Malerin Brigitte Zander: „Simone de Beauvoir war eine Mutmacherfrau“

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CC BY NC Flickr/Kristine

Schon als Au-pair und Studentin im Paris der 1960er war Brigitte Zander fasziniert von Simone de Beauvoir – sie auf der Straße anzusprechen traute sie sich aber nicht. Als sie 1986 vom Tod ihres einstigen Idols erfuhr, zögerte sie nicht lange und machte sich auf zur Beerdigung. Erinnerungen.

Im Prinzip begann alles mit einem Mann. Brigitte Zander, 1942 im niedersächsischen Salzgitter geboren, erinnert sich noch, als sei es gestern. Sie war jung, damals, in den 1960ern, und unsterblich verliebt in einen Mainzer Französisch-Studenten. Das Problem: Der hatte sich in den Kopf gesetzt, niemals eine Deutsche, sondern nur eine Französin zu heiraten. Nicht nur war Brigitte Zander keine Französin, sie konnte noch nicht einmal gut Französisch sprechen. Am Telefon erzählt sie lachend: „Meine Lehrerin hat zu mir gesagt, sie habe noch nie eine dermaßen sprachunbegabte Schülerin wie mich gehabt.“ Um den Studenten durch hervorragende Französisch-Kenntnisse doch noch für sich zu gewinnen, beschloss die junge Brigitte, ein Jahr als Au-Pair-Mädchen nach Paris zu gehen: „Wenn ich erstmal richtig Französisch spreche, dachte ich, nimmt er mich vielleicht doch.“

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Brigitte Zander (c) privat

Also packte sie 1967 ihre Koffer und zog bei der Familie eines Atomphysikers ein. Die wohnte im Pariser Quartier Latin, schräg gegenüber der Sorbonne, nahe des Jardin du Luxembourg. Nach drei Monaten träumte Brigitte Zander auf Französisch und sprach die Sprache bald fließend – Lehrerinnen liegen mit ihren Einschätzungen eben nicht immer richtig. Den Mai 1968 erlebte sie unmittelbar mit, eine aufregende Zeit. Die junge Deutsche fühlte sich wohl in Paris, studierte in der Alliance Française fleißig Französisch, saugte die Stadt und die Kultur dort auf, entdeckte Autoren wie Jean-Paul Sartre und dann auch Simone de Beauvoir. Letztere beeindruckte Brigitte Zander nachhaltig: „Ich habe mich schon immer in meiner bürgerlichen Existenz nicht wohl gefühlt. Was Simone de Beauvoir in Memoiren einer Tochter aus gutem Hause schrieb, das war quasi mein Leben.“ Ihre Mutter, so Brigitte Zander, habe ihr immer gesagt, um ein Studium brauche sie sich keine Gedanken machen, sie solle doch einfach einen Akademiker heiraten.

Einen Akademiker geheiratet hat Brigitte Zander tatsächlich – und zwar den Französisch-Studenten aus Mainz. Der besuchte sie mehrmals in Paris und war von den Sprachkenntnissen und dem französischen Flair seiner Verehrerin beeindruckt. Gehalten hat die Ehe nicht, wie Brigitte Zander am Telefon unumwunden zugibt, aber das sei ja nicht schlimm. Wie Simone de Beauvoir ging sie letztendlich einen ganz anderen Weg, als die Familie für sie vorgesehen hatte: Erst arbeitete Brigitte Zander einige Jahre als Buchhändlerin („Ich war ein richtiger Bücherwurm!“), später erwarb sie auf dem zweiten Bildungsweg die Zulassung zum Studium der Sozialpädagogik. Sie studierte in Frankfurt am Main und wurde Diplom-Sozialpädagogin. Weil sie schon immer eine kreative Ader hatte sowie künstlerisches Talent („In der Schule hatte ich nur in Kunst und Deutsch eine eins“) folgte 1978 ein Kunststudium in Wiesbaden. Seitdem malt sie, unterrichtet selbst und ist Mitglied mehrerer Kunstvereine und -gemeinschaften.

Seit sie in Rente ist, hat Brigitte Zander theoretisch mehr Zeit zum Malen – praktisch kommt sie aber nicht immer dazu. Es gibt schließlich so viel zu tun, zum Beispiel Geflüchteten in ihrem Wohnort Mainz Deutsch beizubringen: „Ich bin fast 76 und es ist einfach ein schönes Gefühl, irgendwo noch gebraucht zu werden.“ Etwas, für das Brigitte Zander sich jeden Tag Zeit nimmt, ist das Tagebuchschreiben. Aus ihren Aufzeichnungen der letzten Jahrzehnte hat sie eine ganz persönliche Chronik gemacht und dem Stadtarchiv Mainz zur Verfügung gestellt. Eine, die in diesen Erinnerungen natürlich nicht fehlen darf, ist Simone de Beauvoir. „Was mich an ihr fasziniert hat“, sagt Brigitte Zander, „ist ihr freiheitliches Denken. Sie hat mir klargemacht: Du bist in der Lage, aus deinem Leben etwas Vernünftiges zu machen.“ Beauvoir, findet sie, war eine „Mutmacherfrau“. Deshalb hat sie ihr in ihren Erinnerungen auch ein ganzes Kapitel gewidmet – und den Text netterweise für eine Veröffentlichung auf Oh, Simone! zur Verfügung gestellt.

Erinnerungen an Simone de Beauvoir

von Brigitte Zander

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Simone de Beauvoir als alte Frau (c) Brigitte Zander

„Heute starb Simone de Beauvoir. Ich habe sie seit vielen Jahren bewundert und verehrt. Sie war 78 Jahre alt. Als ich 1968 in Paris studierte, sah ich sie im Quartier Montparnasse. Sie ging vor mir mit ihren Einkaufstüten. Ich erkannte sie gleich an ihrem Tuch, das sie wie einen Turban um ihren Kopf gebunden trug. Ich folgte ihr schüchtern. Wie gerne hätte ich sie angesprochen, aber natürlich wagte ich es damals nicht.“

Diese Tagebuchaufzeichnung aus dem Jahr 1986 las ich nach, als ich am 9. Januar 2008 in meiner Tageszeitung die Titelüberschrift fand: „Feministische Galionsfigur. Französische Autorin Simone de Beauvoir wurde vor 100 Jahren geboren.“

Was hatte mich an dieser Frau so fasziniert? War es ihre Bedeutung als Schriftstellerin, war es diese ungewöhnliche Verbindung mit Jean Paul Sartre, dessen Bücher ich als Buchhändlerin verschlungen hatte? Sprach sie mir in meinem recht bürgerlichen Dasein aus der Seele mit ihrem Roman Memoiren einer Tochter aus gutem Hause? Dieses ganz andere Leben reizte mich. Auch ich wollte frei und ungebunden sein, studieren, ein unkonventionelles Leben führen. Ich war jung, sechsundzwanzig, als ich ihr in Paris begegnete. Sie war für mich eine Frau, die mutig alle Möglichkeiten des Frau-Seins ausschöpfte, die ein Leben in Fülle lebte, die mit bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit aus Kultur, Politik und Philosophie Umgang pflegte. Eine Frau, die die Frauenbewegung stark prägte.

Nach den Büchern von Jean-Paul Sartre schlugen mich schon bald auch ihre Romane in Bann. Die ganz besondere Verbindung dieses Paares erschien mir als eine ideale Möglichkeit, Liebe, Anerkennung und Freiheit in einer gelungenen Beziehung zu leben. Es war, glaube ich, die Autonomie ihres Lebensentwurfs, die mich damals so reizte, anspornte und mir zeigte, dass es auch andere Lebensformen als die der Familie gab.

Leicht war es nicht für sie und Sartre, in all den Jahren ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Sie lebten in Hotels, jeder in seinem Zimmer. Und doch gab es auch den Raum, in dem sie beide an ihren Schreibmaschinen saßen, schrieben, sich über alles austauschten.

Was für eine ungewöhnliche Frau, diese Tochter aus gutem Hause, die zur Frauenrechtlerin, Schriftstellerin und Philosophin werden sollte. Die so mutig im Algerienkrieg eine klare politische Position bezog.

Eine Frau, die nicht nur Männer liebte, sondern auch zu Frauen, die ihr persönlich oder politisch nahe standen, eine ganz besondere Beziehung hatte. Aber ob sie auch einverstanden gewesen wäre, wenn sie gewusst hätte, dass Jahre später ihre ganz persönlichen Briefe an ihre Freundinnen veröffentlicht werden sollten?

Es war 1986, als mir mein Kollege Leo sagte: „Simone de Beauvoir ist gestorben, du schätzt sie doch so“. Ich besorgte mir eine französische Zeitung und fand darin den Hinweis: „Les Obsèques pour Simone de Beauvoir auront lieu samedi après-midi au cimetière du Montparnasse. Un cortège se formera vers 14 heures à l’hôpital Cochin, où l’écrivain est morte, pour se rendre au cimetière“.

Spontan nahm ich mir Urlaub und fuhr nach Paris. Im Quartier Latin, meiner alten Studienadresse in der Rue des Écoles, fand ich in einem kleinen Hotel im 6. Stock ein winziges Zimmer. Gleich schräg gegenüber klingelte ich bei Familie Bonpas, bei denen ich damals während meines Studiums gelebt hatte. Colette, alt geworden, öffnete, schaute misstrauisch zwischen Türspalt und Abriegelung in den Hausflur, zögernd, bis sie mich endlich erkannte. Im Salon saßen ihr Mann Michel und Benoît, mit dem ich damals 1967/68, als er ein kleiner Junge war, Hand in Hand durch den Jardin du Luxembourg zu seiner Schule ging. Großes Umarmen, Lachen, Erzählen. Benoît war nun ein hochgewachsener junger Mann von 29 Jahren.

Am Samstag, dem Tag der Beerdigung, setzte ich mich in der Rue Mouffetard in ein winziges Café, aß mein geliebtes pain beurré, trank einen café crème, las die Tageszeitung, beobachtete die Händler und alten Frauen, die kurz hereinkamen, ihren kleinen rouge tranken oder ihren Kaffee. Die Straße füllte sich immer mehr mit Hausfrauen, die an den kunstvoll mit Früchten, Gemüse, Fischen und Fleisch dekorierten Marktständen ihre Einkäufe machten. Hier hatten auch wir damals eingekauft, wenn wir bei meiner Freundin Joëlle kochten. Wie liebte ich diese umtriebige, lebendige Marktstraße in Paris.

Viel zu früh, zwei Stunden vor Beginn der Beerdigung, traf ich schon bei der Klinik ein, in der Simone de Beauvoir gestorben war. In einer kleinen Gasse entdeckte ich die Pforte zum Innenhof, in dem sich Grabgestecke und Kränze türmten. Auf den Schleifen der Blumengebinde las ich Namen von Freunden, Frauengruppen, Feministinnen aus Australien, Kanada, USA, europäischen Ländern, von Zeitungen der Weltpresse und von Verlagen. Diese Blumenpracht zeugte mehr als alles andere von ihrer internationalen Bedeutung.

Auf einer Bank saß ganz allein eine junge Frau in ein Buch der Schriftstellerin vertieft, Kopfhörer auf den Ohren. Ich sprach sie an und sie erzählte, dass sie, allein wie ich, aus Holland angereist sei. Eine Freundin, den Arm voller Blumen, gesellte sich zu ihr, dann erschien die vierte Frau im Hof. Sie kam geradewegs auf mich zu und fragte, ob wir die erwarteten Frauen aus Madrid wären.

Wir zwei kamen ins Gespräch. Um es in gemütlicherer Atmosphäre weiterführen zu können, gingen wir in ein nahe gelegenes Café. Sie hieß Emmanuelle und war Mitglied der Ligue du droit des femmes (Liga für die Rechte der Frauen), deren Gründerin und Präsidentin Simone de Beauvoir war. Während sie in ihrer Tasse rührte, liefen ihr Tränen über die Wangen. Als sie sich entschuldigte, erfuhr ich, wie eng sie mit Simone befreundet war. Sie kramte in ihrer Umhängetasche, suchte einen Briefumschlag heraus und legte auf den kleinen runden Tisch die Fotos ihres letzten gemeinsamen Urlaubs mit Simone am Meer. Lachend, gelöst, drei Frauen Arm in Arm, an ihrer Seite noch ihre Freundin Anne, eine Schriftstellerin, mit der sie in Paris lebte. Sie erzählte mir von ihrer Arbeit, ihrer Galerie und gab mir ihre Adresse, als sie von mir erfuhr, dass ich Malerin sei. Mit dieser Linksradikalen, Feministin und Galeristin sprach ich nun über Simone und was sie uns in unserem Leben bedeutet hatte.

Als wir zurückkamen, hatte sich der Innenhof neben der Kapelle gefüllt: Reporter, Fernsehen, Presse und Rundfunk, die nächsten Angehörigen und Freunde. Emmanuelle ging noch einmal in die Kapelle. Ganz erschrocken starrte ich eine Frau an, die Simone so ähnlich sah, dass ich glaubte, sie zu sehen. Es war ihre Schwester.

Inzwischen war auch Alice Schwarzer eingetroffen. Emmanuelle begrüßte sie und erzählte mir, wie sehr ihnen Alice mit ihrer Berichterstattung in der Presse zur Seite gestanden habe und welchen engen freundschaftlichen Kontakt sie zu Simone hatte. Emmanuelle machte mich noch mit den anderen Frauen der Liga für die Rechte der Frauen bekannt.

Der Sarg wurde durch ein schmales Spalier von Kameraleuten getragen. Eine schwarze Limousine setzte sich langsam in Bewegung, die Verwandten stiegen in bereitstehende Autos, der Wagen mit den Blumengebinden und Kränzen, ein riesiger Blumen- und Blütenberg, setzte sich in Bewegung und alle folgten dem Blumenauto, nicht wissend, dass der Sarg in einem anderen Wagen war. Auch ich merkte es erst, als ich, um neben Emmanuelle zu gehen, neben ihr an der Spitze des Trauerzuges angekommen war und dabei festgestellt hatte, dass nur noch der Blumenwagen vor uns fuhr. Als ich das der Gruppe erzählte, entschloss sie sich sofort, den Zug zu verlassen, um im Laufschritt zu versuchen noch vor den Massen am Friedhof einzutreffen. Ich war überzeugt davon, dass die Verwandten und der Sarg längst dort wären.

Als wir, ganz außer Atem, vor dem riesigen, großen grünen Friedhofstor ankamen, war alles abgeriegelt. Hinter Absperrungen drängte sich die wartende Menge. Die Polizei wollte uns nicht hineinlassen. Alice, Anne und Emmanuelle, die zum Freundeskreis von Simone gehörten und auf der Liste standen, sprachen mit dem Verantwortlichen für die Trauerfeier. Ohne dass wir einzeln überprüft wurden, gelangte auch ich auf wundersame Weise inmitten der acht Frauen durch das große Tor, das sich nun für uns öffnete. Es war, als seien wir mitten in einer Aufführung auf die Bühne getreten. Alle starrten uns an, als wir an der Riesenmenge vorbei zum offenen Grab von Jean-Paul Sartre gingen. Er war hier im April 1980 beigesetzt worden sechs Jahre zuvor im gleichen Monat wie Simone de Beauvoir.

Auch hier um das Grab, das wenige Meter von mir entfernt lag, lauerte wieder eine Unmenge an Fotografen, Fernsehleuten und Reportern. Sie standen auf der Friedhofsmauer und auf Grabsteinen, jede Würde vergessend für ein gutes Foto. Die Schwester warf eine Blume ins Grab. Die Reden verschwammen im Geräusch der vorbeirauschenden Autos hinter der Friedhofsmauer. Ich konnte kaum etwas verstehen, zu viele drängten und schubsten, um eine bessere Sicht zu finden. Ich suchte Schutz hinter einem Baumstamm, während sich meine Augen mit Tränen füllten. So konnte ich den Ausruf von Elisabeth Badinter, der Frauenrechtlerin, nicht hören: „Frauen, ihr verdankt ihr alles!“ Das las ich erst später in der Zeitung.

Als die Zeremonie vorüber war, eine Beerdigung ganz ohne Pfarrer, denn gläubig war Simone de Beauvoir nicht, verabschiedete ich mich von den Frauen. Alice Schwarzer wünschte nicht, dass ich beim anschließenden Besuch in einem Café dabei war, weil ich nicht zur Gruppe gehörte. Ich ging, bewegt von all dem Erlebten, allein zurück. Es war mir recht. Ich brauchte Zeit, um die außergewöhnlichen Begegnungen, die aufkeimenden Erinnerungen an meine Studienzeit, das Wiedersehen mit den Straßen von Paris und der Pariser Sorbonne zu verarbeiten.

Im Jardin du Luxembourg suchte ich mir einen Stuhl am großen Wasserbecken. Er war noch nass vom kurzen Regenschauer. Ich legte meine Zeitung unter, setzte mich und vertiefte mich in die Lektüre über das Leben von Simone de Beauvoir. Noch einmal spüre ich meinen Erinnerungen nach: Wie war es nach der Nachricht vom Tode Simone de Beauvoirs zu dieser spontanen Reise gekommen? War da noch mehr als bloße Verehrung für eine Schriftstellerin? Vielleicht waren auch ein wenig Nostalgie und der Wunsch dabei, in mein geliebtes Paris zurückzukehren, wo ich die aufregende Zeit der Révolution du mai 68 erlebt hatte.

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Aus Brigitte Zanders Tagebüchern 1967/68 (c) Brigitte Zander

Als ich damals in meinem alten Tagebuch blätterte und die Ereignisse Revue passieren ließ, war es mir, als sei es erst gestern gewesen. Ich sah die Fotos an, staunte über mein lockiges Haar, das ich später nie mehr so trug. Ich ging neben Alice Schwarzer. Das ist nun viele Jahre her.

Aus: Zander, Brigitte (2014): Erinnerungen, Mainz.

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Paris, je t’aime: Städtetrip mit Simone de Beauvoir #4

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(c) Julia Korbik

Paris: die Stadt der Liebe… und die Stadt der Simone de Beauvoir. Heute: das erste eigene Zimmer.

Was: Erstes eigenes Zimmer

Wo: Avenue Denfert-Rochereau Nr. 91

1929, mit 21 Jahren, verließ die Studentin Simone de Beauvoir ihr Elternhaus auf der Rue de Rennes. Dort hatte sie zehn Jahre gelebt und sich ein Zimmer mit ihrer Schwester Hélène geteilt. Seit 1925 studierte Beauvoir Philologie am Institut Sainte-Marie im Pariser Vorort Neuilly, sowie Mathematik am Institut Catholique. 1926 wechselte sie dann zum Philosophie-Studium an die Sorbonne. Die Enge der elterlichen Wohnung fühlte sich für Beauvoir wie ein „Gefängnis“ an – etwas Eigenes musste her. Also zog Beauvoir in ein Zimmer im Haus ihrer Großmutter (der sie wie eine ganz normale Mieterin Miete zahlte). Für ihre stets übervorsichtige und aufdringliche Mutter war das die einzig akzeptable Lösung. Beauvoirs Großmutter respektierte die Privatsphäre ihrer Enkelin und mischte sich nicht in deren Leben ein: Keine neugierige Mutter mehr, die Briefe an ihre Töchter abfing und las, die in ihrem Zimmer herumschnüffelte! Die junge Simone fühlte sich endlich frei und jubelte in ihrem Tagebuch:

Hier ist mein Zimmer mit dem Gemälde von Michelangelo, das Lama (ihr Freund René Maheu, Anm.) mir gegeben hat, die Blumen von Stépha (eine Freundin, Anm.) und die Zeichnungen von meinen Freunden. Hier sind meine Kleider, meine Zigaretten, mein Gesicht. Alles davon habe ich selbst ausgewählt, alles habe ich selbst ausgesucht. Hier bin ich mir plötzlich bewusst darüber, frei und jung und eine Frau zu sein.

Alle anderen: Simone de Beauvoir über Alberto Giacometti, Marilyn Monroe und Charlie Chaplin

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CC BY-ND Flickr/Tekke

Simone kannte sie alle, vom „weißen Champignon“ Truman Capote bis hin zu Colettes „Katzengesicht“.

Ach, Paris. Dort tummelt sich in den 1940er und 1950er Jahren alles, was in Kunst und Kultur einen Namen hat. Besonders in Saint-Germain-des-Prés ist die Promi-Dichte hoch. Simone kennt viele der alteingesessenen und aufstrebenden Stars persönlich, trifft sie auf ein Glas im Deux Magots oder Café de Flore. Selbstverständlich hat sie zu allen eine Meinung und teilt diese ihrem amerikanischen Liebhaber Nelson Algren in zahlreichen Briefen mit. Der kriegt so einen guten Eindruck vom Leben der Pariser Bohème – und von Simones Gedanken zu Berühmtheiten wie Marilyn Monroe oder Franz Kafka (in den, so scheint es, Simone zumindest ein kleines bisschen verknallt war).

Violette Leduc (Schriftstellerin, 1907-1972): „Ich hege eine Art Bewunderung für sie und viel Sympathie; wenn ich in Paris bin, treffe ich sie etwa einmal im Monat, mir liegt nicht viel an ihr, und sie weiß es. Seltsam ist, dass sie sehr frei über ihre Liebe zu mir sprechen und diskutieren kann, als ob es sich um eine Krankheit handle. […] Und nach dem Abendessen gehen wir in eine Bar, und sie wird sehr pathetisch und ich fühle mich scheußlich, und dann verabschiede ich mich und sie geht weg, weinend, ich weiß es, und schlägt ihren Kopf gegen die Wände und denkt an Selbstmord. Sie weigert sich, mit irgend jemandem befreundet zu sein außer mir.“[1]

Boris Vian (Schriftsteller, Jazztrompeter, Schauspieler und Chansonnier, 1920-1959): „Ich mag vor allem den jungen Trompeter, ein interessanter Typ, von Beruf Ingenieur (für den Lebensunterhalt), aber auch ein sehr guter Schriftsteller und ein leidenschaftlicher Trompeter, obwohl er eine Herzkrankheit hat und sterben kann, wenn er zuviel spielt.“[2]

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Édith Piaf (cc Wikipedia)

Édith Piaf (Sängerin, 1915-1963): „Edith Piaf ist manchmal kitschig, aber sie kann wunderbar sein, ihre rauhe Stimme gefällt mir mehr als manche ‚schöne‘ Stimme.“[3]

André Gide (Schriftsteller, 1869-1951): „[…] er war die führende Gestalt vergangener Zeiten, ein sehr kluger Mann, mit witzigen Seiten, der für Freiheit und Päderastie kämpfte. Jetzt ist er ein alter Mann, mit Brille und einem runden weichen Hut, er brachte mich zum Lachen, weil er so freundliche war und zugleich so besorgt, sich nicht länger als drei Minuten mit jemandem einzulassen: es ermüdet ihn, er ist alt.“[4]

Truman Capote (Schriftsteller, 1924-1984): „Ich war bei Ellen Wright und habe dort diese lächerliche Figur getroffen, die Truman Capote heißt. Mit seinem weiten weißen Pullover und seinen blauen Samthosen sieht er aus wie ein weißer Champignon.“[5]

Charlie Chaplin (Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Komponist, 1889-1977): „Alle waren von Chaplin entzückt. Er erklärte, er werde in Anbetracht der Tatsache, dass Eisenhower gewählt worden sei, nicht in die Vereinigten Staaten zurückkehren; er erzählte eine Unmenge Geschichten, war so gut aufgelegt, freundlich und angenehm, dass sogar Sartre von ihm eingenommen war – und das will was heißen. Picasso war die ganze Zeit über wütend, denn er ist es gewohnt, überall die erste Geige zu spielen, diesmal jedoch zählte er nicht, da sich alle nur für Chaplin interessierten. Alle haben viel getrunken. Oona, Chaplins Frau, sagte kein Wort, anscheinend ist das immer so.“[6]

William Faulkner (Schriftsteller, 1897-1962): „[…] er war in Paris, vielleicht ist er immer noch da, ich sah ihn mit Leuten, die ich sehr gut kenne, in einem Restaurant, aber mir lag nichts daran, mit ihm zu sprechen; vor ein paar Jahren wäre das anders gewesen, doch jetzt mag ich ihn nicht mehr besonders. Er sah sehr alt aus, ganz ergraut, er trinkt furchtbar, sagen seine Freunde.“[7]

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Marilyn Monroe (cc BY-NC-SA Flickr/Ultra Swank)

Marilyn Monroe (Schauspielerin, 1926-1962): „Weniger bedeutend, doch ein schöner Film: River without return, mit Mitchum und Marilyn Monroe, ein klassischer Hollywood-Film, doch sie ist wirklich reizend; ich hatte sie nie gesehen, und da ich wusste, dass sie so sexy ist, stellte ich sie mir als eine Art Zsa Zsa Gabor vor, doch sie ist eine gute Schauspielerin und eine angenehme Frau.“[8]

Franz Kafka (Schriftsteller, 1883-1924): „Ich lese gerade das Tagebuch von Kafka, einem wirklich anziehenden, fesselnden Mann. Niemand ist mir so sympathisch, ich meine, scheint mir so vollkommen liebenswert, außer van Gogh.“[9]

Albert Camus (Schriftsteller, Journalist und Dramaturg, 1913-1960): „Jedesmal, wenn wir ihn sehen, ist er mit einer neuen Frau zusammen (obwohl er Frau und Kinder hat).“[10]

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Colette (cc Wikipedia)

Colette (Schriftstellerin und Variétékünstlerin, 1873-1954): „[…] sie ist die einzig wirklich große Schriftstellerin in Frankreich, wirklich eine große Schriftstellerin. Sie war einst eine wunderschöne Frau, tanzte in Music-Halls, schlief mit einer Menge Männern, schrieb pornographische Romane und dann gute Romane. Sie liebte die Natur, die Blumen, die Tiere und die Liebe und auch das allerkultivierteste Leben; sie schlief auch mit Frauen. Sie mochte gutes Essen und guten Wein, kurz alle guten Dinge des Lebens, und erzählte wunderbar davon. Jetzt ist sie 75 Jahre alt und hat immer noch die faszinierendsten Augen und ein reizendes dreieckiges Katzengesicht; sie ist sehr fett, behindert, ein bisschen taub, aber sie erzählt und lächelt und lacht so, dass niemand auf den Gedanken käme, eine jüngere, schönere Frau anzuschauen.“[11]

Alberto Giacometti (Bildhauer und Maler, 1901-1966): „Er lebt ziemlich ärmlich und trägt schmutzige Kleider; er scheint Schmutz zu mögen: ein Bad zu nehmen ist ein Problem für ihn. […] Er arbeitet 15 Stunden am Tag, vor allem nachts, und immer, wenn man ihn sieht, hat er Gips an den Kleidern, den Händen und in seiner üppigen schmutzigen Mähne […].“[12]

Rita Hayworth (Schauspielerin, 1918-1987): „Danach gab es einen Empfang; man hätte etwas Glanzvolles erwartet, wo doch Sartre so brillant und Rita Hayworth so schön ist. Aber es war wirklich komisch (gewissermaßen): ich habe noch nie ein so langweiliges Abendessen erlebt. […] ich saß Rita Hayworth gegenüber, versuchte, mit ihr zu sprechen und betrachtete ihre schönen Schultern und Brüste, die mehr als einen Mann verrückt gemacht hätten, für mich aber so nutzlos waren. Sie war sehr angeödet, Sartre war sehr angeödet, alle waren angeödet.“[13]

Jean Genet (Schriftsteller und Dramatiker, 1910-1986): „Als ich zu den Deux Magots zurückkam, traf ich Jean Genet, den Einbrecher-Päderasten, er war sehr nett und witzig […].“[14]

Maurice Merleau-Ponty (Philosoph, 1908-1961): „Er ist ein sehr alter Freund, der älteste, den ich habe, ich kenne ihn seit zwanzig Jahren, er arbeitet hart mit uns an den T.M. (die von Sartre gegründete Zeitschrift Les Temps Modernes, Anm.), im Rundfunk usw. Persönlich mag ich ihn nicht so sehr […].“[15]

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Marcel Mouloudji (cc Wikipedia)

Marcel Mouloudji (Sänger und Schauspieler, 1922-1994): „Er hasst es aber, wenn sich Leute über ihn lustig machen, hauptsächlich in eleganten, snobistischen Lokalen. Einmal hat sich eine schöne, schön gekleidete Frau, die von einer Menge Bewunderern umgeben war, über ihn lustig gemacht und, während er sang, Papierbällchen nach ihm geworfen. Er konnte nichts tun, stand wie verloren im Bühnenlicht, halb blind, schwitzend und sehr unglücklich. Aber im großen und ganzen ist er zufrieden, er lernt eine Menge durch diese Erfahrungen.“[16]

Orson Welles (Schauspieler, Regisseur und Autor, 1915-1985): „Es war die Rede davon, dass Orson Welles den Senator spielen würde (in der Verfilmung von Sartres Stück Die respektvolle Dirne, Anm.), aber er war nur unter der Bedingung einverstanden, dass eine weitere Szene eingefügt wurde […]. Er verlangte auch eine kleine Vorrede […]. Orson Welles kam also für den Film nicht in Frage. Was für eine dumme, eingebildete, widerliche Person er ist!“[17]

Richard Wright (Schriftsteller, 1908-1960): „Er war wirklich nett; wenn er will, hat er Humor.“[18]

[1] Simone de Beauvoir (1999): Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren 1947-1964, Rowohlt, S. 36.

[2] Ebd., S. 39.

[3] Ebd., S. 173.

[4] Ebd., S. 333.

[5] Ebd., S. 433.

[6] Ebd., S. 717.

[7] Ebd., S. 749.

[8] Ebd., S. 766.

[9] Ebd., S. 776.

[10] Ebd., S. 207.

[11] Ebd., S. 261.

[12] Ebd., S. 137.

[13] Ebd., S. 72.

[14] Ebd., S. 101.

[15] Ebd., S. 170.

[16] Ebd., S. 635.

[17] Ebd., S. 702f.

[18] Ebd., S. 116.

Simone de Beauvoir für Anfängerinnen und Anfänger

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CC BY Julia Korbik

Lust darauf, Simone de Beauvoir zu lesen, aber keine Ahnung, womit anfangen? Hier eine kleine Anleitung.

Sie macht ein bisschen Angst, diese Simone de Beauvoir. Auch über 30 Jahre nach ihrem Tod. Oder, genauer: Sie flößt Respekt ein. Wie oft höre ich denn Satz: „Ich würde ja so gerne mal was von Simone de Beauvoir lesen, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“ Zugegeben, Simone hinterlässt ein nicht eben kleines Œuvre, bestehend aus Erzählungen, Romanen, Briefen und Memoiren (sogar ein Theaterstück hat sie geschrieben!). Witzigerweise greifen viele, die noch nie etwas von Simone gelesen haben, zu ihrem zweiten Memoiren-Band In den besten Jahren – zumindest habe ich das im Freundes- und Bekanntenkreis beobachtet. Und irgendwie ist die Wahl ja auch nachvollziehbar, schließlich heißt es auf dem Buchrücken: „Eine ganze Epoche des geistigen Frankreich mit seiner literarischen, politischen und politischen Avantgarde wird hier lebendig“. Was der Buchrücken nicht erwähnt (warum sollte er auch): Das Ganze ist doch relativ kompliziert, voll mit Namen, Orten und Ereignissen. Da blicken nur die durch, die Simone bereits etwas kennen sowie ihre Briefe an Sartre gelesen haben. Sprich, ein besonders guter Einstieg ins beauvoirsche Werk ist In den besten Jahren nicht. Was sollte man also stattdessen lesen?

Memoiren einer Tochter aus gutem Hause: Befreiung vom elterlichen Milieu

Zum Beispiel Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, Simones erster Memoiren-Band und auch der am sorgfältigsten durchkomponierte, der am liebevollsten geschriebene. Darin erzählt sie von ihrer Kindheit in Paris, vom Aufwachsen in der Bourgeoisie, wo die junge Simone mit dem Gegensatz zwischen dem intellektuellen, aber traditionellen Vater und der katholischen und strengen Mutter klarkommen muss. Das Buch zeichnet nach, wie aus der braven, religiösen und unsicheren Simone eine junge Frau wird, die weiß, was sie will: die Freiheit, ihren Weg zu gehen und über ihr Leben selbst zu bestimmen. Dabei hilft ihr auch die Bekanntschaft mit Jean-Paul Sartre 1929, einer ihrer Kommilitonen an der Pariser Sorbonne. In starkem Kontrast zu Simones Befreiung vom elterlichen Milieu steht die Entwicklung ihrer besten Freundin Zaza, die aus ihrer Zerrissenheit zwischen Freiheitsdrang und Tradition keinen Ausweg findet. Memoiren einer Tochter aus gutem Hause zeigt, wo Simone herkommt, was sie ausmacht und wie sie zu Simone de Beauvoir, der berühmten Schriftstellerin, Philosophin und Feministin werden konnte.

Die Mandarins von Paris: Einblick in das Pariser Intellektuellenmilieu

Ebenfalls gut für den Einstieg geeignet ist Die Mandarins von Paris, der Roman, mit dem Simone 1954 den renommierten Prix Goncourt gewann. Thematisch geht es um die Pariser Intellektuellenszene nach Ende des Zweiten Weltkriegs, um politische Auseinandersetzungen, um Liebe, um Freundschaft. Simone erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Henri Perron, Schriftsteller, Journalist und ehemaliger Résistance-Kämpfer, und aus der von Anne Dubreuilh, Psychologin und Frau des berühmten Intellektuellen Robert Dubreuilh. Hinzu kommt ein buntes Tableau von Nebencharakteren, darunter Annes Tochter Nadine und Henris Geliebte Paule. Simone stellt die ganz großen Fragen, untersucht den Konflikt zwischen Denken und Handeln, analysiert die Bedeutung des Engagements. Wie nebenbei erzählt sie dabei auch noch vom Suchen und Finden der Liebe und was passiert, wenn diese Liebe vorbei ist. Wer Simone schon ein bisschen kennt, wird Spaß daran haben, Parallelen zwischen der Romanhandlung und den Figuren sowie realen Ereignissen und Menschen herzustellen. Die Mandarins von Paris funktioniert aber auch, ohne dass man weiß, wie sehr sich Henri Perron und ein gewisser Albert Camus ähneln…

Sie kam und blieb: nervenaufreibende Ménage-à-trois

Und, noch eine dritte Möglichkeit, sich in Simone „reinzulesen“: Sie kam und blieb. In Simones erstem Roman geht es um eine Ménage-à-trois und auch dieses Buch weist Parallelen zum realen Leben auf (eine ausführliche Zusammenfassung gibt es hier). Noch dazu bietet es alles, was einen typisch beauvoirschen Roman auszeichnet: viele Dialoge, existentialistische Fragen und eine genaue Beobachtungsgabe. Wer sich weniger für Simones literarisches Schaffen und vielmehr für ihre Philosophie interessiert, der sollte es mit der Sammlung Soll man de Sade verbrennen? Drei Essays zur Moral des Existentialismus versuchen. Hier legt Simone ihre Version der von Sartre formulierten existentialistische Ideen dar – und das sehr viel einleuchtender und anschaulicher als ihr Lebensgefährte. Anspruchsvoll sind die Essays natürlich trotzdem, so wie auch der Existentialismus eine eher komplizierte Philosophie ist.

Das andere Geschlecht: kein guter Einstieg, aber eine wichtige Lektüre

Oft werde ich auch gefragt, ob Das andere Geschlecht ein guter Einstieg in das Werk der Simone de Beauvoir ist. Ist es natürlich nicht, dafür ist dieses Manifest viel zu umfangreich, viel zu philosophisch und viel zu voraussetzungsvoll. Lesen sollte man es aber unbedingt, denn obwohl das Buch mittlerweile fast 70 Jahre alt ist, hat es nichts von seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil: Manche Passagen wirken, als wären sie heute geschrieben worden. Vor allem aber erinnert Das andere Geschlecht daran, was in Sachen Gleichberechtigung schon erreicht wurde – und was nicht. Vor allem sollte man das Buch allein schon deshalb lesen, weil so wahnsinnig viele Behauptungen und Lügen darüber herumgeistern. Zum Beispiel die These, Simone fordere eine Abschaffung der Geschlechter. Stimmt gar nicht, aber das kann man nur wissen, wenn man die Nase tatsächlich mal in Das andere Geschlecht gesteckt hat.

Paris, je t’aime: Städtetrip mit Simone de Beauvoir #3

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CC BY Flickr/Cristian Bortes

Paris: die Stadt der Liebe… und die Stadt der Simone de Beauvoir. Heute: der Jardin du Luxembourg.

Was: Jardin du Luxembourg

Wo: 6. Arrondissement (Quartier Latin)

Paris bietet eine Vielzahl an Parks und Grünflächen – der Jardin du Luxembourg aber war Simone de Beauvoirs Lieblingspark. Hier war sie schon als kleines Mädchen mit ihrer Schwester Hélène und dem Kindermädchen unterwegs. Den Park sah sie als einzigen großen Spielplatz, trotz der zahlreichen Verbotsschilder. Als junge Frau nutzte Beauvoir den Park besonders gerne zum Lesen: Während ihrer Abiturvorbereitungen schleppte sie die Schulbücher in den englischen Teil des Parks, in die Nähe des Medicibrunnen. Natürlich nur, wenn das Wetter es erlaubte. In ihren Memoiren erinnert Beauvoir sich:

Mit meinem Matrosenhut auf dem Kopf glaubte ich auszusehen wie ein erwachsenes junges Mädchen. Ich las Faguet, Brunetière, Jules Lemaître, ich atmete den Duft des Rasens ein und fühlte mich so frei wie die Studenten, die lässig durch den Garten bummelten. Ich verließ die Umzäunung und strich unter den Arkaden des Odéons umher.

Als Studentin verabredete Beauvoir sich mit ihrem Kommilitonen und Freund Maurice Merleau-Ponty im Park; die beiden schlenderten über die Wege, redeten und diskutierten. Später löste Jean-Paul Sartre Merleau-Ponty ab – auf einer Bank im Jardin du Luxembourg besiegelten Beauvoir und Sartre 1929 ihren „Pakt“.

Paris, je t’aime: Städtetrip mit Simone de Beauvoir #2

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Dort, wo Beauvoir zur Schule ging, ist heute nur noch ein Buchgeschäft. (c) Julia Korbik

Paris: die Stadt der Liebe… und die Stadt der Simone de Beauvoir. Heute: Die Schule Cours Désir.

Was: Privatschule Cours Désir

Wo: Rue Jacob 6

Mit fünfeinhalb Jahren wurde Simone de Beauvoir 1913 in die Privatschule Cours Désir geschickt. Hier wurden Töchter aus gutem Hause auf ihr Leben als Ehe- und Hausfrauen vorbereitet, die Erziehung war streng katholisch.

Das désir im Namen pflegte das Lehrpersonal desir („dösir“) auszusprechen – schließlich bedeutet désir soviel wie Begehren, und das ist so gar nicht christlich-keusch. Also versuchte man, den anrüchigen Begriff durch eine andere (falsche) Aussprache zu entschärfen. Benannt war die Schule nach Adeline Désir, die sie 1853 gründete.

Simone de Beauvoir freute sich auf den Schulbesuch und das damit verbundene Lernen – aber je älter sie wurde, desto weniger begeistert war sie vom Unterricht am Cours Désir. Beauvoir hatte mitbekommen, wie ihr Cousin Jacques über seine Ausbildung am Collège Stanislas sprach und spürte, dass den Jungen sehr viel mehr und vor allem sehr viel Wichtigeres beigebracht wurde. Ihre Lehrerinnen sah sie nur noch als „lächerliche Betschwestern“. Also nahm Beauvoir es zusammen mit ihrer besten Freundin Zaza selbst in die Hand, ihren Horizont zu erweitern: Sie lasen, diskutierten und entwickelten eigene Standpunkte.

Paris, je t’aime: Städtetrip mit Simone de Beauvoir #1

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(c) Julia Korbik

Paris: die Stadt der Liebe… und die Stadt der Simone de Beauvoir. Heute: Das Geburtshaus auf dem Boulevard du Montparnasse.

Was: Geburtshaus

Wo: Boulevard du Montparnasse 103

Hier wurde Simone Ernestine Lucie Marie Bertrand de Beauvoir am 9. Januar 1908 um vier Uhr morgens geboren. In ihren Memoiren schreibt Beauvoir:

Aus meinen ersten Jahren finde ich in mir nur noch einen unbestimmten Eindruck von etwas, das rot, schwarz und warm ist. Die Wohnung war rot, und rot auch der Moquetteteppich, das Renaissance-Speisezimmer, die gepresste Seide, die die Glastüren verkleidete, sowie die Plüschvorhänge in Papas Arbeitszimmer.

Die Wohnung der Familie Beauvoir befand sich über dem Café La Rotonde, gegenüber vom Le Dôme.

Claudine Monteil: „Ich möchte ein leidenschaftliches Leben haben wie Simone de Beauvoir“

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Hausbesuch bei Claudine Monteil, die Simone de Beauvoir in den 1960ern kennenlernte und zu ihrer Weggefährtin wurde – und sich auch heute noch durch ihr großes Vorbild inspirieren lässt.

Der Januartag in Paris ist mild und sonnig, eher Frühling als Winter. Nur ein paar Minuten zu Fuß und man ist in der belebten Gegend rund um den Tour Montparnasse, auch der Boulevard Saint-Germain mit seinen berühmten Literaten-Cafés ist in der Nähe. Doch die Straßen rund um den Montparnasse-Friedhof sind ruhig. Jede Ecke hier atmet Simone de Beauvoir: In der Rue Schoelcher, die direkt an den Friedhof grenzt, lebte Beauvoir von 1955 bis zu ihrem Tod 1986. Ihre letzte Ruhestätte fand sie neben ihrem Partner Jean-Paul Sartre, nur wenige Schritte vom Eingang des Friedhofs entfernt.

Ich bin auf dem Weg zu Claudine Monteil, Autorin, Historikerin, ehemalige Diplomatin und Weggefährtin Simone de Beauvoirs. Ihre Wohnung liegt in einer Seitenstraße und Monteil selbst öffnet mir die Tür: eine kleine, zierliche Frau in ihren 60ern, mit auffälliger Brille, pinkem Lippenstift und sorgfältig frisierten, kurzen Haaren. An den Wänden der kleinen, hellen Wohnung, hängen Zeichnungen und Gemälde von Hélène de Beauvoir, Simone de Beauvoirs jüngerer Schwester, mit der Monteil eng befreundet war. Im bunt dekorierten Wohnzimmer springt mit sofort ein großes Gemälde ins Auge: Simone de Beauvoir in einer gelben Bluse, lächelnd. Claudine Monteil bietet mir einen Stuhl an – er stammt aus dem Besitz Hélène de Beauvoirs. Sie selbst nimmt neben einer mürrisch aussehenden Katze auf dem Sofa Platz.

Madame, wann und wie haben Sie Simone de Beauvoir kennengelernt?

Ich werde mit meiner Mutter anfangen. 1949 heiraten meine Mutter und mein Vater – beide sind junge Studenten – und beschließen, sich der wissenschaftlichen Forschung zu widmen. Mein Vater ist Mathematiker, meine Mutter wollte Chemikerin werden. An Stelle eines Hochzeitsgeschenks lädt ein berühmter Mathematiker meine Mutter ein, einen Kaffee mit ihm zu trinken und sagt ihr: „Jetzt werden Sie die wissenschaftliche Forschung aufgeben, um sich ganz ihrem Mann zu widmen, der ein großer Mathematiker werden wird.“

Claudine Monteil ist eine lebendige Erzählerin, die das Gesagte mit dramatischen Gesten und wirkungsvoll eingesetzten Pausen unterstreicht. Oft wechselt sie beim Sprechen in die Gegenwart, wie, um ihre Zuhörerin in die damalige Zeit zu versetzen. Sie kann sich an jedes Detail erinnern.

Wie hat Ihre Mutter darauf reagiert?

Sie hat ihren Kaffee getrunken und gesagt: „Danke für Ihren Rat, den ich nicht befolgen werde.“ Sie war schon mit mir schwanger, es war der Beginn ihrer Schwangerschaft. Am selben Tag geht sie an einem Büchergeschäft vorbei und sieht dort im Schaufenster den ersten Band von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht, der gerade erschienen ist (In Frankreich wurde das Buch, anders als in Deutschland, in zwei Bänden veröffentlicht, Anm.). Also kauft sie das Buch und sie beschließt, zu kämpfen: Sie würde eine große Wissenschaftlerin werden! Ich bin also im November 1949 geboren, als der zweite Band von Das andere Geschlecht erschien. Als ich Simone de Beauvoir endlich traf, sagte ich deshalb: „So, ich bin ein wenig das Kind des Anderen Geschlechts.“ Simone sagte mir: „Claudine, Sie sind das enfant terrible des Anderen Geschlechts!“ (lacht) Meine schwangere Mutter las Das andere Geschlecht, dann wurde ich geboren und genau 20 Jahre später klingelte ich an Simone de Beauvoirs Tür.

Wie sind Sie mit ihr in Kontakt gekommen?

Ich war sehr aktiv in der 68er Bewegung und dadurch habe ich Jean-Paul Sartre getroffen. Er war aktiv in der linken Bewegung nach 68, die sehr misogyn war, sehr macho. Deshalb haben viele Frauen die Studentenbewegung verlassen und die Bewegung für die Befreiung der Frauen (Mouvement pour la Libération des Femmes, MLF) wurde gegründet.

Die mürrisch aussehende Katze findet offenbar, dass ich als Besucherin zu viel Aufmerksamkeit bekomme. Sie gibt unwillige Laute von sich und Claudine Monteil fängt an, sie zu kraulen. Unser Interview wird nun begleitet von wohligem Schnurren.

Wie sah Ihre Rolle im MLF aus?

Ich arbeitete mit Fabrikarbeiterinnen zusammen, es gab eine Gruppe zum consciousness raising. Ich stand jeden Morgen um sechs Uhr früh auf, um in den Fabriken Flugblätter zu verteilen. Simone de Beauvoir hörte über Jean-Paul Sartre von mir. Und sie lud mich ein: Es gab eine kleine Gruppe von Frauen, die sich jeden Sonntagnachmittag bei Simone de Beauvoir traf. Zu diesem Zeitpunkt war ich 20 Jahre alt – ich war die Jüngste in der Gruppe. Außer mir waren da unter anderem noch Alice Schwarzer, die Schauspielerin Delphine Seyrig und die Anwältin Gisèle Halimi.

Sie hatten also eine Einladung zum Treffen von Beauvoirs kleiner Gruppe. Wie war Ihr erstes Zusammentreffen mit dieser berühmten Feministin und Autorin?

Simone de Beauvoirs Wohnung war ein Maleratelier, sehr groß und hell. Und es gab Regale mit hunderten von Puppen aus der ganzen Welt. Das waren schöne Puppen, aber… Wenn man ankam, fixierten einen die Augen dieser Puppen! Man war sowieso schon eingeschüchtert vom Gedanken, Simone de Beauvoir zu treffen, und dann auch noch diese Puppen. Zur damaligen Zeit war Beauvoir eine celebrity! Vor dem Treffen hatte man mir eingeschärft, ich solle pünktlich um fünf Uhr kommen, denn Simone de Beauvoir hasste Unpünktlichkeit. Also bin ich um fünf vor fünf vor ihrem Haus. Ich warte, und um exakt fünf Uhr klingele ich. Simone de Beauvoir öffnet die Tür. Sie ist das Idol meines Lebens, das Idol meiner Mutter, mein Herz schlägt. Sie ist 62, also 42 Jahre älter als ich. Das Erste, was sie sagt, ist: „Sie sind zu spät!“

Claudine Monteil beugt sich vor und breitet dramatisch die Arme aus. Sie lacht.

Welch eine Begrüßung!

Ich gucke auf meine Uhr (tut so, als würde sie auf ihre Armbanduhr gucken) und sage: „Entschuldigen Sie, Madame, aber ich bin pünktlich!“ Sie antwortet: „Aber schauen Sie auf meine Uhr, es ist sieben Minuten nach fünf.“ Tja, die anderen Frauen aus der Gruppe hatten vergessen mir zu sagen, dass ihre Uhr sieben Minuten vorging…

Wie ging es nach diesem Vorfall weiter?

Zu dem Zeitpunkt ist das Ganze bereits riesiges ein Desaster für mich. Also beschließe ich, mich hinzusetzen – es ist noch ein Platz auf dem Sofa frei. Ich setze mich und fühle hinter mir etwas Hartes. Ich bin also dabei, mich auf etwas draufzusetzen: eine wunderschöne Holztafel, die eine ägyptische Maske darstellt. Simone de Beauvoir sagt: „Ah ja, das ist ein Geschenk von Nasser (Gamal Abdel Nasser, ägyptischer Offizier und Ministerpräsident, Anm.), es ist 3 Millionen Jahre alt.“ war Das ist also die Geschichte, wie ich fast ein Millionen Jahre altes Geschenk von Nasser zerstört hätte.

Beim Gedanken an diesen Vorfall lacht Claudine Monteil laut auf. Die gerade noch verhinderte Zerstörung eines teuren Kunstwerks, und das auch noch beobachtet von hunderten bedrohlicher Puppenaugen.

Sie hatten wirklich kein Glück…

Danach sage ich mir: Jetzt setze ich mich hin, werde ruhig sein und Simone de Beauvoir zuhören. Und in dem Moment dreht sie sich zu mir und sagt: „Nun, was schlagen Sie für die Abtreibungskampagne vor?“ Simone de Beauvoir hatte eine außergewöhnliche Stärke, und zwar, dass sie mit allen auf Augenhöhe sprach. Sie liebte es, mit anderen zu diskutieren und ihnen zuzuhören. Aber: Da sie einen sehr schnellen Geist hatte – und auch sehr schnell sprach – musste man genauso schnell sprechen wie sie. Wenn man nicht so schnell antwortete wie sie, war’s das. Man interessierte sie nicht mehr. Eine richtige challenge, eine Herausforderung!

Und, haben Sie schnell genug reagiert?

Natürlich! Ich war Teil der 68er Generation, wir liebten es, zu reden! Es war toll, dass Simone de Beauvoir uns zuhörte, wir mit ihr diskutieren konnten. Das ging auf ihren Vater zurück. Beauvoirs Eltern hatten zwei Töchter, Simone und Hélène. Und so sprach der Vater Georges de Beauvoir, Spross einer alten aristokratischen Familie, mit Simone, als sei sie sein Sohn. Er sprach mit ihr von gleich zu gleich und sie hat während ihres ganzen Lebens das Gleiche gemacht.

Meine Frage scheint Claudine Monteil zu amüsieren – wer 25 Jahre lang mit Simone de Beauvoir befreundet war, musste in der Tat schnell reagieren können. Wie konnte ich etwas anderes erwarten!

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Das Gemälde in Claudine Monteils Wohnzimmer stammt von Hélène de Beauvoir

Sie haben auch Hélène de Beauvoir getroffen, die jüngere Schwester Simone de Beauvoirs. Wie kam es dazu?

Ich habe sie nicht sofort getroffen, weil Simone de Beauvoir sehr geheimnistuerisch war, wenn es um ihre Schwester ging. Unter uns, in der Frauengruppe, nannten wir Hélène „Totem und Tabu“. Simone de Beauvoir war nämlich trotz allem sehr einschüchternd, man konnte sie nicht einfach fragen: „Kannst du uns nicht mal Hélène vorstellen?“ Das war nicht möglich!

Trotzdem kam es zu einer ersten Begegnung.

Eines Tages sage ich zu Simone de Beauvoir: „Ich werde in Straßburg das Haus für misshandelte Frauen (Foyer des femmes battues) eröffnen.“ Simone guckt komisch und antwortet: „Nun, wenn Sie nach Straßburg fahren, würde meine Schwester Sie dort gerne treffen.“ Ein Wunder! (Hélène de Beauvoirs Mann Lionel de Roulet arbeitete damals für den Europarat in Straßburg, Anm.) Simone sagt mir auch: „Hélène möchte sich dem MLF anschließen.“ Ich finde das toll, aber Simone scheint nicht besonders erfreut. Also fahre ich nach Straßburg und treffe Hélène de Beauvoir.

Wie war es?

Wissen Sie, den coup de foudre, die Liebe auf den ersten Blick, gibt es eben nicht nur in der Liebe, sondern auch in der Freundschaft. Und bei mir und Hélène war es der coup de foudre der Freundschaft. Als ich nach Paris zurückkomme, will Simone wissen, wie alles gelaufen ist, die Einweihung und das Wochenende mit ihrer Schwester. Ich erzähle ihr, dass Hélène Präsidentin des Hauses für misshandelte Frauen ist, und sie sagt: „Das erstaunt mich nicht, aber ich bin nicht erfreut. Jetzt wird sie behaupten, dass sie vor mir Feministin war.“ Sie wirft ihrer jüngeren Schwester vor, sie zu kopieren, dasselbe zu machen wie sie. Das war ein bisschen ungerecht. Aber Simone war eben die Ältere und Hélène die Kleine. Wie dem auch sei, Hélène wurde meine Freundin und wohnte immer bei mir, wenn sie nach Paris kam.

Tatsächlich wird Hélène de Beauvoir in ihren Memoiren später schreiben: „Ohne mir dessen bewusst zu sein, war meine Lebenseinstellung die einer Feministin. Und Feministin war ich schon lange vor meiner Schwester.“

Sie haben Die Schwestern Beauvoir geschrieben, eine Art Doppelbiografie von Simone und Hélène de Beauvoir. Wie kam es dazu?

Das war ganz simpel. Ich stand Simone de Beauvoir sehr nahe, aber noch mehr Hélène – und das ganze 25 Jahre lang. Ich habe viele Wochenenden im Elsass bei Hélène und ihrem Mann Lionel de Roulet verbracht. Wir hatten eine wirklich familiäre Beziehung. Ich liebte sie sehr, sie waren für mich ein bisschen wie Großeltern. Als Simone de Beauvoir 1986 starb, hatte ich bereits den Plan, etwas zu schreiben. Aber erst als 2001 Hélène starb, sagte ich zu meinem Verleger: „Ich möchte schreiben, ich möchte die Geschichten dieser beiden Schwestern erzählen. Was sie für mich dargestellt haben. Das wird mein Abschiedsbrief sein.“ So war das. Ich bin natürlich nicht in der Position, das zu sagen, aber ich finde, es ist ein Buch, in dem man die Emotionen spürt, man spürt die Liebe, die Zärtlichkeit, man fühlt, dass ich sie geliebt habe.

Ich könnte mir vorstellen, dass es schwierig ist, ein Buch über Menschen zu schreiben, denen man so nahe stand wie sie den Schwestern Beauvoir.

An dem Tag, als ich mit dem Schreiben des Buches fertig war, war ich sehr traurig. Denn da waren sie wirklich tot. Ich habe über ein Jahr an dem Buch geschrieben und während dieses Jahres waren sie da. Mit diesem Buch wollte ich auch Hélène de Beauvoir einen Platz geben. Hélène war nämlich nicht sehr bekannt. Sie war eine begabte Malerin, aber sie hatte nicht viele Ausstellungen in Frankreich, eher in den USA und Japan…

Was bedeutet Simone de Beauvoir heute für Sie persönlich?

Simone de Beauvoir war toll für meine Mutter, aber sie war auch toll für mich, für meine Generation. Ich habe immer besonders ihre Memoiren gemocht. Denn in ihren Memoiren erzählt sie von ihren Reisen, ihren politischen Analysen, ihren Diskussionen, ihren Streits, ihrer Unterstützung Intellektueller, ihrem Kampf gegen die Diktatur, usw. Ich war ein Teenager, als ich die Memoiren las und ich sagte mir: „Ich möchte ein leidenschaftliches Leben haben wie Simone de Beauvoir.“

Claudine Monteils Augen strahlen. Das mit dem leidenschaftlichen Leben hat sie gut hinbekommen: Sie ist viel gereist, hat mehrere Posten als Diplomatin innegehabt, zahlreiche Bücher – darunter einige Biografien – geschrieben und scheint mit Ende 60 immer noch die Energie einer jungen Frau zu haben.

Haben Sie den Eindruck, dass Simone de Beauvoir für die jungen Frauen, die jungen Feministinnen, heute noch eine Rolle spielt?

Sie ist jetzt eher eine mythische Gestalt. Auch, weil die jungen Leute heute viel weniger dicke Bücher lesen – und Das andere Geschlecht ist ein dickes Buch! Was von den Jungen mehr gelesen wird, zumindest in Frankreich, sind die Memoiren einer Tochter aus gutem Haus. In der Schule liest man manchmal einen Ausschnitt aus Das andere Geschlecht. Also kennen die jungen Leute den Namen „Simone de Beauvoir“, aber nicht mehr. Momentan denkt man darüber nach, Beauvoirs Memoiren in den Éditions de la Pléiade (in der Klassiker vor allem der französischen Literatur veröffentlicht werden, Anm.) zu veröffentlichen – das würde ihr unter Lehrkräften einen Teil ihres Ansehens zurückgeben.

Das heißt, dieses Ansehen hat sie jetzt nicht?

Genau. Wissen Sie, viele Gymnasiallehrer, besonders die Männer, möchten nicht, dass über Simone de Beauvoir gesprochen wird. Sie hat immerhin Das andere Geschlecht geschrieben und einige können dieses Buch nicht ausstehen. Daher denke ich, Beauvoir hat heute weniger Einfluss – aber gleichzeitig bleibt sie eine mythische Gestalt. Ich denke, das, was sie gemacht, was sie gezeigt hat, ist immer noch im Zeitgeist.

Simone de Beauvoir wird fast immer als berühmte Feministin gesehen, und als nichts anderes. Sie haben ihre Memoiren und die verschiedenen Kämpfe erwähnt, die sie geführt hat.

Ja, sie hat sich auch für andere Themen eingesetzt! Sie hat sich zum Beispiel gegen den körperlichen Schmerz eingesetzt: In ihrem wundervollen kleinen Buch Ein sanfter Tod prangert sie die Tatsache an, dass man in Frankreich keine Schmerzmittel verschrieb, keine Morphine. Damals hörte niemand auf das, was sie sagte – es waren die 60er. Aber heute ist das in Frankreich ein großes gesellschaftliches Thema geworden. Ein anderes Beispiel: Als ich Simone de Beauvoir in den 60er traf, schenkte sie mir ihr neues Buch, das gerade erschienen war, Das Alter. Ein Meisterwerk! Es handelt von der Art und Weise, wie man ältere Menschen behandelt, quer durch die Zivilisation und die menschliche Geschichte hindurch. Dieses Buch ist heute sehr aktuell. Beauvoir hat also gesellschaftliche Themen angesprochen, sie hat gegen den Faschismus gekämpft, gegen alle Formen der Diktatur, für die Dekolonisierung, für die Befreiung der Frauen… Und da ist jetzt sehr aktuell – aber die Jungen wissen nicht unbedingt, woher das kommt. Es kommt daher, dass Simone de Beauvoir schon vor 40 Jahren Fragen gestellt hat.

In Claudine Monteils Bücherregal stehen die Werke Simone de Beauvoirs neben ihren eigenen, dicht an dicht. Viele der beauvoirschen Bücher sind zerlesen, als hätte jemand sie immer wieder in die Hand genommen, durchgeschaut, intensiv studiert.

Welches ist Ihr Lieblingsbuch von Simone de Beauvoir?

Ich würde sagen, jedes Buch hat mich persönlich berührt – ich habe sie gelesen, als ich sehr jung war. Man könnte also sagen, ich wurde mit diesen Büchern großgezogen. Aber die, die mich am meisten berührt und zu dem gemacht haben, was ich bin, sind die beiden Bände der Memoiren: In den besten Jahren und Der Lauf der Dinge. Denn ich habe mir gesagt: „Ich will ein leidenschaftliches Leben wie sie haben. Es ist möglich, weil sie es hat.“ Das hat mich ungeheur geprägt. Und ich bin immer noch davon geprägt. Ab und zu lese ich vor dem Einschlafen ein, zwei Seiten, das erinnert mich an meine Jugend. Und ich sage mir: „Merci, Simone de Beauvoir.“

Fotos: (c) Julia Korbik

Ceci n’est pas une Simone

Beim Stöbern im Internet findet man die erstaunlichsten Sachen. Zum Beispiel ganz viele Simone de Beauvoirs, die gar keine Simone de Beauvoirs sind.

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Drei junge Damen am Strand. Laut Bildunterschrift handelt es sich dabei um Rosa Luxemburg, Simone de Beauvoir und Emma Goldman. Dumm nur, dass die drei sich nie begegneten und Luxemburg zum angeblichen Zeitpunkt dieses Treffens schon längst tot war.

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Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre im Café. Allerdings handelt es sich bei den beiden Abgebildeten um die Schauspieler Lorànt Deutsch und Anna Mouglalis, die im Film Der Liebespakt das berühmte Paar verkörpern. Täuschend echt, offenbar:

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Ich habe keine Ahnung, wer dieses, zugegebenermaßen, ziemlich lässige Paar ist. Auf jeden Fall nicht Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.

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