Literatur-Schnellcheck: Alle Menschen sind sterblich (1946)

Literatur-Schnellcheck

Was würde passieren, wenn wir unsterblich wären? Dieser Frage geht Simone de Beauvoir in ihrem dritten Roman nach.

Worum es geht

Fosca, ein italienischer Adeliger, ist dank eines Zaubertranks unsterblich. Im Paris der 1930er Jahre lernt der lebensmüde Fosca die Schauspielerin Régine kennen, die sein Herz erobern will, um so selbst einzigartig und auf eine gewisse Art unsterblich zu werden. Fosca erzählt ihr von den Abenteuern, die er in den letzten 600 Jahren erlebt hat: Er hat Kriege geführt und wurde bekriegt, hat Macht gewonnen und sie wieder verloren, hat sich verliebt und ist doch nie glücklich geworden.

Worum es wirklich geht

Darum, dass das Leben durch Unsterblichkeit sinnlos wird. Der Philosoph Martin Heidegger glaubte, alles Seiende, die menschliche Existenz, sei immer Sein zum Tode. Erst der Tod verleiht dem Leben einen Sinn. Allerdings verursacht die Aussicht, eines Tage zu sterben, natürlich auch Angst – diese Angst prägt die menschliche Existenz. Beauvoirs Existentialismus hingegen ist lebensbejahender: Das Sein erhält durch die Aussicht, sterben zu können, einen Sinn – aber es ist trotzdem nicht Sein zum Tode. Beauvoir geht stattdessen davon aus, dass die menschliche Existenz von Entwürfen bestimmt wird: Jeder Entwurf ist ein neuer Ausgangspunkt, mit dem der Mensch sich immer wieder aufs Neue in die Zukunft, und nicht auf den Tod hin, entwirft.

Was das Buch lesenswert macht

Die bunten und schillernden Beschreibungen europäischer Geschichte: Vom norditalienischen Carmona im 13. Jahrhundert geht es an den Hof von Kaiser Karl V. und ins Frankreich der Julirevolution von 1830. Trotzdem: Alle Menschen sind sterblich ist nicht unbedingt Simone de Beauvoirs bestes Buch. Teilweise sehr langatmig und detailversessen liest es sich eher wie ein Geschichtsbuch als ein Roman.

Insiderwissen

Bei der Kritik kam Alle Menschen sind sterblich nicht besonders gut an – es wurde verrissen. Beauvoir schreibt in ihren Memoiren: „In den Jahren 1943 und 1944 war ich mit dem Begriff der Geschichtlichkeit vertraut gemacht worden, und nun wollte ich von diesem Begriff ausgehen. Mein Held, den Reichtum und Ruhm nicht zufriedenstellen können, fordert Einfluss auf den Lauf der Welt. Ich verfiel auf den Gedanken, ihm die Unsterblichkeit zu verleihen. Dann würde sein Scheitern umso schrecklicher sein.“

Zum Zitieren

‘Es ist ein furchtbarer Fluch’, sagte er. Er blickte auf sie hin: ‚Ich lebe und habe kein Leben. Ich werde niemals sterben und habe doch keine Zukunft. Ich bin niemand. Ich habe keine Geschichte und habe kein Gesicht.‘

Briefe an Simone de Beauvoir: Die schönsten Liebesbekundungen von Jean-Paul Sartre

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Simone de Beauvoir hatte sie drauf, die Kunst der schriftlichen Liebesschwüre. Aber ihr Partner Jean-Paul Sartre war darin auch nicht schlecht.

Ja, Jean-Paul Sartre war ein richtiger Frauenheld. Seine Beziehung zu Simone de Beauvoir bestand zwar ein halbes Jahrhundert – ansonsten umgab der Philosoph sich allerdings gerne mit allerlei „Zufallslieben“. Die schönsten Liebesbekundungen waren aber für Beauvoir reserviert, wie seine Briefe zeigen.

  1. „Ich liebe Sie zärtlich, mon amour. Sie hatten gestern ein bezauberndes kleines Gesicht, als sie sagten: ‚Ach, Sie hatten mich angeschaut, Sie hatten mich angeschaut‘, und wenn ich daran denke, zerspringt mein Herz vor Zärtlichkeit.“
  1. „Meine kleine morganatische Ehefrau.“ („morganatisch“ bedeutet für Sartre und Beauvoir so viel wie „ungesetzlich“ – sie tauften ihre Beziehung 1929 „morganatische Ehe, Anm.)
  1. „Hier ein paar zärtliche Worte, einfach so und nur, um Ihnen zu sagen, dass ich Sie von ganzem Herzen liebe.“
  1. Mon cher amour, Sie können nicht wissen, wie ich jede Stunde des Tages an Sie denke, die ganze Welt hier ist erfüllt von Ihnen. Manchmal fehlen Sie mir, und ich habe ein wenig Kummer (ein ganz, ganz klein wenig), andere Male bin ich glücklich zu denken, dass der Castor existiert und sich Maronen kauft und spazierengeht; nie verlässt mich der Gedanke an Sie, und ich führe im Geist kleine Gespräche mit Ihnen.“ (Castor, also Biber, war Beauvoirs Spitzname, Anm.)
  1. „Ich küsse Sie auf Ihre beiden mageren Wangen, mon amour.“
  1. „Mein süßer Castor, ich liebe Sie sehr ängstlich und sehr heftig.“
  1. „Ich liebe Sie, mein süßer kleiner Castor, ich habe sehr große Lust, Sie wiederzusehen, Ihren kleinen Arm zu nehmen und mit Ihnen zusammen spazierenzugehen. Ich küsse Sie ganz leidenschaftlich.“
  1. „Ich möchte bei Ihnen sein, mon amour, Sie allein können mir das Gefühl geben, in einer neuen Gegenwart zu leben, o Zauber meines Herzens und meiner Augen, Stütze meines Lebens, mein Gewissen und meine Vernunft. Ich liebe Sie ganz leidenschaftlich, und ich brauche Sie.“
  1. „Sie sind meine Zuflucht und ich brauche Sie sehr.“
  1. „Ich habe so große Lust, Nachrichten von Ihnen zu bekommen, dass ich sogar Beschreibungen von Fußwanderungen in der schönen Natur gierig lesen werde.“
  1. „Und dann müssen Sie wissen, dass ich ungeheuer froh bin, dass Sie existieren. Sie sind für mich beständiger als Paris, das zerstört werden kann, beständiger als alles: Sie sind mein ganzes Leben, das ich bei meiner Rückkehr wiederfinden werde.“
  1. „Ich kann nicht getrennt von Ihnen sein, denn Sie sind so etwas wie die Konsistenz meiner Person.“
  1. „Sie sind mein ganzes Leben.“
  1. „Man kann nicht – nicht einmal Sie – mehr an jemandem hängen, als ich an Ihnen hänge.“
  1. „Sie sind eine ganz warme kleine Präsenz, ganz nahe bei mir.“

Foto: CC BY Flickr/Blandine le Cain

Briefe an Sartre: Die 15 schönsten Liebesbekundungen von Simone de Beauvoir

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„Schatz, ich liebe dich“ – total langweilig. Simone de Beauvoir zeigt, wie abwechslungsreich sich Liebe ausdrücken lässt.

Viel ist über die Beziehung von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre geschrieben, diskutiert und gelästert worden. Aber eines muss man den beiden lassen: Um Worte waren sie – fast – nie verlegen. Waren sie getrennt, schickten sie sich Briefe. In den Briefen an Sartre und Briefe an Simone de Beauvoir und andere sind hunderte davon erhalten. Meistens geht es darin um Alltagserlebnisse, kleine Lästereien und Bücher, die das intellektuelle Paar gerade las. Dazwischen finden sich in Beauvoirs Briefen aber auch zahlreiche Liebesbekundungen – mal kitschig, mal zärtlich, mal unterhaltsam. Hier sind die Top 15 der schönsten Liebesschwüre aus den Briefen an Sartre.

  1. „Ich küsse Sie, mein süßer Kleiner; ich möchte Ihre kleine Person ganz fest drücken und sie für immer behalten.“
  1. „Bis morgen, mein lieber Kleiner, mon amour, meine liebe Vergangenheit und meine schöne so sehr erwartete Zukunft.“
  1. „Ich liebe Sie, mein liebes Glück und mein schönes kleines Absolutes.“
  1. „Fühlen Sie mich genauso nah, wie ich Sie fühle, Sie anderes ich?“
  1. „Wie ich Sie liebe. Wie Sie mir fehlen.“
  1. „Ich wusste wohl, dass ich Sie liebte, aber ich liebe Sie noch mehr, als ich es wusste.“
  1. „Als ich heute früh nach einem Schlaf, in dem ich nicht an Sie gedacht hatte, aufwachte, habe ich mich plötzlich daran erinnert, dass Sie existieren, und mein Herz floss über vor Freude.“
  1. „Ich bin, ob nah oder fern, ganz die Ihre.“
  1. „Ich bin aus Zärtlichkeit für Sie ganz zusammengebrochen.“
  1. „Schreiben Sie schön, Kleiner. Mein Herz verlässt Sie nicht.“
  1. „Ich liebe Sie mit etwas Tragik und ganz heftig.“
  1. „Wenn ich vergäße, mich bei Ihrem Tod aus Leidenschaft umzubringen, würde ich schließlich vor Sehnsucht langsam verdorren, und ich würde so oder so beerdigt – kommen Sie mir zurück.“
  1. „Ohne Sie bin ich verstümmelt, mon amour. Es ist nicht direkt schmerzhaft, aber es ist traurig. Sie allein zählen für mich auf der Welt.“
  1. „Es scheint mir, wenn ich Sie wiedersehen werde, wird mir der Atem ausgehen.“
  1. „Ich gebe Ihnen eine Menge guter kleiner französischer Küsse auf Ihr ganzes Kleines Gesicht.“

Da seufzen selbst die Buchstaben vor lauter amour.

Foto: CC BY-ND Flickr/Boris SV

Literatur-Schnellcheck: Das Blut der anderen (1945)

Literatur-Schnellcheck

In ihrem zweiten Roman setzt Simone de Beauvoir sich mit dem Zweiten Weltkrieg und der Besetzung Paris‘ durch die Deutschen auseinander. Sie fragt nach der Freiheit des Einzelnen – und nach der Verantwortung, die diese mit sich bringt.

Worum es geht

Jean Blomart wacht bei seiner sterbenden Geliebten Hélène, die bei einer Aktion der Résistance tödlich verletzt wurde. Dabei lässt er Revue passieren, wie aus ihm – einem Sohn aus reichem, bürgerlichem Hause – ein Kommunist und Résistance-Kämpfer wurde, wie er Hélène kennenlernte und was ihre Beziehung so kompliziert machte. Das Blut der anderen ist abwechselnd aus Jeans und Hélènes Sicht geschrieben: Während Jean sich als Teil des Kollektivs fühlt und Verantwortung für andere übernimmt, sieht Hélène sich als davon radikal losgelöst und macht vor allem das, was sie will. Durch Jean erkennt Hélène, dass sie als Einzelne sehr wohl Verantwortung für andere hat – und schließt sich der Résistance an.

Worum es wirklich geht

Um Beauvoirs Lieblingsthema: der Andere, bzw. die Anderen. Wie stehen die als individuell erlebten Erfahrungen und die universelle Realität zueinander? Die Freiheit ist für jeden Menschen grundlegend für seine Existenz – aber was passiert, wenn diese „individuelle“ Freiheit auf die „individuelle“ Freiheit eines anderen trifft? Beauvoir möchte zeigen, dass Handlungen einzelner Auswirkungen auf andere haben. Es sich einfach zu machen und nicht zu handeln, ist keine Option, denn auch Nicht-Handeln bedeutet Handeln.

Was das Buch lesenswert macht

Wie in Sie kam und blieb gelingt es Beauvoir auch in Das Blut der anderen, existentielle Probleme in literarischer Form auszudrücken. Sie macht aus etwas Abstraktem etwas sehr Konkretes. Das gilt vor allem für den Freiheitsbegriff: Freiheit bedeutet eben auch Verantwortung und daraus abgeleitet Engagement. Das ist an einigen Stellen etwas plakativ und moralisierend – angesichts der historischen Umstände, unter denen das Buch entstand (Zweiter Weltkrieg und Besetzung Paris‘), aber verständlich.

Insiderwissen

Simone de Beauvoir selbst stimmte den Kritiken der damaligen Zeit zu: Das Blut der anderen war schlechter als ihr Debutroman Sie kam und blieb. Und das, obwohl sie fand: „Mein zweiter Roman war also kunstvoller konzipiert als der erste. Die Sicht der menschlichen Beziehungen war umfassender und wahrer.“ Aber Das Blut der anderen sei zu sehr „Tendenzroman“, gäbe zu sehr eine bestimmte Maxime vor. Außerdem attestiert Beauvoir den Protagonisten in ihrem Buch „zu wenig Dichte“. Das Blut der anderen markiert den Beginn von Beauvoirs „moralischer Periode“ ihrer literarischen Laufbahn, während der sie versuchte, ein philosophisches Prinzip der Moral zu entwickeln. Anders als die Protagonisten in Das Blut der anderen tat Beauvoir sich während der deutschen Besatzung übrigens nicht durch besonders mutige Widerstandsaktionen hervor – eine Tatsache, die sowohl Beauvoir als auch Jean-Paul Sartre nach Ende des Krieges Kritik einbrachte.

Zum Zitieren

Wieder betrachtete sie ihre Finger und sah plötzlich traurig aus: ‚Als ich klein war, glaubte ich an Gott und das war herrlich; jeden Augenblick verlangte man etwas von mir. Damals schien es mir, als müsste ich existieren; es war eine Notwendigkeit.‘ Ich sah ihr lächelnd in die Augen: ‚Ich glaube, Ihr Irrtum besteht darin, dass Sie sich vorstellen, der Sinn Ihres Lebens würde Ihnen fertig in den Schoß fallen: das ist falsch, wir müssen ihn uns selbst erringen.‘

Bild: CC BY Flickr/Christopher Dombres

Schreiben, aber wie? 10 Tipps von Simone de Beauvoir

Schreiben

Denn Schreiben will gelernt sein.

„Ich wollte einen Roman schreiben, das ist alles, und das war schon viel.“

(In den besten Jahren, 1969)

Kein Zweifel: Simone de Beauvoirs Werk ist beeindruckend. Essays, Artikel, Romane… Und viele davon gelten als Klassiker, so wie Das andere Geschlecht. Das Schreiben ist der Französin allerdings nicht immer leicht gefallen – es war etwas, das sie erst lernen musste. Auch der schriftstellerische Erfolg stellte sich nicht sofort ein: Eine Kurzgeschichten-Sammlung war von zwei Verlagen abgelehnt worden, bevor 1943 endlich Beauvoirs Debütroman Sie kam und blieb 1943 erschien.

Simone de Beauvoir ist der schriftstellerische Erfolg also nicht einfach zugeflogen. Im Gegenteil, er war harte Arbeit! Das Gute ist: Beauvoir hat Schreiben und Literatur immer wieder thematisiert – und ein paar nützliche Tipps hinterlassen

#1 Sei motiviert

Mein Verlangen zu schreiben reicht weit zurück. Ich schrieb Geschichten im Alter von acht, aber viele Kinder tun das. Es bedeutet nicht wirklich, dass sie eine Berufung zum Schreiben haben. Es mag sein, dass in meinem Fall die Berufung verstärkt wurde, weil ich den religiösen Glauben verloren hatte. Es ist auch wahr, dass ich, wenn ich Bücher las, die mich tief bewegten – so wie George Eliots Die Mühle am Floss – ich furchtbar gerne so sein wollte wie sie: Jemand, dessen Bücher gelesen würden, dessen Bücher Leser bewegen würden.

#2 Lass dich inspirieren

Die Literatur tritt in Erscheinung, wenn irgendetwas im Leben aus den Fugen gerät. [Es] gilt als erste Voraussetzung für das Schreiben, dass die Realität aufhört, selbstverständlich zu sein. Nur dann ist man in der Lage, sie zu sehen und sie zu zeigen.

#3 Mach deine eigenen Regeln…

„Jedes Gespräch muss Handlung sein, das heißt, es muss das Verhältnis der Personen zueinander und die Gesamtsituation ändern. Zudem muss während seines Ablaufs sich andernorts etwas Wichtiges begeben: Der Leser, dessen Aufmerksamkeit auf ein Ereignis gelenkt wird, von dem ihn ein Packen Druckseiten trennt, empfindet so wie die Romanfiguren den Widerstand und das Vergehen der Zeit.“

#4 …aber halte dich nicht sklavisch daran

Als ich zum Beispiel Die Mandarins schrieb, entwarf ich Charaktere und eine Atmosphäre rund um ein bestimmtes Thema, und Stück für Stück nahm die Handlung Gestalt an. Aber gewöhnlich beginne ich, einen Roman zu schreiben, lange bevor ich die Handlung ausgearbeitet habe.

#5 Nutze eigene Erfahrungen und Erlebnisse

Man sollte danach streben, zu erfinden, ohne zu fälschen.

#6 Mach es nicht komplizierter, als es ist

Wenn ich nach Namen gucke, benutze ich das Telefonbuch oder versuche, mich an Namen von ehemaligen Schülerinnen zu erinnern.

#7 Such dir Vorbilder

Von den Einflüssen, die auf mich gewirkt haben, ist der Hemingways […] am offensichtlichsten. Wichtig an seinen Erzählungen schien mir unter anderem der Verzicht auf sogenannte objektive Schilderungen: Landschaften, Szenerien, Dinge werden immer in der Sicht des Helden dargestellt, in der Perspektive der Handlung. […] Ich versuchte wie er [Hemingway], Ton und Rhythmus des gesprochenen Wortes zu imitieren, ohne Scheu vor Wiederholungen und Banalitäten.

#8 Zeig Haltung

Hemingway war genau die Art von Schriftsteller, welche sich niemals engagieren wollte. Ich weiß, dass er am spanischen Bürgerkrieg beteiligt war, aber als Journalist. Hemingway war niemals engagiert, und deshalb denkt er, dass in der Literatur nur ewig ist, was nicht überholt ist, nicht engagiert. Ich stimme dem nicht zu. Im Falle vieler Schriftsteller ist es auch ihre politische Haltung, die sie mich mögen oder ablehnen lässt.

#9 Hab Geduld

Wenn nicht ungewöhnliches Glück im Spiel war, forderte das Unternehmen, aus dem Nichts und aus sich selbst ein erstes, einigermaßen geglücktes Buch hervorzubringen, endlose Versuche und Irrwege, viel Arbeit und lange Zeit – das wusste ich. Schreiben, sagte ich mir, ist ein Metier, das man durch Schreiben lernt.

#10 Bleib dran

Wenn die Arbeit gut läuft, verbringe ich eine Viertelstunde oder eine halbe Stunde damit, zu lesen, was ich am Vortag geschrieben habe, und mache ein paar Korrekturen. Dann mache ich von da an weiter. Um den Faden wieder aufzunehmen, muss ich lesen, was ich gemacht habe.

Letztendlich bringt all das aber nichts, wenn man vom Schreiben immer nur spricht und es nie tut:

In der Zeit meines Heranwachsens und meiner frühen Jugend war meine Berufung ehrlich, aber leer gewesen. Ich beschränkte mich darauf zu erklären: „Ich will Schriftstellerin werden.“ Jetzt handelte es sich darum, herauszufinden, was ich schreiben wollte und wie weit ich dazu in der Lage wäre: Es musste geschrieben werden.

Der beste Tipp ist also der: Hinsetzen und mit dem Schreiben anfangen.

Quellen: Simone de Beauvoir (1969): In den besten Jahren (S. 287-310), Rowohlt / Madeleine Gobeil (1965): Simone de Beauvoir, The Art of Fiction No. 35, The Paris Review.

Bild: CC BY Flickr/Matthias Ripp

Literatur-Schnellcheck: Sie kam und blieb (1943)

Literatur-Schnellcheck

Simone de Beauvoirs Debutroman erzählt von einer Ménage à trois im Paris der 1930er Jahre. Und bietet gleichzeitig eine Einführung in die Grundideen des Existentialismus.

Das Buch

Sie kam und blieb (französischer Originaltitel: L’invitée), erschienen 1943. Simone de Beauvoirs Debutroman, der sogar als aussichtsreicher Kandidat für den prestigeträchtigen Prix Goncourt galt.

Worum es geht

Die Schriftstellerin Françoise und ihr Partner, Regisseur und Schauspieler Pierre, sind ein schillerndes Paar. Als Teil der Pariser Bohème der 1930er ziehen die beiden von einer Bar zur anderen, von der Theaterpremiere zur Arbeit am nächsten Werk. Françoise und Pierre leben eine offene Beziehung, die auf absoluter Ehrlichkeit basiert. Sie arbeiten zusammen, stehen ständig im geistigen Austausch miteinander. Sie sind glücklich – eigentlich. Denn da ist noch die kapriziöse Xavière: eine junge Frau aus der Provinz, derer das intellektuelle Paar sich angenommen hat. Xavière lässt sich ziellos durchs Leben treiben, ist launisch und unberechenbar, neigt zur Melancholie. Françoise und Pierre sind fasziniert von diesem widersprüchlichen Geschöpf – durch Xavières Augen werfen sie einen neuen Blick auf ihre Beziehung und treffen eine Entscheidung: Zusammen wollen sie ein Trio bilden, eine Ménage à trois. Doch die Liebe zu dritt ist nicht einfach und schon bald empfindet Françoise die Anwesenheit Xavières nicht mehr als stimulierend, sondern als Bedrohung.

Worum es wirklich geht

Darum, wie wir andere sehen – und wie wir selber gesehen werden. Im Prinzip ist Sie kam und blieb die romaneske Umsetzung des sartreschen Existentialismus. Françoise muss feststellen, dass Xavière ein Individuum ist, ein anderes Bewusstsein, welches ihr eigenes Bewusstsein bedroht. Sie kam und blieb zeigt auch, wie unterschiedlich eine Situation von verschiedenen Menschen wahrgenommen wird: Unsere Wahrnehmung ist die unsere, nicht aber die anderer.

Was das Buch lesenswert macht

Die Dialoge, in denen die Charaktere eindringlich existentielle Probleme diskutieren. Françoises innere Monologe, in denen sie sich und ihre Umgebung schonungslos betrachtet. Die Beschreibung der Pariser Bohème mit all ihren exotischen Persönlichkeiten, Konkurrenzkämpfen und Lästereien. Kleine, leuchtende Sätze wie dieser: „Und doch ist das Leben aus Augenblicken gemacht (…). Wenn jeder einzelne leer ist kannst du mich nicht überzeugen, dass das ein volles Ganzes ergibt.“

Insiderwissen

In Sie kam und blieb verarbeitet Simone de Beauvoir ihre eigene, unglückliche Erfahrung mit einer Dreierbeziehung: In den 1930er Jahren bildeten sie und Sartre ein Trio mit einer ehemaligen Schülerin Beauvoirs, Olga Kosakiewicz. Die Beziehung war für alle Beteiligten nervenaufreibend und aussichtslos. Trotzdem: Mit Kosakiewicz verband Sartre und Beauvoir bis an ihr Lebensende eine enge Freundschaft.

Zum Zitieren

Ihr Leben war ein und dasselbe; sie sahen es nicht immer unter dem gleichen Blickpunkt; durch seine Wünsche, Launen und Stimmungen gewann jedes von ihnen einen Aspekt davon, aber nichtsdestoweniger war es das gleiche Leben. Weder Zeit noch Entfernung konnten es auseinander trennen; sicherlich gab es Straßen, Ideen und Gesichter, die zuerst für Pierre, und andere, die zuerst für Françoise ins Dasein traten, doch diese Augenblicke der Trennung knüpften sich jeweils treulich an ein gemeinsames Ganzes an, in dem das Mein und das Dein nicht mehr zu unterscheiden war. Keiner von beiden brachte davon jemals das kleinste Teil für sich auf die Seite; das wäre der schlimmste Verrat gewesen, der einzige, der zwischen ihnen überhaupt auszudenken war.

Bild: CC 0 Flickr/Christopher Dombres