What would Simone do? #1

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CC BY-NC Flickr/Kristine

Lebensweisheiten à la Beauvoir. Heute: Finanzielle Unabhängigkeit.

Ich habe kolossales Glück, Geld zu haben und von niemandem abhängig zu sein; das schließt zwar Tragik und Grauen nicht aus, aber niemals befällt mich dieser Trübsinn […], weil ich mich frei fühle und über mein Leben und notfalls über meinen Tod verfüge und niemandem außer mir selbst Rechenschaft schuldig bin; ich habe es nur mir selbst zuzuschreiben, wenn ich mich von der Situation überwältigen lasse, ich habe ein Maximum an Chancen und Möglichkeiten, wenn es gilt, sich im Dunkeln zurechtzufinden – dadurch behält alles einen interessanten Beigeschmack von ‚Erfahrung‘.

Was Simone meint: Eigenes Geld = Freiheit = Unabhängigkeit

Aus: Simone de Beauvoir: Briefe an Sartre. Band I: 1930-1939

 

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Briefe an Nelson Algren: Die 10 schönsten Liebesbekundungen von Simone de Beauvoir

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Sie war sein Frosch, er ihr Chicago Boy: In hunderten von Briefen lebten Simone de Beauvoir und Nelson Algren ihre transatlantische Liebe.

Die französische Existentialistin und der amerikanische Autor lernen sich 1947 in Chicago kennen. Simone de Beauvoir redet so schnell und mit so starkem französischem Akzent, dass Nelson Algren sie meistens nicht richtig versteht. Doch trotz sprachlicher Schwierigkeiten verlieben die Beiden sich ineinander, schreiben und besuchen sich in den folgenden Jahren regelmäßig. Algren möchte seine Simone gerne heiraten – doch die hält an ihrem Pariser Leben und an ihrem Partner Jean-Paul Sartre fest. Die große Liebesgeschichte zwischen Frankreich und Amerika endet in Enttäuschung und Verbitterung. Was bleibt, sind die poetisch-romantischen, intimen und oftmals verschmitzten Liebesschwüre Simones in ihren Briefen an Algren. Hier sind die Top 10.

  1. „Ich würde gern von Ihnen träumen, aber meine Träume gehorchen mir nicht.“
  2. „Liebster, die ganze Nacht und den ganzen Tag fühle ich mich in Ihre Liebe gehüllt, sie beschützt mich gegen alles Unangenehme; wenn es draußen heiß ist, erfrischt sie mich, wenn ein kalter Wind weht, wärmt sie mich; es scheint mir, ich werde niemals alt werden, niemals sterben, solange Sie mich lieben. Wenn ich an Ihre Umarmung denke, fühle ich diese Erschütterung, von der Sie sprechen, sodass mein ganzer Körper schmerzt.“
  3. „Bitte erwarten Sie mich bei uns und halten Sie einen guten Whisky und Schinken und Marmelade bereit, denn ich werde sehr durstig und hungrig und müde sein. Sie sollten auch viel Liebe vorrätig haben, ganze Büchsen und Flaschen der besten örtlichen Chicagoer Liebe, die Sie bei Ihrem Händler kaufen können.“
  4. „Fühlen Sie, wie sehr ich Sie liebe, bitten fühlen Sie es genau in diesem Augenblick, denn genau jetzt liebe ich Sie so sehr.“
  5. „Nelson, meine Liebe. Nichts passiert, immer noch dieselbe Liebe für Sie, sehr öde.“
  6. „Ich hatte vor, bis 80 zu leben, aber da Sie mit 77 sterben werden, bin ich bereit, mit 78 in Ihren Armen zu sterben. Ich opfere für Sie zwei ganze Jahre meines Lebens, sind Sie dankbar?“
  7. „Wissen Sie, Liebling, Sie müssen mich wirklich lieben, wenn Sie diese Briefe entziffern können, oder Sie lieben mich kaum und es liegt Ihnen gar nichts daran, sie zu entziffern.“
  8. „Wenn Sie genau wissen wollen, wie sehr ich Sie liebe, könne Sie die Buchstaben zählen, die ich geschrieben habe: wie viele ‚a‘, wie viele ‚b‘ usw. Sie nehmen die Zahl, die herauskommt, multiplizieren mit 10345 und Sie erhalten die Anzahl der Küsse, die ich Ihnen während meines Lebens geben möchte.“
  9. „Ich habe für Sie und mich ein Kleid nähen lassen, das mir gefällt, nicht, weil ich es anziehen, sondern weil ich es ausziehen werde. Ich hoffe, Sie werden es als Kleid zum Ausziehen zu schätzen wissen.“
  10. „Nelson, mein Herz ist voll von Ihnen, jeden Atemzug jeder Minute atme ich Ihnen entgegen.“

Foto: CC BY-NC Flickr/Felix & Tibo

Bon anniversaire, Simone de Beauvoir!

Anniversaire

Heute, am 9. Januar 2018, wäre Simone de Beauvoir 110 Jahre alt geworden. Vor genau zwei Jahren ist außerdem der erste Artikel auf Oh, Simone! erschienen, im Dezember 2017 folgte dann das gleichnamige Buch. Es gibt also dreifach Grund zum Feiern! Simone selbst hätte sich wahrscheinlich einen guten Scotch genehmigt. Wer mag, kann also virtuell (oder real) auf sie anstoßen – und dazu noch einmal ein paar Texte über Simone de Beauvoir lesen. Voilà, eine kleine Leseliste, inklusive der beliebtesten Blog-Texte.

Man wird nicht als Beauvoir-Anhängerin geboren, man wird es

35 Dinge, die ihr über Simone de Beauvoir noch nicht wusstet

Simone de Beauvoir für Anfängerinnen und Anfänger

Ein Pakt für die Freiheit: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre (Teil 1 und 2)

Briefe an Sartre: Die 15 schönsten Liebesbekundungen von Simone de Beauvoir

Briefe an Simone de Beauvoir: Die 15 schönsten Liebesbekundungen von Jean-Paul Sartre

Fleiß und Disziplin: So sah Simone de Beauvoirs Tagesablauf aus

Claudine Monteil: „Ich möchte ein leidenschaftliches Leben haben wie Simone de Beauvoir“

Simone de Beauvoir: Die Philosophin, die keine sein wollte

Und auch noch was zum Hören: Ein Interview über Oh, Simone! im Deutschlandfunk.

Bild: CC BY-NC Flickr/Kristine

Literatur-Schnellcheck: Die Mandarins von Paris (1954)

Literatur-Schnellcheck

Intellektuelle Irrungen und Wirrungen – darum geht es in Simone de Beauvoirs preisgekröntem Roman.

Worum es geht

Um die Dilemmata, vor denen französische Intellektuelle nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1940er Jahren stehen. Hauptpersonen sind der Journalist, Schriftstelle und ehemalige Widerstandskämpfer Henri Perron und die Psychoanalytikerin Anne Dubreuilh. Anne ist mit dem berühmten – um die 20 Jahre älteren – Philosophen Robert Dubreuilh verheiratet und hat mit ihm eine erwachsene Tochter, Nadine. Dazu gesellt sich ein buntes Potpourri an Nebencharakteren. Eine der Hauptkonfliktlinien verläuft zwischen Henri und Robert: Henri möchte seine politische und intellektuelle Unabhängigkeit bewahren, Robert ihn und seine Zeitschrift Espoir jedoch für sein Projekt einer unabhängigen nichtkommunistischen Linken gewinnen. Anne stellt derweil fest, wie einsam und unglücklich sie in der Beziehung mit Robert ist und stürzt sich in eine Affäre.

Worum es wirklich geht

Um Gewissenskonflikte, um den Zwiespalt zwischen Denken und Handeln, um Engagement, um Authentizität und darum, das ‚Richtige‘ tun zu wollen.

Was das Buch lesenswert macht

Die Mandarins ist Simone de Beauvoirs dichtester und epischster Roman. Hier wird eine ganze Epoche lebendig, wird man hineingezogen in das Pariser Intellektuellen-Milieu, nimmt man Teil an Streits, Diskussionen und Affären. Das Beste an dem Roman ist, dass er mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.

Insiderwissen

Als Die Mandarins 1954 erschien, erhielt Simone de Beauvoir dafür noch im gleichen Jahr den prestigeträchtigen Prix Goncourt. Der Roman wird oft als Schlüsselroman gelesen, in dem die Charaktere real existierenden Personen entsprechen: Jean-Paul Sartre ist angeblich Robert Dubreuilh, Albert Camus angeblich Henri Perron, und so weiter. Beauvoir selbst hat sich gegen solch eine Lesart ihres Romans immer gewehrt – auch wenn sie ihrem Geliebten Nelson Algren schrieb, sie habe „eine Menge Figuren erfunden, die uns repräsentieren sollten.“

Zum Zitieren

„In einem gekrümmten Raum lässt sich keine gerade Linie ziehen“, sagte Dubreuilh. „Man kann kein korrektes Leben in einer Gesellschaft führen, die nicht korrekt ist. Man stößt immer wieder an, auf der einen oder der andern Seite. Wieder so eine Illusion, die wir ablegen müssen“, schloß er. „Es gibt kein persönliches heil.“ Henri sah Dubreuilh unsicher an. „Was bleibt uns dann noch übrig?“ „Nicht viel, glaube ich“, sagte Dubreuilh.