Simone de Beauvoir und #MeToo

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CC BY Flickr/Jeanne Menjoulet

Würde Simone de Beauvoir heute zu #MeToo twittern, wenn sie einen Twitter-Account hätte? Keine Ahnung. Fest steht aber: Zur aktuellen Debatte hätte sie einiges zu sagen.

Die wohl häufigste Frage, die mir in verschiedenen Interviews in den letzten Wochen zu meinem Buch Oh, Simone! gestellt wurde, war diese: Was würde Simone de Beauvoir zu #MeToo sagen? Wie fände sie diese Diskussion, die gerade geführt wird – eine Diskussion über sexualisierte Gewalt, sexuelle Belästigung und Sexismus? Nun besitze ich natürlich weder eine Wahrsagekugel noch eine Maschine, mit der ich in der Zeit zurückreisen und Simone dort nach ihrer Meinung befragen kann. Aber: Es gibt durchaus verschiedene Dinge, die Simone gesagt, getan oder geschrieben hat, aus denen sich zumindest ableiten lässt, wie sie zu #MeToo stehen und was sie darüber denken würde.

Das Ende der Sexualität

In Das andere Geschlecht analysiert Simone schon 1949 gesellschaftliche Machtstrukturen. Sie fragt danach, wie Männer Macht über Frauen ausüben – und bei dieser Machtausübung spielt natürlich auch die Sexualität eine Rolle. Die größte Bedrohung für diese Art der Machtausübung ist natürlich eine sich verändernde, gleichberechtigtere Gesellschaft. Hellsichtig erkennt Simone, wie sehr Männer sich und ihre Sexualität durch emanzipierte Frauen und Gleichberechtigung bedroht fühlen. Sie schreibt einen Satz, der sich ohne Probleme direkt an Harvey Weinstein (und viele andere Männer) richten könnte: „Niemand ist den Frauen gegenüber arroganter, aggressiver oder verächtlicher als ein in seiner Männlichkeit verunsicherter Mann.“

Männer beharren laut Simone auch deshalb darauf, sich selbst (existentialistisch gesprochen) als das Eine, das Subjekt zu setzen und die Frau als das Andere, das Objekt, weil ein Verschwinden der Differenz angeblich das Ende von Sexualität und Sinnlichkeit bedeuten würde. Die Angst vor diesem Ende, ausgelöst durch Emanzipation und Gleichberechtigung, ist also kein Phänomen der heutigen Zeit. In Das andere Geschlecht geht Simone auf die auch in der #MeToo-Debatte angeführten typischen Argumente à la „Ist Flirten denn jetzt noch erlaubt?“ und „Wenn alle gleich sind, wo soll das hinführen?“ ein. Sie sagt ganz klar: Natürlich werden sich die Machtverhältnisse und damit verbunden die Sexualität zwischen Mann und Frau verändern, wenn sich die Gesellschaft verändert, gleichberechtigter wird – aber nicht unbedingt zum Schlechteren, nur weil gewisse „Praktiken“ nicht mehr als normal gelten:

Sicher wird die Autonomie des weiblichen Geschlechts, wenn sie den Männern manchen Verdruss erspart, ihnen auch viel Unbequemlichkeit bereiten. Sicher gibt es gewisse Arten, das sexuelle Abenteuer zu leben, die der Welt von morgen verlorengehen. Aber das bedeutet nicht, dass die Liebe, das Glück, die Poesie und der Traum aus ihr verbannt wären.

Wohlgemerkt, das schreibt eine Frau Ende der 1940er, als für viele Frauen an erfreuliche Sexualität noch nicht zu denken ist, als Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar ist, in der sexualisierte Gewalt normal und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Die Möglichkeit zum eigenen Narrativ

Im zweiten Teil von Das andere Geschlecht (Titel: Gelebte Erfahrung) lässt Simone zahlreiche Frauen zu Wort kommen, die aus ihrem eigenen Leben berichten, über Sexualität, Mutterschaft und Älterwerden. 1973 geht sie noch weiter und ruft in der von ihr und Jean-Paul Sartre gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes die Rubrik Le Sexisme Ordinaire (zu Deutsch: Der alltägliche Sexismus) ins Leben. Simone fordert ihre Leserinnen auf, ihre eigenen, ganz persönlichen Erlebnisse mit Alltagssexismus aufzuschreiben und einzusenden. Das Ganze kann durchaus als eine Art Vorläufer der #aufschrei- und #MeToo-Debatten 2013 und 2017 gesehen werden. Simone hat schon damals verstanden, wie wichtig es ist, Frauen eine Stimme zu geben. Sie gibt ihnen die Möglichkeit zum eigenen Narrativ, dazu, ihre Geschichten selbst zu erzählen.

Was würde Simone also zu #MeToo sagen? Ich bin mir sicher, dass sie diese Diskussion begrüßen würde – weil sie selbst schon Ende der 1940er begriffen hat, dass das Private politisch ist, dass vermeintlich individuelle Erlebnisse und Probleme oft auf ein gesellschaftliches Muster schließen lassen. In Das Andere Geschlecht stellt sie klar, dass die Sexualität zwischen Mann und Frau nicht einfach verschwinden wird, nur weil diese (irgendwann in der Zukunft) nicht mehr auf männlicher Domination und Gewaltausübung basiert. Für die Männer bedeutet das, dass sie sich von gewissen Mythen und Vorstellungen verabschieden werden müssen:

Dem Mann, der zwischen dem Schweigen der Natur und der anspruchsvollen Anwesenheit anderer Freiheiten steht, erscheint ein Wesen, das sowohl seinesgleichen als auch passives Ding ist, als ein großer Schatz. Die Gestalt, unter der er seine Gefährtin wahrnimmt, mag durchaus mythisch sein, die Erfahrungen, deren Quelle und Vorwand sie ist, sind darum nicht weniger real: es gibt kaum welche, die kostbarer, inniger, glühender wären. Dass die Abhängigkeit, die Unterlegenheit, das Unglück der Frauen diesen Erfahrungen ihren besonderen Charakter verleihen, wird wohl niemand bestreiten.

Frauen als Subjekte anerkennen

Letztendlich, so stellt Simone fest, ist das ganze Gejammere der Männer darüber, was sich durch (zu viel) Gleichberechtigung verändert, nichts mehr als eine Ausrede: Eine Ausrede, um Frauen nicht als gleichwertig, als Subjekte, als Menschen anzuerkennen. Weil die gesellschaftlichen Machtstrukturen nämlich eben darauf basieren, dass Männer Frauen den Objektstatus zuschreiben und sie gerne in diesem halten würden. Wenn Frauen heute #MeToo sagen und ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, mit Belästigung, mit Sexismus schildern, dann machen sie sich selbst zum Subjekt: Sie sorgen dafür, dass sie gehört werden, sie machen ihren eigenen Narrativ öffentlich, sie fordern Veränderungen ein. Und stehen damit, ob bewusst oder unbewusst, auch in der Tradition einer Simone de Beauvoir.

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Feministische Initiative Des Simones: „Eine Simone ist eine Frau, die es verdient, dargestellt zu werden“

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Seit 2015 bedrucken Julia und ihre Partnerin als Des Simones (dt. Die Simonen) in Paris Secondhand-Shirts mit den Konterfeis wichtiger Frauen – Namenspatinnen für das Projekt waren Simone de Beauvoir und Simone Veil. Dabei geht es Julia nicht nur um schöne Klamotten, sondern auch um feministische Kritik an der Textil- und Modeindustrie. Ein Gespräch über Homophobie, feministisches Engagement und, natürlich, Simone de Beauvoir.

Für einen Abend mitten in der Woche ist die Bar in der Nähe der Place de la République gut gefüllt. Der Januar fühlt sich hier in Paris viel milder an als in Deutschland, Julia trägt trotzdem eine Wollmütze – die reißt sie sich in der Bar aber sofort vom Kopf und bestellt erstmal ein Bier. Die 27-Jährige Französin ist Ingenieurin und hat 2015 die feministische Initiative Des Simones gegründet: Zusammen mit einem kleinen Team bedruckt sie in Siebdrucktechnik Secondhand-Shirts mit den Gesichtern wichtiger Frauen, darunter auch Simone de Beauvoir. Diese Shirts verkaufen sie dann online oder an ausgewählten Verkaufsstellen in Paris und Madrid. Während des Gesprächs zieht Julia grinsend ihren Pulli hoch: Von der Vorderseite blickt Simone de Beauvoir, von der Rückseite die französische Politikerin Simone Veil.

Wie bist du das erste Mal mit dem Thema Feminismus in Kontakt gekommen?

Ich erinnere mich nicht mehr so genau daran. Aber ich glaube, das war ein Thema, das mich schon immer interessiert hat. Von Seiten meiner Familie hat mir meine Mutter immer gesagt, dass es wichtig ist, eine Arbeit zu haben, als Frau nicht von einem Mann abhängig zu sein. Es gab keine unterschiedliche Erziehung für mich und meinen Bruder. Meine Mutter hat mich Jungs-Klamotten tragen lassen, weil es das war, was ich wollte. Also gab es eine recht frühe Sensibilisierung. Und ich glaube, was dann wirklich mein Interesse an feministischen Themen ausgelöst hat, war das Buch King Kong Theorie von Virginie Despentes (das Buch erschien 2007 im Berlin Verlag auf Deutsch, Anm.).

Was hat dir an dem Buch gefallen?

Also, ich bin lesbisch und am Anfang eher durch die Bewegung gegen die Diskriminierung von Lesben zum Feminismus gekommen – nicht durch die Bewegung gegen die Diskriminierung von Frauen. King Kong Theorie zeigt ein bisschen, wie sich diese unterschiedlichen Diskriminierungsformen überschneiden – letztendlich sind Männlichkeitswahn und Homophobie ein bisschen dasselbe. Das Buch war also der erste Schritt. Danach habe ich jede Menge anderer Bücher gekauft, ich habe angefangen, alles Mögliche zu lesen und schließlich habe ich meinen Master in Gender Studies gemacht.

Wann und warum hast du beschlossen, in der feministischen Bewegung aktiv zu werden?

Aktivismus ist schon immer etwas gewesen, das ich gerne machen wollte. Vor dem Feminismus war das der Kampf gegen die Homophobie. Ich habe mich ein bisschen alleine gefühlt. In der Schule bin ich auf einem Wagen mitgefahren, um meine Ingenieursschule bei der Marche Des Fiertés LGBT zu repräsentieren und meine heterosexuellen Mitschüler_innen zu sensibilisieren. Meine Idee war, dass man letztendlich immer vor dem Anderen Angst hat, weil man es nicht kennt – und dass, wenn alle Schüler_innen an dem Marsch teilnehmen, sie ihre Vorurteile ablegen. Das war eine recht simple Idee. So sah also am Anfang mein Kampf gegen die Homophobie aus. Als ich für mein Auslandsstudium nach Madrid ging, bin ich dort einer Batucada beigetreten: Das ist eine Percussion-Kapelle, eine Musikgruppe, die viel auf den Straßen spielt. Tatsächlich bestand diese Batucada aus Lesben – und es stellte sich heraus, dass lesbische Kreise meistens ein bisschen feministisch sind. Und so habe ich dann an den ersten gemeinsamen feministischen Aktionen teilgenommen.

Wie sah dieses Engagement aus?

Wenn Weltfrauentag war oder es Demonstrationen gab, zum Beispiel gegen die Reform des Abtreibungsgesetzes, sind wir da zusammen hingegangen – auch wenn das eigentlich nicht das generelle Ziel der Batucada ist. Aber zwischen all den verschiedenen Aktivitäten gab es eben auch dieses Ding, dieses feministische Ding. Und ich wollte schon immer mein Ding machen, nicht einfach auf Aufrufe reagieren, sondern meinen eigenen Aufruf starten. Und daher habe ich mich gefragt, wie mein Aktivismus aussehen könnte.

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Und dann hast du Des Simones gegründet.

Ja, so ist Des Simones geboren. Mich interessiert auch, Dinge herzustellen, Textiltechniken zu benutzen. Ich habe das Ganze gemeinsam mit meiner Freundin gegründet, weil wir Lust hatten, etwas für uns als Paar zu haben, ein gemeinsames Projekt. Anders als in Madrid hatte ich in Paris keine Lust, einer feministischen Gruppe beizutreten: Ich fühle mich in so einer super-intellektuellen Gruppe nicht wohl. Ich habe mich nicht genug mit meinen Privilegien und meinen Vorurteilen auseinandergesetzt… Ich habe Angst, den Mund zu weit aufzumachen.

Ich habe den Eindruck, dass viele junge Frauen in Deutschland ähnliche Befürchtungen haben wie du: dass sie nicht genügend für feministische Diskurse vorbereitet sind, dass sie zu naiv sind… Das ist ein bisschen schade.

Ja, das stimmt. Am Anfang meiner aktivistischen Bestrebungen wollte ich bei Femen mitmachen.

Wirklich?

Ja! (lacht) Ich bin nicht so der theoretische Typ und ich mochte diese Art zu handeln – es erinnerte an Act-Up, es wollte schockieren. Die Kritik an Femen lautete immer: Müssen sie das wirklich zeigen, warum müssen sie sich immer ausziehen, das sind Schlampen, und so weiter. Es ist ein bisschen wie bei den LGBT, man sagt dir: Versteck dich! Man hat das Recht, sich anzupassen, aber nicht das Recht, anders zu sein. Für mich hat Femen damals etwas sehr subversives gemacht. Seitdem habe ich ein paar Sachen gelesen über Intersektionalität (Mehrfachdiskriminierung, Anm.) und meine Privilegien als weiße Frau und ich habe meine Meinung geändert: Heute würde ich nicht mehr bei Femen mitmachen wollen.

Statt oben ohne zu protestieren, hast du also deine eigene Initiative ins Leben gerufen. Was genau ist Des Simones?

Des Simones ist aus einer Analyse entstanden, die wir über die Probleme in der Textilindustrie gemacht haben. Diese Industrie ist eng verbunden mit den Menschenrechten und noch enger mit Frauenrechten. 80 Prozent der Arbeiter in dieser Industrie sind weiblich. Die Arbeitsbedingungen dort sind furchtbar, besonders in Asien. Das ist also der erste Aspekt: die Produktion. Der zweite Aspekt ist, dass die Textilindustrie und besonders die Modeindustrie, einer der ersten Sektoren der Repräsentation von Frauen ist. Es gibt dieses einheitliche Bild der schlanken, weiblichen, weißen, heterosexuellen Frau, das von dieser Industrie überall verbreitet wird und sich auf uns überträgt.

Ihr bedruckt T-Shirts mit den Gesichtern von Frauen. Wie geht ihr dabei vor?

Wir benutzen die Siebdrucktechnik. Und unsere Klamotten sind ausschließlich Second Hand – weil es sie schon gibt und wir nicht zur textilen Überproduktion beitragen wollen. Was die Motive betrifft: Die Modeindustrie stellt nur die Frauen in den Vordergrund, die sie als „schön“ betrachtet. Wir kennen zum Beispiel alle den Kopf von Marilyn Monroe. Letztendlich behalten wir aus der Geschichte wichtige Frauen nur dann, wenn sie von der Modeindustrie als schön erachtet werden. Wir hingegen wollen Frauen zeigen, die wegen etwas anderem wichtig sind als nur aufgrund ihres Aussehens: Frauen, die aufgrund ihres Aussehens nie dargestellt werden. Nämlich weil sie nicht dem normativen Schönheitsideal entsprechen. Wir wollen alte Frauen zeigen, schwarze Frauen, Frauen mit Kopftuch, Frauen, die nicht westlich sind. Und wichtige Frauen! Das Ziel ist auch, gewisse Personen, die vergessen wurden, wieder bekannter zu machen – Personen, die in den Geschichtsbüchern nicht vorkommen.

Woher kommt der Name Des Simones?

Der kommt von unserer ersten Kollektion, in der wir Simone Veil (französische Politikerin, Anm.) und Simone de Beauvoir dargestellt haben. Wir fanden es lustig, dass es zwei wichtige Frauen gab, die beide „Simone“ hießen. Für uns ist eine Simone eine Frau, der es an Repräsentation mangelt, aber die für die Geschichte wichtig ist, die wichtig ist aufgrund dessen, was sie gemacht hat und die es verdient, dargestellt zu werden. Die Simonen, die wir bisher hatten, sind die Künstlerin Louise Bourgeois, die Bildungsaktivistin Malala Yousafzai und die Sängerin Nina Simone. Momentan denken wir über eine neue Kollektion nach. Es gibt natürlich immer ein Problem mit Menschen, die man als Idol betrachtet: Simone Veil zum Beispiel hat sich gegen die Ehe für alle, d.h. die gleichgeschlechtliche Ehe in Frankreich, ausgesprochen. Es ist kompliziert, perfekte Held_innen zu haben. C’est la vie.

Sprechen wir doch über eine der beiden Simonen: Simone de Beauvoir. Wie bist du auf sie aufmerksam geworden?

Ich habe zuerst die Memoiren einer Tochter aus gutem Hause gelesen – damit habe ich angefangen. Vorher kannte ich Beauvoir nur aufgrund ihrer Beziehung zu Jean-Paul Sartre. Danach habe ich Das andere Geschlecht gelesen.

Was denkst du: Ist Simone de Beauvoir heute noch wichtig für den Feminismus in Frankreich?

In Frankreich, wie auch in Spanien oder woanders, bleibt Simone de Beauvoir die Mutter des Feminismus. Auch wenn viele sie gar nicht gelesen haben, sie bleibt ein ziemlich wichtiger Name für Feministinnen. Und es gibt diesen Satz, den alle ständig zitieren: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ – der ist mittlerweile echt Mainstream geworden. Insgesamt wissen alle Feminist_innen, dass Simone de Beauvoir jemand wichtiges ist und man kennt diesen Satz.

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Eines der Ziele eurer Gruppe ist die Darstellung von Frauen oder Gesichtern des Feminismus. Hat Simone de Beauvoir in Frankreich ein bisschen Hilfe nötig, um heute anerkannt zu werden?

Absolut. Im Philosophieunterricht zum Beispiel spricht man nicht von Simone de Beauvoir. Sie gilt nicht als jemand, der neue, revolutionäre Ideen beigetragen hat, der Teil einer wichtigen Bewegung war: des Feminismus. Aber ich glaube, das ist ein generelles Problem, wenn es um die Darstellung von Simone de Beauvoir geht: Der Feminismus gilt als ein Sonder-Thema, und beispielsweise nicht als eine philosophische Strömung. Es gibt eine kleine antifeministische Lobby in Frankreich. Und natürlich gibt es auch viele Frauen, die sich selbst nicht als Feministinnen betrachten: „Nein, ich bin nicht Feministin, ich mag Männer“, und so weiter. Man versucht, den Begriff „Feminismus“ zu dämonisieren.

In Deutschland ist es ähnlich. Gibt es heute französische Feminist_innen, die du magst, die dich inspirieren?

Ich mag Océane Rose Marie gerne, das ist eine lesbische Komikerin. Ich bin durch ihre Show La lesbienne invisible (dt. Die unsichtbare Lesbe) auf sie aufmerksam geworden. Jetzt analysiert sie, wie Feminismus inklusiv sein kann, wie man zum Beispiel gegen die Islamophobie kämpfen kann. Sie kämpft auch gegen den white feminism: Océane Rose Marie ist weiß, aber sie redet eben auch über das Privileg, weiß zu sein. Es ist interessant, diesen Diskurs in Frankreich zu haben, der außerhalb akademischer und aktivistischer Kreise nicht existiert. Also, ich finde sie genial – und ich glaube, sie datet das Mädel von Christine and the Queens (lacht).

Fotos: (c) Des Simones

Ein Pakt für die Freiheit: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre (Teil 2)

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Vom „Pakt“ über eine transatlantische Liebe bis zum Lebensende.

„Ich will versuchen, ihr klar zu machen, sagte sie, dass du nicht etwa ein Mann zwischen zwei Frauen bist, sondern dass wir drei zusammen etwas ganz Besonderes darstellen, etwas, was vielleicht schwierig ist, aber sehr schön und glücklich werden könnte.“

(Françoise zu Pierre in Sie kam und blieb, 1944)

Paris 1936. Simone de Beauvoir ist endlich zurück in ihrer Stadt. Das Exil hat sechs Jahre gedauert: Von 1930 bis 1931 unterrichtete Beauvoir in Marseille, von 1931 bis 1936 in Rouen. Und aus Rouen hat sie etwas mitgebracht. Oder eher, jemanden: ihre ehemalige Schülerin Olga Kosakiewicz. In ihren Memoiren wird Beauvoir Olga später als gute Freundin darstellen, als unglückliche junge Frau, derer sie und Sartre sich angenommen haben. Und es stimmt, Beauvoir, Sartre und Olga waren bis an ihr Lebensende befreundet. Was Beauvoir jedoch verschwieg und was erst durch die Veröffentlichung der Brief-Korrespondenz zwischen ihr und Sartre ans Licht kam: Olga war viel mehr als nur ihre Freundin, sie war ihre Geliebte. Zusammen mit Sartre bildeten die beiden Frauen das „Trio“ welches Beauvoir in ihrem autobiografisch geprägten Debutroman Sie kam und blieb verarbeitete. Beauvoir stellte es stets so dar, als sei zwischen ihr und Olga nichts als Freundschaft gewesen. Sartre sei zwar eifersüchtig gewesen, vor allem, weil er fast zwei Jahre lang erfolglos versuchte, Olga zu verführen. Aber: „Diese Eifersucht mit allen ihren Folgeerscheinungen spielte auf rein platonischer Ebene. […] Es handelte sich bei Sartre um einen rein gefühlsmäßigen Herrschaftsanspruch.“ Von wegen.

Olga: kapriziös, gelangweilt, latent lebensmüde

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Das Trio – Sartres und Beauvoirs Bezeichnung für eine Ménage à trois (CC BY-NC Flickr/id-iom)

Simone de Beauvoir lernt Olga Kosakiewicz 1933 in Rouen kennen. Beauvoir ist 25 Jahre alt, eine junge, attraktive Lehrerin: Sie schminkt sich, trägt Schmuck und schicke Kostüme, versprüht Glanz und Glamour. Viele ihrer Schülerinnen schwärmen für sie und versuchen, sie außerhalb des Unterrichts zu treffen. Beauvoir hingegen ist vom Großteil ihrer Schützlinge gelangweilt – die 17-jährige Olga  erregt trotzdem ihre Aufmerksamkeit: „Ihr blasses, von dichtem blonden Haar umrahmtes Gesicht erschien mir beinahe apathisch, und sie reichte mir so skizzenhaft knappe Arbeiten ein, dass ich Mühe hatte, sie zu beurteilen.“ Olga entpuppt sich als intelligent und Beauvoir, die von diesem kapriziösen, gelangweilten und latent lebensmüden Geschöpf fasziniert ist, beginnt, sich regelmäßig mit ihr in Cafés zu treffen. Olga ist träumerisch und unglücklich und hat keinen Sinn für schulische Bildung. 1935 schlägt Beauvoir – nun nicht mehr Olgas Lehrerin – ihr vor, dass sie und Sartre sich um sie kümmern würden: Sie würden ihren Lebensunterhalt finanzieren und sie unterrichten. Kurze Zeit später zieht Olga in das gleiche Hotel wie Beauvoir und die beiden Frauen beginnen eine Affäre. Auch Sartre findet Gefallen an Olga und als diese Beauvoir 1936 nach Paris folgt, entwickelt sich das, was Beauvoir und Sartre das „Trio“ nennen.

Die Beziehungen innerhalb des Trios sind sehr ungleich. Sartre und Beauvoir fungieren als Eltern, als Autoritätspersonen – Olga ist das Kind, und noch dazu finanziell völlig abhängig von den beiden. Kein Wunder, dass Olgas Gefühle ihren „Eltern“ gegenüber kompliziert sind. Einerseits ist sie dankbar, andererseits fühlt sie sich oft bevormundet und reagiert deshalb trotzig. Wie das Trio funktioniert, beschreibt Beauvoir in Sie kam und blieb: Während sie zwei getrennte Beziehungen haben will, eine zu Sartre, eine zu Olga, besteht Sartre seinerseits auf einem engen Verhältnis zu Olga – ein privilegiertes, natürlich.

Olga mag zwar jung und unerfahren sein, ihm Umgang mit dem sie manisch verfolgenden Sartre ist sie jedoch erstaunlich abgebrüht. Mal lässt sie ihn ganz nah an sich rankommen, dann wieder entzieht sie sich ihm. Sartre macht das verrückt – und Olga für ihn natürlich umso begehrenswerter. Entsetzt müssen Sartre und Beauvoir feststellen, dass sie die kleine, unglückliche Olga nicht so gut kontrollieren können, wie sie dachten. Das anfangs mehr oder wenig harmonische Trio – so harmonisch, wie es mit einer launischen, rebellischen Person wie Olga eben sein kann – entwickelt sich immer mehr zur „Höllenmaschine“. Sartre ist eifersüchtig auf die Beziehung zwischen Beauvoir und Olga und Olga leidet zunehmend unter den Ansprüchen der beiden und darunter, ihr Spielball zu sein. Eigentlich leiden alle drei, aber keiner weiß einen Ausweg aus diesem selbst verursachten Unglück.

Letztlich entzieht sich jeder auf seine Weise dem Trio. Simone de Beauvoir reagiert im Februar 1937 mit einer heftigen Lungenentzündung, die sie wochenlang ans Bett fesselt. Olga lernt den jungen, gutaussehenden Jacques-Laurent Bost kennen – dieser wird „kleiner Bost“ genannt, sein großer Bruder war der Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor Pierre Bost. Olga und Bost verlieben sich. Ostern 1937 kommt Olgas Schwester Wanda zu Besuch nach Paris: Sartre hatte sie bereits in Rouen kennengelernt, nun macht er sich sofort mit Feuereifer daran, die zu umwerben. Das Trio ist gescheitert.

Das Trio, zweiter Versuch

Die Idee des Trios lässt Sartre und Beauvoir jedoch nicht los. Nur weil es beim ersten Mal nicht funktioniert hat, heißt das nicht, dass es nicht theoretisch funktionieren kann. Also wird ein zweiter Versuch gestartet. Die Versuchsanordnung bleibt gleich, nur die Variablen ändern sich: Statt Olga Kosakiewicz heißt die Dritte im Bunde nun Bianca Bienenfeld. Sie und Beauvoir lernen sich 1938 am Lycée Molière kennen, wo Beauvoir unterrichtet. Und wieder entwickelt sich das neue Trio zur Höllenmaschine, vor allem für Bianca. Genüsslich tauschen Sartre und Beauvoir sich in Briefen über Bianca aus (Beauvoir gibt ihr das Pseudonym „Louise Védrine“). Er herrscht Krieg, Sartre leistet seinen Militärdienst auf einer Wetterbeobachtungsstation und Beauvoir hält ihn über alle amourösen Verwicklungen auf dem Laufenden:

Mein süßer Kleiner, auf Wiedersehen, bis morgen. Sonntag bekommen Sie die Fortsetzung der Geschichte mit Védrine. Ich glaube, Sie finden, dass ich ein bisschen gemein zu ihr bin, das ist möglich, ich werde morgen Abend sehen, ob es angebracht ist, nett zu ihr zu sein, aber sie geht mir auf die Nerven.

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Der Sartre-Beauvoir-Platz in Paris (CC BY Flickr/Nico Paix)

Im Februar 1940 einigen sich die beiden schließlich darauf, dass Sartre mit Bianca Schluss machen soll. Sartre schreibt ihr einen Brief, für den Beauvoir ihn tadelt:

Ich weiß wirklich nicht, was Sie sich gedacht haben, aber dieser Brief mit seinen moralischen Ermahnungen und seinen Beteuerungen von Hochachtung war unannehmbar […] Sie (Bianca, Anm.) ist kein Trottel, das haben Sie nicht genügend berücksichtigt.

Wenn Beauvoir und Sartre einen Menschen interessant fanden, waren sie charmant und liebenswürdig – hatten sie genug von diesem Menschen, wurde kurzer Prozess gemacht. Bianca Bienenfeld, die nach ihrer Heirat Bianca Lablin hieß, schrieb über ihre Erlebnisse als Geliebte von Sartre und Beauvoir später das Buch Memoiren eines getäuschten Mädchens (auf Französisch Mémoires d’une jeune fille dérangée, eine Anspielung auf den Titel von Simone de Beauvoirs Autobiografie Mémoires d’une jeune fille rangée). Olga Kosakiewicz sagt über ihre Beziehung zu dem schillernden Paar: „Wir waren alle wie Schlangen, hypnotisiert. […] Wir taten, was sie wollten, denn was auch immer, wir waren so begeistert von ihrer Aufmerksamkeit, so privilegiert, sie zu haben.“

Briefe als sexueller Ersatz

Über die Jahre bleiben Beauvoir und Sartre ihrem Muster treu: Beauvoir bandelt mit einer jungen, etwas hilflosen Frau an – meistens eine Schülerin – führt sie aus, kümmert sich um sie und teilt sie dann mit Sartre. Ihren engsten Freundeskreis nennen Beauvoir und Sartre „la petite famille“, die kleine Familie. Und diese Familie besteht aus einem komplizierten Beziehungsgeflecht, in welchem nur die als Eltern fungierenden Sartre und Beauvoir den Überblick haben und die Strippen ziehen – der Rest wird über viele amouröse Verwicklungen im Unklaren gelassen. So beginnt Beauvoir 1938 eine Affäre mit Jacques-Laurent Bost, der eigentlich mit Olga zusammen ist. Dass Sartre mit Bianca Bienenfeld schläft, darf Wanda nicht erfahren. Und so weiter, und so fort. Trotz des Stresses, der Ansprüche von verschiedenen Seiten und der ständigen Heimlichtuerei scheint das Ganze Beauvoir und Sartre sehr viel Spaß gemacht zu haben. In ihren Briefen beschreiben sie detailliert, wann sie sich wo mit wem getroffen haben – ob Bianca mal wieder eifersüchtig geworden ist, ob Olga und Bost sich gestritten haben. Der Austausch über ihre Schützlinge ist für das intellektuelle Paar so etwas wie ein sexueller Ersatz. Denn im Bett ist der große Sartre nicht so der große Bringer. Ihm macht es viel mehr Spaß, Frauen nachzujagen und sie zu verführen – der Geschlechtsakt an sich interessiert ihn wenig. Beauvoir hingegen hat eindeutige sexuelle Bedürfnisse. „La petite famille“ mit all den kleinen und großen Dramen erlaubt ihnen einen sexuellen Austausch, selbst als sie nicht mehr miteinander schlafen (was nach Beauvoirs Angaben nach ungefähr zehn Jahren Beziehung der Fall war). Sartre mag zwar kein großer Liebhaber gewesen sein, aber oh, er konnte mit Worten umgehen.

Heutigen Lesern mag der Briefverkehr zwischen Sartre und Beauvoir vorkommen wie TMI, Too Much Information – und das in einem Zeitalter, wo das sogenannte oversharing persönlicher Geschichten im Internet völlig normal ist. Sich alles zu sagen sieht bei Beauvoir und Sartre zum Beispiel so aus, wenn sie ihm am 12. Januar 1940 schreibt:

Wir sind also gestern um 11 Uhr zu Védrine [Bianca, Anm.] gegangen – Umarmungen – wenn ich Ihnen alles sagen soll, abgesehen vom üblichen Geruch ihres Körpers roch sie stark fäkal, was die Sache ziemlich unangenehm machte – die Freundschaft mit ihr mag noch gehen, aber die körperliche Beziehung ist mir äußerst unangenehm.

Das Philosophenpaar wirkt von oben herab, ungnädig und zum Lästern aufgelegt. Immerhin: Beide sind sich dessen wohl bewusst. In einem Interview mit Alice Schwarzer 1973 sagt Beauvoir über das Beziehungswirrwarr:

[…] dritte Personen, in Sartres Leben wie in meinem, wussten von Anfang an, dass es da eine Beziehung gab, welche diejenige, die man mit ihnen hatte, erdrücken würde. Das war oft nicht sehr angenehm für sie. Unsere Beziehung ging wirklich ein wenig auf Kosten dieser Dritten. Also ist diese Beziehung durchaus zu kritisieren, denn sie schloss ja manchmal ein, dass man sich den Leuten gegenüber nicht sehr korrekt benahm.

Ja, korrekt war Beauvoirs und Sartres Verhalten oft nicht.

Zwischen Gewohnheit und Abenteuer

Es sind aber nicht Mitglieder der „petite famille“, die den 1929 geschlossenen Pakt ins Wanken bringen. Sondern eine in Amerika lebende Französin, Doloros Vanetti Ehrenreich, und ein waschechter Amerikaner, Nelson Algren. Sartre lernt Vanetti Ehrenreich 1945 in New York kennen. Sie ist mit einem reichen amerikanischen Arzt verheiratet und arbeitet fürs Radio. Mit ihr ist es anders als mit den üblichen sartreschen Affären: Der Philosoph verliebt sich in Vanetti Ehrenreich, verschweigt das gegenüber Beauvoir jedoch. Beauvoir aber bekommt natürlich sehr genau mit, was in ihrem Gefährten vorgeht. Dolores Vanetti Ehrenreich, wird sie später sagen, war die einzige von Sartres Frauen, die ihr jemals Angst gemacht hat. Denn im Gegenteil zu Sartres kleinem Harem in Paris ist Vanetti Ehrenreich der Über-Status des Paares Sartre-Beauvoir ziemlich egal. Sie akzeptiert die von Sartre und Beauvoir diktierten Spielregeln nicht, will Sartre für sich alleine haben. In den nächsten Jahren werden sie und Sartre sich immer mal wieder trennen, um sich kurz danach wieder zu versöhnen. Sie will ihn heiraten, er ziert sich. Sartre sagt über Vanetti Ehrenreich: „Dolores hat mir Amerika gegeben.“ Beauvoir trifft die Geliebte Sartres einmal, als sie selbst 1947 beruflich in New York ist – die beiden Frauen können sich nicht ausstehen. Dolores ist eifersüchtig, Beauvoir krank vor Sorge um ihre und Sartres Zukunft. In ihren Memoiren schreibt sie:

Ich hatte meinen zähen Optimismus eingebüßt: Mir konnte alles widerfahren. Eine Verbindung, die seit über 15 Jahren besteht: Ist sie nicht bereits zur Gewohnheit geworden? Welche Konzessionen bringt sie mit sich? Meine Antwort kannte ich, nicht aber die Sartres.

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Der amerikanische Schriftsteller Nelson Algren (CC BY Wikimedia)

Anfang 1947 reist Beauvoir das erste Mal nach Amerika. Dort soll sie eine Reihe von Vorträgen zum Thema Existentialismus halten. In Chicago lernt Beauvoir den amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren kennen. Sie hat seine Nummer von New Yorker Freunden bekommen: Er sei zwar schwierig und launisch, aber wenn sie in Chicago einen guide bräuchte, könne sie sich gerne bei ihm melden. Der erste Kontakt zwischen Beauvoir und Algren ist wenig vielversprechend. Sie ruft ihn an, er versteht sie aber dank ihres starken französischen Akzents nicht – und legt auf. So geht das ein paar Mal hin und her, bis Beauvoir den Hotel-Telefonisten bittet, Algren anzurufen. Es klappt: Die Französin und der Amerikaner verabreden sich für den Abend.

Kaum hat er Beauvoir erspäht, da teilt diese ihm auch schon mit, dass sie das „richtige“ Chicago sehen will. Also nimmt Algren sie mit in einen Stripclub, in eine afroamerikanische Bar und eine zwielichtige Kneipe. Beauvoir ist begeistert und vor allem begeistert sie Algren. Der hatte mit einer zugeknöpften, arroganten und langweiligen Person gerechnet – die schnell sprechende Französin ist nichts davon. Später erinnert Algren sich:

Sie redete wie ein Wasserfall, mit Intensität, Emphase, Kraft. Ich verstand kein Wort. Später gestand sie mir, dass sie ebenfalls nichts von dem verstanden hatte, was ich sagte. Ich dachte, sie sei eine Lehrerin aus Frankreich. Ich hatte ihren Namen noch nie gehört und war mir nicht sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.

Beauvoir verbringt 36 Stunden in Chicago und die meisten davon mit Algren. Sie sind völlig unterschiedlich, fühlen sich aber sehr zueinander hingezogen. Der 1909 in Detroit geborene Algren ist laut einem Spiegel-Artikel von 1997 „ein Macho, wie er im Buche steht und sich selbst zu Buche schlug: Wer ihn lesen wollte, warnte Hemingway, müsse einiges einstecken können, denn ‚er boxt mit beiden Fäusten und verfügt über gute Beinarbeit‘.“ Algren wuchs in einem Chicagoer Einwanderer- und Arbeiterviertel auf, nach dem Studium hielt er sich mit verschiedenen Jobs über Wasser. Als er Beauvoir kennenlernt, ist Algren 38, ein Jahr jünger als sie. Er hat bereits zwei Romane veröffentlicht und ist gerade dabei, den Roman fertig zu schreiben, der später sein erfolgreichster wird: Der Mann mit dem goldenen Arm.

„Frosch“ und „Krokodil“

In diesem eiskalten Chicagoer Februar beginnt zwischen Simone de Beauvoir und Nelson Algren, der intellektuellen Französin und dem amerikanischen Arbeiterjungen eine Liebesgeschichte, die über drei Jahre andauert – und eine Verbindung, die über fast zwei Jahrzehnte bestehen wird. So oft es geht, besucht sie ihn in Amerika, sie machen gemeinsam Urlaub in Mexiko. Algren kommt sogar nach Paris und lernt dort die „petite famille“ kennen. Sie schicken sich hunderte von Briefen. Er nennt Beauvoir „Frosch“, sie ihn „Krokodil“. Er schenkt ihr einen silbernen Ring, den sie fortan immer trägt. Algren ist der erste Mann, mit dem Beauvoir eine auch sexuell erfüllte Beziehung führt. Im Juni 1947 schreibt Beauvoir ihrem „geliebten Mann“:

Ich weine, weil ich nicht in Ihren Armen weine, das ist überhaupt nicht vernünftig, denn wenn ich in Ihren Armen läge, würde ich nicht weinen. Es ist blödsinnig, Liebesbriefe zu schreiben, man kann die Liebe nicht in Briefe packen, aber was kann man tun, wenn dieser furchtbare Atlantische Ozean zwischen einem selbst und dem Mann, den man liebt, liegt?

So viel Liebe.

Genau wie Dolores Vanetti Ehrenreich will Algren aber mehr, als nur die Zweitbeziehung sein: Er will Beauvoir heiraten. Das kommt für die natürlich überhaupt nicht in Frage, ihre Beziehung zu Sartre hat Priorität. Algren will seine „Frau“ mit niemandem teilen und er versteht nicht, warum Beauvoir so sehr an Sartre und an Paris hängt. Letztlich scheitert die Beziehung zwischen „Frosch“ und „Krokodil“ daran – und vielleicht auch an Algrens Eifersucht auf Beauvoirs internationalen Erfolg: Er ist in Paris, als 1949 Das andere Geschlecht erscheint und bekommt mit, wie seine Freundin über Nacht berühmt wird. 1952 beginnt Beauvoir eine Beziehung mit dem jungen Journalisten Claude Lanzmann, dem ersten und einzigen Mann, mit dem sie jeweils zusammenwohnen wird. Im Jahr darauf heiratet Algren erneut seine Ex-Frau (und lässt sich zwei Jahre später wieder scheiden). Trotzdem bleiben die beiden befreundet, schreiben sich weiterhin Briefe.

Endgültiger Bruch

Zum großen Bruch kommt es, als Simone de Beauvoirs Schlüsselroman Die Mandarins von Paris 1956 in englischer Übersetzung erscheint. In typisch beauvoirscher Manier hat sie darin verarbeitet, was ihr selbst passiert ist – und dazu gehört auch die Beziehung zu einem gewissen Amerikaner. Algren ist empört und verletzt und zieht in der Öffentlichkeit hemmungslos über seine ehemalige Geliebte her. Beauvoir schreibt ihm im Juli 1956:

In Wirklichkeit unterscheidet sich die Liebesgeschichte in Les Mandarins sehr stark von der wahren Wahrheit, ich habe nur versucht, ein kleines Echo aufzuschreiben. Niemand hat begriffen, dass sich der Mann und die Frau, als sie sich für immer trennen, immer noch lieben, und diese Liebe vielleicht niemals sterben wird. Es konnte einfach nur nicht weitergehen. Wenn ich mit klarem Kopf an die Vergangenheit denke, wird mir wieder bewusst, dass ich niemals in den USA hätte leben können, und ich glaube nicht, dass Sie auf Dauer in Paris hätten leben können, und dieses Hin und Her hätte uns auch nicht glücklich gemacht. Ja, ich kann Ihnen versichern, ganz vertraulich, auch für mich war es qualvoll.

1960 kommt Algren noch einmal nach Paris, er und Beauvoir schreiben sich weiterhin. Zum endgültigen Bruch führt 1963 die englische Übersetzung von Der Lauf der Dinge, Beauvoirs drittem Memoiren-Band. Wieder thematisiert sie ihre Beziehung zu Algren und diesmal ist er nicht mehr bereit, ihr das zu verzeihen. Die große transatlantische Liebe endet in Verbitterung und Groll. Kurz vor seinem Tod sagte Algren über Beauvoir: „Ich habe Bordelle in aller Welt frequentiert, und überall haben die Frauen die Zimmertür geschlossen. Nur diese da hat die Tür sperrangelweit geöffnet.“

Komplizierte Charaktere, komplizierte Beziehung

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Das Grab von Sartre und Beauvoir auf dem Friedhof Montparnasse in Paris (CC BY-NC-ND Flickr/gabriele fanelli)

Bleiben wieder – oder immer noch – Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Beide haben sich ernsthaft in andere verliebt und diese anderen bedrohten auf unterschiedliche Weise den Pakt. Doch der Pakt hält – und zwar bis an ihr Lebensende. Beauvoir trägt Nelson Algrens Ring am Finger, als sie 1986 beerdigt wird, aber beerdigt wird sie neben Sartre auf dem Friedhof Montparnasse. Viel ist über den berühmten „Pakt“ diskutiert worden, über diese „morganatische“, also ungesetzliche Ehe, wie Sartre und Beauvoir ihre Beziehung getauft haben. Die Romanistin und Kulturwissenschaftlerin Ingrid Galster schreibt: „Den größten Skandal erregten […] nach Beauvoirs Tod ihre eigenen nicht oder kaum purgierten Briefe an Sartre, die zu zeigen schienen, wie sie selbst die Fäden zog, um ihre privilegierte Stellung bei Sartre zu behalten. Für viele brach damals definitiv der Mythos des intellektuellen Modellpaars zusammen.“ War all das, war der „Pakt“ also nur eine Farce? Ein Konstrukt, in dem er den Ton angab und sie sich ihm fügte? Die Beziehung der beiden so darzustellen, wäre zu einfach. Ebenso wie aus ihr eine Geschichte à la „Sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“ zu machen. Sartre und Beauvoir waren beide komplizierte Charaktere. Warum also sollte ihre Beziehung unkompliziert gewesen sein?

Beauvoir mag oft die Rolle der „Glucke“ übernommen haben, die den in jeder Hinsicht überschwänglichen Sartre im Zaum hielt und beschützte. Die ihn vor der Meute ihn umschwärmender Frauen abschirmte: Ihre privilegierte Position bei Sartre verschaffte ihr Respekt und – neidische – Ehrfurcht. Denn trotz des ganzen Liebeswirrwarrs, ob mit Trio oder ohne, trotz der vielen kleinen und großen Eifersüchteleien: Der Pakt, geschlossen 1929, bot Beauvoir große Vorteile. Als Partnerin Sartres hatte Beauvoir viel mehr Freiheiten als andere Frauen der damaligen Zeit. Sartre behandelte Beauvoir als Ebenbürtige, als Ranggleiche. Anders als oft behauptet war es auch nicht Sartre, der die kleine Bourgeoise Simone zu einer freiheitsliebenden Denkerin machte – auf diesem Weg befand sie sich schon längst, als sie Sartre Ende der 1920er kennenlernte. Alles, was Sartre machen musste war, sie auf diesem Weg zu bestärken. Natürlich stand für Beauvoir durch die ungewöhnliche Beziehung zu Sartre mehr auf dem Spiel als für ihn. Er konnte herumprobieren, sich als unangepassten Bohémien inszenieren und trotzdem seine Chancen auf eine gute Partie damit nicht ruinieren – er war schließlich ein Mann. Beauvoir war eine Frau und von Frauen aus gutem Haus wurde in den 1920er, 1930er Jahren erwartet, dass sie brav und sittsam waren und möglichst jung heirateten.

Mit der Gewissheit, dass ihr Leben sich radikal ändern würde, machte Beauvoir den Schritt ins Blaue. Ohne Vorbilder, immer der Freiheit hinterher. Und Freiheit passiert nicht einfach, sie muss erkämpft werden – auch und besonders in einer Beziehung.

Teil 1: Vom ersten Treffen 1929 bis zum „Pakt“

Zum Weiterlesen

Simone de Beauvoir: Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren 1947-1964 (Rowohlt, 2002)

Simone de Beauvoir: Briefe an Sartre. Band II: 1940-1963 (Rowohlt, 1998)

Bianca Lamblin: Memoiren eines getäuschten Mädchens (Rowohlt, 1994)

Claudine Monteil: Les amants de la liberté. Sartre et Beauvoir dans le siècle (Editions J’ai lu, 2008)

Hazel Rowley: Tête-à-tête: Leben und Lieben von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre (Parthas, 2007)

Bild: CC BY-NC-ND Flickr/RV1864