Alle anderen: Simone de Beauvoir über Alberto Giacometti, Marilyn Monroe und Charlie Chaplin

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CC BY-ND Flickr/Tekke

Simone kannte sie alle, vom „weißen Champignon“ Truman Capote bis hin zu Colettes „Katzengesicht“.

Ach, Paris. Dort tummelt sich in den 1940er und 1950er Jahren alles, was in Kunst und Kultur einen Namen hat. Besonders in Saint-Germain-des-Prés ist die Promi-Dichte hoch. Simone kennt viele der alteingesessenen und aufstrebenden Stars persönlich, trifft sie auf ein Glas im Deux Magots oder Café de Flore. Selbstverständlich hat sie zu allen eine Meinung und teilt diese ihrem amerikanischen Liebhaber Nelson Algren in zahlreichen Briefen mit. Der kriegt so einen guten Eindruck vom Leben der Pariser Bohème – und von Simones Gedanken zu Berühmtheiten wie Marilyn Monroe oder Franz Kafka (in den, so scheint es, Simone zumindest ein kleines bisschen verknallt war).

Violette Leduc (Schriftstellerin, 1907-1972): „Ich hege eine Art Bewunderung für sie und viel Sympathie; wenn ich in Paris bin, treffe ich sie etwa einmal im Monat, mir liegt nicht viel an ihr, und sie weiß es. Seltsam ist, dass sie sehr frei über ihre Liebe zu mir sprechen und diskutieren kann, als ob es sich um eine Krankheit handle. […] Und nach dem Abendessen gehen wir in eine Bar, und sie wird sehr pathetisch und ich fühle mich scheußlich, und dann verabschiede ich mich und sie geht weg, weinend, ich weiß es, und schlägt ihren Kopf gegen die Wände und denkt an Selbstmord. Sie weigert sich, mit irgend jemandem befreundet zu sein außer mir.“[1]

Boris Vian (Schriftsteller, Jazztrompeter, Schauspieler und Chansonnier, 1920-1959): „Ich mag vor allem den jungen Trompeter, ein interessanter Typ, von Beruf Ingenieur (für den Lebensunterhalt), aber auch ein sehr guter Schriftsteller und ein leidenschaftlicher Trompeter, obwohl er eine Herzkrankheit hat und sterben kann, wenn er zuviel spielt.“[2]

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Édith Piaf (cc Wikipedia)

Édith Piaf (Sängerin, 1915-1963): „Edith Piaf ist manchmal kitschig, aber sie kann wunderbar sein, ihre rauhe Stimme gefällt mir mehr als manche ‚schöne‘ Stimme.“[3]

André Gide (Schriftsteller, 1869-1951): „[…] er war die führende Gestalt vergangener Zeiten, ein sehr kluger Mann, mit witzigen Seiten, der für Freiheit und Päderastie kämpfte. Jetzt ist er ein alter Mann, mit Brille und einem runden weichen Hut, er brachte mich zum Lachen, weil er so freundliche war und zugleich so besorgt, sich nicht länger als drei Minuten mit jemandem einzulassen: es ermüdet ihn, er ist alt.“[4]

Truman Capote (Schriftsteller, 1924-1984): „Ich war bei Ellen Wright und habe dort diese lächerliche Figur getroffen, die Truman Capote heißt. Mit seinem weiten weißen Pullover und seinen blauen Samthosen sieht er aus wie ein weißer Champignon.“[5]

Charlie Chaplin (Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Komponist, 1889-1977): „Alle waren von Chaplin entzückt. Er erklärte, er werde in Anbetracht der Tatsache, dass Eisenhower gewählt worden sei, nicht in die Vereinigten Staaten zurückkehren; er erzählte eine Unmenge Geschichten, war so gut aufgelegt, freundlich und angenehm, dass sogar Sartre von ihm eingenommen war – und das will was heißen. Picasso war die ganze Zeit über wütend, denn er ist es gewohnt, überall die erste Geige zu spielen, diesmal jedoch zählte er nicht, da sich alle nur für Chaplin interessierten. Alle haben viel getrunken. Oona, Chaplins Frau, sagte kein Wort, anscheinend ist das immer so.“[6]

William Faulkner (Schriftsteller, 1897-1962): „[…] er war in Paris, vielleicht ist er immer noch da, ich sah ihn mit Leuten, die ich sehr gut kenne, in einem Restaurant, aber mir lag nichts daran, mit ihm zu sprechen; vor ein paar Jahren wäre das anders gewesen, doch jetzt mag ich ihn nicht mehr besonders. Er sah sehr alt aus, ganz ergraut, er trinkt furchtbar, sagen seine Freunde.“[7]

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Marilyn Monroe (cc BY-NC-SA Flickr/Ultra Swank)

Marilyn Monroe (Schauspielerin, 1926-1962): „Weniger bedeutend, doch ein schöner Film: River without return, mit Mitchum und Marilyn Monroe, ein klassischer Hollywood-Film, doch sie ist wirklich reizend; ich hatte sie nie gesehen, und da ich wusste, dass sie so sexy ist, stellte ich sie mir als eine Art Zsa Zsa Gabor vor, doch sie ist eine gute Schauspielerin und eine angenehme Frau.“[8]

Franz Kafka (Schriftsteller, 1883-1924): „Ich lese gerade das Tagebuch von Kafka, einem wirklich anziehenden, fesselnden Mann. Niemand ist mir so sympathisch, ich meine, scheint mir so vollkommen liebenswert, außer van Gogh.“[9]

Albert Camus (Schriftsteller, Journalist und Dramaturg, 1913-1960): „Jedesmal, wenn wir ihn sehen, ist er mit einer neuen Frau zusammen (obwohl er Frau und Kinder hat).“[10]

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Colette (cc Wikipedia)

Colette (Schriftstellerin und Variétékünstlerin, 1873-1954): „[…] sie ist die einzig wirklich große Schriftstellerin in Frankreich, wirklich eine große Schriftstellerin. Sie war einst eine wunderschöne Frau, tanzte in Music-Halls, schlief mit einer Menge Männern, schrieb pornographische Romane und dann gute Romane. Sie liebte die Natur, die Blumen, die Tiere und die Liebe und auch das allerkultivierteste Leben; sie schlief auch mit Frauen. Sie mochte gutes Essen und guten Wein, kurz alle guten Dinge des Lebens, und erzählte wunderbar davon. Jetzt ist sie 75 Jahre alt und hat immer noch die faszinierendsten Augen und ein reizendes dreieckiges Katzengesicht; sie ist sehr fett, behindert, ein bisschen taub, aber sie erzählt und lächelt und lacht so, dass niemand auf den Gedanken käme, eine jüngere, schönere Frau anzuschauen.“[11]

Alberto Giacometti (Bildhauer und Maler, 1901-1966): „Er lebt ziemlich ärmlich und trägt schmutzige Kleider; er scheint Schmutz zu mögen: ein Bad zu nehmen ist ein Problem für ihn. […] Er arbeitet 15 Stunden am Tag, vor allem nachts, und immer, wenn man ihn sieht, hat er Gips an den Kleidern, den Händen und in seiner üppigen schmutzigen Mähne […].“[12]

Rita Hayworth (Schauspielerin, 1918-1987): „Danach gab es einen Empfang; man hätte etwas Glanzvolles erwartet, wo doch Sartre so brillant und Rita Hayworth so schön ist. Aber es war wirklich komisch (gewissermaßen): ich habe noch nie ein so langweiliges Abendessen erlebt. […] ich saß Rita Hayworth gegenüber, versuchte, mit ihr zu sprechen und betrachtete ihre schönen Schultern und Brüste, die mehr als einen Mann verrückt gemacht hätten, für mich aber so nutzlos waren. Sie war sehr angeödet, Sartre war sehr angeödet, alle waren angeödet.“[13]

Jean Genet (Schriftsteller und Dramatiker, 1910-1986): „Als ich zu den Deux Magots zurückkam, traf ich Jean Genet, den Einbrecher-Päderasten, er war sehr nett und witzig […].“[14]

Maurice Merleau-Ponty (Philosoph, 1908-1961): „Er ist ein sehr alter Freund, der älteste, den ich habe, ich kenne ihn seit zwanzig Jahren, er arbeitet hart mit uns an den T.M. (die von Sartre gegründete Zeitschrift Les Temps Modernes, Anm.), im Rundfunk usw. Persönlich mag ich ihn nicht so sehr […].“[15]

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Marcel Mouloudji (cc Wikipedia)

Marcel Mouloudji (Sänger und Schauspieler, 1922-1994): „Er hasst es aber, wenn sich Leute über ihn lustig machen, hauptsächlich in eleganten, snobistischen Lokalen. Einmal hat sich eine schöne, schön gekleidete Frau, die von einer Menge Bewunderern umgeben war, über ihn lustig gemacht und, während er sang, Papierbällchen nach ihm geworfen. Er konnte nichts tun, stand wie verloren im Bühnenlicht, halb blind, schwitzend und sehr unglücklich. Aber im großen und ganzen ist er zufrieden, er lernt eine Menge durch diese Erfahrungen.“[16]

Orson Welles (Schauspieler, Regisseur und Autor, 1915-1985): „Es war die Rede davon, dass Orson Welles den Senator spielen würde (in der Verfilmung von Sartres Stück Die respektvolle Dirne, Anm.), aber er war nur unter der Bedingung einverstanden, dass eine weitere Szene eingefügt wurde […]. Er verlangte auch eine kleine Vorrede […]. Orson Welles kam also für den Film nicht in Frage. Was für eine dumme, eingebildete, widerliche Person er ist!“[17]

Richard Wright (Schriftsteller, 1908-1960): „Er war wirklich nett; wenn er will, hat er Humor.“[18]

[1] Simone de Beauvoir (1999): Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren 1947-1964, Rowohlt, S. 36.

[2] Ebd., S. 39.

[3] Ebd., S. 173.

[4] Ebd., S. 333.

[5] Ebd., S. 433.

[6] Ebd., S. 717.

[7] Ebd., S. 749.

[8] Ebd., S. 766.

[9] Ebd., S. 776.

[10] Ebd., S. 207.

[11] Ebd., S. 261.

[12] Ebd., S. 137.

[13] Ebd., S. 72.

[14] Ebd., S. 101.

[15] Ebd., S. 170.

[16] Ebd., S. 635.

[17] Ebd., S. 702f.

[18] Ebd., S. 116.

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Simone de Beauvoir: Die Philosophin, die keine sein wollte

Philosophin

Heute gehört Simone de Beauvoir zu den bekanntesten Philosophinnen – sie selbst lehnte die Bezeichnung für sich aber ab. Dafür gibt es mehrere Gründe.

„Und Sie, Madame, sind Sie Existentialistin?“ Es war keine ungewöhnliche Frage, die der französische Philosoph Jean Grenier Simone de Beauvoir 1943 stellte. Jean-Paul Sartre hatte die beiden soeben im Café de Flore miteinander bekannt gemacht: Grenier plante, ein Buch mit Essays über ideologische Strömungen der Zeit herauszugeben. Sartres philosophischen Ideen war gerade das Etikett „existentialistisch“ verpasst worden – und Grenier wollte natürlich wissen, ob auch Simone de Beauvoir sich dieser Richtung zuordnete. Beauvoir allerdings war irritiert. In ihren Memoiren schreibt sie: „Ich erinnere mich noch an meine Verlegenheit. Ich hatte Kierkegaard gelesen. Im Zusammenhang mit Heidegger sprach man schon seit langem von ‚Existenz‘-Philosophie: aber ich kannte den Sinn des Wortes ‚existentialistisch‘ nicht, das Gabriel Marcel soeben lanciert hatte. Zudem verletzte Greniers Frage meine Bescheidenheit und meinen Stolz.“ Auch Sartre protestierte und wollte von diesem „Existentialismus“ nichts wissen. Später gaben beide aber nach und benutzten „selbst das Epitheton, das alle Welt gebrauchte, um uns abzustempeln“.

Simone de Beauvoir hatte aber wohl weniger ein Problem mit der Bezeichnung „Existentialisten“ als vielmehr mit der Annahme, sie sei Philosophin. Als so eine sah Beauvoir sich selbst nämlich nicht. Für eine Frau, die eine philosophische Ausbildung durchlief, die in ihren Romanen philosophische Ideen verarbeitete und die philosophische Essays schrieb, eine doch etwas seltsame Haltung – für die es mehrere Gründe gibt.

Philosophische Niederlage

Da wären zunächst die zeitlichen Umstände. Als Simone de Beauvoir 1929 ihr Studium abschloss, arbeitete sie zunächst als Philosophielehrerin. Was hätte sie auch sonst machen sollen? Obwohl sie im Gegensatz zu vielen anderen jungen Frauen ihres Standes und ihrer Generation einen Studienabschluss hatte, gab es für gebildete, ehrgeizige Frauen damals keine wirklich große Auswahl an Möglichkeiten. Beauvoir wählte die Laufbahn als Gymnasiallehrerin auch deshalb, weil dies die prestigeträchtigste für eine Frau mit ihren Qualifikationen war. Das änderte aber nichts daran, dass Simone de Beauvoir eine Frau war: „Philosophin“ galt einfach nicht als angemessener Beruf für eine junge Dame aus gutem Haus. Auch Jean-Paul Sartre arbeitete zunächst als Philosophielehrer – dass er aber „nebenbei“ philosophische Werke produzieren und, nun ja, eben Philosoph sein würde, wurde einfach erwartet. Es war nichts Ungewöhnliches.

Überhaupt: Sartre. Bei der schwierigen mündlichen Prüfung für angehende Gymnasiallehrer (agrégation) belegte er in Philosophie vor Simone de Beauvoir den ersten Platz – im Vorjahr war er durchgefallen. Der Philosoph Maurice de Gandillac, der einige Mitglieder des Prüfungsausschusses kannte, erinnerte sich jedoch später, dass die Jury lange diskutiert hätte, wem sie den ersten Platz geben würde: Sartre oder Beauvoir. Alle seien sich einig gewesen, dass Beauvoir der erste Platz gebührt hätte, weil sie die „wahre Philosophin“ gewesen sei. Aber da Sartre schon einmal durchgefallen, ein Mann und außerdem Student der Elite-Uni École Normale Supérieure war, ein Normalien, entschied man sich doch für ihn. Die Literaturprofessorin Toril Moi analysiert in Simone de Beauvoir. Die Psychographie einer Intellektuellen eine von Beauvoir in ihren Memoiren geschilderte Szene um zu beweisen, dass Beauvoir sich intellektuell und philosophisch immer als Zweite nach Sartre sah: In der Szene geht es um eine philosophische Auseinandersetzung, die Beauvoir und Sartre 1929 im Pariser Jardin de Luxembourg haben. Beauvoir hat sich eine „pluralistische Moral“ zurechtgelegt – und Sartre pflückt ihr System auseinander. Beauvoirs Argumente halten denen von Sartre nicht stand. Moi zufolge bewirkte diese philosophische Niederlage, dass Beauvoir den Glauben an ihre eigenen philosophischen Fähigkeiten verlor: den Glauben an sich als souveräne und eigenständige Denkerin. Simone de Beauvoir selbst schrieb nichts dergleichen. Im Gegenteil, sie war durch die Erfahrung eher bestärkt: „Dennoch verlor ich den Mut nicht; die Zukunft kam mir zwar plötzlich schwieriger vor, als ich sie mir gedacht hatte, aber auch wirklicher und sicherer“. Mois Interpretation setzt wie so viele andere voraus, dass das Werk einer Intellektuellen immer zusammen mit dem ihres Partners gedacht werden muss. Noch heute gilt Beauvoir als Schülerin Sartres, die seine Ideen übernommen hat, ohne eigene zu entwickeln.

Keine originelle Denkerin

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Der Denker und seine Schülerin

Interpretation hin oder her, fest steht: Simone de Beauvoir selbst lehnte den Begriff „Philosophin“ für sich ab. In ihren Memoiren notierte sie: „Ich hielt mich jedoch nicht für einen Philosophen; ich wusste sehr wohl, dass die Mühelosigkeit, mit der ich in einen Text eindrang, auf meinen Mangel an produktiver Phantasie zurückging. (…) Man sollte vielmehr ergründen, was gewisse Individuen befähigt, dieses planvolle Delirium, aus dem ein System besteht, durchzuhalten, und woraus ihnen die Beharrlichkeit erwächst, die aus ihren Ideen Schlüssel zum Universum macht. Ich habe bereits gesagt, dass diese Art konsequenten Starrsinns der weiblichen Veranlagung fremd ist.“ Beauvoir hielt sich demnach nicht für eine originelle Denkerin. Und: Ihrer Meinung nach fehlte Frauen der „Starrsinn“, ein philosophisches System zu entwickeln und durchzuhalten.

Irgendwie sah Beauvoir sich dann aber doch als Philosophin. In einem Interview mit Margaret Simons 1985 sagte sie: „Denn während ich sage, dass ich kein Philosoph bin in dem Sinne, dass ich nicht Schöpfer eines Systems bin, bin ich dennoch ein Philosoph in dem Sinne, dass ich eine Menge Philosophie studiert habe, ich habe einen Abschluss in Philosophie, ich habe Philosophie unterrichtet, ich bin durchdrungen von Philosophie, und wenn ich Philosophie in meine Bücher hineinbringe, dann deshalb, weil es für mich ein Weg ist, die Welt zu sehen (…).“ Aus dem Interview wird klar, dass Beauvoir den Begriff „Philosoph“ auf verschiedene Weisen benutzte und streng auslegte. Zwar sei ihr ganzes Leben Philosophie, so Beauvoir, aber sie selbst sei keine Philosophin, weil sie kein eigenes philosophisches System entwickelt habe.

Lieber Literatur als Philosophie

In dem Interview sagte Beauvoir auch, dass Philosophie in ihren Büchern eine Rolle spielt. Sie bezog sich hier auf ihre Romane, denn für Beauvoir war philosophische Literatur ein wesentlicher Teil der Philosophie. Ihre Ansichten dazu legte Beauvoir in einem Artikel für die von ihr und Sartre mitgegründete Zeitung Les Temps Modernes dar: Literatur und Metaphysik. Darin entwarf Beauvoir die Grundzüge des „philosophischen Romans“. Dieser befindet sich irgendwo zwischen reiner Philosophie und reiner Literatur. Sein Ziel ist es, kurz gesagt, eingehend das Verhalten der Menschen zu untersuchen und menschliche Erfahrungen in ihrer metaphysischen Dimension darzustellen – das heißt, danach zu fragen, was die Wirklichkeit ausmacht. Es soll um subjektive Erfahrungen und Empfindungen gehen, es soll authentisch sein.

Für Beauvoir waren Philosophie und Literatur also eins. Auch das macht es schwer, sie als typische Philosophin zu sehen. Beauvoir war immer mehr daran interessiert, menschliches Leben und Dasein erfahrbar darzustellen, als abstrakte philosophische Abhandlungen zu schreiben. Am besten fasst diese Haltung einer der Charaktere in Beauvoirs Roman Sie kam und blieb zusammen: „Eine Idee ist eben nichts Theoretisches, man erlebt sie, oder sie bleibt Theorie, und dann zählt sie nicht (…)“. Natürlich verfasste Simone de Beauvoir auch philosophische Artikel und Essays. Ihre wichtigste philosophische Abhandlung wird aber immer noch nicht als solche gesehen: Das andere Geschlecht gilt nach wie vor eher als sozialwissenschaftliches denn als philosophisches Werk.

Philosophin trotz allem

Vielleicht war Beauvoirs Liebe zur Literatur ein weiterer Grund dafür, warum sie die Bezeichnung „Philosophin“ ablehnte: Sie wollte schon als Mädchen Schriftstellerin werden, es war ihr Traumberuf. Ihre Identität als Schriftstellerin war der erwachsenen Simone de Beauvoir sehr wichtig. An ihrem ersten Roman Sie kam und blieb arbeitete sie verbissen – sie wollte es als Schriftstellerin schaffen. Umso mehr freute sie sich über die öffentliche Anerkennung nach der Veröffentlichung des Romans 1943. In ihren Augen war Beauvoir immer erst Schriftstellerin und dann Philosophin. In ihren Memoiren schrieb sie: „Ich wollte mitteilen, was an meiner Erfahrung original war. Ich wusste, das konnte nur gelingen, wenn ich mich der Literatur zuwandte.“

Dass Simone de Beauvoir trotzdem eine Philosophin war, ist nicht zu leugnen. Aber: Sie gehörte nicht zu den Denkern, die von Beginn an zweifelsfrei als Philosophen erkannt und bezeichnet wurden. Das liegt einerseits an Beauvoir selbst, die die Bezeichnung „Philosophin“ für sich selbst ablehnte. Andererseits daran, wie sie ihre philosophischen Ideen vermittelte: Ihre philosophische Ausdrucksform war viel mehr der Roman als die theoretische Darlegung. Und natürlich spielt bei Beauvoir auch immer eine Rolle, dass viele sie nur in Zusammenhang mit Sartre denken, ihre philosophischen Ideen mit seinen gleichsetzen. In diesem Sinne war und ist Beauvoir eine Philosophin trotz allem.

Bilder: CC BY Wikimedia

Briefe an Simone de Beauvoir: Die schönsten Liebesbekundungen von Jean-Paul Sartre

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Simone de Beauvoir hatte sie drauf, die Kunst der schriftlichen Liebesschwüre. Aber ihr Partner Jean-Paul Sartre war darin auch nicht schlecht.

Ja, Jean-Paul Sartre war ein richtiger Frauenheld. Seine Beziehung zu Simone de Beauvoir bestand zwar ein halbes Jahrhundert – ansonsten umgab der Philosoph sich allerdings gerne mit allerlei „Zufallslieben“. Die schönsten Liebesbekundungen waren aber für Beauvoir reserviert, wie seine Briefe zeigen.

  1. „Ich liebe Sie zärtlich, mon amour. Sie hatten gestern ein bezauberndes kleines Gesicht, als sie sagten: ‚Ach, Sie hatten mich angeschaut, Sie hatten mich angeschaut‘, und wenn ich daran denke, zerspringt mein Herz vor Zärtlichkeit.“
  1. „Meine kleine morganatische Ehefrau.“ („morganatisch“ bedeutet für Sartre und Beauvoir so viel wie „ungesetzlich“ – sie tauften ihre Beziehung 1929 „morganatische Ehe, Anm.)
  1. „Hier ein paar zärtliche Worte, einfach so und nur, um Ihnen zu sagen, dass ich Sie von ganzem Herzen liebe.“
  1. Mon cher amour, Sie können nicht wissen, wie ich jede Stunde des Tages an Sie denke, die ganze Welt hier ist erfüllt von Ihnen. Manchmal fehlen Sie mir, und ich habe ein wenig Kummer (ein ganz, ganz klein wenig), andere Male bin ich glücklich zu denken, dass der Castor existiert und sich Maronen kauft und spazierengeht; nie verlässt mich der Gedanke an Sie, und ich führe im Geist kleine Gespräche mit Ihnen.“ (Castor, also Biber, war Beauvoirs Spitzname, Anm.)
  1. „Ich küsse Sie auf Ihre beiden mageren Wangen, mon amour.“
  1. „Mein süßer Castor, ich liebe Sie sehr ängstlich und sehr heftig.“
  1. „Ich liebe Sie, mein süßer kleiner Castor, ich habe sehr große Lust, Sie wiederzusehen, Ihren kleinen Arm zu nehmen und mit Ihnen zusammen spazierenzugehen. Ich küsse Sie ganz leidenschaftlich.“
  1. „Ich möchte bei Ihnen sein, mon amour, Sie allein können mir das Gefühl geben, in einer neuen Gegenwart zu leben, o Zauber meines Herzens und meiner Augen, Stütze meines Lebens, mein Gewissen und meine Vernunft. Ich liebe Sie ganz leidenschaftlich, und ich brauche Sie.“
  1. „Sie sind meine Zuflucht und ich brauche Sie sehr.“
  1. „Ich habe so große Lust, Nachrichten von Ihnen zu bekommen, dass ich sogar Beschreibungen von Fußwanderungen in der schönen Natur gierig lesen werde.“
  1. „Und dann müssen Sie wissen, dass ich ungeheuer froh bin, dass Sie existieren. Sie sind für mich beständiger als Paris, das zerstört werden kann, beständiger als alles: Sie sind mein ganzes Leben, das ich bei meiner Rückkehr wiederfinden werde.“
  1. „Ich kann nicht getrennt von Ihnen sein, denn Sie sind so etwas wie die Konsistenz meiner Person.“
  1. „Sie sind mein ganzes Leben.“
  1. „Man kann nicht – nicht einmal Sie – mehr an jemandem hängen, als ich an Ihnen hänge.“
  1. „Sie sind eine ganz warme kleine Präsenz, ganz nahe bei mir.“

Foto: CC BY Flickr/Blandine le Cain

Briefe an Sartre: Die 15 schönsten Liebesbekundungen von Simone de Beauvoir

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„Schatz, ich liebe dich“ – total langweilig. Simone de Beauvoir zeigt, wie abwechslungsreich sich Liebe ausdrücken lässt.

Viel ist über die Beziehung von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre geschrieben, diskutiert und gelästert worden. Aber eines muss man den beiden lassen: Um Worte waren sie – fast – nie verlegen. Waren sie getrennt, schickten sie sich Briefe. In den Briefen an Sartre und Briefe an Simone de Beauvoir und andere sind hunderte davon erhalten. Meistens geht es darin um Alltagserlebnisse, kleine Lästereien und Bücher, die das intellektuelle Paar gerade las. Dazwischen finden sich in Beauvoirs Briefen aber auch zahlreiche Liebesbekundungen – mal kitschig, mal zärtlich, mal unterhaltsam. Hier sind die Top 15 der schönsten Liebesschwüre aus den Briefen an Sartre.

  1. „Ich küsse Sie, mein süßer Kleiner; ich möchte Ihre kleine Person ganz fest drücken und sie für immer behalten.“
  1. „Bis morgen, mein lieber Kleiner, mon amour, meine liebe Vergangenheit und meine schöne so sehr erwartete Zukunft.“
  1. „Ich liebe Sie, mein liebes Glück und mein schönes kleines Absolutes.“
  1. „Fühlen Sie mich genauso nah, wie ich Sie fühle, Sie anderes ich?“
  1. „Wie ich Sie liebe. Wie Sie mir fehlen.“
  1. „Ich wusste wohl, dass ich Sie liebte, aber ich liebe Sie noch mehr, als ich es wusste.“
  1. „Als ich heute früh nach einem Schlaf, in dem ich nicht an Sie gedacht hatte, aufwachte, habe ich mich plötzlich daran erinnert, dass Sie existieren, und mein Herz floss über vor Freude.“
  1. „Ich bin, ob nah oder fern, ganz die Ihre.“
  1. „Ich bin aus Zärtlichkeit für Sie ganz zusammengebrochen.“
  1. „Schreiben Sie schön, Kleiner. Mein Herz verlässt Sie nicht.“
  1. „Ich liebe Sie mit etwas Tragik und ganz heftig.“
  1. „Wenn ich vergäße, mich bei Ihrem Tod aus Leidenschaft umzubringen, würde ich schließlich vor Sehnsucht langsam verdorren, und ich würde so oder so beerdigt – kommen Sie mir zurück.“
  1. „Ohne Sie bin ich verstümmelt, mon amour. Es ist nicht direkt schmerzhaft, aber es ist traurig. Sie allein zählen für mich auf der Welt.“
  1. „Es scheint mir, wenn ich Sie wiedersehen werde, wird mir der Atem ausgehen.“
  1. „Ich gebe Ihnen eine Menge guter kleiner französischer Küsse auf Ihr ganzes Kleines Gesicht.“

Da seufzen selbst die Buchstaben vor lauter amour.

Foto: CC BY-ND Flickr/Boris SV

Ceci n’est pas une Simone

Beim Stöbern im Internet findet man die erstaunlichsten Sachen. Zum Beispiel ganz viele Simone de Beauvoirs, die gar keine Simone de Beauvoirs sind.

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Drei junge Damen am Strand. Laut Bildunterschrift handelt es sich dabei um Rosa Luxemburg, Simone de Beauvoir und Emma Goldman. Dumm nur, dass die drei sich nie begegneten und Luxemburg zum angeblichen Zeitpunkt dieses Treffens schon längst tot war.

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Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre im Café. Allerdings handelt es sich bei den beiden Abgebildeten um die Schauspieler Lorànt Deutsch und Anna Mouglalis, die im Film Der Liebespakt das berühmte Paar verkörpern. Täuschend echt, offenbar:

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Ich habe keine Ahnung, wer dieses, zugegebenermaßen, ziemlich lässige Paar ist. Auf jeden Fall nicht Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.

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Man wird nicht als Beauvoir-Anhängerin geboren,…

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Zum 30. Todestag von Simone de Beauvoir habe ich für cafebabel.com einen Essay geschrieben:

Simone de Beauvoir macht es jungen Frauen nicht gerade leicht, sich ihr anzunähern. Sie ist streng, schwer zugänglich und nicht unbedingt auf Anhieb sympathisch. Über eine Ikone, die man erst durch ihre Widersprüche versteht.

In der Geschichte steckt jede Menge Schweiß und Herzblut, herausgekommen ist dabei hoffentlich etwas, das zum Nachdenken anregt. Denn wenn es um Simone de Beauvoir geht, habe auch ich für mich noch längst nicht alle Antworten gefunden.

Es ist kompliziert, perfekte Helden zu haben. Besonders im feministischen Kontext. Das Internet macht es heute sehr einfach, Menschen zu googeln, zurückzuverfolgen, was sie vor Jahren gemacht haben, wozu sie sich wie geäußert haben. Das Internet vergisst nichts. Ein als beleidigend, unsensibel oder uninformiert empfundene Äußerung kann auch Jahre später noch einen Shitstorm heraufbeschwören. Wäre Beauvoir zu der geworden, die sie ist, wenn ihr Briefverkehr mit Sartre in Kommentarspalten bei Facebook stattgefunden hätte?

 

Beauvoirs Umgangsformen: Lieber „Sie” als „Du”

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Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre siezten sich ihr ganzes Leben lang. Warum?

Wenn es ums Duzen und Siezen geht, hat jeder seine Präferenzen. Wenn man als Schüler in der 11. Klasse plötzlich von Lehrern, die einen sonst immer geduzt haben, plötzlich mit „Sie“ angesprochen wird, fühlt sich das ziemlich gut an – man fühlt sich erwachsen, ernstgenommen (auch wenn sich dieses Gefühl schnell als Illusion herausstellt). Bei manchen Leuten findet man es toll, von ihnen direkt mit dem vertraulichen „Du“ angesprochen werden – bei anderen nicht. Simone de Beauvoir war in dieser Hinsicht – Überraschung! – ziemlich eigen. Sie siezte jeden und stand mit dem „Du“ auf Kriegsfuß.

Beauvoir sagte einmal in einem Interview mit Alice Schwarzer 1973:

Es ist mir immer sehr schwer gefallen, ich weiß nicht warum, Leute zu duzen. Dabei duzte ich meine Eltern, und das hätte mir eigentlich die Möglichkeit zum Du geben müssen. Meine beste Freundin Zaza duzte alle Freundinnen, aber mich siezte sie, weil ich sie siezte. Heute sieze ich meine best Freundin Sylvie, ich sage fast zu allen Leuten Sie, außer zu ein, zwei Personen, die mir das Du aufgezwungen haben.Und ich sage Sie zu Sartre. Es ist klar, dass wir nicht nach ’68, nach so vielen Jahren der Gewohnheit, plötzlich Revolutionäre spielen werden, indem wir uns duzen…

Sartre fand diese Angewohnheit Beauvoirs ziemlich unterhaltsam. Schwarzer sagte er:

Also, ich habe nicht damit angefangen: Es ist Simone de Beauvoir, die mich siezt. Ich habe es mir gefallen lassen und mich heute ganz gut daran gewöhnt. Ich könnte gar nicht mehr du zu ihr sagen – sie hat das geschafft.

Er selbst duzte sonst alle Frauen, mit denen er zusammen war. Dass er Beauvoir siezte, sei sei aber kein Zeichen von Distanz gewesen, betonte Sartre in einem anderen Interview:

Wohlgemerkt, glaube nicht, dass dadurch auch nur der kleinste Abstand entstanden wäre. Ich war einer Frau nie näher als dem Biber.

Claude Lanzmann, der einzige Mann, mit dem Simone de Beauvoir jemals eine Wohnung teilte (sie waren in den 1960ern mehrere Jahre lang ein Paar), bestand darauf, Beauvoir zu duzen. Er könne, so Lanzmann, nicht ihr Liebhaber sein und sie trotzdem formell mit „Sie“ anreden. Innerhalb der „kleinen Familie“ von Beauvoir und Sartre, der Gruppe ihrer engsten Freunde, ging es mit dem „Sie“ und „Du“ teilweise chaotisch durcheinander: Manche siezten sich, andere duzten sich. Naja, für Unterhaltung war so zumindest gesorgt.

Quellen: Hazel Rowley (2007): Tête-à-tête. Leben und Lieben von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, Parthas / Schwarzer, Alice (2008): Simone de Beauvoir. Weggefährtinnen im Gespräch, Kiepenheuer & Witsch

Bild: CC BY-NC Flickr/Jean-Pierre Declemy

Film: Der Liebespakt zwischen Beauvoir und Sartre

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Der Film Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre will zeigen, wie die Beziehungen zwischen den beiden Philosophen wirklich war – kommt dabei aber über Oberflächlichkeiten nicht hinaus.

Es ist erstaunlich: Da führen zwei Menschen eine ganz und gar außergewöhnliche Beziehung, die auf absoluter Freiheit und Gleichberechtigung basiert. Affären mit anderen sind erlaubt, ja geradezu erwünscht, Ehrlichkeit dem Partner gegenüber ist dabei aber obligatorisch. Sie ist revolutionär, diese Beziehung zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die in den 1920er Jahren begann – selbst heute noch, wo fast jeder zumindest mal davon gehört hat, dass es sowas wie „offene Beziehungen“ oder „Polyamorie“ gibt. Umso erstaunlicher also, dass die Liebesirrungen und –wirrungen à la Sartre und Beauvoir es bis heute nicht auf die große Leinwand geschafft haben. Tatsächlich hat sich bisher nur ein Film dem Thema gewidmet: der Fernsehfilm Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre von 2006 (er kann hier vollständig angeschaut werden). Herausgekommen ist dabei eine schön anzusehende, aber oberflächliche Geschichte.

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Los geht es direkt mit dem Kennenlernen Simone de Beauvoirs und Jean-Paul Sartres, Anfang der 1920er an der Pariser Sorbonne. Beide bereiten sich auf die Agrégation vor, die wettbewerbsorientierte Prüfung für das Gymnasiallehramt. Beauvoir (Anna Mouglalis) ist 21, Sartre (Lorànt Deutsch) 24. Sie will in Ruhe in der Bibliothek lernen, er verkündet seinen Kumpeln am Nebentisch, dass er dieses entzückende Fräulein zu erobern gedenke. Damit sind die Rollen klar: Sie strebsam und zugeknöpft, er ein selbstbewusster, lebensfroher Casanova. Zu Hause schlägt die junge Simone sich mit dem konservativen Vater herum. „Du hast ein Männergehirn“, befindet der und fragt sich, wer seine Tochter überhaupt haben wolle: „Sie ist hässlich. Außerdem noch arm.“ Da die Eltern Simone keine Mitgift zahlen können und eine standesgemäße Heirat somit ausgeschlossen ist, muss die Tochter eben selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Das passt Simone ganz gut, heiraten will sie sowieso nicht. Wie praktisch, dass Sartre das genauso sieht. Er und der „Biber“, wie er Beauvoir nennt, kommen sich beim gemeinsamen Lernen für die Prüfungen näher (dass es nicht Sartre war, der Beauvoir ihren Spitznamen gab – egal).

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In den ersten 25 Minuten galoppiert der Film nur so durch die erste Phase der erblühenden Beziehung – Küsse im Feld, Streit mit den Eltern, das erste Mal –, um dann direkt zum (vermeintlich) wichtigsten Teil zu kommen: dem Pakt. Sartre schlägt Beauvoir eine Verbindung vor, in der beide ihre absolute Freiheit behalten. Er, so Sartre, sei nicht zur Monogamie bestimmt – neben der „notwendigen Liebe“ in Form des Biebers brauche er auch „kontingente Lieben“, also Affären. Simone solle genauso verfahren und sie würden sich gegenseitig immer alles erzählen: „Auf diese Weise würden ihre Erfahrungen zu meinen und umgekehrt.“ Beauvoir ist alles andere als begeistert, aber Sartre überzeugt sie: „Das geht nur mit einer kühnen Frau, die Mut hat.“ Diesem Muster bleibt der Film bis zum Ende treu: Sartre drängt, Beauvoir zweifelt – und gibt dann nach. Er will immer weiter, sie ist zufrieden damit, wie es ist. Er will ein Stipendium in Berlin annehmen, sie will, dass beide als Lehrer in Paris bleiben. Sartre setzt sich immer durch. Er geht nach Berlin, schafft sich dort sofort eine Geliebte an und Beauvoir bleibt traurig in Paris zurück.

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Bei ihren Schülerinnen schlägt die Lehrerin Simone de Beauvoir ein wie eine Bombe. Sie lässt im Unterricht skandalöse Werke von Gide lesen, aber vor allem: Sie ist jung, hübsch und schlau. Mit ihrer Schülerin Lumi (Clémence Poésy) landet Beauvoir schließlich im Bett – natürlich nur, um Sartre was zu erzählen zu haben: „Mit einem Mann hätte ich es niemals gekonnt“, schreibt sie ihm in einem Brief. In den nächsten Jahren geht es zwischen Beauvoir und Sartre hin und her. Sartre ist eifersüchtig auf Lumi, will ebenfalls mit ihr schlafen. Eine ungesunde Dreiecksgeschichte beginnt. Beauvoir zweifelt am Pakt: „Ich verachte die Eifersucht, aber ich bin eifersüchtig, Sartre.“ Sartre hingegen hat kein Verständnis für die Sorgen seiner Partnerin: „Für mich gibt es nicht nur Sie auf der Welt.“ Kein Wunder, er ist mit Das Sein und das Nichts quasi über Nacht berühmt geworden, gilt als Verkörperung einer neuer Art von Denken: dem Existentialismus. Beauvoir hingegen arbeitet immer noch an ihrem Debütroman, kämpft und zweifelt. Sie fühlt sich von Sartre benutzt – wie viel Arbeit hat sie in sein Werk, in ihn gesteckt. Und was hat sie nun davon?

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Der Liebespakt endet Anfang der 1950er Jahre: Beauvoir hat gerade Das Andere Geschlecht veröffentlich und ist nun eine berühmte Frau. Beide, sie und Sartre, haben intensive Beziehungen erlebt, die viel mehr waren als nur Affären. Sartre dachte sogar daran, seine Geliebte zu heiraten, ließ Beauvoir am Pakt zweifeln; Beauvoir hingegen machte ihrem Geliebten, dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren, gegenüber deutlich, dass sie zu Sartre gehört – und immer gehören wird. Der Macho Algren kommt damit nicht klar, er will seinen „Frosch“, wie er Beauvoir liebevoll nennt, mit keinem anderen teilen. „Bei unserem Pakt haben wir ein wichtiges Detail vergessen: Die anderen haben Gefühle. Dafür lassen sie uns zahlen“, seufzt Sartre. Gezahlt, so stellt es der Film dar, hat aber vor allem Beauvoir. Der Liebespakt präsentiert sie als ewig Eifersüchtige, die bedingungslos zu Sartre hält, nur um dann immer wieder von ihm enttäuscht zu werden. Sie weint, bricht zusammen, während Sartre nahezu kalt wirkt. Glaubt man dem Film, so ist Beauvoir vor allem durch ihre nervenaufreibende Beziehung zu Sartre auf das große Thema „Benachteiligung der Frauen“ gekommen. Denn so wie sie, so leiden überall Frauen unter der Unterdrückung durch die Männer. In Wahrheit war es Sartre, der Beauvoir das Thema vorschlug – sie selbst, so schreibt Beauvoir in ihren Memoiren, habe sich darüber vorher keine großen Gedanken gemacht.

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Mit den Fakten nimmt es Der Liebespakt einerseits also nicht so genau, gibt sich andererseits aber auch keine wirkliche Mühe, der Geschichte und den Charakteren neue Nuancen und Interpretationen hinzuzufügen: Sartre ist der Apostel, die treue Anhängerin Simone stets an seiner Seite. Dass es komplizierter war als das, zeigen die zahlreichen Briefe von Beauvoir und Sartre sowie Beauvoirs Memoiren (die natürlich subjektiv und stellenweise geschönt sind). Auch den philosophischen Ideen der beiden wird im Film wenig Platz eingeräumt: Mal darf Beauvoir eine „pluralistischen Moral“ erwähnen, mal spricht Sartre von „Freiheit“. Ein bisschen mehr Tiefe hätte es dann doch sein dürfen. Anna Mouglalis und Lorànt Deutsch geben sich alle Mühe, ihre Charaktere mit Leben zu füllen – das Drehbuch macht es ihnen jedoch nicht unbedingt einfach. Für Beauvoir sind dort jede Menge ernste Sätze vorgesehen, sie scheint eine freudlose Spaßbremse zu sein. Sartre hingegen darf charmant und lausbubenhaft sein, the life of the party. Trotz seiner Oberflächlichkeit langweilt Der Liebespakt aber nicht – es geht so schnell voran, immer passiert etwas, stets lauert das nächste Drama. Und in einigen Szenen ist es einfach schön, Beauvoir und Sartre anzuschauen: Die Kostüme sind präzise gewählt und schaffen gerade bei Beauvoir, was das Drehbuch nicht hinbekommt – zu zeigen, warum Beauvoir so einen Eindruck auf ihr Umfeld machte, warum so viele um ihre Aufmerksamkeit kämpften.

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Der Liebespakt ist weder tiefgründig noch daran interessiert, die Motivationen seiner Charaktere wirklich zu verstehen. Aber er macht neugierig auf Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, auf ihre ungewöhnliche Beziehung. Und das muss dann auch mal reichen.

Der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre (Originaltitel: Les Amants du Flore), Frankreich, 2006. Regie: Ilan Duran Cohen

Fleiß und Disziplin: So sah Simone de Beauvoirs Tagesablauf aus

Tagesablauf

Wie quetscht man möglichst viel Arbeit in einen Tag? Beauvoir macht’s vor.

Es gibt Tage, an denen man nicht so richtig in Schwung kommt. Es wartet eine Menge Arbeit, aber es fehlt die Motivation, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Und außerdem sind da ja noch ein paar Artikel, die man online lesen möchte, die Wohnung könnte mal wieder geputzt werden und ach ja, einkaufen muss man auch noch. Und schwups – der Tag ist rum, ohne dass arbeitsmäßig viel passiert ist.

Simone de Beauvoir würde hierüber nur die Nase rümpfen. Ihr Motto lautete: „Ich langweile mich, wenn ich nicht arbeite.“ Prokrastination war ihr fremd, die Frau besaß eine unglaubliche Selbstdisziplin (ihr Spitzname „Biber“ kam eben nicht von ungefähr). Kein Tag verging, ohne dass Beauvoir arbeitete – außer im jährlichen Sommerurlaub mit Jean-Paul Sartre. Aber auch da wurde sie nach wenigen Tagen Ruhe nervös, vor allem, wenn in Paris Arbeit auf sie wartete. Nur beim Wandern konnte Beauvoir mal so richtig abschalten.

Arbeiten im Café

Les Deux Magots

In Paris folgte Beauvoir einem strikten Tagesablauf. Sie war kein Morgenmensch, konnte es aber kaum erwarten, mit der Arbeit zu beginnen und stand deshalb zwischen acht und neun Uhr auf. Zum Arbeiten zog Beauvoir die trubelige Atmosphäre von Cafés ihrem stillen Hotelzimmer vor. Im Deux Magots oder Café de Flore trank sie Kaffee, las Zeitungen und machte sich gegen zehn Uhr an die Arbeit. Sie las, was sie am Vortag geschrieben hatte, machte Korrekturen und dann von da aus weiter. Der Morgen waren wohl tatsächlich die einzige Zeit des Tages, die nicht von Sartres Terminkalender bestimmt wurde. Beauvoir hatte ein paar Stunden ganz für sich.

Zum Mittagessen um eins traf sie oft Sartre und/oder Freunde. Nachmittags kehrte sie zurück zu ihrer Arbeit und schrieb bis neun Uhr abends, Seite an Seite mit Sartre. Als sie noch im Hotel wohnte, arbeitete Beauvoir auch nachmittags am liebsten in Cafés oder zusammen mit Sartre bei einer gemeinsamen Freundin. Wenn Sartre keine politischen und gesellschaftlichen Verpflichtungen hatte, gingen die zwei abends gerne ins Kino oder tranken Whisky und hörten Musik. Um Mitternacht war Schlafenszeit.

Faulenzen? Keine Chance

Als Beauvoir und Sartre genug vom Hotelleben hatten, Beauvoir sich 1948 eine kleine Studiowohnung in der Rue de Bûcherie mietete und Sartre nach dem Tod seines Stiefvaters zu seiner Mutter zog, änderte sich der Tagesablauf etwas – wenn auch nur geringfügig. Der Regisseur und Journalist Claude Lanzmann – der einzige Mann, mit dem Beauvoir jemals eine Wohnung teilte – erinnerte sich:

Sie arbeitete unentwegt und sehr diszipliniert – so wie übrigens auch Sartre. Am ersten Morgen wollte ich im Bett liegenbleiben, doch sie stand auf, kleidete sich an und setzte sich an ihren Arbeitstisch. ‚Sie können dort arbeiten‘, sagte sie und zeigte aufs Bett. Also stand ich auf, setzte mich auf die Bettkante, rauchte und tat so, als arbeitete ich. Ich glaube, sie hat bis zur Mittagsstunde kein einziges Wort mit mir gewechselt. Sie ging gemeinsam mit Sartre zum Essen; gelegentlich gesellte ich mich dazu. Die Nachmittage verbrachte sie mit ihm in seiner Wohnung, sie arbeiteten drei oder vier Stunden. Abends gab es allerlei Versammlungen und Verabredungen. Wir gingen spät zum Essen, und in der Regel setzte sie sich dann mit Sartre abseits und besprach mit ihm das, was er an diesem Tag geschrieben hatte. Sie und ich kehrten anschließend in die Rue de la Bûcherie heim und gingen ins Bett. Es gab keine Partys, keine Empfänge, keine bürgerlichen Werte. Das alles betraf uns nicht. Es gab nur das Wesentliche – ein Leben ohne Ballast, von einer Schlichtheit, die bewusst gewählt war und dem Zweck diente, ungehindert arbeiten zu können.

Und gearbeitet hat sie, diese Simone de Beauvoir.

Quellen: Bair, Deirdre (1990): Simone de Beauvoir. Eine Biografie, Knaus Verlag, München / Gobeil, Madeleine (1965): Simone de Beauvoir, The Art of Fiction No. 35, The Paris Review

Bilder: CC BY Flickr/Drew Coffman; CC BY Flickr/Dana Voss