Simone de Beauvoir und #MeToo

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CC BY Flickr/Jeanne Menjoulet

Würde Simone de Beauvoir heute zu #MeToo twittern, wenn sie einen Twitter-Account hätte? Keine Ahnung. Fest steht aber: Zur aktuellen Debatte hätte sie einiges zu sagen.

Die wohl häufigste Frage, die mir in verschiedenen Interviews in den letzten Wochen zu meinem Buch Oh, Simone! gestellt wurde, war diese: Was würde Simone de Beauvoir zu #MeToo sagen? Wie fände sie diese Diskussion, die gerade geführt wird – eine Diskussion über sexualisierte Gewalt, sexuelle Belästigung und Sexismus? Nun besitze ich natürlich weder eine Wahrsagekugel noch eine Maschine, mit der ich in der Zeit zurückreisen und Simone dort nach ihrer Meinung befragen kann. Aber: Es gibt durchaus verschiedene Dinge, die Simone gesagt, getan oder geschrieben hat, aus denen sich zumindest ableiten lässt, wie sie zu #MeToo stehen und was sie darüber denken würde.

Das Ende der Sexualität

In Das andere Geschlecht analysiert Simone schon 1949 gesellschaftliche Machtstrukturen. Sie fragt danach, wie Männer Macht über Frauen ausüben – und bei dieser Machtausübung spielt natürlich auch die Sexualität eine Rolle. Die größte Bedrohung für diese Art der Machtausübung ist natürlich eine sich verändernde, gleichberechtigtere Gesellschaft. Hellsichtig erkennt Simone, wie sehr Männer sich und ihre Sexualität durch emanzipierte Frauen und Gleichberechtigung bedroht fühlen. Sie schreibt einen Satz, der sich ohne Probleme direkt an Harvey Weinstein (und viele andere Männer) richten könnte: „Niemand ist den Frauen gegenüber arroganter, aggressiver oder verächtlicher als ein in seiner Männlichkeit verunsicherter Mann.“

Männer beharren laut Simone auch deshalb darauf, sich selbst (existentialistisch gesprochen) als das Eine, das Subjekt zu setzen und die Frau als das Andere, das Objekt, weil ein Verschwinden der Differenz angeblich das Ende von Sexualität und Sinnlichkeit bedeuten würde. Die Angst vor diesem Ende, ausgelöst durch Emanzipation und Gleichberechtigung, ist also kein Phänomen der heutigen Zeit. In Das andere Geschlecht geht Simone auf die auch in der #MeToo-Debatte angeführten typischen Argumente à la „Ist Flirten denn jetzt noch erlaubt?“ und „Wenn alle gleich sind, wo soll das hinführen?“ ein. Sie sagt ganz klar: Natürlich werden sich die Machtverhältnisse und damit verbunden die Sexualität zwischen Mann und Frau verändern, wenn sich die Gesellschaft verändert, gleichberechtigter wird – aber nicht unbedingt zum Schlechteren, nur weil gewisse „Praktiken“ nicht mehr als normal gelten:

Sicher wird die Autonomie des weiblichen Geschlechts, wenn sie den Männern manchen Verdruss erspart, ihnen auch viel Unbequemlichkeit bereiten. Sicher gibt es gewisse Arten, das sexuelle Abenteuer zu leben, die der Welt von morgen verlorengehen. Aber das bedeutet nicht, dass die Liebe, das Glück, die Poesie und der Traum aus ihr verbannt wären.

Wohlgemerkt, das schreibt eine Frau Ende der 1940er, als für viele Frauen an erfreuliche Sexualität noch nicht zu denken ist, als Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar ist, in der sexualisierte Gewalt normal und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Die Möglichkeit zum eigenen Narrativ

Im zweiten Teil von Das andere Geschlecht (Titel: Gelebte Erfahrung) lässt Simone zahlreiche Frauen zu Wort kommen, die aus ihrem eigenen Leben berichten, über Sexualität, Mutterschaft und Älterwerden. 1973 geht sie noch weiter und ruft in der von ihr und Jean-Paul Sartre gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes die Rubrik Le Sexisme Ordinaire (zu Deutsch: Der alltägliche Sexismus) ins Leben. Simone fordert ihre Leserinnen auf, ihre eigenen, ganz persönlichen Erlebnisse mit Alltagssexismus aufzuschreiben und einzusenden. Das Ganze kann durchaus als eine Art Vorläufer der #aufschrei- und #MeToo-Debatten 2013 und 2017 gesehen werden. Simone hat schon damals verstanden, wie wichtig es ist, Frauen eine Stimme zu geben. Sie gibt ihnen die Möglichkeit zum eigenen Narrativ, dazu, ihre Geschichten selbst zu erzählen.

Was würde Simone also zu #MeToo sagen? Ich bin mir sicher, dass sie diese Diskussion begrüßen würde – weil sie selbst schon Ende der 1940er begriffen hat, dass das Private politisch ist, dass vermeintlich individuelle Erlebnisse und Probleme oft auf ein gesellschaftliches Muster schließen lassen. In Das Andere Geschlecht stellt sie klar, dass die Sexualität zwischen Mann und Frau nicht einfach verschwinden wird, nur weil diese (irgendwann in der Zukunft) nicht mehr auf männlicher Domination und Gewaltausübung basiert. Für die Männer bedeutet das, dass sie sich von gewissen Mythen und Vorstellungen verabschieden werden müssen:

Dem Mann, der zwischen dem Schweigen der Natur und der anspruchsvollen Anwesenheit anderer Freiheiten steht, erscheint ein Wesen, das sowohl seinesgleichen als auch passives Ding ist, als ein großer Schatz. Die Gestalt, unter der er seine Gefährtin wahrnimmt, mag durchaus mythisch sein, die Erfahrungen, deren Quelle und Vorwand sie ist, sind darum nicht weniger real: es gibt kaum welche, die kostbarer, inniger, glühender wären. Dass die Abhängigkeit, die Unterlegenheit, das Unglück der Frauen diesen Erfahrungen ihren besonderen Charakter verleihen, wird wohl niemand bestreiten.

Frauen als Subjekte anerkennen

Letztendlich, so stellt Simone fest, ist das ganze Gejammere der Männer darüber, was sich durch (zu viel) Gleichberechtigung verändert, nichts mehr als eine Ausrede: Eine Ausrede, um Frauen nicht als gleichwertig, als Subjekte, als Menschen anzuerkennen. Weil die gesellschaftlichen Machtstrukturen nämlich eben darauf basieren, dass Männer Frauen den Objektstatus zuschreiben und sie gerne in diesem halten würden. Wenn Frauen heute #MeToo sagen und ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, mit Belästigung, mit Sexismus schildern, dann machen sie sich selbst zum Subjekt: Sie sorgen dafür, dass sie gehört werden, sie machen ihren eigenen Narrativ öffentlich, sie fordern Veränderungen ein. Und stehen damit, ob bewusst oder unbewusst, auch in der Tradition einer Simone de Beauvoir.

Simone de Beauvoir für Anfängerinnen und Anfänger

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CC BY Julia Korbik

Lust darauf, Simone de Beauvoir zu lesen, aber keine Ahnung, womit anfangen? Hier eine kleine Anleitung.

Sie macht ein bisschen Angst, diese Simone de Beauvoir. Auch über 30 Jahre nach ihrem Tod. Oder, genauer: Sie flößt Respekt ein. Wie oft höre ich denn Satz: „Ich würde ja so gerne mal was von Simone de Beauvoir lesen, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“ Zugegeben, Simone hinterlässt ein nicht eben kleines Œuvre, bestehend aus Erzählungen, Romanen, Briefen und Memoiren (sogar ein Theaterstück hat sie geschrieben!). Witzigerweise greifen viele, die noch nie etwas von Simone gelesen haben, zu ihrem zweiten Memoiren-Band In den besten Jahren – zumindest habe ich das im Freundes- und Bekanntenkreis beobachtet. Und irgendwie ist die Wahl ja auch nachvollziehbar, schließlich heißt es auf dem Buchrücken: „Eine ganze Epoche des geistigen Frankreich mit seiner literarischen, politischen und politischen Avantgarde wird hier lebendig“. Was der Buchrücken nicht erwähnt (warum sollte er auch): Das Ganze ist doch relativ kompliziert, voll mit Namen, Orten und Ereignissen. Da blicken nur die durch, die Simone bereits etwas kennen sowie ihre Briefe an Sartre gelesen haben. Sprich, ein besonders guter Einstieg ins beauvoirsche Werk ist In den besten Jahren nicht. Was sollte man also stattdessen lesen?

Memoiren einer Tochter aus gutem Hause: Befreiung vom elterlichen Milieu

Zum Beispiel Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, Simones erster Memoiren-Band und auch der am sorgfältigsten durchkomponierte, der am liebevollsten geschriebene. Darin erzählt sie von ihrer Kindheit in Paris, vom Aufwachsen in der Bourgeoisie, wo die junge Simone mit dem Gegensatz zwischen dem intellektuellen, aber traditionellen Vater und der katholischen und strengen Mutter klarkommen muss. Das Buch zeichnet nach, wie aus der braven, religiösen und unsicheren Simone eine junge Frau wird, die weiß, was sie will: die Freiheit, ihren Weg zu gehen und über ihr Leben selbst zu bestimmen. Dabei hilft ihr auch die Bekanntschaft mit Jean-Paul Sartre 1929, einer ihrer Kommilitonen an der Pariser Sorbonne. In starkem Kontrast zu Simones Befreiung vom elterlichen Milieu steht die Entwicklung ihrer besten Freundin Zaza, die aus ihrer Zerrissenheit zwischen Freiheitsdrang und Tradition keinen Ausweg findet. Memoiren einer Tochter aus gutem Hause zeigt, wo Simone herkommt, was sie ausmacht und wie sie zu Simone de Beauvoir, der berühmten Schriftstellerin, Philosophin und Feministin werden konnte.

Die Mandarins von Paris: Einblick in das Pariser Intellektuellenmilieu

Ebenfalls gut für den Einstieg geeignet ist Die Mandarins von Paris, der Roman, mit dem Simone 1954 den renommierten Prix Goncourt gewann. Thematisch geht es um die Pariser Intellektuellenszene nach Ende des Zweiten Weltkriegs, um politische Auseinandersetzungen, um Liebe, um Freundschaft. Simone erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Henri Perron, Schriftsteller, Journalist und ehemaliger Résistance-Kämpfer, und aus der von Anne Dubreuilh, Psychologin und Frau des berühmten Intellektuellen Robert Dubreuilh. Hinzu kommt ein buntes Tableau von Nebencharakteren, darunter Annes Tochter Nadine und Henris Geliebte Paule. Simone stellt die ganz großen Fragen, untersucht den Konflikt zwischen Denken und Handeln, analysiert die Bedeutung des Engagements. Wie nebenbei erzählt sie dabei auch noch vom Suchen und Finden der Liebe und was passiert, wenn diese Liebe vorbei ist. Wer Simone schon ein bisschen kennt, wird Spaß daran haben, Parallelen zwischen der Romanhandlung und den Figuren sowie realen Ereignissen und Menschen herzustellen. Die Mandarins von Paris funktioniert aber auch, ohne dass man weiß, wie sehr sich Henri Perron und ein gewisser Albert Camus ähneln…

Sie kam und blieb: nervenaufreibende Ménage-à-trois

Und, noch eine dritte Möglichkeit, sich in Simone „reinzulesen“: Sie kam und blieb. In Simones erstem Roman geht es um eine Ménage-à-trois und auch dieses Buch weist Parallelen zum realen Leben auf (eine ausführliche Zusammenfassung gibt es hier). Noch dazu bietet es alles, was einen typisch beauvoirschen Roman auszeichnet: viele Dialoge, existentialistische Fragen und eine genaue Beobachtungsgabe. Wer sich weniger für Simones literarisches Schaffen und vielmehr für ihre Philosophie interessiert, der sollte es mit der Sammlung Soll man de Sade verbrennen? Drei Essays zur Moral des Existentialismus versuchen. Hier legt Simone ihre Version der von Sartre formulierten existentialistische Ideen dar – und das sehr viel einleuchtender und anschaulicher als ihr Lebensgefährte. Anspruchsvoll sind die Essays natürlich trotzdem, so wie auch der Existentialismus eine eher komplizierte Philosophie ist.

Das andere Geschlecht: kein guter Einstieg, aber eine wichtige Lektüre

Oft werde ich auch gefragt, ob Das andere Geschlecht ein guter Einstieg in das Werk der Simone de Beauvoir ist. Ist es natürlich nicht, dafür ist dieses Manifest viel zu umfangreich, viel zu philosophisch und viel zu voraussetzungsvoll. Lesen sollte man es aber unbedingt, denn obwohl das Buch mittlerweile fast 70 Jahre alt ist, hat es nichts von seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil: Manche Passagen wirken, als wären sie heute geschrieben worden. Vor allem aber erinnert Das andere Geschlecht daran, was in Sachen Gleichberechtigung schon erreicht wurde – und was nicht. Vor allem sollte man das Buch allein schon deshalb lesen, weil so wahnsinnig viele Behauptungen und Lügen darüber herumgeistern. Zum Beispiel die These, Simone fordere eine Abschaffung der Geschlechter. Stimmt gar nicht, aber das kann man nur wissen, wenn man die Nase tatsächlich mal in Das andere Geschlecht gesteckt hat.

Simone de Beauvoir: Die Philosophin, die keine sein wollte

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Heute gehört Simone de Beauvoir zu den bekanntesten Philosophinnen – sie selbst lehnte die Bezeichnung für sich aber ab. Dafür gibt es mehrere Gründe.

„Und Sie, Madame, sind Sie Existentialistin?“ Es war keine ungewöhnliche Frage, die der französische Philosoph Jean Grenier Simone de Beauvoir 1943 stellte. Jean-Paul Sartre hatte die beiden soeben im Café de Flore miteinander bekannt gemacht: Grenier plante, ein Buch mit Essays über ideologische Strömungen der Zeit herauszugeben. Sartres philosophischen Ideen war gerade das Etikett „existentialistisch“ verpasst worden – und Grenier wollte natürlich wissen, ob auch Simone de Beauvoir sich dieser Richtung zuordnete. Beauvoir allerdings war irritiert. In ihren Memoiren schreibt sie: „Ich erinnere mich noch an meine Verlegenheit. Ich hatte Kierkegaard gelesen. Im Zusammenhang mit Heidegger sprach man schon seit langem von ‚Existenz‘-Philosophie: aber ich kannte den Sinn des Wortes ‚existentialistisch‘ nicht, das Gabriel Marcel soeben lanciert hatte. Zudem verletzte Greniers Frage meine Bescheidenheit und meinen Stolz.“ Auch Sartre protestierte und wollte von diesem „Existentialismus“ nichts wissen. Später gaben beide aber nach und benutzten „selbst das Epitheton, das alle Welt gebrauchte, um uns abzustempeln“.

Simone de Beauvoir hatte aber wohl weniger ein Problem mit der Bezeichnung „Existentialisten“ als vielmehr mit der Annahme, sie sei Philosophin. Als so eine sah Beauvoir sich selbst nämlich nicht. Für eine Frau, die eine philosophische Ausbildung durchlief, die in ihren Romanen philosophische Ideen verarbeitete und die philosophische Essays schrieb, eine doch etwas seltsame Haltung – für die es mehrere Gründe gibt.

Philosophische Niederlage

Da wären zunächst die zeitlichen Umstände. Als Simone de Beauvoir 1929 ihr Studium abschloss, arbeitete sie zunächst als Philosophielehrerin. Was hätte sie auch sonst machen sollen? Obwohl sie im Gegensatz zu vielen anderen jungen Frauen ihres Standes und ihrer Generation einen Studienabschluss hatte, gab es für gebildete, ehrgeizige Frauen damals keine wirklich große Auswahl an Möglichkeiten. Beauvoir wählte die Laufbahn als Gymnasiallehrerin auch deshalb, weil dies die prestigeträchtigste für eine Frau mit ihren Qualifikationen war. Das änderte aber nichts daran, dass Simone de Beauvoir eine Frau war: „Philosophin“ galt einfach nicht als angemessener Beruf für eine junge Dame aus gutem Haus. Auch Jean-Paul Sartre arbeitete zunächst als Philosophielehrer – dass er aber „nebenbei“ philosophische Werke produzieren und, nun ja, eben Philosoph sein würde, wurde einfach erwartet. Es war nichts Ungewöhnliches.

Überhaupt: Sartre. Bei der schwierigen mündlichen Prüfung für angehende Gymnasiallehrer (agrégation) belegte er in Philosophie vor Simone de Beauvoir den ersten Platz – im Vorjahr war er durchgefallen. Der Philosoph Maurice de Gandillac, der einige Mitglieder des Prüfungsausschusses kannte, erinnerte sich jedoch später, dass die Jury lange diskutiert hätte, wem sie den ersten Platz geben würde: Sartre oder Beauvoir. Alle seien sich einig gewesen, dass Beauvoir der erste Platz gebührt hätte, weil sie die „wahre Philosophin“ gewesen sei. Aber da Sartre schon einmal durchgefallen, ein Mann und außerdem Student der Elite-Uni École Normale Supérieure war, ein Normalien, entschied man sich doch für ihn. Die Literaturprofessorin Toril Moi analysiert in Simone de Beauvoir. Die Psychographie einer Intellektuellen eine von Beauvoir in ihren Memoiren geschilderte Szene um zu beweisen, dass Beauvoir sich intellektuell und philosophisch immer als Zweite nach Sartre sah: In der Szene geht es um eine philosophische Auseinandersetzung, die Beauvoir und Sartre 1929 im Pariser Jardin de Luxembourg haben. Beauvoir hat sich eine „pluralistische Moral“ zurechtgelegt – und Sartre pflückt ihr System auseinander. Beauvoirs Argumente halten denen von Sartre nicht stand. Moi zufolge bewirkte diese philosophische Niederlage, dass Beauvoir den Glauben an ihre eigenen philosophischen Fähigkeiten verlor: den Glauben an sich als souveräne und eigenständige Denkerin. Simone de Beauvoir selbst schrieb nichts dergleichen. Im Gegenteil, sie war durch die Erfahrung eher bestärkt: „Dennoch verlor ich den Mut nicht; die Zukunft kam mir zwar plötzlich schwieriger vor, als ich sie mir gedacht hatte, aber auch wirklicher und sicherer“. Mois Interpretation setzt wie so viele andere voraus, dass das Werk einer Intellektuellen immer zusammen mit dem ihres Partners gedacht werden muss. Noch heute gilt Beauvoir als Schülerin Sartres, die seine Ideen übernommen hat, ohne eigene zu entwickeln.

Keine originelle Denkerin

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Der Denker und seine Schülerin

Interpretation hin oder her, fest steht: Simone de Beauvoir selbst lehnte den Begriff „Philosophin“ für sich ab. In ihren Memoiren notierte sie: „Ich hielt mich jedoch nicht für einen Philosophen; ich wusste sehr wohl, dass die Mühelosigkeit, mit der ich in einen Text eindrang, auf meinen Mangel an produktiver Phantasie zurückging. (…) Man sollte vielmehr ergründen, was gewisse Individuen befähigt, dieses planvolle Delirium, aus dem ein System besteht, durchzuhalten, und woraus ihnen die Beharrlichkeit erwächst, die aus ihren Ideen Schlüssel zum Universum macht. Ich habe bereits gesagt, dass diese Art konsequenten Starrsinns der weiblichen Veranlagung fremd ist.“ Beauvoir hielt sich demnach nicht für eine originelle Denkerin. Und: Ihrer Meinung nach fehlte Frauen der „Starrsinn“, ein philosophisches System zu entwickeln und durchzuhalten.

Irgendwie sah Beauvoir sich dann aber doch als Philosophin. In einem Interview mit Margaret Simons 1985 sagte sie: „Denn während ich sage, dass ich kein Philosoph bin in dem Sinne, dass ich nicht Schöpfer eines Systems bin, bin ich dennoch ein Philosoph in dem Sinne, dass ich eine Menge Philosophie studiert habe, ich habe einen Abschluss in Philosophie, ich habe Philosophie unterrichtet, ich bin durchdrungen von Philosophie, und wenn ich Philosophie in meine Bücher hineinbringe, dann deshalb, weil es für mich ein Weg ist, die Welt zu sehen (…).“ Aus dem Interview wird klar, dass Beauvoir den Begriff „Philosoph“ auf verschiedene Weisen benutzte und streng auslegte. Zwar sei ihr ganzes Leben Philosophie, so Beauvoir, aber sie selbst sei keine Philosophin, weil sie kein eigenes philosophisches System entwickelt habe.

Lieber Literatur als Philosophie

In dem Interview sagte Beauvoir auch, dass Philosophie in ihren Büchern eine Rolle spielt. Sie bezog sich hier auf ihre Romane, denn für Beauvoir war philosophische Literatur ein wesentlicher Teil der Philosophie. Ihre Ansichten dazu legte Beauvoir in einem Artikel für die von ihr und Sartre mitgegründete Zeitung Les Temps Modernes dar: Literatur und Metaphysik. Darin entwarf Beauvoir die Grundzüge des „philosophischen Romans“. Dieser befindet sich irgendwo zwischen reiner Philosophie und reiner Literatur. Sein Ziel ist es, kurz gesagt, eingehend das Verhalten der Menschen zu untersuchen und menschliche Erfahrungen in ihrer metaphysischen Dimension darzustellen – das heißt, danach zu fragen, was die Wirklichkeit ausmacht. Es soll um subjektive Erfahrungen und Empfindungen gehen, es soll authentisch sein.

Für Beauvoir waren Philosophie und Literatur also eins. Auch das macht es schwer, sie als typische Philosophin zu sehen. Beauvoir war immer mehr daran interessiert, menschliches Leben und Dasein erfahrbar darzustellen, als abstrakte philosophische Abhandlungen zu schreiben. Am besten fasst diese Haltung einer der Charaktere in Beauvoirs Roman Sie kam und blieb zusammen: „Eine Idee ist eben nichts Theoretisches, man erlebt sie, oder sie bleibt Theorie, und dann zählt sie nicht (…)“. Natürlich verfasste Simone de Beauvoir auch philosophische Artikel und Essays. Ihre wichtigste philosophische Abhandlung wird aber immer noch nicht als solche gesehen: Das andere Geschlecht gilt nach wie vor eher als sozialwissenschaftliches denn als philosophisches Werk.

Philosophin trotz allem

Vielleicht war Beauvoirs Liebe zur Literatur ein weiterer Grund dafür, warum sie die Bezeichnung „Philosophin“ ablehnte: Sie wollte schon als Mädchen Schriftstellerin werden, es war ihr Traumberuf. Ihre Identität als Schriftstellerin war der erwachsenen Simone de Beauvoir sehr wichtig. An ihrem ersten Roman Sie kam und blieb arbeitete sie verbissen – sie wollte es als Schriftstellerin schaffen. Umso mehr freute sie sich über die öffentliche Anerkennung nach der Veröffentlichung des Romans 1943. In ihren Augen war Beauvoir immer erst Schriftstellerin und dann Philosophin. In ihren Memoiren schrieb sie: „Ich wollte mitteilen, was an meiner Erfahrung original war. Ich wusste, das konnte nur gelingen, wenn ich mich der Literatur zuwandte.“

Dass Simone de Beauvoir trotzdem eine Philosophin war, ist nicht zu leugnen. Aber: Sie gehörte nicht zu den Denkern, die von Beginn an zweifelsfrei als Philosophen erkannt und bezeichnet wurden. Das liegt einerseits an Beauvoir selbst, die die Bezeichnung „Philosophin“ für sich selbst ablehnte. Andererseits daran, wie sie ihre philosophischen Ideen vermittelte: Ihre philosophische Ausdrucksform war viel mehr der Roman als die theoretische Darlegung. Und natürlich spielt bei Beauvoir auch immer eine Rolle, dass viele sie nur in Zusammenhang mit Sartre denken, ihre philosophischen Ideen mit seinen gleichsetzen. In diesem Sinne war und ist Beauvoir eine Philosophin trotz allem.

Bilder: CC BY Wikimedia

Feministische Initiative Des Simones: „Eine Simone ist eine Frau, die es verdient, dargestellt zu werden“

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Seit 2015 bedrucken Julia und ihre Partnerin als Des Simones (dt. Die Simonen) in Paris Secondhand-Shirts mit den Konterfeis wichtiger Frauen – Namenspatinnen für das Projekt waren Simone de Beauvoir und Simone Veil. Dabei geht es Julia nicht nur um schöne Klamotten, sondern auch um feministische Kritik an der Textil- und Modeindustrie. Ein Gespräch über Homophobie, feministisches Engagement und, natürlich, Simone de Beauvoir.

Für einen Abend mitten in der Woche ist die Bar in der Nähe der Place de la République gut gefüllt. Der Januar fühlt sich hier in Paris viel milder an als in Deutschland, Julia trägt trotzdem eine Wollmütze – die reißt sie sich in der Bar aber sofort vom Kopf und bestellt erstmal ein Bier. Die 27-Jährige Französin ist Ingenieurin und hat 2015 die feministische Initiative Des Simones gegründet: Zusammen mit einem kleinen Team bedruckt sie in Siebdrucktechnik Secondhand-Shirts mit den Gesichtern wichtiger Frauen, darunter auch Simone de Beauvoir. Diese Shirts verkaufen sie dann online oder an ausgewählten Verkaufsstellen in Paris und Madrid. Während des Gesprächs zieht Julia grinsend ihren Pulli hoch: Von der Vorderseite blickt Simone de Beauvoir, von der Rückseite die französische Politikerin Simone Veil.

Wie bist du das erste Mal mit dem Thema Feminismus in Kontakt gekommen?

Ich erinnere mich nicht mehr so genau daran. Aber ich glaube, das war ein Thema, das mich schon immer interessiert hat. Von Seiten meiner Familie hat mir meine Mutter immer gesagt, dass es wichtig ist, eine Arbeit zu haben, als Frau nicht von einem Mann abhängig zu sein. Es gab keine unterschiedliche Erziehung für mich und meinen Bruder. Meine Mutter hat mich Jungs-Klamotten tragen lassen, weil es das war, was ich wollte. Also gab es eine recht frühe Sensibilisierung. Und ich glaube, was dann wirklich mein Interesse an feministischen Themen ausgelöst hat, war das Buch King Kong Theorie von Virginie Despentes (das Buch erschien 2007 im Berlin Verlag auf Deutsch, Anm.).

Was hat dir an dem Buch gefallen?

Also, ich bin lesbisch und am Anfang eher durch die Bewegung gegen die Diskriminierung von Lesben zum Feminismus gekommen – nicht durch die Bewegung gegen die Diskriminierung von Frauen. King Kong Theorie zeigt ein bisschen, wie sich diese unterschiedlichen Diskriminierungsformen überschneiden – letztendlich sind Männlichkeitswahn und Homophobie ein bisschen dasselbe. Das Buch war also der erste Schritt. Danach habe ich jede Menge anderer Bücher gekauft, ich habe angefangen, alles Mögliche zu lesen und schließlich habe ich meinen Master in Gender Studies gemacht.

Wann und warum hast du beschlossen, in der feministischen Bewegung aktiv zu werden?

Aktivismus ist schon immer etwas gewesen, das ich gerne machen wollte. Vor dem Feminismus war das der Kampf gegen die Homophobie. Ich habe mich ein bisschen alleine gefühlt. In der Schule bin ich auf einem Wagen mitgefahren, um meine Ingenieursschule bei der Marche Des Fiertés LGBT zu repräsentieren und meine heterosexuellen Mitschüler_innen zu sensibilisieren. Meine Idee war, dass man letztendlich immer vor dem Anderen Angst hat, weil man es nicht kennt – und dass, wenn alle Schüler_innen an dem Marsch teilnehmen, sie ihre Vorurteile ablegen. Das war eine recht simple Idee. So sah also am Anfang mein Kampf gegen die Homophobie aus. Als ich für mein Auslandsstudium nach Madrid ging, bin ich dort einer Batucada beigetreten: Das ist eine Percussion-Kapelle, eine Musikgruppe, die viel auf den Straßen spielt. Tatsächlich bestand diese Batucada aus Lesben – und es stellte sich heraus, dass lesbische Kreise meistens ein bisschen feministisch sind. Und so habe ich dann an den ersten gemeinsamen feministischen Aktionen teilgenommen.

Wie sah dieses Engagement aus?

Wenn Weltfrauentag war oder es Demonstrationen gab, zum Beispiel gegen die Reform des Abtreibungsgesetzes, sind wir da zusammen hingegangen – auch wenn das eigentlich nicht das generelle Ziel der Batucada ist. Aber zwischen all den verschiedenen Aktivitäten gab es eben auch dieses Ding, dieses feministische Ding. Und ich wollte schon immer mein Ding machen, nicht einfach auf Aufrufe reagieren, sondern meinen eigenen Aufruf starten. Und daher habe ich mich gefragt, wie mein Aktivismus aussehen könnte.

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Und dann hast du Des Simones gegründet.

Ja, so ist Des Simones geboren. Mich interessiert auch, Dinge herzustellen, Textiltechniken zu benutzen. Ich habe das Ganze gemeinsam mit meiner Freundin gegründet, weil wir Lust hatten, etwas für uns als Paar zu haben, ein gemeinsames Projekt. Anders als in Madrid hatte ich in Paris keine Lust, einer feministischen Gruppe beizutreten: Ich fühle mich in so einer super-intellektuellen Gruppe nicht wohl. Ich habe mich nicht genug mit meinen Privilegien und meinen Vorurteilen auseinandergesetzt… Ich habe Angst, den Mund zu weit aufzumachen.

Ich habe den Eindruck, dass viele junge Frauen in Deutschland ähnliche Befürchtungen haben wie du: dass sie nicht genügend für feministische Diskurse vorbereitet sind, dass sie zu naiv sind… Das ist ein bisschen schade.

Ja, das stimmt. Am Anfang meiner aktivistischen Bestrebungen wollte ich bei Femen mitmachen.

Wirklich?

Ja! (lacht) Ich bin nicht so der theoretische Typ und ich mochte diese Art zu handeln – es erinnerte an Act-Up, es wollte schockieren. Die Kritik an Femen lautete immer: Müssen sie das wirklich zeigen, warum müssen sie sich immer ausziehen, das sind Schlampen, und so weiter. Es ist ein bisschen wie bei den LGBT, man sagt dir: Versteck dich! Man hat das Recht, sich anzupassen, aber nicht das Recht, anders zu sein. Für mich hat Femen damals etwas sehr subversives gemacht. Seitdem habe ich ein paar Sachen gelesen über Intersektionalität (Mehrfachdiskriminierung, Anm.) und meine Privilegien als weiße Frau und ich habe meine Meinung geändert: Heute würde ich nicht mehr bei Femen mitmachen wollen.

Statt oben ohne zu protestieren, hast du also deine eigene Initiative ins Leben gerufen. Was genau ist Des Simones?

Des Simones ist aus einer Analyse entstanden, die wir über die Probleme in der Textilindustrie gemacht haben. Diese Industrie ist eng verbunden mit den Menschenrechten und noch enger mit Frauenrechten. 80 Prozent der Arbeiter in dieser Industrie sind weiblich. Die Arbeitsbedingungen dort sind furchtbar, besonders in Asien. Das ist also der erste Aspekt: die Produktion. Der zweite Aspekt ist, dass die Textilindustrie und besonders die Modeindustrie, einer der ersten Sektoren der Repräsentation von Frauen ist. Es gibt dieses einheitliche Bild der schlanken, weiblichen, weißen, heterosexuellen Frau, das von dieser Industrie überall verbreitet wird und sich auf uns überträgt.

Ihr bedruckt T-Shirts mit den Gesichtern von Frauen. Wie geht ihr dabei vor?

Wir benutzen die Siebdrucktechnik. Und unsere Klamotten sind ausschließlich Second Hand – weil es sie schon gibt und wir nicht zur textilen Überproduktion beitragen wollen. Was die Motive betrifft: Die Modeindustrie stellt nur die Frauen in den Vordergrund, die sie als „schön“ betrachtet. Wir kennen zum Beispiel alle den Kopf von Marilyn Monroe. Letztendlich behalten wir aus der Geschichte wichtige Frauen nur dann, wenn sie von der Modeindustrie als schön erachtet werden. Wir hingegen wollen Frauen zeigen, die wegen etwas anderem wichtig sind als nur aufgrund ihres Aussehens: Frauen, die aufgrund ihres Aussehens nie dargestellt werden. Nämlich weil sie nicht dem normativen Schönheitsideal entsprechen. Wir wollen alte Frauen zeigen, schwarze Frauen, Frauen mit Kopftuch, Frauen, die nicht westlich sind. Und wichtige Frauen! Das Ziel ist auch, gewisse Personen, die vergessen wurden, wieder bekannter zu machen – Personen, die in den Geschichtsbüchern nicht vorkommen.

Woher kommt der Name Des Simones?

Der kommt von unserer ersten Kollektion, in der wir Simone Veil (französische Politikerin, Anm.) und Simone de Beauvoir dargestellt haben. Wir fanden es lustig, dass es zwei wichtige Frauen gab, die beide „Simone“ hießen. Für uns ist eine Simone eine Frau, der es an Repräsentation mangelt, aber die für die Geschichte wichtig ist, die wichtig ist aufgrund dessen, was sie gemacht hat und die es verdient, dargestellt zu werden. Die Simonen, die wir bisher hatten, sind die Künstlerin Louise Bourgeois, die Bildungsaktivistin Malala Yousafzai und die Sängerin Nina Simone. Momentan denken wir über eine neue Kollektion nach. Es gibt natürlich immer ein Problem mit Menschen, die man als Idol betrachtet: Simone Veil zum Beispiel hat sich gegen die Ehe für alle, d.h. die gleichgeschlechtliche Ehe in Frankreich, ausgesprochen. Es ist kompliziert, perfekte Held_innen zu haben. C’est la vie.

Sprechen wir doch über eine der beiden Simonen: Simone de Beauvoir. Wie bist du auf sie aufmerksam geworden?

Ich habe zuerst die Memoiren einer Tochter aus gutem Hause gelesen – damit habe ich angefangen. Vorher kannte ich Beauvoir nur aufgrund ihrer Beziehung zu Jean-Paul Sartre. Danach habe ich Das andere Geschlecht gelesen.

Was denkst du: Ist Simone de Beauvoir heute noch wichtig für den Feminismus in Frankreich?

In Frankreich, wie auch in Spanien oder woanders, bleibt Simone de Beauvoir die Mutter des Feminismus. Auch wenn viele sie gar nicht gelesen haben, sie bleibt ein ziemlich wichtiger Name für Feministinnen. Und es gibt diesen Satz, den alle ständig zitieren: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ – der ist mittlerweile echt Mainstream geworden. Insgesamt wissen alle Feminist_innen, dass Simone de Beauvoir jemand wichtiges ist und man kennt diesen Satz.

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Eines der Ziele eurer Gruppe ist die Darstellung von Frauen oder Gesichtern des Feminismus. Hat Simone de Beauvoir in Frankreich ein bisschen Hilfe nötig, um heute anerkannt zu werden?

Absolut. Im Philosophieunterricht zum Beispiel spricht man nicht von Simone de Beauvoir. Sie gilt nicht als jemand, der neue, revolutionäre Ideen beigetragen hat, der Teil einer wichtigen Bewegung war: des Feminismus. Aber ich glaube, das ist ein generelles Problem, wenn es um die Darstellung von Simone de Beauvoir geht: Der Feminismus gilt als ein Sonder-Thema, und beispielsweise nicht als eine philosophische Strömung. Es gibt eine kleine antifeministische Lobby in Frankreich. Und natürlich gibt es auch viele Frauen, die sich selbst nicht als Feministinnen betrachten: „Nein, ich bin nicht Feministin, ich mag Männer“, und so weiter. Man versucht, den Begriff „Feminismus“ zu dämonisieren.

In Deutschland ist es ähnlich. Gibt es heute französische Feminist_innen, die du magst, die dich inspirieren?

Ich mag Océane Rose Marie gerne, das ist eine lesbische Komikerin. Ich bin durch ihre Show La lesbienne invisible (dt. Die unsichtbare Lesbe) auf sie aufmerksam geworden. Jetzt analysiert sie, wie Feminismus inklusiv sein kann, wie man zum Beispiel gegen die Islamophobie kämpfen kann. Sie kämpft auch gegen den white feminism: Océane Rose Marie ist weiß, aber sie redet eben auch über das Privileg, weiß zu sein. Es ist interessant, diesen Diskurs in Frankreich zu haben, der außerhalb akademischer und aktivistischer Kreise nicht existiert. Also, ich finde sie genial – und ich glaube, sie datet das Mädel von Christine and the Queens (lacht).

Fotos: (c) Des Simones

Claudine Monteil: „Ich möchte ein leidenschaftliches Leben haben wie Simone de Beauvoir“

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Hausbesuch bei Claudine Monteil, die Simone de Beauvoir in den 1960ern kennenlernte und zu ihrer Weggefährtin wurde – und sich auch heute noch durch ihr großes Vorbild inspirieren lässt.

Der Januartag in Paris ist mild und sonnig, eher Frühling als Winter. Nur ein paar Minuten zu Fuß und man ist in der belebten Gegend rund um den Tour Montparnasse, auch der Boulevard Saint-Germain mit seinen berühmten Literaten-Cafés ist in der Nähe. Doch die Straßen rund um den Montparnasse-Friedhof sind ruhig. Jede Ecke hier atmet Simone de Beauvoir: In der Rue Schoelcher, die direkt an den Friedhof grenzt, lebte Beauvoir von 1955 bis zu ihrem Tod 1986. Ihre letzte Ruhestätte fand sie neben ihrem Partner Jean-Paul Sartre, nur wenige Schritte vom Eingang des Friedhofs entfernt.

Ich bin auf dem Weg zu Claudine Monteil, Autorin, Historikerin, ehemalige Diplomatin und Weggefährtin Simone de Beauvoirs. Ihre Wohnung liegt in einer Seitenstraße und Monteil selbst öffnet mir die Tür: eine kleine, zierliche Frau in ihren 60ern, mit auffälliger Brille, pinkem Lippenstift und sorgfältig frisierten, kurzen Haaren. An den Wänden der kleinen, hellen Wohnung, hängen Zeichnungen und Gemälde von Hélène de Beauvoir, Simone de Beauvoirs jüngerer Schwester, mit der Monteil eng befreundet war. Im bunt dekorierten Wohnzimmer springt mit sofort ein großes Gemälde ins Auge: Simone de Beauvoir in einer gelben Bluse, lächelnd. Claudine Monteil bietet mir einen Stuhl an – er stammt aus dem Besitz Hélène de Beauvoirs. Sie selbst nimmt neben einer mürrisch aussehenden Katze auf dem Sofa Platz.

Madame, wann und wie haben Sie Simone de Beauvoir kennengelernt?

Ich werde mit meiner Mutter anfangen. 1949 heiraten meine Mutter und mein Vater – beide sind junge Studenten – und beschließen, sich der wissenschaftlichen Forschung zu widmen. Mein Vater ist Mathematiker, meine Mutter wollte Chemikerin werden. An Stelle eines Hochzeitsgeschenks lädt ein berühmter Mathematiker meine Mutter ein, einen Kaffee mit ihm zu trinken und sagt ihr: „Jetzt werden Sie die wissenschaftliche Forschung aufgeben, um sich ganz ihrem Mann zu widmen, der ein großer Mathematiker werden wird.“

Claudine Monteil ist eine lebendige Erzählerin, die das Gesagte mit dramatischen Gesten und wirkungsvoll eingesetzten Pausen unterstreicht. Oft wechselt sie beim Sprechen in die Gegenwart, wie, um ihre Zuhörerin in die damalige Zeit zu versetzen. Sie kann sich an jedes Detail erinnern.

Wie hat Ihre Mutter darauf reagiert?

Sie hat ihren Kaffee getrunken und gesagt: „Danke für Ihren Rat, den ich nicht befolgen werde.“ Sie war schon mit mir schwanger, es war der Beginn ihrer Schwangerschaft. Am selben Tag geht sie an einem Büchergeschäft vorbei und sieht dort im Schaufenster den ersten Band von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht, der gerade erschienen ist (In Frankreich wurde das Buch, anders als in Deutschland, in zwei Bänden veröffentlicht, Anm.). Also kauft sie das Buch und sie beschließt, zu kämpfen: Sie würde eine große Wissenschaftlerin werden! Ich bin also im November 1949 geboren, als der zweite Band von Das andere Geschlecht erschien. Als ich Simone de Beauvoir endlich traf, sagte ich deshalb: „So, ich bin ein wenig das Kind des Anderen Geschlechts.“ Simone sagte mir: „Claudine, Sie sind das enfant terrible des Anderen Geschlechts!“ (lacht) Meine schwangere Mutter las Das andere Geschlecht, dann wurde ich geboren und genau 20 Jahre später klingelte ich an Simone de Beauvoirs Tür.

Wie sind Sie mit ihr in Kontakt gekommen?

Ich war sehr aktiv in der 68er Bewegung und dadurch habe ich Jean-Paul Sartre getroffen. Er war aktiv in der linken Bewegung nach 68, die sehr misogyn war, sehr macho. Deshalb haben viele Frauen die Studentenbewegung verlassen und die Bewegung für die Befreiung der Frauen (Mouvement pour la Libération des Femmes, MLF) wurde gegründet.

Die mürrisch aussehende Katze findet offenbar, dass ich als Besucherin zu viel Aufmerksamkeit bekomme. Sie gibt unwillige Laute von sich und Claudine Monteil fängt an, sie zu kraulen. Unser Interview wird nun begleitet von wohligem Schnurren.

Wie sah Ihre Rolle im MLF aus?

Ich arbeitete mit Fabrikarbeiterinnen zusammen, es gab eine Gruppe zum consciousness raising. Ich stand jeden Morgen um sechs Uhr früh auf, um in den Fabriken Flugblätter zu verteilen. Simone de Beauvoir hörte über Jean-Paul Sartre von mir. Und sie lud mich ein: Es gab eine kleine Gruppe von Frauen, die sich jeden Sonntagnachmittag bei Simone de Beauvoir traf. Zu diesem Zeitpunkt war ich 20 Jahre alt – ich war die Jüngste in der Gruppe. Außer mir waren da unter anderem noch Alice Schwarzer, die Schauspielerin Delphine Seyrig und die Anwältin Gisèle Halimi.

Sie hatten also eine Einladung zum Treffen von Beauvoirs kleiner Gruppe. Wie war Ihr erstes Zusammentreffen mit dieser berühmten Feministin und Autorin?

Simone de Beauvoirs Wohnung war ein Maleratelier, sehr groß und hell. Und es gab Regale mit hunderten von Puppen aus der ganzen Welt. Das waren schöne Puppen, aber… Wenn man ankam, fixierten einen die Augen dieser Puppen! Man war sowieso schon eingeschüchtert vom Gedanken, Simone de Beauvoir zu treffen, und dann auch noch diese Puppen. Zur damaligen Zeit war Beauvoir eine celebrity! Vor dem Treffen hatte man mir eingeschärft, ich solle pünktlich um fünf Uhr kommen, denn Simone de Beauvoir hasste Unpünktlichkeit. Also bin ich um fünf vor fünf vor ihrem Haus. Ich warte, und um exakt fünf Uhr klingele ich. Simone de Beauvoir öffnet die Tür. Sie ist das Idol meines Lebens, das Idol meiner Mutter, mein Herz schlägt. Sie ist 62, also 42 Jahre älter als ich. Das Erste, was sie sagt, ist: „Sie sind zu spät!“

Claudine Monteil beugt sich vor und breitet dramatisch die Arme aus. Sie lacht.

Welch eine Begrüßung!

Ich gucke auf meine Uhr (tut so, als würde sie auf ihre Armbanduhr gucken) und sage: „Entschuldigen Sie, Madame, aber ich bin pünktlich!“ Sie antwortet: „Aber schauen Sie auf meine Uhr, es ist sieben Minuten nach fünf.“ Tja, die anderen Frauen aus der Gruppe hatten vergessen mir zu sagen, dass ihre Uhr sieben Minuten vorging…

Wie ging es nach diesem Vorfall weiter?

Zu dem Zeitpunkt ist das Ganze bereits riesiges ein Desaster für mich. Also beschließe ich, mich hinzusetzen – es ist noch ein Platz auf dem Sofa frei. Ich setze mich und fühle hinter mir etwas Hartes. Ich bin also dabei, mich auf etwas draufzusetzen: eine wunderschöne Holztafel, die eine ägyptische Maske darstellt. Simone de Beauvoir sagt: „Ah ja, das ist ein Geschenk von Nasser (Gamal Abdel Nasser, ägyptischer Offizier und Ministerpräsident, Anm.), es ist 3 Millionen Jahre alt.“ war Das ist also die Geschichte, wie ich fast ein Millionen Jahre altes Geschenk von Nasser zerstört hätte.

Beim Gedanken an diesen Vorfall lacht Claudine Monteil laut auf. Die gerade noch verhinderte Zerstörung eines teuren Kunstwerks, und das auch noch beobachtet von hunderten bedrohlicher Puppenaugen.

Sie hatten wirklich kein Glück…

Danach sage ich mir: Jetzt setze ich mich hin, werde ruhig sein und Simone de Beauvoir zuhören. Und in dem Moment dreht sie sich zu mir und sagt: „Nun, was schlagen Sie für die Abtreibungskampagne vor?“ Simone de Beauvoir hatte eine außergewöhnliche Stärke, und zwar, dass sie mit allen auf Augenhöhe sprach. Sie liebte es, mit anderen zu diskutieren und ihnen zuzuhören. Aber: Da sie einen sehr schnellen Geist hatte – und auch sehr schnell sprach – musste man genauso schnell sprechen wie sie. Wenn man nicht so schnell antwortete wie sie, war’s das. Man interessierte sie nicht mehr. Eine richtige challenge, eine Herausforderung!

Und, haben Sie schnell genug reagiert?

Natürlich! Ich war Teil der 68er Generation, wir liebten es, zu reden! Es war toll, dass Simone de Beauvoir uns zuhörte, wir mit ihr diskutieren konnten. Das ging auf ihren Vater zurück. Beauvoirs Eltern hatten zwei Töchter, Simone und Hélène. Und so sprach der Vater Georges de Beauvoir, Spross einer alten aristokratischen Familie, mit Simone, als sei sie sein Sohn. Er sprach mit ihr von gleich zu gleich und sie hat während ihres ganzen Lebens das Gleiche gemacht.

Meine Frage scheint Claudine Monteil zu amüsieren – wer 25 Jahre lang mit Simone de Beauvoir befreundet war, musste in der Tat schnell reagieren können. Wie konnte ich etwas anderes erwarten!

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Das Gemälde in Claudine Monteils Wohnzimmer stammt von Hélène de Beauvoir

Sie haben auch Hélène de Beauvoir getroffen, die jüngere Schwester Simone de Beauvoirs. Wie kam es dazu?

Ich habe sie nicht sofort getroffen, weil Simone de Beauvoir sehr geheimnistuerisch war, wenn es um ihre Schwester ging. Unter uns, in der Frauengruppe, nannten wir Hélène „Totem und Tabu“. Simone de Beauvoir war nämlich trotz allem sehr einschüchternd, man konnte sie nicht einfach fragen: „Kannst du uns nicht mal Hélène vorstellen?“ Das war nicht möglich!

Trotzdem kam es zu einer ersten Begegnung.

Eines Tages sage ich zu Simone de Beauvoir: „Ich werde in Straßburg das Haus für misshandelte Frauen (Foyer des femmes battues) eröffnen.“ Simone guckt komisch und antwortet: „Nun, wenn Sie nach Straßburg fahren, würde meine Schwester Sie dort gerne treffen.“ Ein Wunder! (Hélène de Beauvoirs Mann Lionel de Roulet arbeitete damals für den Europarat in Straßburg, Anm.) Simone sagt mir auch: „Hélène möchte sich dem MLF anschließen.“ Ich finde das toll, aber Simone scheint nicht besonders erfreut. Also fahre ich nach Straßburg und treffe Hélène de Beauvoir.

Wie war es?

Wissen Sie, den coup de foudre, die Liebe auf den ersten Blick, gibt es eben nicht nur in der Liebe, sondern auch in der Freundschaft. Und bei mir und Hélène war es der coup de foudre der Freundschaft. Als ich nach Paris zurückkomme, will Simone wissen, wie alles gelaufen ist, die Einweihung und das Wochenende mit ihrer Schwester. Ich erzähle ihr, dass Hélène Präsidentin des Hauses für misshandelte Frauen ist, und sie sagt: „Das erstaunt mich nicht, aber ich bin nicht erfreut. Jetzt wird sie behaupten, dass sie vor mir Feministin war.“ Sie wirft ihrer jüngeren Schwester vor, sie zu kopieren, dasselbe zu machen wie sie. Das war ein bisschen ungerecht. Aber Simone war eben die Ältere und Hélène die Kleine. Wie dem auch sei, Hélène wurde meine Freundin und wohnte immer bei mir, wenn sie nach Paris kam.

Tatsächlich wird Hélène de Beauvoir in ihren Memoiren später schreiben: „Ohne mir dessen bewusst zu sein, war meine Lebenseinstellung die einer Feministin. Und Feministin war ich schon lange vor meiner Schwester.“

Sie haben Die Schwestern Beauvoir geschrieben, eine Art Doppelbiografie von Simone und Hélène de Beauvoir. Wie kam es dazu?

Das war ganz simpel. Ich stand Simone de Beauvoir sehr nahe, aber noch mehr Hélène – und das ganze 25 Jahre lang. Ich habe viele Wochenenden im Elsass bei Hélène und ihrem Mann Lionel de Roulet verbracht. Wir hatten eine wirklich familiäre Beziehung. Ich liebte sie sehr, sie waren für mich ein bisschen wie Großeltern. Als Simone de Beauvoir 1986 starb, hatte ich bereits den Plan, etwas zu schreiben. Aber erst als 2001 Hélène starb, sagte ich zu meinem Verleger: „Ich möchte schreiben, ich möchte die Geschichten dieser beiden Schwestern erzählen. Was sie für mich dargestellt haben. Das wird mein Abschiedsbrief sein.“ So war das. Ich bin natürlich nicht in der Position, das zu sagen, aber ich finde, es ist ein Buch, in dem man die Emotionen spürt, man spürt die Liebe, die Zärtlichkeit, man fühlt, dass ich sie geliebt habe.

Ich könnte mir vorstellen, dass es schwierig ist, ein Buch über Menschen zu schreiben, denen man so nahe stand wie sie den Schwestern Beauvoir.

An dem Tag, als ich mit dem Schreiben des Buches fertig war, war ich sehr traurig. Denn da waren sie wirklich tot. Ich habe über ein Jahr an dem Buch geschrieben und während dieses Jahres waren sie da. Mit diesem Buch wollte ich auch Hélène de Beauvoir einen Platz geben. Hélène war nämlich nicht sehr bekannt. Sie war eine begabte Malerin, aber sie hatte nicht viele Ausstellungen in Frankreich, eher in den USA und Japan…

Was bedeutet Simone de Beauvoir heute für Sie persönlich?

Simone de Beauvoir war toll für meine Mutter, aber sie war auch toll für mich, für meine Generation. Ich habe immer besonders ihre Memoiren gemocht. Denn in ihren Memoiren erzählt sie von ihren Reisen, ihren politischen Analysen, ihren Diskussionen, ihren Streits, ihrer Unterstützung Intellektueller, ihrem Kampf gegen die Diktatur, usw. Ich war ein Teenager, als ich die Memoiren las und ich sagte mir: „Ich möchte ein leidenschaftliches Leben haben wie Simone de Beauvoir.“

Claudine Monteils Augen strahlen. Das mit dem leidenschaftlichen Leben hat sie gut hinbekommen: Sie ist viel gereist, hat mehrere Posten als Diplomatin innegehabt, zahlreiche Bücher – darunter einige Biografien – geschrieben und scheint mit Ende 60 immer noch die Energie einer jungen Frau zu haben.

Haben Sie den Eindruck, dass Simone de Beauvoir für die jungen Frauen, die jungen Feministinnen, heute noch eine Rolle spielt?

Sie ist jetzt eher eine mythische Gestalt. Auch, weil die jungen Leute heute viel weniger dicke Bücher lesen – und Das andere Geschlecht ist ein dickes Buch! Was von den Jungen mehr gelesen wird, zumindest in Frankreich, sind die Memoiren einer Tochter aus gutem Haus. In der Schule liest man manchmal einen Ausschnitt aus Das andere Geschlecht. Also kennen die jungen Leute den Namen „Simone de Beauvoir“, aber nicht mehr. Momentan denkt man darüber nach, Beauvoirs Memoiren in den Éditions de la Pléiade (in der Klassiker vor allem der französischen Literatur veröffentlicht werden, Anm.) zu veröffentlichen – das würde ihr unter Lehrkräften einen Teil ihres Ansehens zurückgeben.

Das heißt, dieses Ansehen hat sie jetzt nicht?

Genau. Wissen Sie, viele Gymnasiallehrer, besonders die Männer, möchten nicht, dass über Simone de Beauvoir gesprochen wird. Sie hat immerhin Das andere Geschlecht geschrieben und einige können dieses Buch nicht ausstehen. Daher denke ich, Beauvoir hat heute weniger Einfluss – aber gleichzeitig bleibt sie eine mythische Gestalt. Ich denke, das, was sie gemacht, was sie gezeigt hat, ist immer noch im Zeitgeist.

Simone de Beauvoir wird fast immer als berühmte Feministin gesehen, und als nichts anderes. Sie haben ihre Memoiren und die verschiedenen Kämpfe erwähnt, die sie geführt hat.

Ja, sie hat sich auch für andere Themen eingesetzt! Sie hat sich zum Beispiel gegen den körperlichen Schmerz eingesetzt: In ihrem wundervollen kleinen Buch Ein sanfter Tod prangert sie die Tatsache an, dass man in Frankreich keine Schmerzmittel verschrieb, keine Morphine. Damals hörte niemand auf das, was sie sagte – es waren die 60er. Aber heute ist das in Frankreich ein großes gesellschaftliches Thema geworden. Ein anderes Beispiel: Als ich Simone de Beauvoir in den 60er traf, schenkte sie mir ihr neues Buch, das gerade erschienen war, Das Alter. Ein Meisterwerk! Es handelt von der Art und Weise, wie man ältere Menschen behandelt, quer durch die Zivilisation und die menschliche Geschichte hindurch. Dieses Buch ist heute sehr aktuell. Beauvoir hat also gesellschaftliche Themen angesprochen, sie hat gegen den Faschismus gekämpft, gegen alle Formen der Diktatur, für die Dekolonisierung, für die Befreiung der Frauen… Und da ist jetzt sehr aktuell – aber die Jungen wissen nicht unbedingt, woher das kommt. Es kommt daher, dass Simone de Beauvoir schon vor 40 Jahren Fragen gestellt hat.

In Claudine Monteils Bücherregal stehen die Werke Simone de Beauvoirs neben ihren eigenen, dicht an dicht. Viele der beauvoirschen Bücher sind zerlesen, als hätte jemand sie immer wieder in die Hand genommen, durchgeschaut, intensiv studiert.

Welches ist Ihr Lieblingsbuch von Simone de Beauvoir?

Ich würde sagen, jedes Buch hat mich persönlich berührt – ich habe sie gelesen, als ich sehr jung war. Man könnte also sagen, ich wurde mit diesen Büchern großgezogen. Aber die, die mich am meisten berührt und zu dem gemacht haben, was ich bin, sind die beiden Bände der Memoiren: In den besten Jahren und Der Lauf der Dinge. Denn ich habe mir gesagt: „Ich will ein leidenschaftliches Leben wie sie haben. Es ist möglich, weil sie es hat.“ Das hat mich ungeheur geprägt. Und ich bin immer noch davon geprägt. Ab und zu lese ich vor dem Einschlafen ein, zwei Seiten, das erinnert mich an meine Jugend. Und ich sage mir: „Merci, Simone de Beauvoir.“

Fotos: (c) Julia Korbik

Film: Der Liebespakt zwischen Beauvoir und Sartre

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Der Film Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre will zeigen, wie die Beziehungen zwischen den beiden Philosophen wirklich war – kommt dabei aber über Oberflächlichkeiten nicht hinaus.

Es ist erstaunlich: Da führen zwei Menschen eine ganz und gar außergewöhnliche Beziehung, die auf absoluter Freiheit und Gleichberechtigung basiert. Affären mit anderen sind erlaubt, ja geradezu erwünscht, Ehrlichkeit dem Partner gegenüber ist dabei aber obligatorisch. Sie ist revolutionär, diese Beziehung zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die in den 1920er Jahren begann – selbst heute noch, wo fast jeder zumindest mal davon gehört hat, dass es sowas wie „offene Beziehungen“ oder „Polyamorie“ gibt. Umso erstaunlicher also, dass die Liebesirrungen und –wirrungen à la Sartre und Beauvoir es bis heute nicht auf die große Leinwand geschafft haben. Tatsächlich hat sich bisher nur ein Film dem Thema gewidmet: der Fernsehfilm Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre von 2006 (er kann hier vollständig angeschaut werden). Herausgekommen ist dabei eine schön anzusehende, aber oberflächliche Geschichte.

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Los geht es direkt mit dem Kennenlernen Simone de Beauvoirs und Jean-Paul Sartres, Anfang der 1920er an der Pariser Sorbonne. Beide bereiten sich auf die Agrégation vor, die wettbewerbsorientierte Prüfung für das Gymnasiallehramt. Beauvoir (Anna Mouglalis) ist 21, Sartre (Lorànt Deutsch) 24. Sie will in Ruhe in der Bibliothek lernen, er verkündet seinen Kumpeln am Nebentisch, dass er dieses entzückende Fräulein zu erobern gedenke. Damit sind die Rollen klar: Sie strebsam und zugeknöpft, er ein selbstbewusster, lebensfroher Casanova. Zu Hause schlägt die junge Simone sich mit dem konservativen Vater herum. „Du hast ein Männergehirn“, befindet der und fragt sich, wer seine Tochter überhaupt haben wolle: „Sie ist hässlich. Außerdem noch arm.“ Da die Eltern Simone keine Mitgift zahlen können und eine standesgemäße Heirat somit ausgeschlossen ist, muss die Tochter eben selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Das passt Simone ganz gut, heiraten will sie sowieso nicht. Wie praktisch, dass Sartre das genauso sieht. Er und der „Biber“, wie er Beauvoir nennt, kommen sich beim gemeinsamen Lernen für die Prüfungen näher (dass es nicht Sartre war, der Beauvoir ihren Spitznamen gab – egal).

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In den ersten 25 Minuten galoppiert der Film nur so durch die erste Phase der erblühenden Beziehung – Küsse im Feld, Streit mit den Eltern, das erste Mal –, um dann direkt zum (vermeintlich) wichtigsten Teil zu kommen: dem Pakt. Sartre schlägt Beauvoir eine Verbindung vor, in der beide ihre absolute Freiheit behalten. Er, so Sartre, sei nicht zur Monogamie bestimmt – neben der „notwendigen Liebe“ in Form des Biebers brauche er auch „kontingente Lieben“, also Affären. Simone solle genauso verfahren und sie würden sich gegenseitig immer alles erzählen: „Auf diese Weise würden ihre Erfahrungen zu meinen und umgekehrt.“ Beauvoir ist alles andere als begeistert, aber Sartre überzeugt sie: „Das geht nur mit einer kühnen Frau, die Mut hat.“ Diesem Muster bleibt der Film bis zum Ende treu: Sartre drängt, Beauvoir zweifelt – und gibt dann nach. Er will immer weiter, sie ist zufrieden damit, wie es ist. Er will ein Stipendium in Berlin annehmen, sie will, dass beide als Lehrer in Paris bleiben. Sartre setzt sich immer durch. Er geht nach Berlin, schafft sich dort sofort eine Geliebte an und Beauvoir bleibt traurig in Paris zurück.

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Bei ihren Schülerinnen schlägt die Lehrerin Simone de Beauvoir ein wie eine Bombe. Sie lässt im Unterricht skandalöse Werke von Gide lesen, aber vor allem: Sie ist jung, hübsch und schlau. Mit ihrer Schülerin Lumi (Clémence Poésy) landet Beauvoir schließlich im Bett – natürlich nur, um Sartre was zu erzählen zu haben: „Mit einem Mann hätte ich es niemals gekonnt“, schreibt sie ihm in einem Brief. In den nächsten Jahren geht es zwischen Beauvoir und Sartre hin und her. Sartre ist eifersüchtig auf Lumi, will ebenfalls mit ihr schlafen. Eine ungesunde Dreiecksgeschichte beginnt. Beauvoir zweifelt am Pakt: „Ich verachte die Eifersucht, aber ich bin eifersüchtig, Sartre.“ Sartre hingegen hat kein Verständnis für die Sorgen seiner Partnerin: „Für mich gibt es nicht nur Sie auf der Welt.“ Kein Wunder, er ist mit Das Sein und das Nichts quasi über Nacht berühmt geworden, gilt als Verkörperung einer neuer Art von Denken: dem Existentialismus. Beauvoir hingegen arbeitet immer noch an ihrem Debütroman, kämpft und zweifelt. Sie fühlt sich von Sartre benutzt – wie viel Arbeit hat sie in sein Werk, in ihn gesteckt. Und was hat sie nun davon?

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Der Liebespakt endet Anfang der 1950er Jahre: Beauvoir hat gerade Das Andere Geschlecht veröffentlich und ist nun eine berühmte Frau. Beide, sie und Sartre, haben intensive Beziehungen erlebt, die viel mehr waren als nur Affären. Sartre dachte sogar daran, seine Geliebte zu heiraten, ließ Beauvoir am Pakt zweifeln; Beauvoir hingegen machte ihrem Geliebten, dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren, gegenüber deutlich, dass sie zu Sartre gehört – und immer gehören wird. Der Macho Algren kommt damit nicht klar, er will seinen „Frosch“, wie er Beauvoir liebevoll nennt, mit keinem anderen teilen. „Bei unserem Pakt haben wir ein wichtiges Detail vergessen: Die anderen haben Gefühle. Dafür lassen sie uns zahlen“, seufzt Sartre. Gezahlt, so stellt es der Film dar, hat aber vor allem Beauvoir. Der Liebespakt präsentiert sie als ewig Eifersüchtige, die bedingungslos zu Sartre hält, nur um dann immer wieder von ihm enttäuscht zu werden. Sie weint, bricht zusammen, während Sartre nahezu kalt wirkt. Glaubt man dem Film, so ist Beauvoir vor allem durch ihre nervenaufreibende Beziehung zu Sartre auf das große Thema „Benachteiligung der Frauen“ gekommen. Denn so wie sie, so leiden überall Frauen unter der Unterdrückung durch die Männer. In Wahrheit war es Sartre, der Beauvoir das Thema vorschlug – sie selbst, so schreibt Beauvoir in ihren Memoiren, habe sich darüber vorher keine großen Gedanken gemacht.

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Mit den Fakten nimmt es Der Liebespakt einerseits also nicht so genau, gibt sich andererseits aber auch keine wirkliche Mühe, der Geschichte und den Charakteren neue Nuancen und Interpretationen hinzuzufügen: Sartre ist der Apostel, die treue Anhängerin Simone stets an seiner Seite. Dass es komplizierter war als das, zeigen die zahlreichen Briefe von Beauvoir und Sartre sowie Beauvoirs Memoiren (die natürlich subjektiv und stellenweise geschönt sind). Auch den philosophischen Ideen der beiden wird im Film wenig Platz eingeräumt: Mal darf Beauvoir eine „pluralistischen Moral“ erwähnen, mal spricht Sartre von „Freiheit“. Ein bisschen mehr Tiefe hätte es dann doch sein dürfen. Anna Mouglalis und Lorànt Deutsch geben sich alle Mühe, ihre Charaktere mit Leben zu füllen – das Drehbuch macht es ihnen jedoch nicht unbedingt einfach. Für Beauvoir sind dort jede Menge ernste Sätze vorgesehen, sie scheint eine freudlose Spaßbremse zu sein. Sartre hingegen darf charmant und lausbubenhaft sein, the life of the party. Trotz seiner Oberflächlichkeit langweilt Der Liebespakt aber nicht – es geht so schnell voran, immer passiert etwas, stets lauert das nächste Drama. Und in einigen Szenen ist es einfach schön, Beauvoir und Sartre anzuschauen: Die Kostüme sind präzise gewählt und schaffen gerade bei Beauvoir, was das Drehbuch nicht hinbekommt – zu zeigen, warum Beauvoir so einen Eindruck auf ihr Umfeld machte, warum so viele um ihre Aufmerksamkeit kämpften.

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Der Liebespakt ist weder tiefgründig noch daran interessiert, die Motivationen seiner Charaktere wirklich zu verstehen. Aber er macht neugierig auf Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, auf ihre ungewöhnliche Beziehung. Und das muss dann auch mal reichen.

Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre (Originaltitel: Les Amants du Flore), Frankreich, 2006. Regie: Ilan Duran Cohen