.) zu veröffentlichen – das würde ihr unter Lehrkräften einen Teil ihres Ansehens zurückgeben.

Das heißt, dieses Ansehen hat sie jetzt nicht?

Genau. Wissen Sie, viele Gymnasiallehrer, besonders die Männer, möchten nicht, dass über Simone de Beauvoir gesprochen wird. Sie hat immerhin Das andere Geschlecht geschrieben und einige können dieses Buch nicht ausstehen. Daher denke ich, Beauvoir hat heute weniger Einfluss – aber gleichzeitig bleibt sie eine mythische Gestalt. Ich denke, das, was sie gemacht, was sie gezeigt hat, ist immer noch im Zeitgeist.

Simone de Beauvoir wird fast immer als berühmte Feministin gesehen, und als nichts anderes. Sie haben ihre Memoiren und die verschiedenen Kämpfe erwähnt, die sie geführt hat.

Ja, sie hat sich auch für andere Themen eingesetzt! Sie hat sich zum Beispiel gegen den körperlichen Schmerz eingesetzt: In ihrem wundervollen kleinen Buch Ein sanfter Tod prangert sie die Tatsache an, dass man in Frankreich keine Schmerzmittel verschrieb, keine Morphine. Damals hörte niemand auf das, was sie sagte – es waren die 60er. Aber heute ist das in Frankreich ein großes gesellschaftliches Thema geworden. Ein anderes Beispiel: Als ich Simone de Beauvoir in den 60er traf, schenkte sie mir ihr neues Buch, das gerade erschienen war, Das Alter. Ein Meisterwerk! Es handelt von der Art und Weise, wie man ältere Menschen behandelt, quer durch die Zivilisation und die menschliche Geschichte hindurch. Dieses Buch ist heute sehr aktuell. Beauvoir hat also gesellschaftliche Themen angesprochen, sie hat gegen den Faschismus gekämpft, gegen alle Formen der Diktatur, für die Dekolonisierung, für die Befreiung der Frauen… Und da ist jetzt sehr aktuell – aber die Jungen wissen nicht unbedingt, woher das kommt. Es kommt daher, dass Simone de Beauvoir schon vor 40 Jahren Fragen gestellt hat.

In Claudine Monteils Bücherregal stehen die Werke Simone de Beauvoirs neben ihren eigenen, dicht an dicht. Viele der beauvoirschen Bücher sind zerlesen, als hätte jemand sie immer wieder in die Hand genommen, durchgeschaut, intensiv studiert.

Welches ist Ihr Lieblingsbuch von Simone de Beauvoir?

Ich würde sagen, jedes Buch hat mich persönlich berührt – ich habe sie gelesen, als ich sehr jung war. Man könnte also sagen, ich wurde mit diesen Büchern großgezogen. Aber die, die mich am meisten berührt und zu dem gemacht haben, was ich bin, sind die beiden Bände der Memoiren: In den besten Jahren und Der Lauf der Dinge. Denn ich habe mir gesagt: „Ich will ein leidenschaftliches Leben wie sie haben. Es ist möglich, weil sie es hat.“ Das hat mich ungeheur geprägt. Und ich bin immer noch davon geprägt. Ab und zu lese ich vor dem Einschlafen ein, zwei Seiten, das erinnert mich an meine Jugend. Und ich sage mir: „Merci, Simone de Beauvoir.“

Fotos: (c) Julia Korbik