Alle anderen: Simone de Beauvoir über Alberto Giacometti, Marilyn Monroe und Charlie Chaplin

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CC BY-ND Flickr/Tekke

Simone kannte sie alle, vom „weißen Champignon“ Truman Capote bis hin zu Colettes „Katzengesicht“.

Ach, Paris. Dort tummelt sich in den 1940er und 1950er Jahren alles, was in Kunst und Kultur einen Namen hat. Besonders in Saint-Germain-des-Prés ist die Promi-Dichte hoch. Simone kennt viele der alteingesessenen und aufstrebenden Stars persönlich, trifft sie auf ein Glas im Deux Magots oder Café de Flore. Selbstverständlich hat sie zu allen eine Meinung und teilt diese ihrem amerikanischen Liebhaber Nelson Algren in zahlreichen Briefen mit. Der kriegt so einen guten Eindruck vom Leben der Pariser Bohème – und von Simones Gedanken zu Berühmtheiten wie Marilyn Monroe oder Franz Kafka (in den, so scheint es, Simone zumindest ein kleines bisschen verknallt war).

Violette Leduc (Schriftstellerin, 1907-1972): „Ich hege eine Art Bewunderung für sie und viel Sympathie; wenn ich in Paris bin, treffe ich sie etwa einmal im Monat, mir liegt nicht viel an ihr, und sie weiß es. Seltsam ist, dass sie sehr frei über ihre Liebe zu mir sprechen und diskutieren kann, als ob es sich um eine Krankheit handle. […] Und nach dem Abendessen gehen wir in eine Bar, und sie wird sehr pathetisch und ich fühle mich scheußlich, und dann verabschiede ich mich und sie geht weg, weinend, ich weiß es, und schlägt ihren Kopf gegen die Wände und denkt an Selbstmord. Sie weigert sich, mit irgend jemandem befreundet zu sein außer mir.“[1]

Boris Vian (Schriftsteller, Jazztrompeter, Schauspieler und Chansonnier, 1920-1959): „Ich mag vor allem den jungen Trompeter, ein interessanter Typ, von Beruf Ingenieur (für den Lebensunterhalt), aber auch ein sehr guter Schriftsteller und ein leidenschaftlicher Trompeter, obwohl er eine Herzkrankheit hat und sterben kann, wenn er zuviel spielt.“[2]

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Édith Piaf (cc Wikipedia)

Édith Piaf (Sängerin, 1915-1963): „Edith Piaf ist manchmal kitschig, aber sie kann wunderbar sein, ihre rauhe Stimme gefällt mir mehr als manche ‚schöne‘ Stimme.“[3]

André Gide (Schriftsteller, 1869-1951): „[…] er war die führende Gestalt vergangener Zeiten, ein sehr kluger Mann, mit witzigen Seiten, der für Freiheit und Päderastie kämpfte. Jetzt ist er ein alter Mann, mit Brille und einem runden weichen Hut, er brachte mich zum Lachen, weil er so freundliche war und zugleich so besorgt, sich nicht länger als drei Minuten mit jemandem einzulassen: es ermüdet ihn, er ist alt.“[4]

Truman Capote (Schriftsteller, 1924-1984): „Ich war bei Ellen Wright und habe dort diese lächerliche Figur getroffen, die Truman Capote heißt. Mit seinem weiten weißen Pullover und seinen blauen Samthosen sieht er aus wie ein weißer Champignon.“[5]

Charlie Chaplin (Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Komponist, 1889-1977): „Alle waren von Chaplin entzückt. Er erklärte, er werde in Anbetracht der Tatsache, dass Eisenhower gewählt worden sei, nicht in die Vereinigten Staaten zurückkehren; er erzählte eine Unmenge Geschichten, war so gut aufgelegt, freundlich und angenehm, dass sogar Sartre von ihm eingenommen war – und das will was heißen. Picasso war die ganze Zeit über wütend, denn er ist es gewohnt, überall die erste Geige zu spielen, diesmal jedoch zählte er nicht, da sich alle nur für Chaplin interessierten. Alle haben viel getrunken. Oona, Chaplins Frau, sagte kein Wort, anscheinend ist das immer so.“[6]

William Faulkner (Schriftsteller, 1897-1962): „[…] er war in Paris, vielleicht ist er immer noch da, ich sah ihn mit Leuten, die ich sehr gut kenne, in einem Restaurant, aber mir lag nichts daran, mit ihm zu sprechen; vor ein paar Jahren wäre das anders gewesen, doch jetzt mag ich ihn nicht mehr besonders. Er sah sehr alt aus, ganz ergraut, er trinkt furchtbar, sagen seine Freunde.“[7]

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Marilyn Monroe (cc BY-NC-SA Flickr/Ultra Swank)

Marilyn Monroe (Schauspielerin, 1926-1962): „Weniger bedeutend, doch ein schöner Film: River without return, mit Mitchum und Marilyn Monroe, ein klassischer Hollywood-Film, doch sie ist wirklich reizend; ich hatte sie nie gesehen, und da ich wusste, dass sie so sexy ist, stellte ich sie mir als eine Art Zsa Zsa Gabor vor, doch sie ist eine gute Schauspielerin und eine angenehme Frau.“[8]

Franz Kafka (Schriftsteller, 1883-1924): „Ich lese gerade das Tagebuch von Kafka, einem wirklich anziehenden, fesselnden Mann. Niemand ist mir so sympathisch, ich meine, scheint mir so vollkommen liebenswert, außer van Gogh.“[9]

Albert Camus (Schriftsteller, Journalist und Dramaturg, 1913-1960): „Jedesmal, wenn wir ihn sehen, ist er mit einer neuen Frau zusammen (obwohl er Frau und Kinder hat).“[10]

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Colette (cc Wikipedia)

Colette (Schriftstellerin und Variétékünstlerin, 1873-1954): „[…] sie ist die einzig wirklich große Schriftstellerin in Frankreich, wirklich eine große Schriftstellerin. Sie war einst eine wunderschöne Frau, tanzte in Music-Halls, schlief mit einer Menge Männern, schrieb pornographische Romane und dann gute Romane. Sie liebte die Natur, die Blumen, die Tiere und die Liebe und auch das allerkultivierteste Leben; sie schlief auch mit Frauen. Sie mochte gutes Essen und guten Wein, kurz alle guten Dinge des Lebens, und erzählte wunderbar davon. Jetzt ist sie 75 Jahre alt und hat immer noch die faszinierendsten Augen und ein reizendes dreieckiges Katzengesicht; sie ist sehr fett, behindert, ein bisschen taub, aber sie erzählt und lächelt und lacht so, dass niemand auf den Gedanken käme, eine jüngere, schönere Frau anzuschauen.“[11]

Alberto Giacometti (Bildhauer und Maler, 1901-1966): „Er lebt ziemlich ärmlich und trägt schmutzige Kleider; er scheint Schmutz zu mögen: ein Bad zu nehmen ist ein Problem für ihn. […] Er arbeitet 15 Stunden am Tag, vor allem nachts, und immer, wenn man ihn sieht, hat er Gips an den Kleidern, den Händen und in seiner üppigen schmutzigen Mähne […].“[12]

Rita Hayworth (Schauspielerin, 1918-1987): „Danach gab es einen Empfang; man hätte etwas Glanzvolles erwartet, wo doch Sartre so brillant und Rita Hayworth so schön ist. Aber es war wirklich komisch (gewissermaßen): ich habe noch nie ein so langweiliges Abendessen erlebt. […] ich saß Rita Hayworth gegenüber, versuchte, mit ihr zu sprechen und betrachtete ihre schönen Schultern und Brüste, die mehr als einen Mann verrückt gemacht hätten, für mich aber so nutzlos waren. Sie war sehr angeödet, Sartre war sehr angeödet, alle waren angeödet.“[13]

Jean Genet (Schriftsteller und Dramatiker, 1910-1986): „Als ich zu den Deux Magots zurückkam, traf ich Jean Genet, den Einbrecher-Päderasten, er war sehr nett und witzig […].“[14]

Maurice Merleau-Ponty (Philosoph, 1908-1961): „Er ist ein sehr alter Freund, der älteste, den ich habe, ich kenne ihn seit zwanzig Jahren, er arbeitet hart mit uns an den T.M. (die von Sartre gegründete Zeitschrift Les Temps Modernes, Anm.), im Rundfunk usw. Persönlich mag ich ihn nicht so sehr […].“[15]

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Marcel Mouloudji (cc Wikipedia)

Marcel Mouloudji (Sänger und Schauspieler, 1922-1994): „Er hasst es aber, wenn sich Leute über ihn lustig machen, hauptsächlich in eleganten, snobistischen Lokalen. Einmal hat sich eine schöne, schön gekleidete Frau, die von einer Menge Bewunderern umgeben war, über ihn lustig gemacht und, während er sang, Papierbällchen nach ihm geworfen. Er konnte nichts tun, stand wie verloren im Bühnenlicht, halb blind, schwitzend und sehr unglücklich. Aber im großen und ganzen ist er zufrieden, er lernt eine Menge durch diese Erfahrungen.“[16]

Orson Welles (Schauspieler, Regisseur und Autor, 1915-1985): „Es war die Rede davon, dass Orson Welles den Senator spielen würde (in der Verfilmung von Sartres Stück Die respektvolle Dirne, Anm.), aber er war nur unter der Bedingung einverstanden, dass eine weitere Szene eingefügt wurde […]. Er verlangte auch eine kleine Vorrede […]. Orson Welles kam also für den Film nicht in Frage. Was für eine dumme, eingebildete, widerliche Person er ist!“[17]

Richard Wright (Schriftsteller, 1908-1960): „Er war wirklich nett; wenn er will, hat er Humor.“[18]

[1] Simone de Beauvoir (1999): Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren 1947-1964, Rowohlt, S. 36.

[2] Ebd., S. 39.

[3] Ebd., S. 173.

[4] Ebd., S. 333.

[5] Ebd., S. 433.

[6] Ebd., S. 717.

[7] Ebd., S. 749.

[8] Ebd., S. 766.

[9] Ebd., S. 776.

[10] Ebd., S. 207.

[11] Ebd., S. 261.

[12] Ebd., S. 137.

[13] Ebd., S. 72.

[14] Ebd., S. 101.

[15] Ebd., S. 170.

[16] Ebd., S. 635.

[17] Ebd., S. 702f.

[18] Ebd., S. 116.

Fleiß und Disziplin: So sah Simone de Beauvoirs Tagesablauf aus

Tagesablauf

Wie quetscht man möglichst viel Arbeit in einen Tag? Beauvoir macht’s vor.

Es gibt Tage, an denen man nicht so richtig in Schwung kommt. Es wartet eine Menge Arbeit, aber es fehlt die Motivation, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Und außerdem sind da ja noch ein paar Artikel, die man online lesen möchte, die Wohnung könnte mal wieder geputzt werden und ach ja, einkaufen muss man auch noch. Und schwups – der Tag ist rum, ohne dass arbeitsmäßig viel passiert ist.

Simone de Beauvoir würde hierüber nur die Nase rümpfen. Ihr Motto lautete: „Ich langweile mich, wenn ich nicht arbeite.“ Prokrastination war ihr fremd, die Frau besaß eine unglaubliche Selbstdisziplin (ihr Spitzname „Biber“ kam eben nicht von ungefähr). Kein Tag verging, ohne dass Beauvoir arbeitete – außer im jährlichen Sommerurlaub mit Jean-Paul Sartre. Aber auch da wurde sie nach wenigen Tagen Ruhe nervös, vor allem, wenn in Paris Arbeit auf sie wartete. Nur beim Wandern konnte Beauvoir mal so richtig abschalten.

Arbeiten im Café

Les Deux Magots

In Paris folgte Beauvoir einem strikten Tagesablauf. Sie war kein Morgenmensch, konnte es aber kaum erwarten, mit der Arbeit zu beginnen und stand deshalb zwischen acht und neun Uhr auf. Zum Arbeiten zog Beauvoir die trubelige Atmosphäre von Cafés ihrem stillen Hotelzimmer vor. Im Deux Magots oder Café de Flore trank sie Kaffee, las Zeitungen und machte sich gegen zehn Uhr an die Arbeit. Sie las, was sie am Vortag geschrieben hatte, machte Korrekturen und dann von da aus weiter. Der Morgen waren wohl tatsächlich die einzige Zeit des Tages, die nicht von Sartres Terminkalender bestimmt wurde. Beauvoir hatte ein paar Stunden ganz für sich.

Zum Mittagessen um eins traf sie oft Sartre und/oder Freunde. Nachmittags kehrte sie zurück zu ihrer Arbeit und schrieb bis neun Uhr abends, Seite an Seite mit Sartre. Als sie noch im Hotel wohnte, arbeitete Beauvoir auch nachmittags am liebsten in Cafés oder zusammen mit Sartre bei einer gemeinsamen Freundin. Wenn Sartre keine politischen und gesellschaftlichen Verpflichtungen hatte, gingen die zwei abends gerne ins Kino oder tranken Whisky und hörten Musik. Um Mitternacht war Schlafenszeit.

Faulenzen? Keine Chance

Als Beauvoir und Sartre genug vom Hotelleben hatten, Beauvoir sich 1948 eine kleine Studiowohnung in der Rue de Bûcherie mietete und Sartre nach dem Tod seines Stiefvaters zu seiner Mutter zog, änderte sich der Tagesablauf etwas – wenn auch nur geringfügig. Der Regisseur und Journalist Claude Lanzmann – der einzige Mann, mit dem Beauvoir jemals eine Wohnung teilte – erinnerte sich:

Sie arbeitete unentwegt und sehr diszipliniert – so wie übrigens auch Sartre. Am ersten Morgen wollte ich im Bett liegenbleiben, doch sie stand auf, kleidete sich an und setzte sich an ihren Arbeitstisch. ‚Sie können dort arbeiten‘, sagte sie und zeigte aufs Bett. Also stand ich auf, setzte mich auf die Bettkante, rauchte und tat so, als arbeitete ich. Ich glaube, sie hat bis zur Mittagsstunde kein einziges Wort mit mir gewechselt. Sie ging gemeinsam mit Sartre zum Essen; gelegentlich gesellte ich mich dazu. Die Nachmittage verbrachte sie mit ihm in seiner Wohnung, sie arbeiteten drei oder vier Stunden. Abends gab es allerlei Versammlungen und Verabredungen. Wir gingen spät zum Essen, und in der Regel setzte sie sich dann mit Sartre abseits und besprach mit ihm das, was er an diesem Tag geschrieben hatte. Sie und ich kehrten anschließend in die Rue de la Bûcherie heim und gingen ins Bett. Es gab keine Partys, keine Empfänge, keine bürgerlichen Werte. Das alles betraf uns nicht. Es gab nur das Wesentliche – ein Leben ohne Ballast, von einer Schlichtheit, die bewusst gewählt war und dem Zweck diente, ungehindert arbeiten zu können.

Und gearbeitet hat sie, diese Simone de Beauvoir.

Quellen: Bair, Deirdre (1990): Simone de Beauvoir. Eine Biografie, Knaus Verlag, München / Gobeil, Madeleine (1965): Simone de Beauvoir, The Art of Fiction No. 35, The Paris Review

Bilder: CC BY Flickr/Drew Coffman; CC BY Flickr/Dana Voss

Archiv-Fund: Die große Sartreuse

Madame Sartre

Hätte Simone de Beauvoir Das andere Geschlecht doch nie geschrieben – findet zumindest der Autor eines Spiegel-Artikels von 1949. Er erwartete Intimbeichten und wurde bitter enttäuscht.

Journalisten sollen, so lautet zumindest der Anspruch, objektiv berichten. Es sei denn, sie verfassen einen Kommentar – der darf, muss sogar, subjektiv sein. Schon klar: Allein durch die Themenwahl, die Schwerpunktsetzung und andere Entscheidungen, die der Journalist trifft, ist er nicht hundertprozentig objektiv. Er sollte aber zumindest den Anspruch haben, es zu sein.

Beim Stöbern in den Archiven fand ich einen Spiegel-Artikel über Simone de Beauvoir von 1949, in dem der Autor (er wird zwar nicht namentlich genannt, aber ich bin mir sicher, es ist ein er) sich nicht so richtig zwischen Bericht und Kommentar entscheiden kann. Das Ergebnis ist ein kleines Highlight, denn außer in einem Boulevardblatt würde heute so wohl nicht mehr berichtet werden.

Jüngerin Sartres

Anlass ist die Theaterpremiere von Beauvoirs erstem und einzigem Theaterstück Die unnützen Mäuler in München. Das Stück interessiert den Autoren aber nur am Rande, viel spannender findet er dessen Verfasserin. Schon im ersten Absatz wird Beauvoirs Rolle deutlich gemacht: Sie ist „Madame Sartre“ oder auch die „Sartre-Gattin“. Später ist von Sartres „Muse“ die Rede. Wer braucht schon eine eigene Identität, wenn der Lebensgefährte berühmt ist? Nach einer kurzen Beschreibung des Theaterstücks erklärt der Autor:

Das Stück ist ein gewichtiger Beitrag zur Sartreschen Philosophie. Die kennt Simone de Beauvoir wie keine zweite. Die Verfasserin, geboren am 9. Januar 1908 in Paris, bekannt als „Mme Sartre“ und „La grande Sartreuse“, ist die unzertrennliche Begleiterin und Jüngerin von Jean-Paul Sartre. Auch sie unterrichtete, wie ihr Meister, am Gymnasium.

Kurz gesagt: Die „Jüngerin“ Simone machte einfach alles genauso wie ihr großes Vorbild Jean-Paul, sie hat keine eigenen Ambitionen außer der, eine weibliche Version Sartres zu sein. Immerhin macht sie dabei eine gute Figur:

Man sagt, sie sei so schlicht, dass sie auf das Auge beruhigend wirke.

Klingt beleidigend? Ist wohl auch so gemeint, denn gleich geht es weiter:

Für Mode und Luxus fehlt ihr jeglicher Sinn. Kleider kauft sie in einem Basar zwischen zwei Konferenzen. Ihre schlichte Haarflechte gehört mit Jean-Pauls Brille zu den Attributen der Pariser Mythologie.

Analyse statt pikanter Enthüllungen

Das Aussehen de Beauvoir scheint den Autor unendlich zu faszinieren. Aufgeregt beschreibt er, wie schön die „schwarzen sprühenden Augen“ in ihrem Gesicht sind (erstaunlich, da Beauvoir blaue Augen hatte). Ach, aber dieses recht angenehme Äußere macht für den Autoren eine Tatsache doch nicht wett: dass „Notre Dame de Sartre“ dieses unsägliche Buch namens Das andere Geschlecht geschrieben hat. Der Autor hat kurz in die französische Ausgabe des Buches reingeschaut – die deutsche Übersetzung lag noch nicht vor – und kommt zu folgendem Urteil:

Von Simone de Beauvoirs neuestem Werk Le deuxième sexe (Das zweite Geschlecht) sind die jungen Mädchen und Frauen von Saint-Germain-des-Prés ein wenig enttäuscht. Sie erwarteten mehr oder minder pikante Enthüllungen, aber im Grunde handelt es sich um eine ausführliche Behandlung des Themas ‚Die Bedeutung der Liebe im Leben der Frau‘, Dinge, die es seit den Professoren Freud und Van der Velde schon zu lesen gegeben hat.

Wer mögen diese ominösen „jungen Mädchen und Frauen von Saint-Germain-des-Prés“ sein? Hat der Autor sie auf den Straßen des Pariser Viertels befragt? Oder steckt hinter diesen doch nur der Autor selbst? Ich tippe stark auf letzteres… Auf jeden Fall ist das Ganze skandalös: Wie kann Beauvoir es wagen, ein Buch zu schreiben, welches sich mit anderen Themen beschäftigt als ihrem Privatleben? Und dann auch noch Themen, welche männliche „Professoren“ doch schon in aller Gründlichkeit erörtert haben! Dass das Thema „Liebe“ in Das andere Geschlecht zwar eine Rolle spielt, mitnichten aber die Hauptrolle – egal. Auch wenn der Autor steif und fest behauptet, die Quintessenz des Buches laute „Heiraten ist dummes Zeug“. Doch damit der Enttäuschungen noch nicht genug:

[…] Simones Stil ist so trocken-wissenschaftlich gehalten, dass von irgendwelcher Würze kaum die Rede sein kann. Auf diese Weise lässt sich alles sagen. Nur kommt Saint-Germain-des-Prés nicht auf seine Rechnung.

Ich würde an dieser Stelle „Saint-Germain-de-Prés“ einfach durch „ich, der Autor“ ersetzen und schon ergibt der Abschnitt irgendwie Sinn. Da hatte sich jemand spannende Intimbeichten erhofft und muss dann feststellen, dass das Buch eher eine wissenschaftliche Abhandlung ist. Langweilig!

Deutliches Gesamtbild

Im Prinzip ist der Artikel ein Meisterstück. Ohne ein einziges Mal explizit zu schreiben, was er denkt, wird doch sehr deutlich, was der Autor von Simone de Beauvoir hält. Man kann schließlich andere Menschen zitieren (wenn auch keiner von denen namentlich genannt wird) und fremde Meinungen so geschickt miteinander verweben, dass das Gesamtbild am Ende deutlich ist. Hätte die „schlichte“ Simone sich doch nur mit ihrer Rolle als „Mme Sartre“ begnügt und nicht auch noch selber Werke verfasst!

Bild: CC BY-NC-ND Flickr/bronx.

Literatur-Schnellcheck: Sie kam und blieb (1943)

Literatur-Schnellcheck

Simone de Beauvoirs Debutroman erzählt von einer Ménage à trois im Paris der 1930er Jahre. Und bietet gleichzeitig eine Einführung in die Grundideen des Existentialismus.

Das Buch

Sie kam und blieb (französischer Originaltitel: L’invitée), erschienen 1943. Simone de Beauvoirs Debutroman, der sogar als aussichtsreicher Kandidat für den prestigeträchtigen Prix Goncourt galt.

Worum es geht

Die Schriftstellerin Françoise und ihr Partner, Regisseur und Schauspieler Pierre, sind ein schillerndes Paar. Als Teil der Pariser Bohème der 1930er ziehen die beiden von einer Bar zur anderen, von der Theaterpremiere zur Arbeit am nächsten Werk. Françoise und Pierre leben eine offene Beziehung, die auf absoluter Ehrlichkeit basiert. Sie arbeiten zusammen, stehen ständig im geistigen Austausch miteinander. Sie sind glücklich – eigentlich. Denn da ist noch die kapriziöse Xavière: eine junge Frau aus der Provinz, derer das intellektuelle Paar sich angenommen hat. Xavière lässt sich ziellos durchs Leben treiben, ist launisch und unberechenbar, neigt zur Melancholie. Françoise und Pierre sind fasziniert von diesem widersprüchlichen Geschöpf – durch Xavières Augen werfen sie einen neuen Blick auf ihre Beziehung und treffen eine Entscheidung: Zusammen wollen sie ein Trio bilden, eine Ménage à trois. Doch die Liebe zu dritt ist nicht einfach und schon bald empfindet Françoise die Anwesenheit Xavières nicht mehr als stimulierend, sondern als Bedrohung.

Worum es wirklich geht

Darum, wie wir andere sehen – und wie wir selber gesehen werden. Im Prinzip ist Sie kam und blieb die romaneske Umsetzung des sartreschen Existentialismus. Françoise muss feststellen, dass Xavière ein Individuum ist, ein anderes Bewusstsein, welches ihr eigenes Bewusstsein bedroht. Sie kam und blieb zeigt auch, wie unterschiedlich eine Situation von verschiedenen Menschen wahrgenommen wird: Unsere Wahrnehmung ist die unsere, nicht aber die anderer.

Was das Buch lesenswert macht

Die Dialoge, in denen die Charaktere eindringlich existentielle Probleme diskutieren. Françoises innere Monologe, in denen sie sich und ihre Umgebung schonungslos betrachtet. Die Beschreibung der Pariser Bohème mit all ihren exotischen Persönlichkeiten, Konkurrenzkämpfen und Lästereien. Kleine, leuchtende Sätze wie dieser: „Und doch ist das Leben aus Augenblicken gemacht (…). Wenn jeder einzelne leer ist kannst du mich nicht überzeugen, dass das ein volles Ganzes ergibt.“

Insiderwissen

In Sie kam und blieb verarbeitet Simone de Beauvoir ihre eigene, unglückliche Erfahrung mit einer Dreierbeziehung: In den 1930er Jahren bildeten sie und Sartre ein Trio mit einer ehemaligen Schülerin Beauvoirs, Olga Kosakiewicz. Die Beziehung war für alle Beteiligten nervenaufreibend und aussichtslos. Trotzdem: Mit Kosakiewicz verband Sartre und Beauvoir bis an ihr Lebensende eine enge Freundschaft.

Zum Zitieren

Ihr Leben war ein und dasselbe; sie sahen es nicht immer unter dem gleichen Blickpunkt; durch seine Wünsche, Launen und Stimmungen gewann jedes von ihnen einen Aspekt davon, aber nichtsdestoweniger war es das gleiche Leben. Weder Zeit noch Entfernung konnten es auseinander trennen; sicherlich gab es Straßen, Ideen und Gesichter, die zuerst für Pierre, und andere, die zuerst für Françoise ins Dasein traten, doch diese Augenblicke der Trennung knüpften sich jeweils treulich an ein gemeinsames Ganzes an, in dem das Mein und das Dein nicht mehr zu unterscheiden war. Keiner von beiden brachte davon jemals das kleinste Teil für sich auf die Seite; das wäre der schlimmste Verrat gewesen, der einzige, der zwischen ihnen überhaupt auszudenken war.

Bild: CC 0 Flickr/Christopher Dombres