Briefe an Nelson Algren: Die 10 schönsten Liebesbekundungen von Simone de Beauvoir

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Sie war sein Frosch, er ihr Chicago Boy: In hunderten von Briefen lebten Simone de Beauvoir und Nelson Algren ihre transatlantische Liebe.

Die französische Existentialistin und der amerikanische Autor lernen sich 1947 in Chicago kennen. Simone de Beauvoir redet so schnell und mit so starkem französischem Akzent, dass Nelson Algren sie meistens nicht richtig versteht. Doch trotz sprachlicher Schwierigkeiten verlieben die Beiden sich ineinander, schreiben und besuchen sich in den folgenden Jahren regelmäßig. Algren möchte seine Simone gerne heiraten – doch die hält an ihrem Pariser Leben und an ihrem Partner Jean-Paul Sartre fest. Die große Liebesgeschichte zwischen Frankreich und Amerika endet in Enttäuschung und Verbitterung. Was bleibt, sind die poetisch-romantischen, intimen und oftmals verschmitzten Liebesschwüre Simones in ihren Briefen an Algren. Hier sind die Top 10.

  1. „Ich würde gern von Ihnen träumen, aber meine Träume gehorchen mir nicht.“
  2. „Liebster, die ganze Nacht und den ganzen Tag fühle ich mich in Ihre Liebe gehüllt, sie beschützt mich gegen alles Unangenehme; wenn es draußen heiß ist, erfrischt sie mich, wenn ein kalter Wind weht, wärmt sie mich; es scheint mir, ich werde niemals alt werden, niemals sterben, solange Sie mich lieben. Wenn ich an Ihre Umarmung denke, fühle ich diese Erschütterung, von der Sie sprechen, sodass mein ganzer Körper schmerzt.“
  3. „Bitte erwarten Sie mich bei uns und halten Sie einen guten Whisky und Schinken und Marmelade bereit, denn ich werde sehr durstig und hungrig und müde sein. Sie sollten auch viel Liebe vorrätig haben, ganze Büchsen und Flaschen der besten örtlichen Chicagoer Liebe, die Sie bei Ihrem Händler kaufen können.“
  4. „Fühlen Sie, wie sehr ich Sie liebe, bitten fühlen Sie es genau in diesem Augenblick, denn genau jetzt liebe ich Sie so sehr.“
  5. „Nelson, meine Liebe. Nichts passiert, immer noch dieselbe Liebe für Sie, sehr öde.“
  6. „Ich hatte vor, bis 80 zu leben, aber da Sie mit 77 sterben werden, bin ich bereit, mit 78 in Ihren Armen zu sterben. Ich opfere für Sie zwei ganze Jahre meines Lebens, sind Sie dankbar?“
  7. „Wissen Sie, Liebling, Sie müssen mich wirklich lieben, wenn Sie diese Briefe entziffern können, oder Sie lieben mich kaum und es liegt Ihnen gar nichts daran, sie zu entziffern.“
  8. „Wenn Sie genau wissen wollen, wie sehr ich Sie liebe, könne Sie die Buchstaben zählen, die ich geschrieben habe: wie viele ‚a‘, wie viele ‚b‘ usw. Sie nehmen die Zahl, die herauskommt, multiplizieren mit 10345 und Sie erhalten die Anzahl der Küsse, die ich Ihnen während meines Lebens geben möchte.“
  9. „Ich habe für Sie und mich ein Kleid nähen lassen, das mir gefällt, nicht, weil ich es anziehen, sondern weil ich es ausziehen werde. Ich hoffe, Sie werden es als Kleid zum Ausziehen zu schätzen wissen.“
  10. „Nelson, mein Herz ist voll von Ihnen, jeden Atemzug jeder Minute atme ich Ihnen entgegen.“

Foto: CC BY-NC Flickr/Felix & Tibo

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Alle anderen: Simone de Beauvoir über Alberto Giacometti, Marilyn Monroe und Charlie Chaplin

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CC BY-ND Flickr/Tekke

Simone kannte sie alle, vom „weißen Champignon“ Truman Capote bis hin zu Colettes „Katzengesicht“.

Ach, Paris. Dort tummelt sich in den 1940er und 1950er Jahren alles, was in Kunst und Kultur einen Namen hat. Besonders in Saint-Germain-des-Prés ist die Promi-Dichte hoch. Simone kennt viele der alteingesessenen und aufstrebenden Stars persönlich, trifft sie auf ein Glas im Deux Magots oder Café de Flore. Selbstverständlich hat sie zu allen eine Meinung und teilt diese ihrem amerikanischen Liebhaber Nelson Algren in zahlreichen Briefen mit. Der kriegt so einen guten Eindruck vom Leben der Pariser Bohème – und von Simones Gedanken zu Berühmtheiten wie Marilyn Monroe oder Franz Kafka (in den, so scheint es, Simone zumindest ein kleines bisschen verknallt war).

Violette Leduc (Schriftstellerin, 1907-1972): „Ich hege eine Art Bewunderung für sie und viel Sympathie; wenn ich in Paris bin, treffe ich sie etwa einmal im Monat, mir liegt nicht viel an ihr, und sie weiß es. Seltsam ist, dass sie sehr frei über ihre Liebe zu mir sprechen und diskutieren kann, als ob es sich um eine Krankheit handle. […] Und nach dem Abendessen gehen wir in eine Bar, und sie wird sehr pathetisch und ich fühle mich scheußlich, und dann verabschiede ich mich und sie geht weg, weinend, ich weiß es, und schlägt ihren Kopf gegen die Wände und denkt an Selbstmord. Sie weigert sich, mit irgend jemandem befreundet zu sein außer mir.“[1]

Boris Vian (Schriftsteller, Jazztrompeter, Schauspieler und Chansonnier, 1920-1959): „Ich mag vor allem den jungen Trompeter, ein interessanter Typ, von Beruf Ingenieur (für den Lebensunterhalt), aber auch ein sehr guter Schriftsteller und ein leidenschaftlicher Trompeter, obwohl er eine Herzkrankheit hat und sterben kann, wenn er zuviel spielt.“[2]

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Édith Piaf (cc Wikipedia)

Édith Piaf (Sängerin, 1915-1963): „Edith Piaf ist manchmal kitschig, aber sie kann wunderbar sein, ihre rauhe Stimme gefällt mir mehr als manche ‚schöne‘ Stimme.“[3]

André Gide (Schriftsteller, 1869-1951): „[…] er war die führende Gestalt vergangener Zeiten, ein sehr kluger Mann, mit witzigen Seiten, der für Freiheit und Päderastie kämpfte. Jetzt ist er ein alter Mann, mit Brille und einem runden weichen Hut, er brachte mich zum Lachen, weil er so freundliche war und zugleich so besorgt, sich nicht länger als drei Minuten mit jemandem einzulassen: es ermüdet ihn, er ist alt.“[4]

Truman Capote (Schriftsteller, 1924-1984): „Ich war bei Ellen Wright und habe dort diese lächerliche Figur getroffen, die Truman Capote heißt. Mit seinem weiten weißen Pullover und seinen blauen Samthosen sieht er aus wie ein weißer Champignon.“[5]

Charlie Chaplin (Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Komponist, 1889-1977): „Alle waren von Chaplin entzückt. Er erklärte, er werde in Anbetracht der Tatsache, dass Eisenhower gewählt worden sei, nicht in die Vereinigten Staaten zurückkehren; er erzählte eine Unmenge Geschichten, war so gut aufgelegt, freundlich und angenehm, dass sogar Sartre von ihm eingenommen war – und das will was heißen. Picasso war die ganze Zeit über wütend, denn er ist es gewohnt, überall die erste Geige zu spielen, diesmal jedoch zählte er nicht, da sich alle nur für Chaplin interessierten. Alle haben viel getrunken. Oona, Chaplins Frau, sagte kein Wort, anscheinend ist das immer so.“[6]

William Faulkner (Schriftsteller, 1897-1962): „[…] er war in Paris, vielleicht ist er immer noch da, ich sah ihn mit Leuten, die ich sehr gut kenne, in einem Restaurant, aber mir lag nichts daran, mit ihm zu sprechen; vor ein paar Jahren wäre das anders gewesen, doch jetzt mag ich ihn nicht mehr besonders. Er sah sehr alt aus, ganz ergraut, er trinkt furchtbar, sagen seine Freunde.“[7]

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Marilyn Monroe (cc BY-NC-SA Flickr/Ultra Swank)

Marilyn Monroe (Schauspielerin, 1926-1962): „Weniger bedeutend, doch ein schöner Film: River without return, mit Mitchum und Marilyn Monroe, ein klassischer Hollywood-Film, doch sie ist wirklich reizend; ich hatte sie nie gesehen, und da ich wusste, dass sie so sexy ist, stellte ich sie mir als eine Art Zsa Zsa Gabor vor, doch sie ist eine gute Schauspielerin und eine angenehme Frau.“[8]

Franz Kafka (Schriftsteller, 1883-1924): „Ich lese gerade das Tagebuch von Kafka, einem wirklich anziehenden, fesselnden Mann. Niemand ist mir so sympathisch, ich meine, scheint mir so vollkommen liebenswert, außer van Gogh.“[9]

Albert Camus (Schriftsteller, Journalist und Dramaturg, 1913-1960): „Jedesmal, wenn wir ihn sehen, ist er mit einer neuen Frau zusammen (obwohl er Frau und Kinder hat).“[10]

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Colette (cc Wikipedia)

Colette (Schriftstellerin und Variétékünstlerin, 1873-1954): „[…] sie ist die einzig wirklich große Schriftstellerin in Frankreich, wirklich eine große Schriftstellerin. Sie war einst eine wunderschöne Frau, tanzte in Music-Halls, schlief mit einer Menge Männern, schrieb pornographische Romane und dann gute Romane. Sie liebte die Natur, die Blumen, die Tiere und die Liebe und auch das allerkultivierteste Leben; sie schlief auch mit Frauen. Sie mochte gutes Essen und guten Wein, kurz alle guten Dinge des Lebens, und erzählte wunderbar davon. Jetzt ist sie 75 Jahre alt und hat immer noch die faszinierendsten Augen und ein reizendes dreieckiges Katzengesicht; sie ist sehr fett, behindert, ein bisschen taub, aber sie erzählt und lächelt und lacht so, dass niemand auf den Gedanken käme, eine jüngere, schönere Frau anzuschauen.“[11]

Alberto Giacometti (Bildhauer und Maler, 1901-1966): „Er lebt ziemlich ärmlich und trägt schmutzige Kleider; er scheint Schmutz zu mögen: ein Bad zu nehmen ist ein Problem für ihn. […] Er arbeitet 15 Stunden am Tag, vor allem nachts, und immer, wenn man ihn sieht, hat er Gips an den Kleidern, den Händen und in seiner üppigen schmutzigen Mähne […].“[12]

Rita Hayworth (Schauspielerin, 1918-1987): „Danach gab es einen Empfang; man hätte etwas Glanzvolles erwartet, wo doch Sartre so brillant und Rita Hayworth so schön ist. Aber es war wirklich komisch (gewissermaßen): ich habe noch nie ein so langweiliges Abendessen erlebt. […] ich saß Rita Hayworth gegenüber, versuchte, mit ihr zu sprechen und betrachtete ihre schönen Schultern und Brüste, die mehr als einen Mann verrückt gemacht hätten, für mich aber so nutzlos waren. Sie war sehr angeödet, Sartre war sehr angeödet, alle waren angeödet.“[13]

Jean Genet (Schriftsteller und Dramatiker, 1910-1986): „Als ich zu den Deux Magots zurückkam, traf ich Jean Genet, den Einbrecher-Päderasten, er war sehr nett und witzig […].“[14]

Maurice Merleau-Ponty (Philosoph, 1908-1961): „Er ist ein sehr alter Freund, der älteste, den ich habe, ich kenne ihn seit zwanzig Jahren, er arbeitet hart mit uns an den T.M. (die von Sartre gegründete Zeitschrift Les Temps Modernes, Anm.), im Rundfunk usw. Persönlich mag ich ihn nicht so sehr […].“[15]

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Marcel Mouloudji (cc Wikipedia)

Marcel Mouloudji (Sänger und Schauspieler, 1922-1994): „Er hasst es aber, wenn sich Leute über ihn lustig machen, hauptsächlich in eleganten, snobistischen Lokalen. Einmal hat sich eine schöne, schön gekleidete Frau, die von einer Menge Bewunderern umgeben war, über ihn lustig gemacht und, während er sang, Papierbällchen nach ihm geworfen. Er konnte nichts tun, stand wie verloren im Bühnenlicht, halb blind, schwitzend und sehr unglücklich. Aber im großen und ganzen ist er zufrieden, er lernt eine Menge durch diese Erfahrungen.“[16]

Orson Welles (Schauspieler, Regisseur und Autor, 1915-1985): „Es war die Rede davon, dass Orson Welles den Senator spielen würde (in der Verfilmung von Sartres Stück Die respektvolle Dirne, Anm.), aber er war nur unter der Bedingung einverstanden, dass eine weitere Szene eingefügt wurde […]. Er verlangte auch eine kleine Vorrede […]. Orson Welles kam also für den Film nicht in Frage. Was für eine dumme, eingebildete, widerliche Person er ist!“[17]

Richard Wright (Schriftsteller, 1908-1960): „Er war wirklich nett; wenn er will, hat er Humor.“[18]

[1] Simone de Beauvoir (1999): Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren 1947-1964, Rowohlt, S. 36.

[2] Ebd., S. 39.

[3] Ebd., S. 173.

[4] Ebd., S. 333.

[5] Ebd., S. 433.

[6] Ebd., S. 717.

[7] Ebd., S. 749.

[8] Ebd., S. 766.

[9] Ebd., S. 776.

[10] Ebd., S. 207.

[11] Ebd., S. 261.

[12] Ebd., S. 137.

[13] Ebd., S. 72.

[14] Ebd., S. 101.

[15] Ebd., S. 170.

[16] Ebd., S. 635.

[17] Ebd., S. 702f.

[18] Ebd., S. 116.

Ein Pakt für die Freiheit: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre (Teil 2)

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Vom „Pakt“ über eine transatlantische Liebe bis zum Lebensende.

„Ich will versuchen, ihr klar zu machen, sagte sie, dass du nicht etwa ein Mann zwischen zwei Frauen bist, sondern dass wir drei zusammen etwas ganz Besonderes darstellen, etwas, was vielleicht schwierig ist, aber sehr schön und glücklich werden könnte.“

(Françoise zu Pierre in Sie kam und blieb, 1944)

Paris 1936. Simone de Beauvoir ist endlich zurück in ihrer Stadt. Das Exil hat sechs Jahre gedauert: Von 1930 bis 1931 unterrichtete Beauvoir in Marseille, von 1931 bis 1936 in Rouen. Und aus Rouen hat sie etwas mitgebracht. Oder eher, jemanden: ihre ehemalige Schülerin Olga Kosakiewicz. In ihren Memoiren wird Beauvoir Olga später als gute Freundin darstellen, als unglückliche junge Frau, derer sie und Sartre sich angenommen haben. Und es stimmt, Beauvoir, Sartre und Olga waren bis an ihr Lebensende befreundet. Was Beauvoir jedoch verschwieg und was erst durch die Veröffentlichung der Brief-Korrespondenz zwischen ihr und Sartre ans Licht kam: Olga war viel mehr als nur ihre Freundin, sie war ihre Geliebte. Zusammen mit Sartre bildeten die beiden Frauen das „Trio“ welches Beauvoir in ihrem autobiografisch geprägten Debutroman Sie kam und blieb verarbeitete. Beauvoir stellte es stets so dar, als sei zwischen ihr und Olga nichts als Freundschaft gewesen. Sartre sei zwar eifersüchtig gewesen, vor allem, weil er fast zwei Jahre lang erfolglos versuchte, Olga zu verführen. Aber: „Diese Eifersucht mit allen ihren Folgeerscheinungen spielte auf rein platonischer Ebene. […] Es handelte sich bei Sartre um einen rein gefühlsmäßigen Herrschaftsanspruch.“ Von wegen.

Olga: kapriziös, gelangweilt, latent lebensmüde

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Das Trio – Sartres und Beauvoirs Bezeichnung für eine Ménage à trois (CC BY-NC Flickr/id-iom)

Simone de Beauvoir lernt Olga Kosakiewicz 1933 in Rouen kennen. Beauvoir ist 25 Jahre alt, eine junge, attraktive Lehrerin: Sie schminkt sich, trägt Schmuck und schicke Kostüme, versprüht Glanz und Glamour. Viele ihrer Schülerinnen schwärmen für sie und versuchen, sie außerhalb des Unterrichts zu treffen. Beauvoir hingegen ist vom Großteil ihrer Schützlinge gelangweilt – die 17-jährige Olga  erregt trotzdem ihre Aufmerksamkeit: „Ihr blasses, von dichtem blonden Haar umrahmtes Gesicht erschien mir beinahe apathisch, und sie reichte mir so skizzenhaft knappe Arbeiten ein, dass ich Mühe hatte, sie zu beurteilen.“ Olga entpuppt sich als intelligent und Beauvoir, die von diesem kapriziösen, gelangweilten und latent lebensmüden Geschöpf fasziniert ist, beginnt, sich regelmäßig mit ihr in Cafés zu treffen. Olga ist träumerisch und unglücklich und hat keinen Sinn für schulische Bildung. 1935 schlägt Beauvoir – nun nicht mehr Olgas Lehrerin – ihr vor, dass sie und Sartre sich um sie kümmern würden: Sie würden ihren Lebensunterhalt finanzieren und sie unterrichten. Kurze Zeit später zieht Olga in das gleiche Hotel wie Beauvoir und die beiden Frauen beginnen eine Affäre. Auch Sartre findet Gefallen an Olga und als diese Beauvoir 1936 nach Paris folgt, entwickelt sich das, was Beauvoir und Sartre das „Trio“ nennen.

Die Beziehungen innerhalb des Trios sind sehr ungleich. Sartre und Beauvoir fungieren als Eltern, als Autoritätspersonen – Olga ist das Kind, und noch dazu finanziell völlig abhängig von den beiden. Kein Wunder, dass Olgas Gefühle ihren „Eltern“ gegenüber kompliziert sind. Einerseits ist sie dankbar, andererseits fühlt sie sich oft bevormundet und reagiert deshalb trotzig. Wie das Trio funktioniert, beschreibt Beauvoir in Sie kam und blieb: Während sie zwei getrennte Beziehungen haben will, eine zu Sartre, eine zu Olga, besteht Sartre seinerseits auf einem engen Verhältnis zu Olga – ein privilegiertes, natürlich.

Olga mag zwar jung und unerfahren sein, ihm Umgang mit dem sie manisch verfolgenden Sartre ist sie jedoch erstaunlich abgebrüht. Mal lässt sie ihn ganz nah an sich rankommen, dann wieder entzieht sie sich ihm. Sartre macht das verrückt – und Olga für ihn natürlich umso begehrenswerter. Entsetzt müssen Sartre und Beauvoir feststellen, dass sie die kleine, unglückliche Olga nicht so gut kontrollieren können, wie sie dachten. Das anfangs mehr oder wenig harmonische Trio – so harmonisch, wie es mit einer launischen, rebellischen Person wie Olga eben sein kann – entwickelt sich immer mehr zur „Höllenmaschine“. Sartre ist eifersüchtig auf die Beziehung zwischen Beauvoir und Olga und Olga leidet zunehmend unter den Ansprüchen der beiden und darunter, ihr Spielball zu sein. Eigentlich leiden alle drei, aber keiner weiß einen Ausweg aus diesem selbst verursachten Unglück.

Letztlich entzieht sich jeder auf seine Weise dem Trio. Simone de Beauvoir reagiert im Februar 1937 mit einer heftigen Lungenentzündung, die sie wochenlang ans Bett fesselt. Olga lernt den jungen, gutaussehenden Jacques-Laurent Bost kennen – dieser wird „kleiner Bost“ genannt, sein großer Bruder war der Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor Pierre Bost. Olga und Bost verlieben sich. Ostern 1937 kommt Olgas Schwester Wanda zu Besuch nach Paris: Sartre hatte sie bereits in Rouen kennengelernt, nun macht er sich sofort mit Feuereifer daran, die zu umwerben. Das Trio ist gescheitert.

Das Trio, zweiter Versuch

Die Idee des Trios lässt Sartre und Beauvoir jedoch nicht los. Nur weil es beim ersten Mal nicht funktioniert hat, heißt das nicht, dass es nicht theoretisch funktionieren kann. Also wird ein zweiter Versuch gestartet. Die Versuchsanordnung bleibt gleich, nur die Variablen ändern sich: Statt Olga Kosakiewicz heißt die Dritte im Bunde nun Bianca Bienenfeld. Sie und Beauvoir lernen sich 1938 am Lycée Molière kennen, wo Beauvoir unterrichtet. Und wieder entwickelt sich das neue Trio zur Höllenmaschine, vor allem für Bianca. Genüsslich tauschen Sartre und Beauvoir sich in Briefen über Bianca aus (Beauvoir gibt ihr das Pseudonym „Louise Védrine“). Er herrscht Krieg, Sartre leistet seinen Militärdienst auf einer Wetterbeobachtungsstation und Beauvoir hält ihn über alle amourösen Verwicklungen auf dem Laufenden:

Mein süßer Kleiner, auf Wiedersehen, bis morgen. Sonntag bekommen Sie die Fortsetzung der Geschichte mit Védrine. Ich glaube, Sie finden, dass ich ein bisschen gemein zu ihr bin, das ist möglich, ich werde morgen Abend sehen, ob es angebracht ist, nett zu ihr zu sein, aber sie geht mir auf die Nerven.

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Der Sartre-Beauvoir-Platz in Paris (CC BY Flickr/Nico Paix)

Im Februar 1940 einigen sich die beiden schließlich darauf, dass Sartre mit Bianca Schluss machen soll. Sartre schreibt ihr einen Brief, für den Beauvoir ihn tadelt:

Ich weiß wirklich nicht, was Sie sich gedacht haben, aber dieser Brief mit seinen moralischen Ermahnungen und seinen Beteuerungen von Hochachtung war unannehmbar […] Sie (Bianca, Anm.) ist kein Trottel, das haben Sie nicht genügend berücksichtigt.

Wenn Beauvoir und Sartre einen Menschen interessant fanden, waren sie charmant und liebenswürdig – hatten sie genug von diesem Menschen, wurde kurzer Prozess gemacht. Bianca Bienenfeld, die nach ihrer Heirat Bianca Lablin hieß, schrieb über ihre Erlebnisse als Geliebte von Sartre und Beauvoir später das Buch Memoiren eines getäuschten Mädchens (auf Französisch Mémoires d’une jeune fille dérangée, eine Anspielung auf den Titel von Simone de Beauvoirs Autobiografie Mémoires d’une jeune fille rangée). Olga Kosakiewicz sagt über ihre Beziehung zu dem schillernden Paar: „Wir waren alle wie Schlangen, hypnotisiert. […] Wir taten, was sie wollten, denn was auch immer, wir waren so begeistert von ihrer Aufmerksamkeit, so privilegiert, sie zu haben.“

Briefe als sexueller Ersatz

Über die Jahre bleiben Beauvoir und Sartre ihrem Muster treu: Beauvoir bandelt mit einer jungen, etwas hilflosen Frau an – meistens eine Schülerin – führt sie aus, kümmert sich um sie und teilt sie dann mit Sartre. Ihren engsten Freundeskreis nennen Beauvoir und Sartre „la petite famille“, die kleine Familie. Und diese Familie besteht aus einem komplizierten Beziehungsgeflecht, in welchem nur die als Eltern fungierenden Sartre und Beauvoir den Überblick haben und die Strippen ziehen – der Rest wird über viele amouröse Verwicklungen im Unklaren gelassen. So beginnt Beauvoir 1938 eine Affäre mit Jacques-Laurent Bost, der eigentlich mit Olga zusammen ist. Dass Sartre mit Bianca Bienenfeld schläft, darf Wanda nicht erfahren. Und so weiter, und so fort. Trotz des Stresses, der Ansprüche von verschiedenen Seiten und der ständigen Heimlichtuerei scheint das Ganze Beauvoir und Sartre sehr viel Spaß gemacht zu haben. In ihren Briefen beschreiben sie detailliert, wann sie sich wo mit wem getroffen haben – ob Bianca mal wieder eifersüchtig geworden ist, ob Olga und Bost sich gestritten haben. Der Austausch über ihre Schützlinge ist für das intellektuelle Paar so etwas wie ein sexueller Ersatz. Denn im Bett ist der große Sartre nicht so der große Bringer. Ihm macht es viel mehr Spaß, Frauen nachzujagen und sie zu verführen – der Geschlechtsakt an sich interessiert ihn wenig. Beauvoir hingegen hat eindeutige sexuelle Bedürfnisse. „La petite famille“ mit all den kleinen und großen Dramen erlaubt ihnen einen sexuellen Austausch, selbst als sie nicht mehr miteinander schlafen (was nach Beauvoirs Angaben nach ungefähr zehn Jahren Beziehung der Fall war). Sartre mag zwar kein großer Liebhaber gewesen sein, aber oh, er konnte mit Worten umgehen.

Heutigen Lesern mag der Briefverkehr zwischen Sartre und Beauvoir vorkommen wie TMI, Too Much Information – und das in einem Zeitalter, wo das sogenannte oversharing persönlicher Geschichten im Internet völlig normal ist. Sich alles zu sagen sieht bei Beauvoir und Sartre zum Beispiel so aus, wenn sie ihm am 12. Januar 1940 schreibt:

Wir sind also gestern um 11 Uhr zu Védrine [Bianca, Anm.] gegangen – Umarmungen – wenn ich Ihnen alles sagen soll, abgesehen vom üblichen Geruch ihres Körpers roch sie stark fäkal, was die Sache ziemlich unangenehm machte – die Freundschaft mit ihr mag noch gehen, aber die körperliche Beziehung ist mir äußerst unangenehm.

Das Philosophenpaar wirkt von oben herab, ungnädig und zum Lästern aufgelegt. Immerhin: Beide sind sich dessen wohl bewusst. In einem Interview mit Alice Schwarzer 1973 sagt Beauvoir über das Beziehungswirrwarr:

[…] dritte Personen, in Sartres Leben wie in meinem, wussten von Anfang an, dass es da eine Beziehung gab, welche diejenige, die man mit ihnen hatte, erdrücken würde. Das war oft nicht sehr angenehm für sie. Unsere Beziehung ging wirklich ein wenig auf Kosten dieser Dritten. Also ist diese Beziehung durchaus zu kritisieren, denn sie schloss ja manchmal ein, dass man sich den Leuten gegenüber nicht sehr korrekt benahm.

Ja, korrekt war Beauvoirs und Sartres Verhalten oft nicht.

Zwischen Gewohnheit und Abenteuer

Es sind aber nicht Mitglieder der „petite famille“, die den 1929 geschlossenen Pakt ins Wanken bringen. Sondern eine in Amerika lebende Französin, Doloros Vanetti Ehrenreich, und ein waschechter Amerikaner, Nelson Algren. Sartre lernt Vanetti Ehrenreich 1945 in New York kennen. Sie ist mit einem reichen amerikanischen Arzt verheiratet und arbeitet fürs Radio. Mit ihr ist es anders als mit den üblichen sartreschen Affären: Der Philosoph verliebt sich in Vanetti Ehrenreich, verschweigt das gegenüber Beauvoir jedoch. Beauvoir aber bekommt natürlich sehr genau mit, was in ihrem Gefährten vorgeht. Dolores Vanetti Ehrenreich, wird sie später sagen, war die einzige von Sartres Frauen, die ihr jemals Angst gemacht hat. Denn im Gegenteil zu Sartres kleinem Harem in Paris ist Vanetti Ehrenreich der Über-Status des Paares Sartre-Beauvoir ziemlich egal. Sie akzeptiert die von Sartre und Beauvoir diktierten Spielregeln nicht, will Sartre für sich alleine haben. In den nächsten Jahren werden sie und Sartre sich immer mal wieder trennen, um sich kurz danach wieder zu versöhnen. Sie will ihn heiraten, er ziert sich. Sartre sagt über Vanetti Ehrenreich: „Dolores hat mir Amerika gegeben.“ Beauvoir trifft die Geliebte Sartres einmal, als sie selbst 1947 beruflich in New York ist – die beiden Frauen können sich nicht ausstehen. Dolores ist eifersüchtig, Beauvoir krank vor Sorge um ihre und Sartres Zukunft. In ihren Memoiren schreibt sie:

Ich hatte meinen zähen Optimismus eingebüßt: Mir konnte alles widerfahren. Eine Verbindung, die seit über 15 Jahren besteht: Ist sie nicht bereits zur Gewohnheit geworden? Welche Konzessionen bringt sie mit sich? Meine Antwort kannte ich, nicht aber die Sartres.

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Der amerikanische Schriftsteller Nelson Algren (CC BY Wikimedia)

Anfang 1947 reist Beauvoir das erste Mal nach Amerika. Dort soll sie eine Reihe von Vorträgen zum Thema Existentialismus halten. In Chicago lernt Beauvoir den amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren kennen. Sie hat seine Nummer von New Yorker Freunden bekommen: Er sei zwar schwierig und launisch, aber wenn sie in Chicago einen guide bräuchte, könne sie sich gerne bei ihm melden. Der erste Kontakt zwischen Beauvoir und Algren ist wenig vielversprechend. Sie ruft ihn an, er versteht sie aber dank ihres starken französischen Akzents nicht – und legt auf. So geht das ein paar Mal hin und her, bis Beauvoir den Hotel-Telefonisten bittet, Algren anzurufen. Es klappt: Die Französin und der Amerikaner verabreden sich für den Abend.

Kaum hat er Beauvoir erspäht, da teilt diese ihm auch schon mit, dass sie das „richtige“ Chicago sehen will. Also nimmt Algren sie mit in einen Stripclub, in eine afroamerikanische Bar und eine zwielichtige Kneipe. Beauvoir ist begeistert und vor allem begeistert sie Algren. Der hatte mit einer zugeknöpften, arroganten und langweiligen Person gerechnet – die schnell sprechende Französin ist nichts davon. Später erinnert Algren sich:

Sie redete wie ein Wasserfall, mit Intensität, Emphase, Kraft. Ich verstand kein Wort. Später gestand sie mir, dass sie ebenfalls nichts von dem verstanden hatte, was ich sagte. Ich dachte, sie sei eine Lehrerin aus Frankreich. Ich hatte ihren Namen noch nie gehört und war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.

Beauvoir verbringt 36 Stunden in Chicago und die meisten davon mit Algren. Sie sind völlig unterschiedlich, fühlen sich aber sehr zueinander hingezogen. Der 1909 in Detroit geborene Algren ist laut einem Spiegel-Artikel von 1997 „ein Macho, wie er im Buche steht und sich selbst zu Buche schlug: Wer ihn lesen wollte, warnte Hemingway, müsse einiges einstecken können, denn ‚er boxt mit beiden Fäusten und verfügt über gute Beinarbeit‘.“ Algren wuchs in einem Chicagoer Einwanderer- und Arbeiterviertel auf, nach dem Studium hielt er sich mit verschiedenen Jobs über Wasser. Als er Beauvoir kennenlernt, ist Algren 38, ein Jahr jünger als sie. Er hat bereits zwei Romane veröffentlicht und ist gerade dabei, den Roman fertig zu schreiben, der später sein erfolgreichster wird: Der Mann mit dem goldenen Arm.

„Frosch“ und „Krokodil“

In diesem eiskalten Chicagoer Februar beginnt zwischen Simone de Beauvoir und Nelson Algren, der intellektuellen Französin und dem amerikanischen Arbeiterjungen eine Liebesgeschichte, die über drei Jahre andauert – und eine Verbindung, die über fast zwei Jahrzehnte bestehen wird. So oft es geht, besucht sie ihn in Amerika, sie machen gemeinsam Urlaub in Mexiko. Algren kommt sogar nach Paris und lernt dort die „petite famille“ kennen. Sie schicken sich hunderte von Briefen. Er nennt Beauvoir „Frosch“, sie ihn „Krokodil“. Er schenkt ihr einen silbernen Ring, den sie fortan immer trägt. Algren ist der erste Mann, mit dem Beauvoir eine auch sexuell erfüllte Beziehung führt. Im Juni 1947 schreibt Beauvoir ihrem „geliebten Mann“:

Ich weine, weil ich nicht in Ihren Armen weine, das ist überhaupt nicht vernünftig, denn wenn ich in Ihren Armen läge, würde ich nicht weinen. Es ist blödsinnig, Liebesbriefe zu schreiben, man kann die Liebe nicht in Briefe packen, aber was kann man tun, wenn dieser furchtbare Atlantische Ozean zwischen einem selbst und dem Mann, den man liebt, liegt?

So viel Liebe.

Genau wie Dolores Vanetti Ehrenreich will Algren aber mehr, als nur die Zweitbeziehung sein: Er will Beauvoir heiraten. Das kommt für die natürlich überhaupt nicht in Frage, ihre Beziehung zu Sartre hat Priorität. Algren will seine „Frau“ mit niemandem teilen und er versteht nicht, warum Beauvoir so sehr an Sartre und an Paris hängt. Letztlich scheitert die Beziehung zwischen „Frosch“ und „Krokodil“ daran – und vielleicht auch an Algrens Eifersucht auf Beauvoirs internationalen Erfolg: Er ist in Paris, als 1949 Das andere Geschlecht erscheint und bekommt mit, wie seine Freundin über Nacht berühmt wird. 1952 beginnt Beauvoir eine Beziehung mit dem jungen Journalisten Claude Lanzmann, dem ersten und einzigen Mann, mit dem sie jeweils zusammenwohnen wird. Im Jahr darauf heiratet Algren erneut seine Ex-Frau (und lässt sich zwei Jahre später wieder scheiden). Trotzdem bleiben die beiden befreundet, schreiben sich weiterhin Briefe.

Endgültiger Bruch

Zum großen Bruch kommt es, als Simone de Beauvoirs Schlüsselroman Die Mandarins von Paris 1956 in englischer Übersetzung erscheint. In typisch beauvoirscher Manier hat sie darin verarbeitet, was ihr selbst passiert ist – und dazu gehört auch die Beziehung zu einem gewissen Amerikaner. Algren ist empört und verletzt und zieht in der Öffentlichkeit hemmungslos über seine ehemalige Geliebte her. Beauvoir schreibt ihm im Juli 1956:

In Wirklichkeit unterscheidet sich die Liebesgeschichte in Les Mandarins sehr stark von der wahren Wahrheit, ich habe nur versucht, ein kleines Echo aufzuschreiben. Niemand hat begriffen, dass sich der Mann und die Frau, als sie sich für immer trennen, immer noch lieben, und diese Liebe vielleicht niemals sterben wird. Es konnte einfach nur nicht weitergehen. Wenn ich mit klarem Kopf an die Vergangenheit denke, wird mir wieder bewusst, dass ich niemals in den USA hätte leben können, und ich glaube nicht, dass Sie auf Dauer in Paris hätten leben können, und dieses Hin und Her hätte uns auch nicht glücklich gemacht. Ja, ich kann Ihnen versichern, ganz vertraulich, auch für mich war es qualvoll.

1960 kommt Algren noch einmal nach Paris, er und Beauvoir schreiben sich weiterhin. Zum endgültigen Bruch führt 1963 die englische Übersetzung von Der Lauf der Dinge, Beauvoirs drittem Memoiren-Band. Wieder thematisiert sie ihre Beziehung zu Algren und diesmal ist er nicht mehr bereit, ihr das zu verzeihen. Die große transatlantische Liebe endet in Verbitterung und Groll. Kurz vor seinem Tod sagte Algren über Beauvoir: „Ich habe Bordelle in aller Welt frequentiert, und überall haben die Frauen die Zimmertür geschlossen. Nur diese da hat die Tür sperrangelweit geöffnet.“

Komplizierte Charaktere, komplizierte Beziehung

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Das Grab von Sartre und Beauvoir auf dem Friedhof Montparnasse in Paris (CC BY-NC-ND Flickr/gabriele fanelli)

Bleiben wieder – oder immer noch – Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Beide haben sich ernsthaft in andere verliebt und diese anderen bedrohten auf unterschiedliche Weise den Pakt. Doch der Pakt hält – und zwar bis an ihr Lebensende. Beauvoir trägt Nelson Algrens Ring am Finger, als sie 1986 beerdigt wird, aber beerdigt wird sie neben Sartre auf dem Friedhof Montparnasse. Viel ist über den berühmten „Pakt“ diskutiert worden, über diese „morganatische“, also ungesetzliche Ehe, wie Sartre und Beauvoir ihre Beziehung getauft haben. Die Romanistin und Kulturwissenschaftlerin Ingrid Galster schreibt: „Den größten Skandal erregten […] nach Beauvoirs Tod ihre eigenen nicht oder kaum purgierten Briefe an Sartre, die zu zeigen schienen, wie sie selbst die Fäden zog, um ihre privilegierte Stellung bei Sartre zu behalten. Für viele brach damals definitiv der Mythos des intellektuellen Modellpaars zusammen.“ War all das, war der „Pakt“ also nur eine Farce? Ein Konstrukt, in dem er den Ton angab und sie sich ihm fügte? Die Beziehung der beiden so darzustellen, wäre zu einfach. Ebenso wie aus ihr eine Geschichte à la „Sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“ zu machen. Sartre und Beauvoir waren beide komplizierte Charaktere. Warum also sollte ihre Beziehung unkompliziert gewesen sein?

Beauvoir mag oft die Rolle der „Glucke“ übernommen haben, die den in jeder Hinsicht überschwänglichen Sartre im Zaum hielt und beschützte. Die ihn vor der Meute ihn umschwärmender Frauen abschirmte: Ihre privilegierte Position bei Sartre verschaffte ihr Respekt und – neidische – Ehrfurcht. Denn trotz des ganzen Liebeswirrwarrs, ob mit Trio oder ohne, trotz der vielen kleinen und großen Eifersüchteleien: Der Pakt, geschlossen 1929, bot Beauvoir große Vorteile. Als Partnerin Sartres hatte Beauvoir viel mehr Freiheiten als andere Frauen der damaligen Zeit. Sartre behandelte Beauvoir als Ebenbürtige, als Ranggleiche. Anders als oft behauptet war es auch nicht Sartre, der die kleine Bourgeoise Simone zu einer freiheitsliebenden Denkerin machte – auf diesem Weg befand sie sich schon längst, als sie Sartre Ende der 1920er kennenlernte. Alles, was Sartre machen musste war, sie auf diesem Weg zu bestärken. Natürlich stand für Beauvoir durch die ungewöhnliche Beziehung zu Sartre mehr auf dem Spiel als für ihn. Er konnte herumprobieren, sich als unangepassten Bohémien inszenieren und trotzdem seine Chancen auf eine gute Partie damit nicht ruinieren – er war schließlich ein Mann. Beauvoir war eine Frau und von Frauen aus gutem Haus wurde in den 1920er, 1930er Jahren erwartet, dass sie brav und sittsam waren und möglichst jung heirateten.

Mit der Gewissheit, dass ihr Leben sich radikal ändern würde, machte Beauvoir den Schritt ins Blaue. Ohne Vorbilder, immer der Freiheit hinterher. Und Freiheit passiert nicht einfach, sie muss erkämpft werden – auch und besonders in einer Beziehung.

Teil 1: Vom ersten Treffen 1929 bis zum „Pakt“

Zum Weiterlesen

Simone de Beauvoir: Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren 1947-1964 (Rowohlt, 2002)

Simone de Beauvoir: Briefe an Sartre. Band II: 1940-1963 (Rowohlt, 1998)

Bianca Lamblin: Memoiren eines getäuschten Mädchens (Rowohlt, 1994)

Claudine Monteil: Les amants de la liberté. Sartre et Beauvoir dans le siècle (Editions J’ai lu, 2008)

Hazel Rowley: Tête-à-tête: Leben und Lieben von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre (Parthas, 2007)

Bild: CC BY-NC-ND Flickr/RV1864