Malerin Brigitte Zander: „Simone de Beauvoir war eine Mutmacherfrau“

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CC BY NC Flickr/Kristine

Schon als Au-pair und Studentin im Paris der 1960er war Brigitte Zander fasziniert von Simone de Beauvoir – sie auf der Straße anzusprechen traute sie sich aber nicht. Als sie 1986 vom Tod ihres einstigen Idols erfuhr, zögerte sie nicht lange und machte sich auf zur Beerdigung. Erinnerungen.

Im Prinzip begann alles mit einem Mann. Brigitte Zander, 1942 im niedersächsischen Salzgitter geboren, erinnert sich noch, als sei es gestern. Sie war jung, damals, in den 1960ern, und unsterblich verliebt in einen Mainzer Französisch-Studenten. Das Problem: Der hatte sich in den Kopf gesetzt, niemals eine Deutsche, sondern nur eine Französin zu heiraten. Nicht nur war Brigitte Zander keine Französin, sie konnte noch nicht einmal gut Französisch sprechen. Am Telefon erzählt sie lachend: „Meine Lehrerin hat zu mir gesagt, sie habe noch nie eine dermaßen sprachunbegabte Schülerin wie mich gehabt.“ Um den Studenten durch hervorragende Französisch-Kenntnisse doch noch für sich zu gewinnen, beschloss die junge Brigitte, ein Jahr als Au-Pair-Mädchen nach Paris zu gehen: „Wenn ich erstmal richtig Französisch spreche, dachte ich, nimmt er mich vielleicht doch.“

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Brigitte Zander (c) privat

Also packte sie 1967 ihre Koffer und zog bei der Familie eines Atomphysikers ein. Die wohnte im Pariser Quartier Latin, schräg gegenüber der Sorbonne, nahe des Jardin du Luxembourg. Nach drei Monaten träumte Brigitte Zander auf Französisch und sprach die Sprache bald fließend – Lehrerinnen liegen mit ihren Einschätzungen eben nicht immer richtig. Den Mai 1968 erlebte sie unmittelbar mit, eine aufregende Zeit. Die junge Deutsche fühlte sich wohl in Paris, studierte in der Alliance Française fleißig Französisch, saugte die Stadt und die Kultur dort auf, entdeckte Autoren wie Jean-Paul Sartre und dann auch Simone de Beauvoir. Letztere beeindruckte Brigitte Zander nachhaltig: „Ich habe mich schon immer in meiner bürgerlichen Existenz nicht wohl gefühlt. Was Simone de Beauvoir in Memoiren einer Tochter aus gutem Hause schrieb, das war quasi mein Leben.“ Ihre Mutter, so Brigitte Zander, habe ihr immer gesagt, um ein Studium brauche sie sich keine Gedanken machen, sie solle doch einfach einen Akademiker heiraten.

Einen Akademiker geheiratet hat Brigitte Zander tatsächlich – und zwar den Französisch-Studenten aus Mainz. Der besuchte sie mehrmals in Paris und war von den Sprachkenntnissen und dem französischen Flair seiner Verehrerin beeindruckt. Gehalten hat die Ehe nicht, wie Brigitte Zander am Telefon unumwunden zugibt, aber das sei ja nicht schlimm. Wie Simone de Beauvoir ging sie letztendlich einen ganz anderen Weg, als die Familie für sie vorgesehen hatte: Erst arbeitete Brigitte Zander einige Jahre als Buchhändlerin („Ich war ein richtiger Bücherwurm!“), später erwarb sie auf dem zweiten Bildungsweg die Zulassung zum Studium der Sozialpädagogik. Sie studierte in Frankfurt am Main und wurde Diplom-Sozialpädagogin. Weil sie schon immer eine kreative Ader hatte sowie künstlerisches Talent („In der Schule hatte ich nur in Kunst und Deutsch eine eins“) folgte 1978 ein Kunststudium in Wiesbaden. Seitdem malt sie, unterrichtet selbst und ist Mitglied mehrerer Kunstvereine und -gemeinschaften.

Seit sie in Rente ist, hat Brigitte Zander theoretisch mehr Zeit zum Malen – praktisch kommt sie aber nicht immer dazu. Es gibt schließlich so viel zu tun, zum Beispiel Geflüchteten in ihrem Wohnort Mainz Deutsch beizubringen: „Ich bin fast 76 und es ist einfach ein schönes Gefühl, irgendwo noch gebraucht zu werden.“ Etwas, für das Brigitte Zander sich jeden Tag Zeit nimmt, ist das Tagebuchschreiben. Aus ihren Aufzeichnungen der letzten Jahrzehnte hat sie eine ganz persönliche Chronik gemacht und dem Stadtarchiv Mainz zur Verfügung gestellt. Eine, die in diesen Erinnerungen natürlich nicht fehlen darf, ist Simone de Beauvoir. „Was mich an ihr fasziniert hat“, sagt Brigitte Zander, „ist ihr freiheitliches Denken. Sie hat mir klargemacht: Du bist in der Lage, aus deinem Leben etwas Vernünftiges zu machen.“ Beauvoir, findet sie, war eine „Mutmacherfrau“. Deshalb hat sie ihr in ihren Erinnerungen auch ein ganzes Kapitel gewidmet – und den Text netterweise für eine Veröffentlichung auf Oh, Simone! zur Verfügung gestellt.

Erinnerungen an Simone de Beauvoir

von Brigitte Zander

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Simone de Beauvoir als alte Frau (c) Brigitte Zander

„Heute starb Simone de Beauvoir. Ich habe sie seit vielen Jahren bewundert und verehrt. Sie war 78 Jahre alt. Als ich 1968 in Paris studierte, sah ich sie im Quartier Montparnasse. Sie ging vor mir mit ihren Einkaufstüten. Ich erkannte sie gleich an ihrem Tuch, das sie wie einen Turban um ihren Kopf gebunden trug. Ich folgte ihr schüchtern. Wie gerne hätte ich sie angesprochen, aber natürlich wagte ich es damals nicht.“

Diese Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahr 1986 las ich nach, als ich am 9. Januar 2008 in meiner Tageszeitung die Titelüberschrift fand: „Feministische Galionsfigur. Französische Autorin Simone de Beauvoir wurde vor 100 Jahren geboren.“

Was hatte mich an dieser Frau so fasziniert? War es ihre Bedeutung als Schriftstellerin, war es diese ungewöhnliche Verbindung mit Jean Paul Sartre, dessen Bücher ich als Buchhändlerin verschlungen hatte? Sprach sie mir in meinem recht bürgerlichen Dasein aus der Seele mit ihrem Roman Memoiren einer Tochter aus gutem Hause? Dieses ganz andere Leben reizte mich. Auch ich wollte frei und ungebunden sein, studieren, ein unkonventionelles Leben führen. Ich war jung, sechsundzwanzig, als ich ihr in Paris begegnete. Sie war für mich eine Frau, die mutig alle Möglichkeiten des Frau-Seins ausschöpfte, die ein Leben in Fülle lebte, die mit bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit aus Kultur, Politik und Philosophie Umgang pflegte. Eine Frau, die die Frauenbewegung stark prägte.

Nach den Büchern von Jean-Paul Sartre schlugen mich schon bald auch ihre Romane in Bann. Die ganz besondere Verbindung dieses Paares erschien mir als eine ideale Möglichkeit, Liebe, Anerkennung und Freiheit in einer gelungenen Beziehung zu leben. Es war, glaube ich, die Autonomie ihres Lebensentwurfs, die mich damals so reizte, anspornte und mir zeigte, dass es auch andere Lebensformen als die der Familie gab.

Leicht war es nicht für sie und Sartre, in all den Jahren ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Sie lebten in Hotels, jeder in seinem Zimmer. Und doch gab es auch den Raum, in dem sie beide an ihren Schreibmaschinen saßen, schrieben, sich über alles austauschten.

Was für eine ungewöhnliche Frau, diese Tochter aus gutem Hause, die zur Frauenrechtlerin, Schriftstellerin und Philosophin werden sollte. Die so mutig im Algerienkrieg eine klare politische Position bezog.

Eine Frau, die nicht nur Männer liebte, sondern auch zu Frauen, die ihr persönlich oder politisch nahe standen, eine ganz besondere Beziehung hatte. Aber ob sie auch einverstanden gewesen wäre, wenn sie gewusst hätte, dass Jahre später ihre ganz persönlichen Briefe an ihre Freundinnen veröffentlicht werden sollten?

Es war 1986, als mir mein Kollege Leo sagte: „Simone de Beauvoir ist gestorben, du schätzt sie doch so“. Ich besorgte mir eine französische Zeitung und fand darin den Hinweis: „Les Obsèques pour Simone de Beauvoir auront lieu samedi après-midi au cimetière du Montparnasse. Un cortège se formera vers 14 heures à l’hôpital Cochin, où l’écrivain est morte, pour se rendre au cimetière“.

Spontan nahm ich mir Urlaub und fuhr nach Paris. Im Quartier Latin, meiner alten Studienadresse in der Rue des Écoles, fand ich in einem kleinen Hotel im 6. Stock ein winziges Zimmer. Gleich schräg gegenüber klingelte ich bei Familie Bonpas, bei denen ich damals während meines Studiums gelebt hatte. Colette, alt geworden, öffnete, schaute misstrauisch zwischen Türspalt und Abriegelung in den Hausflur, zögernd, bis sie mich endlich erkannte. Im Salon saßen ihr Mann Michel und Benoît, mit dem ich damals 1967/68, als er ein kleiner Junge war, Hand in Hand durch den Jardin du Luxembourg zu seiner Schule ging. Großes Umarmen, Lachen, Erzählen. Benoît war nun ein hochgewachsener junger Mann von 29 Jahren.

Am Samstag, dem Tag der Beerdigung, setzte ich mich in der Rue Mouffetard in ein winziges Café, aß mein geliebtes pain beurré, trank einen café crème, las die Tageszeitung, beobachtete die Händler und alten Frauen, die kurz hereinkamen, ihren kleinen rouge tranken oder ihren Kaffee. Die Straße füllte sich immer mehr mit Hausfrauen, die an den kunstvoll mit Früchten, Gemüse, Fischen und Fleisch dekorierten Marktständen ihre Einkäufe machten. Hier hatten auch wir damals eingekauft, wenn wir bei meiner Freundin Joëlle kochten. Wie liebte ich diese umtriebige, lebendige Marktstraße in Paris.

Viel zu früh, zwei Stunden vor Beginn der Beerdigung, traf ich schon bei der Klinik ein, in der Simone de Beauvoir gestorben war. In einer kleinen Gasse entdeckte ich die Pforte zum Innenhof, in dem sich Grabgestecke und Kränze türmten. Auf den Schleifen der Blumengebinde las ich Namen von Freunden, Frauengruppen, Feministinnen aus Australien, Kanada, USA, europäischen Ländern, von Zeitungen der Weltpresse und von Verlagen. Diese Blumenpracht zeugte mehr als alles andere von ihrer internationalen Bedeutung.

Auf einer Bank saß ganz allein eine junge Frau in ein Buch der Schriftstellerin vertieft, Kopfhörer auf den Ohren. Ich sprach sie an und sie erzählte, dass sie, allein wie ich, aus Holland angereist sei. Eine Freundin, den Arm voller Blumen, gesellte sich zu ihr, dann erschien die vierte Frau im Hof. Sie kam geradewegs auf mich zu und fragte, ob wir die erwarteten Frauen aus Madrid wären.

Wir zwei kamen ins Gespräch. Um es in gemütlicherer Atmosphäre weiterführen zu können, gingen wir in ein nahe gelegenes Café. Sie hieß Emmanuelle und war Mitglied der Ligue du droit des femmes (Liga für die Rechte der Frauen), deren Gründerin und Präsidentin Simone de Beauvoir war. Während sie in ihrer Tasse rührte, liefen ihr Tränen über die Wangen. Als sie sich entschuldigte, erfuhr ich, wie eng sie mit Simone befreundet war. Sie kramte in ihrer Umhängetasche, suchte einen Briefumschlag heraus und legte auf den kleinen runden Tisch die Fotos ihres letzten gemeinsamen Urlaubs mit Simone am Meer. Lachend, gelöst, drei Frauen Arm in Arm, an ihrer Seite noch ihre Freundin Anne, eine Schriftstellerin, mit der sie in Paris lebte. Sie erzählte mir von ihrer Arbeit, ihrer Galerie und gab mir ihre Adresse, als sie von mir erfuhr, dass ich Malerin sei. Mit dieser Linksradikalen, Feministin und Galeristin sprach ich nun über Simone und was sie uns in unserem Leben bedeutet hatte.

Als wir zurückkamen, hatte sich der Innenhof neben der Kapelle gefüllt: Reporter, Fernsehen, Presse und Rundfunk, die nächsten Angehörigen und Freunde. Emmanuelle ging noch einmal in die Kapelle. Ganz erschrocken starrte ich eine Frau an, die Simone so ähnlich sah, dass ich glaubte, sie zu sehen. Es war ihre Schwester.

Inzwischen war auch Alice Schwarzer eingetroffen. Emmanuelle begrüßte sie und erzählte mir, wie sehr ihnen Alice mit ihrer Berichterstattung in der Presse zur Seite gestanden habe und welchen engen freundschaftlichen Kontakt sie zu Simone hatte. Emmanuelle machte mich noch mit den anderen Frauen der Liga für die Rechte der Frauen bekannt.

Der Sarg wurde durch ein schmales Spalier von Kameraleuten getragen. Eine schwarze Limousine setzte sich langsam in Bewegung, die Verwandten stiegen in bereitstehende Autos, der Wagen mit den Blumengebinden und Kränzen, ein riesiger Blumen- und Blütenberg, setzte sich in Bewegung und alle folgten dem Blumenauto, nicht wissend, dass der Sarg in einem anderen Wagen war. Auch ich merkte es erst, als ich, um neben Emmanuelle zu gehen, neben ihr an der Spitze des Trauerzuges angekommen war und dabei festgestellt hatte, dass nur noch der Blumenwagen vor uns fuhr. Als ich das der Gruppe erzählte, entschloss sie sich sofort, den Zug zu verlassen, um im Laufschritt zu versuchen noch vor den Massen am Friedhof einzutreffen. Ich war überzeugt davon, dass die Verwandten und der Sarg längst dort wären.

Als wir, ganz außer Atem, vor dem riesigen, großen grünen Friedhofstor ankamen, war alles abgeriegelt. Hinter Absperrungen drängte sich die wartende Menge. Die Polizei wollte uns nicht hineinlassen. Alice, Anne und Emmanuelle, die zum Freundeskreis von Simone gehörten und auf der Liste standen, sprachen mit dem Verantwortlichen für die Trauerfeier. Ohne dass wir einzeln überprüft wurden, gelangte auch ich auf wundersame Weise inmitten der acht Frauen durch das große Tor, das sich nun für uns öffnete. Es war, als seien wir mitten in einer Aufführung auf die Bühne getreten. Alle starrten uns an, als wir an der Riesenmenge vorbei zum offenen Grab von Jean-Paul Sartre gingen. Er war hier im April 1980 beigesetzt worden sechs Jahre zuvor im gleichen Monat wie Simone de Beauvoir.

Auch hier um das Grab, das wenige Meter von mir entfernt lag, lauerte wieder eine Unmenge an Fotografen, Fernsehleuten und Reportern. Sie standen auf der Friedhofsmauer und auf Grabsteinen, jede Würde vergessend für ein gutes Foto. Die Schwester warf eine Blume ins Grab. Die Reden verschwammen im Geräusch der vorbeirauschenden Autos hinter der Friedhofsmauer. Ich konnte kaum etwas verstehen, zu viele drängten und schubsten, um eine bessere Sicht zu finden. Ich suchte Schutz hinter einem Baumstamm, während sich meine Augen mit Tränen füllten. So konnte ich den Ausruf von Elisabeth Badinter, der Frauenrechtlerin, nicht hören: „Frauen, ihr verdankt ihr alles!“ Das las ich erst später in der Zeitung.

Als die Zeremonie vorüber war, eine Beerdigung ganz ohne Pfarrer, denn gläubig war Simone de Beauvoir nicht, verabschiedete ich mich von den Frauen. Alice Schwarzer wünschte nicht, dass ich beim anschließenden Besuch in einem Café dabei war, weil ich nicht zur Gruppe gehörte. Ich ging, bewegt von all dem Erlebten, allein zurück. Es war mir recht. Ich brauchte Zeit, um die außergewöhnlichen Begegnungen, die aufkeimenden Erinnerungen an meine Studienzeit, das Wiedersehen mit den Straßen von Paris und der Pariser Sorbonne zu verarbeiten.

Im Jardin du Luxembourg suchte ich mir einen Stuhl am großen Wasserbecken. Er war noch nass vom kurzen Regenschauer. Ich legte meine Zeitung unter, setzte mich und vertiefte mich in die Lektüre über das Leben von Simone de Beauvoir. Noch einmal spüre ich meinen Erinnerungen nach: Wie war es nach der Nachricht vom Tode Simone de Beauvoirs zu dieser spontanen Reise gekommen? War da noch mehr als bloße Verehrung für eine Schriftstellerin? Vielleicht waren auch ein wenig Nostalgie und der Wunsch dabei, in mein geliebtes Paris zurückzukehren, wo ich die aufregende Zeit der Révolution du mai 68 erlebt hatte.

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Aus Brigitte Zanders Tagebüchern 1967/68 (c) Brigitte Zander

Als ich damals in meinem alten Tagebuch blätterte und die Ereignisse Revue passieren ließ, war es mir, als sei es erst gestern gewesen. Ich sah die Fotos an, staunte über mein lockiges Haar, das ich später nie mehr so trug. Ich ging neben Alice Schwarzer. Das ist nun viele Jahre her.

Aus: Zander, Brigitte (2014): Erinnerungen, Mainz.

Bon anniversaire, Simone de Beauvoir!

Anniversaire

Heute, am 9. Januar 2018, wäre Simone de Beauvoir 110 Jahre alt geworden. Vor genau zwei Jahren ist außerdem der erste Artikel auf Oh, Simone! erschienen, im Dezember 2017 folgte dann das gleichnamige Buch. Es gibt also dreifach Grund zum Feiern! Simone selbst hätte sich wahrscheinlich einen guten Scotch genehmigt. Wer mag, kann also virtuell (oder real) auf sie anstoßen – und dazu noch einmal ein paar Texte über Simone de Beauvoir lesen. Voilà, eine kleine Leseliste, inklusive der beliebtesten Blog-Texte.

Man wird nicht als Beauvoir-Anhängerin geboren, man wird es

35 Dinge, die ihr über Simone de Beauvoir noch nicht wusstet

Simone de Beauvoir für Anfängerinnen und Anfänger

Ein Pakt für die Freiheit: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre (Teil 1 und 2)

Briefe an Sartre: Die 15 schönsten Liebesbekundungen von Simone de Beauvoir

Briefe an Simone de Beauvoir: Die 15 schönsten Liebesbekundungen von Jean-Paul Sartre

Fleiß und Disziplin: So sah Simone de Beauvoirs Tagesablauf aus

Claudine Monteil: „Ich möchte ein leidenschaftliches Leben haben wie Simone de Beauvoir“

Simone de Beauvoir: Die Philosophin, die keine sein wollte

Und auch noch was zum Hören: Ein Interview über Oh, Simone! im Deutschlandfunk.

Bild: CC BY-NC Flickr/Kristine

Literatur-Schnellcheck: Die Mandarins von Paris (1954)

Literatur-Schnellcheck

Intellektuelle Irrungen und Wirrungen – darum geht es in Simone de Beauvoirs preisgekröntem Roman.

Worum es geht

Um die Dilemmata, vor denen französische Intellektuelle nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1940er Jahren stehen. Hauptpersonen sind der Journalist, Schriftstelle und ehemalige Widerstandskämpfer Henri Perron und die Psychoanalytikerin Anne Dubreuilh. Anne ist mit dem berühmten – um die 20 Jahre älteren – Philosophen Robert Dubreuilh verheiratet und hat mit ihm eine erwachsene Tochter, Nadine. Dazu gesellt sich ein buntes Potpourri an Nebencharakteren. Eine der Hauptkonfliktlinien verläuft zwischen Henri und Robert: Henri möchte seine politische und intellektuelle Unabhängigkeit bewahren, Robert ihn und seine Zeitschrift Espoir jedoch für sein Projekt einer unabhängigen nichtkommunistischen Linken gewinnen. Anne stellt derweil fest, wie einsam und unglücklich sie in der Beziehung mit Robert ist und stürzt sich in eine Affäre.

Worum es wirklich geht

Um Gewissenskonflikte, um den Zwiespalt zwischen Denken und Handeln, um Engagement, um Authentizität und darum, das ‚Richtige‘ tun zu wollen.

Was das Buch lesenswert macht

Die Mandarins ist Simone de Beauvoirs dichtester und epischster Roman. Hier wird eine ganze Epoche lebendig, wird man hineingezogen in das Pariser Intellektuellen-Milieu, nimmt man Teil an Streits, Diskussionen und Affären. Das Beste an dem Roman ist, dass er mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.

Insiderwissen

Als Die Mandarins 1954 erschien, erhielt Simone de Beauvoir dafür noch im gleichen Jahr den prestigeträchtigen Prix Goncourt. Der Roman wird oft als Schlüsselroman gelesen, in dem die Charaktere real existierenden Personen entsprechen: Jean-Paul Sartre ist angeblich Robert Dubreuilh, Albert Camus angeblich Henri Perron, und so weiter. Beauvoir selbst hat sich gegen solch eine Lesart ihres Romans immer gewehrt – auch wenn sie ihrem Geliebten Nelson Algren schrieb, sie habe „eine Menge Figuren erfunden, die uns repräsentieren sollten.“

Zum Zitieren

„In einem gekrümmten Raum lässt sich keine gerade Linie ziehen“, sagte Dubreuilh. „Man kann kein korrektes Leben in einer Gesellschaft führen, die nicht korrekt ist. Man stößt immer wieder an, auf der einen oder der andern Seite. Wieder so eine Illusion, die wir ablegen müssen“, schloß er. „Es gibt kein persönliches heil.“ Henri sah Dubreuilh unsicher an. „Was bleibt uns dann noch übrig?“ „Nicht viel, glaube ich“, sagte Dubreuilh.

Simone de Beauvoir über das Lesen

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CC BY-NC Flickr/kristine

In meiner Kindheit und Jugend war Lesen nicht nur meine Lieblingsbeschäftigung, sondern auch mein Schlüssel zur Welt. Die Lektüre kündete mir meine Zukunft: indem ich mich mit Romanheldinnen identifizierte, erahnte ich mein künftiges Geschick. In den undankbaren Momenten meiner Jugend hat die Lektüre mich vor Einsamkeit bewahrt. Später hat sie mir dazu gedient, meine Kenntnisse zu erweitern, meine Erfahrungen zu vervielfachen, meine Lage als menschliches Wesen und den Sinn meiner Arbeit als Schriftstellerin besser zu verstehen. Heute ist mein Leben eine fertige Sache, und ebenso mein Werk; selbst wenn letzteres weiter wachsen sollte: kein Buch wäre imstande, mir eine blitzartige Erleuchtung zu verschaffen. Dennoch fahre ich fort, viel zu lesen (…).

(Simone de Beauvoir, Alles in allem)

Simone de Beauvoir für Anfängerinnen und Anfänger

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CC BY Julia Korbik

Lust darauf, Simone de Beauvoir zu lesen, aber keine Ahnung, womit anfangen? Hier eine kleine Anleitung.

Sie macht ein bisschen Angst, diese Simone de Beauvoir. Auch über 30 Jahre nach ihrem Tod. Oder, genauer: Sie flößt Respekt ein. Wie oft höre ich denn Satz: „Ich würde ja so gerne mal was von Simone de Beauvoir lesen, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“ Zugegeben, Simone hinterlässt ein nicht eben kleines Œuvre, bestehend aus Erzählungen, Romanen, Briefen und Memoiren (sogar ein Theaterstück hat sie geschrieben!). Witzigerweise greifen viele, die noch nie etwas von Simone gelesen haben, zu ihrem zweiten Memoiren-Band In den besten Jahren – zumindest habe ich das im Freundes- und Bekanntenkreis beobachtet. Und irgendwie ist die Wahl ja auch nachvollziehbar, schließlich heißt es auf dem Buchrücken: „Eine ganze Epoche des geistigen Frankreich mit seiner literarischen, politischen und politischen Avantgarde wird hier lebendig“. Was der Buchrücken nicht erwähnt (warum sollte er auch): Das Ganze ist doch relativ kompliziert, voll mit Namen, Orten und Ereignissen. Da blicken nur die durch, die Simone bereits etwas kennen sowie ihre Briefe an Sartre gelesen haben. Sprich, ein besonders guter Einstieg ins beauvoirsche Werk ist In den besten Jahren nicht. Was sollte man also stattdessen lesen?

Memoiren einer Tochter aus gutem Hause: Befreiung vom elterlichen Milieu

Zum Beispiel Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, Simones erster Memoiren-Band und auch der am sorgfältigsten durchkomponierte, der am liebevollsten geschriebene. Darin erzählt sie von ihrer Kindheit in Paris, vom Aufwachsen in der Bourgeoisie, wo die junge Simone mit dem Gegensatz zwischen dem intellektuellen, aber traditionellen Vater und der katholischen und strengen Mutter klarkommen muss. Das Buch zeichnet nach, wie aus der braven, religiösen und unsicheren Simone eine junge Frau wird, die weiß, was sie will: die Freiheit, ihren Weg zu gehen und über ihr Leben selbst zu bestimmen. Dabei hilft ihr auch die Bekanntschaft mit Jean-Paul Sartre 1929, einer ihrer Kommilitonen an der Pariser Sorbonne. In starkem Kontrast zu Simones Befreiung vom elterlichen Milieu steht die Entwicklung ihrer besten Freundin Zaza, die aus ihrer Zerrissenheit zwischen Freiheitsdrang und Tradition keinen Ausweg findet. Memoiren einer Tochter aus gutem Hause zeigt, wo Simone herkommt, was sie ausmacht und wie sie zu Simone de Beauvoir, der berühmten Schriftstellerin, Philosophin und Feministin werden konnte.

Die Mandarins von Paris: Einblick in das Pariser Intellektuellenmilieu

Ebenfalls gut für den Einstieg geeignet ist Die Mandarins von Paris, der Roman, mit dem Simone 1954 den renommierten Prix Goncourt gewann. Thematisch geht es um die Pariser Intellektuellenszene nach Ende des Zweiten Weltkriegs, um politische Auseinandersetzungen, um Liebe, um Freundschaft. Simone erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Henri Perron, Schriftsteller, Journalist und ehemaliger Résistance-Kämpfer, und aus der von Anne Dubreuilh, Psychologin und Frau des berühmten Intellektuellen Robert Dubreuilh. Hinzu kommt ein buntes Tableau von Nebencharakteren, darunter Annes Tochter Nadine und Henris Geliebte Paule. Simone stellt die ganz großen Fragen, untersucht den Konflikt zwischen Denken und Handeln, analysiert die Bedeutung des Engagements. Wie nebenbei erzählt sie dabei auch noch vom Suchen und Finden der Liebe und was passiert, wenn diese Liebe vorbei ist. Wer Simone schon ein bisschen kennt, wird Spaß daran haben, Parallelen zwischen der Romanhandlung und den Figuren sowie realen Ereignissen und Menschen herzustellen. Die Mandarins von Paris funktioniert aber auch, ohne dass man weiß, wie sehr sich Henri Perron und ein gewisser Albert Camus ähneln…

Sie kam und blieb: nervenaufreibende Ménage-à-trois

Und, noch eine dritte Möglichkeit, sich in Simone „reinzulesen“: Sie kam und blieb. In Simones erstem Roman geht es um eine Ménage-à-trois und auch dieses Buch weist Parallelen zum realen Leben auf (eine ausführliche Zusammenfassung gibt es hier). Noch dazu bietet es alles, was einen typisch beauvoirschen Roman auszeichnet: viele Dialoge, existentialistische Fragen und eine genaue Beobachtungsgabe. Wer sich weniger für Simones literarisches Schaffen und vielmehr für ihre Philosophie interessiert, der sollte es mit der Sammlung Soll man de Sade verbrennen? Drei Essays zur Moral des Existentialismus versuchen. Hier legt Simone ihre Version der von Sartre formulierten existentialistische Ideen dar – und das sehr viel einleuchtender und anschaulicher als ihr Lebensgefährte. Anspruchsvoll sind die Essays natürlich trotzdem, so wie auch der Existentialismus eine eher komplizierte Philosophie ist.

Das andere Geschlecht: kein guter Einstieg, aber eine wichtige Lektüre

Oft werde ich auch gefragt, ob Das andere Geschlecht ein guter Einstieg in das Werk der Simone de Beauvoir ist. Ist es natürlich nicht, dafür ist dieses Manifest viel zu umfangreich, viel zu philosophisch und viel zu voraussetzungsvoll. Lesen sollte man es aber unbedingt, denn obwohl das Buch mittlerweile fast 70 Jahre alt ist, hat es nichts von seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil: Manche Passagen wirken, als wären sie heute geschrieben worden. Vor allem aber erinnert Das andere Geschlecht daran, was in Sachen Gleichberechtigung schon erreicht wurde – und was nicht. Vor allem sollte man das Buch allein schon deshalb lesen, weil so wahnsinnig viele Behauptungen und Lügen darüber herumgeistern. Zum Beispiel die These, Simone fordere eine Abschaffung der Geschlechter. Stimmt gar nicht, aber das kann man nur wissen, wenn man die Nase tatsächlich mal in Das andere Geschlecht gesteckt hat.

Literatur-Schnellcheck: Alle Menschen sind sterblich (1946)

Literatur-Schnellcheck

Was würde passieren, wenn wir unsterblich wären? Dieser Frage geht Simone de Beauvoir in ihrem dritten Roman nach.

Worum es geht

Fosca, ein italienischer Adeliger, ist dank eines Zaubertranks unsterblich. Im Paris der 1930er Jahre lernt der lebensmüde Fosca die Schauspielerin Régine kennen, die sein Herz erobern will, um so selbst einzigartig und auf eine gewisse Art unsterblich zu werden. Fosca erzählt ihr von den Abenteuern, die er in den letzten 600 Jahren erlebt hat: Er hat Kriege geführt und wurde bekriegt, hat Macht gewonnen und sie wieder verloren, hat sich verliebt und ist doch nie glücklich geworden.

Worum es wirklich geht

Darum, dass das Leben durch Unsterblichkeit sinnlos wird. Der Philosoph Martin Heidegger glaubte, alles Seiende, die menschliche Existenz, sei immer Sein zum Tode. Erst der Tod verleiht dem Leben einen Sinn. Allerdings verursacht die Aussicht, eines Tage zu sterben, natürlich auch Angst – diese Angst prägt die menschliche Existenz. Beauvoirs Existentialismus hingegen ist lebensbejahender: Das Sein erhält durch die Aussicht, sterben zu können, einen Sinn – aber es ist trotzdem nicht Sein zum Tode. Beauvoir geht stattdessen davon aus, dass die menschliche Existenz von Entwürfen bestimmt wird: Jeder Entwurf ist ein neuer Ausgangspunkt, mit dem der Mensch sich immer wieder aufs Neue in die Zukunft, und nicht auf den Tod hin, entwirft.

Was das Buch lesenswert macht

Die bunten und schillernden Beschreibungen europäischer Geschichte: Vom norditalienischen Carmona im 13. Jahrhundert geht es an den Hof von Kaiser Karl V. und ins Frankreich der Julirevolution von 1830. Trotzdem: Alle Menschen sind sterblich ist nicht unbedingt Simone de Beauvoirs bestes Buch. Teilweise sehr langatmig und detailversessen liest es sich eher wie ein Geschichtsbuch als ein Roman.

Insiderwissen

Bei der Kritik kam Alle Menschen sind sterblich nicht besonders gut an – es wurde verrissen. Beauvoir schreibt in ihren Memoiren: „In den Jahren 1943 und 1944 war ich mit dem Begriff der Geschichtlichkeit vertraut gemacht worden, und nun wollte ich von diesem Begriff ausgehen. Mein Held, den Reichtum und Ruhm nicht zufriedenstellen können, fordert Einfluss auf den Lauf der Welt. Ich verfiel auf den Gedanken, ihm die Unsterblichkeit zu verleihen. Dann würde sein Scheitern umso schrecklicher sein.“

Zum Zitieren

‘Es ist ein furchtbarer Fluch’, sagte er. Er blickte auf sie hin: ‚Ich lebe und habe kein Leben. Ich werde niemals sterben und habe doch keine Zukunft. Ich bin niemand. Ich habe keine Geschichte und habe kein Gesicht.‘