Simone de Beauvoir für Anfängerinnen und Anfänger

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CC BY Julia Korbik

Lust darauf, Simone de Beauvoir zu lesen, aber keine Ahnung, womit anfangen? Hier eine kleine Anleitung.

Sie macht ein bisschen Angst, diese Simone de Beauvoir. Auch über 30 Jahre nach ihrem Tod. Oder, genauer: Sie flößt Respekt ein. Wie oft höre ich denn Satz: „Ich würde ja so gerne mal was von Simone de Beauvoir lesen, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“ Zugegeben, Simone hinterlässt ein nicht eben kleines Œuvre, bestehend aus Erzählungen, Romanen, Briefen und Memoiren (sogar ein Theaterstück hat sie geschrieben!). Witzigerweise greifen viele, die noch nie etwas von Simone gelesen haben, zu ihrem zweiten Memoiren-Band In den besten Jahren – zumindest habe ich das im Freundes- und Bekanntenkreis beobachtet. Und irgendwie ist die Wahl ja auch nachvollziehbar, schließlich heißt es auf dem Buchrücken: „Eine ganze Epoche des geistigen Frankreich mit seiner literarischen, politischen und politischen Avantgarde wird hier lebendig“. Was der Buchrücken nicht erwähnt (warum sollte er auch): Das Ganze ist doch relativ kompliziert, voll mit Namen, Orten und Ereignissen. Da blicken nur die durch, die Simone bereits etwas kennen sowie ihre Briefe an Sartre gelesen haben. Sprich, ein besonders guter Einstieg ins beauvoirsche Werk ist In den besten Jahren nicht. Was sollte man also stattdessen lesen?

Memoiren einer Tochter aus gutem Hause: Befreiung vom elterlichen Milieu

Zum Beispiel Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, Simones erster Memoiren-Band und auch der am sorgfältigsten durchkomponierte, der am liebevollsten geschriebene. Darin erzählt sie von ihrer Kindheit in Paris, vom Aufwachsen in der Bourgeoisie, wo die junge Simone mit dem Gegensatz zwischen dem intellektuellen, aber traditionellen Vater und der katholischen und strengen Mutter klarkommen muss. Das Buch zeichnet nach, wie aus der braven, religiösen und unsicheren Simone eine junge Frau wird, die weiß, was sie will: die Freiheit, ihren Weg zu gehen und über ihr Leben selbst zu bestimmen. Dabei hilft ihr auch die Bekanntschaft mit Jean-Paul Sartre 1929, einer ihrer Kommilitonen an der Pariser Sorbonne. In starkem Kontrast zu Simones Befreiung vom elterlichen Milieu steht die Entwicklung ihrer besten Freundin Zaza, die aus ihrer Zerrissenheit zwischen Freiheitsdrang und Tradition keinen Ausweg findet. Memoiren einer Tochter aus gutem Hause zeigt, wo Simone herkommt, was sie ausmacht und wie sie zu Simone de Beauvoir, der berühmten Schriftstellerin, Philosophin und Feministin werden konnte.

Die Mandarins von Paris: Einblick in das Pariser Intellektuellenmilieu

Ebenfalls gut für den Einstieg geeignet ist Die Mandarins von Paris, der Roman, mit dem Simone 1954 den renommierten Prix Goncourt gewann. Thematisch geht es um die Pariser Intellektuellenszene nach Ende des Zweiten Weltkriegs, um politische Auseinandersetzungen, um Liebe, um Freundschaft. Simone erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Henri Perron, Schriftsteller, Journalist und ehemaliger Résistance-Kämpfer, und aus der von Anne Dubreuilh, Psychologin und Frau des berühmten Intellektuellen Robert Dubreuilh. Hinzu kommt ein buntes Tableau von Nebencharakteren, darunter Annes Tochter Nadine und Henris Geliebte Paule. Simone stellt die ganz großen Fragen, untersucht den Konflikt zwischen Denken und Handeln, analysiert die Bedeutung des Engagements. Wie nebenbei erzählt sie dabei auch noch vom Suchen und Finden der Liebe und was passiert, wenn diese Liebe vorbei ist. Wer Simone schon ein bisschen kennt, wird Spaß daran haben, Parallelen zwischen der Romanhandlung und den Figuren sowie realen Ereignissen und Menschen herzustellen. Die Mandarins von Paris funktioniert aber auch, ohne dass man weiß, wie sehr sich Henri Perron und ein gewisser Albert Camus ähneln…

Sie kam und blieb: nervenaufreibende Ménage-à-trois

Und, noch eine dritte Möglichkeit, sich in Simone „reinzulesen“: Sie kam und blieb. In Simones erstem Roman geht es um eine Ménage-à-trois und auch dieses Buch weist Parallelen zum realen Leben auf (eine ausführliche Zusammenfassung gibt es hier). Noch dazu bietet es alles, was einen typisch beauvoirschen Roman auszeichnet: viele Dialoge, existentialistische Fragen und eine genaue Beobachtungsgabe. Wer sich weniger für Simones literarisches Schaffen und vielmehr für ihre Philosophie interessiert, der sollte es mit der Sammlung Soll man de Sade verbrennen? Drei Essays zur Moral des Existentialismus versuchen. Hier legt Simone ihre Version der von Sartre formulierten existentialistische Ideen dar – und das sehr viel einleuchtender und anschaulicher als ihr Lebensgefährte. Anspruchsvoll sind die Essays natürlich trotzdem, so wie auch der Existentialismus eine eher komplizierte Philosophie ist.

Das andere Geschlecht: kein guter Einstieg, aber eine wichtige Lektüre

Oft werde ich auch gefragt, ob Das andere Geschlecht ein guter Einstieg in das Werk der Simone de Beauvoir ist. Ist es natürlich nicht, dafür ist dieses Manifest viel zu umfangreich, viel zu philosophisch und viel zu voraussetzungsvoll. Lesen sollte man es aber unbedingt, denn obwohl das Buch mittlerweile fast 70 Jahre alt ist, hat es nichts von seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil: Manche Passagen wirken, als wären sie heute geschrieben worden. Vor allem aber erinnert Das andere Geschlecht daran, was in Sachen Gleichberechtigung schon erreicht wurde – und was nicht. Vor allem sollte man das Buch allein schon deshalb lesen, weil so wahnsinnig viele Behauptungen und Lügen darüber herumgeistern. Zum Beispiel die These, Simone fordere eine Abschaffung der Geschlechter. Stimmt gar nicht, aber das kann man nur wissen, wenn man die Nase tatsächlich mal in Das andere Geschlecht gesteckt hat.

Literatur-Schnellcheck: Sie kam und blieb (1943)

Literatur-Schnellcheck

Simone de Beauvoirs Debutroman erzählt von einer Ménage à trois im Paris der 1930er Jahre. Und bietet gleichzeitig eine Einführung in die Grundideen des Existentialismus.

Das Buch

Sie kam und blieb (französischer Originaltitel: L’invitée), erschienen 1943. Simone de Beauvoirs Debutroman, der sogar als aussichtsreicher Kandidat für den prestigeträchtigen Prix Goncourt galt.

Worum es geht

Die Schriftstellerin Françoise und ihr Partner, Regisseur und Schauspieler Pierre, sind ein schillerndes Paar. Als Teil der Pariser Bohème der 1930er ziehen die beiden von einer Bar zur anderen, von der Theaterpremiere zur Arbeit am nächsten Werk. Françoise und Pierre leben eine offene Beziehung, die auf absoluter Ehrlichkeit basiert. Sie arbeiten zusammen, stehen ständig im geistigen Austausch miteinander. Sie sind glücklich – eigentlich. Denn da ist noch die kapriziöse Xavière: eine junge Frau aus der Provinz, derer das intellektuelle Paar sich angenommen hat. Xavière lässt sich ziellos durchs Leben treiben, ist launisch und unberechenbar, neigt zur Melancholie. Françoise und Pierre sind fasziniert von diesem widersprüchlichen Geschöpf – durch Xavières Augen werfen sie einen neuen Blick auf ihre Beziehung und treffen eine Entscheidung: Zusammen wollen sie ein Trio bilden, eine Ménage à trois. Doch die Liebe zu dritt ist nicht einfach und schon bald empfindet Françoise die Anwesenheit Xavières nicht mehr als stimulierend, sondern als Bedrohung.

Worum es wirklich geht

Darum, wie wir andere sehen – und wie wir selber gesehen werden. Im Prinzip ist Sie kam und blieb die romaneske Umsetzung des sartreschen Existentialismus. Françoise muss feststellen, dass Xavière ein Individuum ist, ein anderes Bewusstsein, welches ihr eigenes Bewusstsein bedroht. Sie kam und blieb zeigt auch, wie unterschiedlich eine Situation von verschiedenen Menschen wahrgenommen wird: Unsere Wahrnehmung ist die unsere, nicht aber die anderer.

Was das Buch lesenswert macht

Die Dialoge, in denen die Charaktere eindringlich existentielle Probleme diskutieren. Françoises innere Monologe, in denen sie sich und ihre Umgebung schonungslos betrachtet. Die Beschreibung der Pariser Bohème mit all ihren exotischen Persönlichkeiten, Konkurrenzkämpfen und Lästereien. Kleine, leuchtende Sätze wie dieser: „Und doch ist das Leben aus Augenblicken gemacht (…). Wenn jeder einzelne leer ist kannst du mich nicht überzeugen, dass das ein volles Ganzes ergibt.“

Insiderwissen

In Sie kam und blieb verarbeitet Simone de Beauvoir ihre eigene, unglückliche Erfahrung mit einer Dreierbeziehung: In den 1930er Jahren bildeten sie und Sartre ein Trio mit einer ehemaligen Schülerin Beauvoirs, Olga Kosakiewicz. Die Beziehung war für alle Beteiligten nervenaufreibend und aussichtslos. Trotzdem: Mit Kosakiewicz verband Sartre und Beauvoir bis an ihr Lebensende eine enge Freundschaft.

Zum Zitieren

Ihr Leben war ein und dasselbe; sie sahen es nicht immer unter dem gleichen Blickpunkt; durch seine Wünsche, Launen und Stimmungen gewann jedes von ihnen einen Aspekt davon, aber nichtsdestoweniger war es das gleiche Leben. Weder Zeit noch Entfernung konnten es auseinander trennen; sicherlich gab es Straßen, Ideen und Gesichter, die zuerst für Pierre, und andere, die zuerst für Françoise ins Dasein traten, doch diese Augenblicke der Trennung knüpften sich jeweils treulich an ein gemeinsames Ganzes an, in dem das Mein und das Dein nicht mehr zu unterscheiden war. Keiner von beiden brachte davon jemals das kleinste Teil für sich auf die Seite; das wäre der schlimmste Verrat gewesen, der einzige, der zwischen ihnen überhaupt auszudenken war.

Bild: CC 0 Flickr/Christopher Dombres